Über das "Denken", eine ganz kleine Annäherung ...
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Fragmente 7
"Man kann den Menschen nicht verwehren, zu denken, was sie wollen." (Friedrich Schiller, aus: Maria Stuart)
"An sich ist nichts weder gut noch böse, das Denken macht es erst hierzu." (William Shakespeare, aus: Hamlet)
"Das Bemühen um Verständnis und Interpretation von Texten kann in eine Bodenlosigkeit geraten, wenn es, statt klar auf die Meinung des Sprechenden oder Schreibenden zu gehen, sich vielmehr auf die Sprache, die Worte, die Möglichkeiten der Sache in den Worten wendet. Dir Grenzenlosigkeit möglichen Bedeutens scheint der Auslegung beliebigen Raum zu geben. Es ist möglich, aus irgendwelchen Texten, welche als autoritativ anerkannt werden, fast jedes beliebige Problem herauszuholen. Das Philosophieren in Form von Kommentaren zu vorliegenden Texten hat immer wieder diese abstrusen Formen angenommen. Aus Anlaß gegebener Texte werden nicht diese verstanden, sondern in der Scheinform des Verstehens eigene Gedanken entwickelt."
(Karl Jaspers, Die Sprache, Piper Bücherei, München 1964, Einzelausgabe des Kapitels "Die Sprache" aus dem zweiten Teil des Buches "Von der Wahrheit", S.17)
Duo vitia vitanda sunt, unum, ne incognita pro cognitis habeamus hisque temere assentiamur, quod vitium effugere qui volet -- omnes autem velle debent -- adhibebit ad considerandas res et tempus et diligentiam. (Cicero, De Officiis I, 18-19)
(Zwei Fehler sind zu vermeiden, der eine, daß wir nicht Unverstandenes für Verstandenes nehmen und diesem leichtfertig zustimmen (und) wenn einer diesem Fehler entgehen will -- alle sollten es aber wollen --, wird er sich Zeit und Sorgfalt zum Überlegen der Dinge nehmen.)
Anmerkung zu Ciceros Forderung: Mir scheint es heutzutage gerade daran zu mangeln: daß man (vor allem auch die Journalisten in ihrer Abhängigkeit von Zeit, Tempo, Darstellungsvorgaben, u.ä.) sich ZEIT und SORGFALT für ein angemessenes, der Erhellung von Wahrheit, dem wirklichen Verstehen, nimmt bzw. nehmen kann ... Vielleicht ist es aber leider auch so, daß SORGFALT und ZEIT anderen Prioritäten, so z.B. diversen Marktmechanismen und Meinungskorridoren, Vorhabenskorridoren, etc. untergeordnet, also als nicht mehr ganz so wichtig und entscheidend behandelt, werden. Wie will man aber ohne Priorität von SORGFALT und der dafür notwendigen Bedingung, nämlich der Inanspruchnahme von hinreichender ZEIT der Betrachtung und Bewertung von Fakten gerecht werden können? Das funktioniert ohne ausreichendem Zeitaufwand so nicht! Also muß das Gebot, muß die Priorität (nicht nur für journalistisches Arbeiten!) lauten: SORGFALT und ZEIT! Man kann es auch so ausdrücken: Klasse statt Masse, Inhalt statt Phraseologien! Tiefe statt Oberflächlichkeit!
Definitionsmacht und / oder Auslegungsanmaßung?
Versuch einer Annäherung: Kann es überhaupt eine "Relativierung" bei Verbrechen gegen die Menschlichkeit geben?
Vorab schon mal auf die Fragestellung des Untertitels meine persönliche Antwort und Sichtweise: NEIN!
Roger Hallam ist der Mitbegründer der Klimaschutzorganisation Extinction Rebellion. Diese Organisation ist in Großbritannien entstanden und sorgt sich ganz intensiv um die Bekämpfung klimaschädlicher Entwicklungen. Extinction Rebellion organisiert mittlerweile in vielen Ländern Protestaktionen für den Klimaschutz.
Der Mitbegründer von Extinction Rebellion Roger Hallam ist Soziologe, Buchautor und war vormals Biobauer. Er lebt in Wales und dürfte wohl das bekannteste Gesicht der Bewegung sein.
Nun ist Roger Hallam (53) gehörig ins Kreuzfeuer der Kritik geraten, teilweise derart heftig, daß sich zum Beispiel "Extinction Rebellion Deutschland" von Hallam distanziert, weil er angeblich mit "verharmlosenden und relativierenden Äußerungen zum Holocaust" aufgefallen sei. Er sei deshalb bei der Bewegung in Deutschland nicht mehr willkommen. Neben der deutschen Bewegung hat unter anderen auch der Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) "mit Empörung" reagiert: "Der Holocaust ist mehr als Millionen Tote und grausame Foltermethoden. Jüdinnen und Juden industriell zu ermorden und ausrotten zu wollen, ist einzigartig unmenschlich. Das muss uns immer bewusst sein, damit wir sicherstellen: nie wieder!" (so der Minister auf Twitter) Natürlich stimme ich Maas zu, daß das uns immer bewußt bleiben muß, vor allem mit Ziel und Verpflichtung eines "Nie wieder!". Aber, mit Verlaub Herr Maas, das hat letztlich Roger Hallam auch im Fokus, das wäre sowohl seiner Biographie und seinem Aussagekontext leicht zu entnehmen gewesen. Durch diese m.E. voreilige Verurteilung, durch diese "Empörung" hat Heiko Maas (einmal mehr) voreilig und oberflächlich gehandelt, sich damit auch dem Verdacht des Funktionalisierens des Vorgangs für andere (eigene), vielleicht gar: populistische, Zwecke ausgesetzt.
Laut Die Zeit habe wegen Roger Hallams Äußerungen auch der Ullstein-Verlag die Veröffentlichung der für den 26. November 2019 geplanten deutschen Ausgabe von Roger Hallams Buch "Common Sense. Die gewaltfreie Rebellion gegen die Klimakatastrophe und für das Überleben der Menschheit" gestoppt. Vertreter des Verlages sollen dieses Nichtveröffentlichen ausdrücklich mit Hallams "Äußerungen zum Holocaust" begründet haben.
Was steckt nun tatsächlich hinter den Aussagen Roger Hallams?
Hallam hatte in dem Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit unter anderen gesagt, "dass in unserer Geschichte Millionen von Menschen unter schlimmen Umständen regelmäßig umgebracht worden sind" und nannte als Beispiel Gräueltaten im Kongo: "Die Belgier sind im späten 19. Jahrhundert in den Kongo und haben ihn dezimiert." Warum er gerade "nur" das Beispiel der Belgier genannt hat, dürfte den Zwängen derartiger Interviews geschuldet sein, die bekanntlich eine ausführliche Darstellung selten erlauben. Es ist nun einmal eine Tatsache: die gesamte Menschheitsgeschichte zeigt leider zahllose Beispiele für Gräueltaten, Massenhinrichtungen, Genoziden, Kriegsexzessen, Auswüchse auf der Grundlage religiösen Wahns und Machtstrebens u.a.m. Leider sind diese unzähligen Verbrechen offensichtlich auch typisch für das Verhalten von Menschen, für: Unmenschlichkeit. Vielleicht hätte Roger Hallam intensiver darauf hinweisen sollen, daß wir auch heute längst nicht von all diesen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, gegen die Schöpfung, verschont sind. Tagtäglich wird in großem Umfang gemordet, werden Grundlagen für ein humanes Leben zerstört, werden jene, die irgendwelchen nicht "in den Kram" passen, in ihrer Existenz vernichtet.
Wenn Roger Hallam in diesem Zusammenhang einer geschichtlichen Betrachtung der Menschheitsentwicklung feststellt, ehrlicherweise: feststellen muß!, es habe "in den vergangenen 500 Jahren" (dabei dürfte diese Zeitspanne durchaus nach hinten verlängert werden ...) Genozide immer wieder gegeben und dann urteilt "Um ehrlich zu sein, könnte man sagen: Das ist fast ein normales Ereignis.", dann können aus dieser Aussage nur Sinn- und Wortverdreher etwas anderes, gar tiefergehendes, als eine reine Benennung einer statistischen Tatsache herauslesen! Roger Hallam hat leider Recht: diese Verbrechen haben insofern eine quantitative "Normalität", dies ist schlicht das Ergebnis einer sachlichen Betrachtung der Menschheitsgeschichte. Und daß wir von all diesen Übeln, diesen Verbrechen, längst noch nicht befreit sind, davon können in der Gegenwart auch die indigenen Völker ein trauriges Lied singen.
Damit hat Roger Hallam nach meiner Ansicht auf gar keinen Fall den Holocaust, wie im Kritiker nun vorwerfen, verharmlost (geleugnet schon gar nicht), er hat ihn damit keineswegs "relativiert", er hat vielmehr darauf verwiesen, daß Gräueltaten, daß Verbrechen, leider ein steter Bestandteil und Begleiter der Menschheitsgeschichte sind. Und jedes einzelne Verbrechen ist zu verurteilen, egal wie und wo es auch immer geschieht.
Ich sehe eine sehr große Gefahr: Wenn jemand in jeglichem Zusammenhang mit Kritik an Verbrechen gegen die Menschlichkeit sofort stets auf den Holocaust als eine Besonderheit verweist, dann kann man schon das Gefühl entwickeln, daß jene Kreise so eine Art "Alleinstellungsmerkmal" generieren, nolens volens! Durch diese Vorgehensweise werden dann nämlich auch all die anderen Verbrechen dann relativiert, banal gesprochen: weil sie ja nicht so "einzigartig", so abscheulich, so grausam, etc. wie die Judenverfolgung abgelaufen sind. Und diese Sicht ist auch hinsichtlich der stets (zu Recht) betonten Systematik, die das verbrecherische Nazi-System (und jene, die es stützten!) an den Tag legten, falsch, denn "Systematik" liegt den meisten Genoziden und anderen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zugrunde. Das konnte man traurigerweise bei den Kriegstreibereien um Jugoslawien aufzeigen, das zeigt sich immer wieder im Nahen Osten, in Afrika, ja -- dann vielleicht auf eine subtilere Weise -- im faktischen Ausrotten indigener Völker durch Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen (Beispiel: Amazonasgebiete). Und schauen wir etwas zurück: Im vorgeblichen Musterland der Demokratie, der USA, könn(t)en die zahlreichen Indianerstämme ein beredtes Zeugnis für die verschiedensten Formen von Inhumanität und Grausamkeit ablegen ...
Was man eigentlich aus Roger Hallams Aussagen nur herauslesen kann und -- auch wegen des von ihm verwendeten Kontextes! -- muß: die Gefahr der Verrohung, die möglicher Verbrechen, die Gefährdung der Individual- und Menschenrechte ist permanent und die Folge daraus kann nur sein: Wachsamkeit und stetes Eintreten für Humanität und deren Verwirklichung, Umsetzung. Eigentlich die Forderung, die wir im Zusammenhang mit dem Gedenken an Holocaust-Opfern Gott sei Dank (zumindest im mehrheitlichen Konsens!) immer wieder erheben: So etwas darf nie mehr geschehen und es gilt jeglichen Anfängen zu wehren! Und das hat Roger Hallam de facto angesprochen und gefordert. Warum derartige Mahnungen dann immer wieder von anderen -- leider dann sehr schnell zum Massenphänomen geratend! -- fehlinterpretiert, gar ins Gegenteil verkehrt werden, bleibt wohl anderen Untersuchungsansätzen offen und überlassen zu klären ...
Wenn Roger Hallam mit Bezug auf den Holocaust -- dies allerdings im Zusammenhang mit all den Gräueltaten, den Verbrechen gegenüber die Menschlichkeit!!! -- sich dann äußert, es sei "just another fuckery in human history", dann drückt er damit nichts anderes aus als eine offensichtlich nie aufhörende Geschichte der Verfolgung von Minderheiten, von Machtmißbrauch, von Inhumanität. Und so ist es auch -- sofern man sich der Realität zu stellen vermag -- ja zu sehen. Die Tatsachen zwingen dazu. Sicherlich stören sich viele an dem Begriff "fuckery", den jene dann als viel zu wenig diese Gräuel beschreibend und erfassend werten, vor allem im Zusammenhang mit dem Gebrauch von "just", wodurch scheinbar eine weitere Betonung einer Relativierung sich zeigt. Ich halte diese Interpretation jedoch für falsch, weil die Intention Roger Hallams eben nicht die Verharmlosung der Nazi-Verbrechen an Juden ist, sondern -- und das kann man nicht oft genug wiederholen, somit betonen -- er stets vehement darauf verweist, daß Vergehen und Verbrechen gegen und an Minderheiten bis hin zu ganzen Völkern leider (auch das Wort "leider" ist nicht fähig, all diese schrecklichen Geschehnisse emotional "bewerten" zu können -- wie übrigens die Begrifflichkeit "schrecklich" ebenso wenig!) die ganze Menschheitsgeschichte durchzieht!
Ein Hauptproblem ist aus meiner Sicht: es gibt kein auch nur wenigstens halbwegs passendes Vokabular, mit dem auch nur annähernd diese Verbrechen an Menschlichkeit zu erfassen, zu beschreiben sind! Diese Formen der Inhumanität in Worte zu fassen, dürfte fast ausnahmslos der sprachliche Versuch einer Annäherung an die Wirklichkeitsdarstellung sein, nie jedoch das Erfassen jener Wirklichkeit selbst.
Vielleicht hat Theodor W. Adorno, als er seine Aussage "Kulturkritik findet sich der letzten Stufe der Dialektik und Barbarei gegenüber: nach Ausschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frisst auch die Erkenntnis, die ausspricht, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben." (so er in "Kulturkriitk und Gesellschaft") machte, unter anderem auch diese Unmöglichkeit, mit Sprache auch nur annähernd dem unsäglichen Leiden und dem Ausdrücken jener Verbrechen auch nur annähernd gerecht werden zu können, ausdrücken wollen. Natürlich lag er insoweit falsch, als es weiterhin (Gott sei Dank!) Gedichte gab, auch solche, die sich dem Versuch, all das vielleicht Unaussprechliche in Worte zu fassen, stellten. Als Beispiel seien Paul Celan und Nelly Sachs genannt, in deren Gedichte Adornos Aussage widerlegt wurde.
So spricht Paul Celan: "Erreichbar, nah und unverloren blieb inmitten der Verluste dies eine: die Sprache. Sie, die Sprache, blieb unverloren, ja. Trotz allem. Aber sie mußte nun hindurchgehen durch ihre eigenen Antwortlosigkeiten, hindurchgehen durch furchtbares Verstummen, hindurchgehen durch die tausend Finsternisse todbringender Rede."
All diese Gedichte sind zugleich Sprache der vielen Opfer, Ausdruck ihres traurigen Schicksals! Diese Sprache ist das Bemühen um die Darstellung von Schmerz, Leid und Trauer all jener Ermordeten und Gefolterten und dies darf auf keinen Fall ihnen und den mit ihnen Trauernden und Leidenden verwehrt werden. UND VOR ALLEM: Es ist ein Erinnern und ein Mahnen zugleich, damit so etwas nie wieder geschehen möge! (Leider, und darauf hat eben Roger Hallam auch hingewiesen, sind wir von diesem Zeil weit entfernt, sofern man die Geschehnisse in der Gegenwart in vielen Teilen der Welt mitverfolgt: Genozide, Kriege, Gemetzel an Minderheiten u.a.m.!) Übrigens war es immer auch Adornos Forderung, daß zukünftig alles getan werden müsse, um Auschwitz (das dann als Synonym für den Holocaust wirkte und hoffentlich immer und überall weiterwirkt!) zu verhindern. So schreibt Adorno unter anderem in seinem Werk "Erziehung nach Auschwitz: "Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, daß ich weder glaube, sie begründen zu müssen noch zu sollen. Ich kann nicht verstehen, daß man mit ihr bis heute so wenig sich abgegeben hat."
Adornos Aussage über das Schreiben von Gedichten nach Auschwitz ist sicherlich sehr mißverständlich, wurde dementsprechend auch sehr unterschiedlich interpretiert und er selbst hat sie dann später relativiert (siehe weiter unten). Wahrscheinlich ist, daß Adorno hier auch die Position der Aufklärung, wonach alles prinzipiell sagbar sei, relativieren wollte. Die seinerzeit entwickelte Erkenntnis, daß Sprache ein versöhnendes Bindeglied sei, könne laut Adorno seit Auschwitz nicht mehr uneingeschränkt gelten. Und was Gedichte angeht, die ja in aller Regel die Alltagssprache transzendieren, die höchsten individualisierten Ausdruck, zumeist von hoher Bildhaftigkeit durchzogen, ausdrücken, sah Adorno selbst da auch keine Möglichkeit, den Holocaust darzustellen, so vermag dies seiner Ansicht nach auch keinerlei andere Sprache. Und wenn keine Sprache dies vermöge, dann sei jede Rede über Auchwitz nach Adornos Worten "barbarisch", sie könne. Auschwitz nicht gerecht werden.
Wie aber über all dies Geschehen Kenntnis zu behalten, wie den Respekt, die Achtung vor den Opfern, auch die Mahnung lebendig zu halten, wenn nicht über Sprache?! (Auch Mahnmale, Gedenkstätten, o.ä. sind letztlich nicht nur in ihrer Entstehungsgeschichte sprachlich vermittelt, sondern werden letztlich immer auch sprachlich gewürdigt, interpretiert!)
Das hat Adorno allerdings in seiner "Negativen Dialektik" 1966 eingesehen und damit seine ursprüngliche Aussage korrigiert: "Das perennierende Leiden hat soviel Recht auf Ausdruck wie der Gemarterte zu brüllen; darum mag falsch gewesen sein, nach Auschwitz ließe kein Gedicht mehr sich schreiben." (Wenn man berücksichtigt, daß Adorno nur äußerst selten seine Aussagen korrigiert hat, dann erhält diese Zurücknahme eine ganz besondere Bedeutung!)
Fazit: Es zeigt sich aus dieser kursiven Überlegung offensichtlich einmal mehr: Es gibt keine Möglichkeit (auch nicht durch eine noch so differenzierte Sprache) dem Holocaust auch nur irgendwie gerecht zu werden. Es wird immer nur ein (hoffentlich sehr guter und zielführender) Versuch bleiben, den Geschehnissen wenigstens einigermaßen gerecht zu werden. Insofern scheint mir Adorno in diesem Zusammenhang nicht gänzlich widerlegt. Vielmehr hat er deutlich auf die Sprachproblematik in diesem Kontext hingewiesen. Und wir sollten uns auch gegenwärtig stets dieser Problematik auch bezüglich Darstellungs- und Erfassungsmöglichkeiten bewußt werden und bleiben. Es gibt hier auf keinen Fall eines: nämlich ein absolutes Deutungs- und Auslegungsmonopol. Eine zielführende Diskussion muß hier immer eines im Auge behalten: erkennen zu wollen, was jemand tatsächlich auszudrücken gedachte und das Unterlassen eines eigenen Scheinverstehens von Aussagen anderer. Vor allem überhaupt nicht zielfäührend ist hier das Arbeiten mit Schlagwörtern und wenig trennscharfen Begriffen, aber auch die sehr häufig praktizierten vorschnellen Empörungswallungen. Nochmals: es ist eben nicht möglich, mit einer wie auch immer gearteten Formulierungen einen Alleinvertretungsanspruch auf "richtig", auf "sakrosankte Moral", auf "den besseren Zugang zur Problematik" generieren zu können und beanspruchen zu dürfen! Verhält man sich jedoch wider dieser Erkenntnis der eigentlichen Unaussprechlichkeit und beansprucht für sich eine Deutungshoheit, dann begibt man sich sehr wohl in die Nähe dessen, was Theodor W. Adorno als "barbarisch" benannte.
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Es stellt sich diesem komplizierten Hintergrund sicherlich auch die Frage, welche Form von aufrichtigem (Mit-)Leiden, von tiefem Verstehen und Verständnis, einzelne Menschen oder gar ein Kollektiv zu leisten imstande sind. Wie intensiv, wie aufrichtig sind jeweils Mitgefühl und Mitleiden? Inwieweit sind nicht unmittelbar Betroffene ehrlicherweise tatsächlich in der Lage hier auch nur jene Formen von Mitgefühl zu entwickeln, wie sie häufig dann in öffentlichen Auftritten anscheindend wirken? Gibt es das: eine verortnetes Trauern? Deutlicher: Was ist hier dann "Rolle", was ist hier aus der Tiefe entspringendes "(Mit-)Fühlen"? Wer ist somit wirklich innerlich und qua persönlicher Verfaßtheit frei zu wirklich ernsthaftem Bemühen um tiefes Verstehen und Mitfühlen? Wer ist wirklich so autonom und somit distanziert von den vielfach üblichen Floskeln an Gedenktagen etc.!, vielleicht gar mit einer Neigung vom Mitläufertum bei heruntergespulten Ritualen? Kurz: Was ist für den einzelnen Menschen nicht nur hier subjektiv tatsächlich spür- und erlebbar? Kann er wirklich mitleiden? Spürte er tatsächlich innere Betroffenheit? Wie steht es um seine Position zur Eigenverantwortlichkeit? Und, meines Erachtens -- extrem wichtig: Inwieweit hat er (oder: sie) ein Recht darauf, anderen (vielleicht gar durch Mißdeutung derer Aussagen oder durch eigenes Verschulden hinsichlich Verstehens aufgrund unzulänglicher Exegese!) Gefühle, Empfindungen, Mitleiden, Verantwortungsbereitschaft abzusprechen oder jene gar zu diskriminieren? All diese Fragen ließen sich natürlich dann leicht aufgreifen und gründlich abhandeln, wenn man zu einem bereit (und fähig!) wäre: zu einem Diskurs (oder auf etwas niederer Ebene zu Diskussion, zu Debatte) ... Aber daran mangelt es leider nur allzu häufig! Deshalb auch nochmals zurück zu Roger Hallams Aussagen ...
Hier sollte man sich auch etwas gründlicher mit der Verwendung des Begriffs "fuckery" auseinandersetzen, denn Roger Hallam hat sich auch (ich meine: offensichtlich nicht umfassend, also nicht so "ausführlich" und einschlägig, dafür vor allem völlig unerträglich wie zugleich wieder von seinen Kritikern unterstellt ) zur historischen deutschenSchuld gegenüber den Juden geäußert: "Der Holocaust ist nur ein weitere Scheiß in der Menschheitsgeschichte", dies eben in dem statistischen Sinn von einem -- siehe meine vorangegangenen Ausführungen! -- "fast normalen Ereignis". Im Original liest sich das folgendermaßen: "
Die Begrifflichkeit "fuckery" ist eigentlich Karibischen Ursprungs (Caribbean origin) und wird in guten englischsprachigen Wörterbüchern mit "vulgar, slang, uncountable" präzisiert. Er hat mehrere Bedeutungen, wobei keine einzige als positiv zu werten sein dürfte. So bedeutet er "brothel" (Bordell), "sexual intercourse" (Geschlechtsverkehr), "nonsense" (Unsinn), an "unfair or morally wrong action". Er bezeichnet ebenfalls "trickery", als ein Anwendungsbeispiel sei hier aufgeführt "I wouldn't trust me either, after all the fuckery I've been up to." Auch als Frage (eher als Ausdruck von Empörung oder Entrüstung zu verstehen dann!) bezogen auf einen nicht akzaptablen Sachverhalt oder Umstand, kann man bisweilen hören: "What kind of (kinda) fuckery is this?" Im Zusammenhang wird "fuckery" auch als "the trouble one has caused" erklärt. Soviel zu möglichen Bedeutungen dieses Wortes.
Nun dürfte hier sehr klar sein, daß -- folgt man den vorgenannten Erläuterungen -- keine einzige Bedeutung auch nur im Entferntesten die Verbrechen des Holocausts beschreiben kann. Zudem wird in Hallams Aussage durch die Verwendung von "just" (= nur, bloß, einfach, halt, wirklich -- auf die vielen anderen Möglichkeiten, die "just" ebenfalls ausdrücken kann, so z.B. "gerade", "eben", "extra", "gerecht", u.a.m. sei hier wegen Irrelevanz in diesem Kontext nicht eingegangen) die wirkliche Dramatik (auch dieses Wort erfaßt die Unmenschlichkeit sicherlich nicht annähernd, meine ich, wie es eben wohl kaum ein Begriff überhaupt vermag ...) tatsächlich eher heruntergespielt. Aber so kann man es nur sehen, wenn man den Kontext unbeachtet wird. Roger Hallam hat -- und soviel Fairness und exegetische Anstrengung sollte schon sein -- nicht den Holocaust verharmlost, sondern vielmehr darauf verwiesen, daß (ich wiederhole mich da notwendigerweise und gerne!) die Geschichte der Menschheit voll von Verbrechen gegen Leib und Leben, voll von Genoziden, voll von Mord und Totschlag ist, und das bis in die heutige Zeit andauernd. Er hat zudem -- und das ist seine eigentliche Zielsetzung -- durch diese Einordnung(en) darauf hingewiesen, daß unser Umgang mit der Natur, mit dem Klima, letztlich auch zur Auslöschung ganzer Lebensbereiche führen wird und sich letztlich auf allen Ebenen dazu erklärt, aus der Vergangenheit zu lernen, dieses "Nie wieder!" in praktische Gestaltung und Handlung umzusetzen. Darum geht es übrigens auch in seinem Buch fast ausschließlich, auf den Holocaust geht er darin nur ganz kurz -- dies aber dann als ein Beispiel genannt, aus dem wir dieses "Nie wieder!" zu lernen haben. (hierzu siehe weiter unten)
Sehen wir uns seine aus dem Zusammenhang (dieses "just another fuckery") gerissene Sentenz einmal genauer an, dann lesen wir Sätze wie "The fact of the matter is, millions of people have been killed in vicious circumstances on a regular basis throughout history." Hier bezieht er sich auf Massenmorde innerhalb der letzten fünfhundert Jahre und führt unter anderem auch die Verbrechen der Belgier im Kongo auf: "They went to the Congo in the late 19th century and decimated it" und spricht von "the Belgian's slaughter" und vor all diesen Hintergründen betrachtet, war der Holocaust "almost normal event (...) just another fuckery in human history." Damit wird nicht der Holocaust heruntergesspielt (The Guardian berichtete über das Zeit-Interview: "Roger Hallam has been accused of downplaying the Nazis' genozide of 6 million Jews by arguing in an interview that the significance of the Holocaust has been overplayed." The Guardian Online, Wednesday 20 November 2019) Und weiter heißt es im Guardian dann: In the interview, due to be published in full on Thursday, Hallam said Germans were being constrained by what he referred to as their obsession with the Holocaust, describing it as a national trauma the extremity of which “can create a paralysis in actually learning the lessons from it”.
Die Wortwahl von Roger Hallam war sicherlich nicht geschickt, die Gefahr, die Hallam sieht, nämlich daß man aus dem Holocaust ein nationales Trauma entwickeln könnte, das bis hin zur Unfähigkeit daraus tatsächliche Konsequenzen zu ziehen bedarf sicherlich der weiteren Diskussion. Ich denke, daß er damit meint, all die zahlreichen gegenwärtigen Gefahren zu übersehen, sie nicht wirksam zu bekämpfen, weil man im Trauma verhaftet bleibt. Psychologisch ist das jedenfalls nicht von der Hand zu weisen. Es bleibt die Hoffnung, daß es sich so nicht verhält. Allerdings dürfte es da dann schon Zweifel erzeugen, wenn man im Guardian lesen muß, was Außenminister Heiko Maas mit Blick auf Hallam gesagt hat: The systematic state-sponsored killing that wiped out two-thirds of Europe's Jewish population between 1939 and 1945 could not be referred to als "just another fuckery". (The Guardian, ebd.) Und Maas weiter: "The Holocaust is more then millions of dead and horrific torture methods. To want to murder and exterminate Jewish women and men is uniquely inhumane. We must always be aware of thet so we can be certain: never again!" (ebd., Tweet zitiert)
Der deutsche Zweig von Extinction Rebellion distanzierte sich energisch von Hallam und sagte (englische Wiedergabe in The Guardian): "We explicitly distant ourselves from Roger Hallam’s belittling and relativising statements about the Holocaust. In so doing he contravenes the principles of XR, which does not tolerate antisemitism, and he is no longer welcome in XR Germany." Es wurden auch weitere Vorwürfe gegenüber Roger Hallam erhoben, vor allem soll er wiederholt durch unpassende sowie politisch unkorrekte Aussagen Aufmerksamkeit erlangt haben, wobei ihm hier stellenweise sogar eine methodische Taktik unterstellt wird, um Aufmerksamkeit zu erlangen -- dies jedoch dann letztlich zum Schaden von Extinction Rebellion (so die Bewertung seiner Kritiker). Roger Hallam sieht es jedoch so, daß man nur über Emotionalisierung Menschen erreichen und zu wirksamen Handlungsweisen bringen kann: "Emotionality is the only way you can get people to do something." (ebd.) Mit diesem Aspekt und der von ihm dazu als notwendig erachteten Taktik beschäftigt er sich überwiegend in seinem Buch, das der deutsche Verlag bekanntlich nicht veröffentlichen möchte (Stand 02. Dezember 2019).
Was Roger Hallams tatsächliche Argumentationsrichtung ist, sollte eigentlich durch seine Erläuterungen allen klar sein. So hat er meine Erachtens leicht zu verstehen seine eigentliche Position dargelegt: "I want to fully acknowledge the unimaginable suffering caused by the Nazi Holocaust that led to all of Europe saying ‘never again’ (...) But it is happening again, on a far greater scale and in plain sight. The global north is pumping lethal levels of CO2 into the atmosphere and simultaneously erecting ever greater barriers to immigration, turning whole regions of the world into death zones. That is the grim reality. (...) We are allowing our governments to willingly, and in full knowledge of the science, engage in genocide of our young people and those in the global south by refusing to take emergency action to reduce carbon emissions. (...)" So wünscht sich Roger Callam eben, daß für das Überleben der Menschheit angesichts der von vielen so gesehenen bedrohlichen Probleme bezüglich Klima auch diese Emotionen entfaltet werden, wie sie zu Recht mit Blick auf Auschwitz vielfach zu erleben sind. ("In the interview he repeated calls he has made in the past for the climate crisis to be treated with as much emotion as Auschwitz, the largest Nazi concentration camp, where 1.1 million people died." The Guardian, ebd.)
Als die Reporterin Hannah Knuth ihm erklärte, der Holocaus stünde in der Geschichte einzigartig da,was Umsetzung und Umfang angehe ("Holocaust stood alone in history in terms of its implementation and scale"), antwortete Roger Hallem: "There are various debates as to whether the Holocaust is unique or not. I know that that’s the conviction in Germany. But with all respect I don’t agree with it."
Hat der Klimaaktivist tatsächlich die Einzigartigkeit des Holocausts in Frage gestellt, wenn er äußert, "Tatsache ist, dass in unserer Geschichte Millionen von Menschen unter schlimmen Umständen regelmäßig umgebracht worden sind."? Ich meine, genau dies hat er nicht getan, denn es geht hier bei Hallam gewiß nicht um die "Einzigartigkeit" von Verbrechen, also um die Singularität. Ich halte es überhaupt für sehr bedenklich, wenn man mit diesem Begriff so eine Art Alleinstellungsmerkmal zu schaffen versucht und dies dann mit anderen Schandtaten, Genoziden, Verbrechen welcher Art auch immer kontrastieren möchte bzw. dies faktisch (sicherlich dann: nolens volens) tut. Es macht in aller Regel keinen Sinn -- vielleicht ist das dann sogar ethisch zweifelhaft --, wenn man Verbrechen quasi in eine Art "Ranking" setzt. Die Qualität von Verbrechen ist freilich immer präzise aufzudecken und anzusprechen, dies allerdings dann mit dem Ziel der Verhinderung von Wiederholungen, also mit der Aufgabe des "Nie wieder!", und zwar ungeachtet dessen, wo diese Gräueltaten geschehen sind und immer noch geschehen.
Wenn der Deutschlandfunk-Kultur-Redakteur Burkhard Birke die Singularität des Holocausts in der "systematischen, industriellen und verbürokratisierten Ermordung von sechs Millionen Juden" sieht, dann ist dem sicherlich nicht zu widersprechen und es ist ohne Zweifel auch notwendig, aus dieser Erkenntnis sozusagen eine immerwährende Lehre zu ziehen, eben: Nie wieder! Allerdings muß ein solches Nie Wieder! auch für alle anderen von Verfolgung, Mord und systematischer Auslöschung Betroffenen gelten, für alle anderen von Grausamkeit Betroffenen weltweit, für Grausamkeiten die leider (wie schwach dieses Wort angesichts der Umstände wirkt ...) immer noch häufig anzutreffen sind. Und darauf hat Roger Hallam eigentlich hingewiesen! Nichts anderes hat er getan. Und wenn er da nicht richtig verstanden worden ist, dann kann man ihm dies -- trotz der sicherlich etwas unglücklichen Wortwahl (Er hätte als aufgeklärter und wacher Mensch wissen müssen, daß gerade in diesem Kontext mit äußerster Zurückhaltung formuliert werden muß, daß die Wahrscheinlichkeit des Herausreißens von Inhalten bei den derzeit vorherrschenden Formen der Auseinandersetzungen eher gegen 1 geht ...) -- nur sehr, sehr bedingt zum Vorwurf machen.
Wenn Burkhard Birke da schlußfolgert: "Er hat mit diesen Äußerungen seiner Organisation Extinction Rebellion einen Bärendienst erwiesen.", dann liegt er damit (leider) sicherlich richtig, aber es sollte die Frage schon einmal intensiver verfolgt werden, woran es denn liegt, daß man in diesen Zeiten so schnell an den Pranger gestellt sich sehen kann und weshalb man dabei über die eigentlichen und wirklichen Probleme, vor allem wenn sie deutlich artikuliert werden, geflissentlich hinwegsieht. Könnte es Kreise geben, denen es sehr zupaß kommt, wenn von bestimmten Themen immer wieder öffentlichkeitswirksam abgelenkt werden kann? ...
Roger Hallam hat sich übrigens für seine Wortwahl, falls er damit Gefühle verletzt habe, in einem weiteren Interview (Die Zeit) später entschuldigt. Und auch da wurde erneut deutlich, was seine eigentliche Zielrichtung (und nicht die ihm von anderen unterstellte!) war: "Ich finde nicht, dass ich mich entschuldigen muss für die Aufmerksamkeit, die ich auf den Genozid gelenkt habe, der gerade passiert. Wir müssen aus der Vergangenheit lernen." Ich jedenfalls hatte ihn von Anfang an nicht anders verstanden, dazu waren seine Aussagen im Gesamtkontext eigentlich doch eindeutig ...
Deshalb nochmals für all jene, die immer noch die einseitige, verkürzte (und vor allem: falsche!) Auslegung Roger Hallams Aussagen betreiben wollen: "I want to fully acknowledge the unimaginable suffering caused by the Nazi Holocaust that led to all of Europe saying 'never again'. (...) "But it is happening again, on a far greater scale and in plain sight. The global north is pumping lethal levels of CO2 into the atmosphere and simultaneously erecting ever greater barriers to immigration, turning whole regions of the world into death zones. That is the grim reality." (hier zit. n. inews.co.uk, Jasmine Andersson, Thursday, 21st November 2019)
Daß man da sogleich auch wieder Parallelen zu Alexander Gaulands "Vogelschiss" innerhalb der 1000-jährigen Geschichte Deutschlands zieht, sollte einen nicht groß verwundern, denn diese Vorgehensweise scheint mir typisch für Leute, die im stringenten Denken gerne sich Beschränkungen auferlegen (aus welchen Gründen auch immer) und stets der Neigung nachgeben (müssen), nicht das, was ein Verfasser tatsächlich auszudrücken beabsichtigt, zu erfassen, sondern in einer Art des Scheinverstehens das in Aussagen hineininterpetieren, was ihnen gerade genehm scheint. Letzteres kann mehrere Gründe haben, so zum Beispiel unter anderem auch die Unfähigkeit zum Diskurs, auch mangelnde Diskussionsfähigkeit, nicht selten jedoch auch Bösartigkeit und opportunistische Zielsetzungen ...
(Übrigens finde ich, daß damals auch Alexander Gauland, AfD, falsch verstanden wurde, wahrscheinlich sogar ganz beabsichtigt, vielleicht auch um lästige Konkurrenz loszuwerden. Denn Gauland hat damit nicht die nationalsozialistische Schreckensherrschaft und den Holocaust relativiert oder gar verharmlost, sondern vielmehr auf die Notwendigkeit einer Art Gesamtschau der historischen Entwicklung mit entsprechender Würdigung und Bewertung aller Geschehnisse und Entwicklungsstränge verwiesen. Daß Gauland hätte wissen müssen, wie das in unserer Öffentlichkeit, vor allem beim politischen Gegner ankommt, vor allem wie es ad hoc interpretiert und dargestellt wird, steht auf einem anderen Blatt. Klug war er bei seiner Art der Formulierungen ganz gewiß nicht. Da er "seine Pappenheimer" eigentlich durch jahrzehntelange parlamentarische und politische Arbeit gut genug und einschlägig kennen müßte, kam bei mir schon der Verdacht auf, ob dahinter vielleicht nicht doch ein Kalkül statt einer Unbedachtheit gesteckt haben könnte. Die Antwort darauf habe ich mir allerdings erspart, denn es wäre nur Mutmaßung gewesen, somit hätte ich mich da dann genau auf die Ebene jener begeben, auf der ich nicht sein möchte: die der voreilig Urteilenden ...
Hallam dagegen ist, wie ich es sehe und beurteile, noch weniger der Vorwurf der Relativierung zu machen, denn er bezieht sich in seinen Aussagen ausschließlich auf Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Laufe der Menschheitsgeschichte, also hier gibt es keinerlei Raum für die Unterstellung, Hallam könne gar auch nur irgendetwas auf- oder gegenrechnen wollen!)
Es ist mehr als schade, daß hier etwas eine Art Wirbel erzeugt hat, was bei ehrlicher, bei sachlicher, bei wirklich kritischer Betrachtung dafür überhaupt keinen Anlaß gegeben hätte und so leider faktisch auch Sand in das Getriebe einer heutzutage mehr als notwendigen Organisation, nämlich der Extinction Rebellion, gestreut wurde. Das nicht von mir nachvollziehbare Verhalten des deutschen Ablegers von Extinction Rebellion zeugt bereits von der Wirksamkeit dieses Effekts, auch haben jene Vertreter sich, was die Fähigkeit zu sachlicher Analyse angeht, zumindest in Teilen diskreditiert. Schade. Wohl auch: dumm. Ebenso nachdenklich stimmt die Reaktion des Ullstein Verlags, Hallams Buch hierzulande nicht zu veröffentlichen ... Aber auch das ist wohl: Freiheit der Medien, der Presse, nicht wahr?
Von all dem habe ich zuerst am 20. November 2019 (im Netz) erfahren und ich denke, es ist durchaus sinnvoll, diese Angelegenheit weiter zu verfolgen. Wer sich über die Reaktion des Ullstein-Verlags wundern bzw. ärgern sollte, der muß -- bei guten Englischkenntnissen -- auf die Unmittelbarkeit von Roger Hallams Position nicht verzichten. Sein Buch ist als günstige Taschenbuchausgabe zu haben: "Common Sense for the 21st Century", (Distributed by Turnaround Publisher Services), erschienen am 16. September 2019, 80 Seiten. Ich habe es über das Internet zum Preis von 7.50 Euro erstanden.
So möchte ich abschließend die einzige Stelle in Roger Hallams Buch zitieren, die sich überhaupt mit dem Holocaust beschäftigt. Roger Hallam erwähnt einen Film ("First Reformed"), den er kürzlich gesehen habe und darin gehe es um eine Priester, der sich mit dem Gedanken trägt, sich angesichts der existenziellen bedrohlichen Klimakrise in die Luft zu sprengen. Der Direktor des Films sagt dann in einem Interview, "that the human race is certain to be extinct by the end of the century, before answering the next question on some mundance aspect of film production." Und den Film sowie das Interview beurteilt Roger Hallam anschließend folgendermaßen: "The film and interview illustrate the depth of moral depravity (sic! d.V.) to which our society has now fallen. We collectively know we are about to destroy our children's lives but can only muster individualistic responses und casual nihilistic indifference."
Und dann wird er auch bezüglich der Nazi-Verbrechen sehr deutlich! Auf der Basis der Überlegung, wohin es mit einer Gesellschaft mit moralischem Niedergang, ohne Moral, ohne ethische Fundierung führe, meint Roger Hallam dann: "Let's be clear: such moral degeneration is what enabled the Nazi death camps to happen -- a complete collapse of any sense of empathy or duty to uphold universal human values and the most basic moral principle, 'Do unto others as you would have them do unto you.' Not, be nice to others just because we want good things to happen to us, but because it's the right thing to do." (R. Hallam, The cost of freedom is civic duty, in: Common Sense for the 21st Century (...), 2019, S. 76)
Dies dürfte deutlich genug sein. Auch auffallend: im Buch ist nur von diesen Holocaust -Verbrechen die Rede. (Allerdings eben nur so kurz wie von mir zitiert.) Das bedeutet jedoch in der Systematik der Textgestaltung dann durchaus eine hervorgehobene Aufmerksamkeit, fern jenes "just another fuckery". Warum hat Hallam als Beispiel für "moral degeneration" wohl den Holocaust gewählt?! Ansonsten ist das Buch "nur" als eine Anleitung für beides gedacht: die Gedanken für unseren Umgang mit der Umwelt weiter zu sensibilisieren sowie Umsetzungsstrategien für zielführende Aktionen zugunsten der Rettung unserer Lebensgrundlagen zu planen und umzusetzen. Also: eine Denk- und Handlungsanleitung. Und nicht nur was Hallams tatsächliche Ansichten zu den Nazi-Verbrechen angeht, gilt: Vielleicht hätten seine (voreiligen?) Kritiker und Kritikerinnen sich erst einmal ausführlicher, d.h. tiefer, mit Hallams Inhalten und Aussagen beschäftigen sollen, anstatt geistig im Ad-hoc-Verfahren erst einmal (wunschgemäß?) zielsicher auf der Oberfläche zu surfen ...
Diese ganze "Geschichte" verlangt aber vor allem auch noch nach einem: der besonderen Betrachtung des Auslösers für die Empörungswelle, nämlich dem Artikel in der Wochenzeitung "Die Zeit" selbst! Was ist dort eigentlich wirklich an Substanz zu lesen? Was, das ein derart vernichtendes Urteil über Roger Hallam rechtfertigen könnte? Wer da nach Gründlichkeit sucht, der wird enttäuscht werden. Keine Aussage Hallams wird in einem halbwegs verwertbaren Zusammenhang präsentiert, von dem Abdruck des gesamten Interviews einmal ganz zu schweigen. Im Artikel dominiert vor allem eines: der (mehr oder weniger gelungene) Versuch der Autorin Hannah Knuth ihre extrem subjektive, für die Allgemeinheit so zumindest nicht zu überprüfende und auf Faktenlage zu hinterfragende Sicht in die Öffentlichkeit zu bringen. Dies ist durch den Artikel, den ich eher als einen mittelmäßigen Oberprimaneraufsatz bewerten könnte, ja auch gelungen, wenn die Absicht war, einmal mehr eine große, breitangelegte Empörungswelle zu entfachen. Aber ist da auch Sachlichkeit zu finden? Eher doch wohl nicht! Da wird darüber geschrieben, wie eher verwahrlost das gegenwärtige Wohnambiente Hallams sei, daß er seinem Aussehen nach "ohne Mühe in einer Jesus-Christus-Verfilmung die Hauptrolle spielen" könnte und daß er täglich mit dem Auto zur Polizeiwache im Nachbarort vorfahren müsse, weil er wegen einer "Störung der öffentlichen Ordnung angeklagt" sei, er deshalb in Wales bleiben müsse und vorübergehend nur "auf Kaution entlassen" ist. Dann folgt im Artikel der Hinweis, daß Extinction Rebellion durch "zivilen Ungehorsam auf die alles bedrohende Klimakrise aufmerksam machen" wolle, daß jedoch ein Teil der Bewegung sich von dem Mitbegründer Hallam mittlerweile distanziere, einige die Bewegung sogar wegen ihm schon verlassen hätten.
Wer nun hofft, endlich an eine Stelle im Artikel zu kommen, der sich auf die reißerische Überschrift "Fast ein normales Ereignis. Roger Hallam, britischer Mitbegründer der Klimabewegung Extinction Rebellion, spricht über Völkermord -- und relativiert den Holocaust. Es tue den Deutschen nicht gut, dass sie ihn fälschlicherweise für einzigartig hielten." (Die Zeit, Nr. 48 vom 21. November 2019, S. 24, Rubrik "Wirtschaft") bezieht und die diese Hervorhebung legitimiert, muß sich immer noch gedulden ... Zunächst folgt nämlich der Versuch, die Arbeit der Bewegung und ihre Ziele darzustellen (was trotz des zur Verfügung stehenden beschränkten Platzes durchaus gelingt, wenn auch entsprechend kursiv) und daß der eigentliche Anlaß des Besuchs bei Hallam sein neues Buch "Common Sense" sei. Die Zeit: "Man würde mit ihm gern über sein Demokratieverständnis sprechen, über Recht und Moral." (Die Zeit, ebd.) "Doch Roger Hallam möchte an diesem Tag in Wales zunächst über den Holocaust sprechen." (ebd.)
Nun erfährt der Leser, daß Hallam einen durch "das kalte Haus" führt, daß er zwei Pullover trägt, später noch einen dritten überzieht und daß er "nicht hier" sondern "in einer der Scheunen nebenan" schlafe. Die Autorin diagnostiziert anschließend: "Wenn Hallam spricht, dann so, als spule er viele seiner Antworten automatisch ab." Und weiter glaubt sie feststellen zu können: "Nachdenklich wird er nur (so die Autorin, d.V.) als es darum geht, was der Begriff der Hoffnung für ihn bedeute (Hallams Antwort auf Deutsch übersetzt: "Hoffnung mache ich mir nicht.") oder warum er nicht an Gott glaube (sie zitiert Hallam: "Ich glaube nicht, dass man Spiritualität durch binäre Rationalität erfahren kann.")." Und nun scheint es dann doch langsam zum eigentlichen Thema zu gehen ...
Denn daran anschließend folgt der Verweis auf eine You-Tube-Rede Hallams, bei der er "einen merkwürdigen Vergleich zwischen Auschwitz und der Klimakrise" ziehe; der konkrete Inhalt der Rede bleibt jedoch im Zeit-Artikel ungenannt, dafür erfährt man über den damaligen Auftritt Hallams, daß "er für eine anschließende Fragerunde nicht nur Verfügung" stünde, dies, "weil es ja auch 'keine Poesie nach Auschwitz' gegeben habe." Diese Aussage Hallams dürfte nach meinem Dafürhalten aus einer von ihm gänzlich falsch verstandenen Aussage Theodor W. Adornos resultieren, der damals -- sicherlich durchaus sehr mißverständlich (später hat Adorno selbst diese Aussage zurückgenommen, siehe auch weiter oben) -- gemeint hatte, nach Auschwitz wäre es "barbarisch" ein Gedicht zu schreiben.
Als Hallam auf diesen Vergleich angesprochen wurde, sagte "Hallam auf dem Sofa in seinem Landhaus, dass die furchtbare Emotionalität, die Auschwitz hervorgerufen habe, nun mal nicht verhüllt worden sei. Dasselbe müsse für die Klimakrise gelten. (Die Zeit, ebd.) Hallam wörtlich dann: "Nur die Emotionalität treibt Menschen an, etwas zu bewegen." Auf die Frage, was denn das mit Auschwitz zu tun habe, meinte Hallam laut Zeit-Artikel: "Die deutsche Kultur ist traumatisiert. (...) Das Ausmaß dieses Traumas kann lähmen. (...) Das verhindert, dass man etwas daraus lernt. (...) Tatsache ist, dass in unserer Geschichte Millionen von Menschen unter schlimmen Umständen regelmäßig umgebracht worden sind. Die Belgier sind im späten 19. Jahrhundert in den Kongo und haben ihn dezimiert." Laut Zeit-Journalistin habe Hallam den Einwand, "dass der Holocaust nicht mit anderen schlimmen Völkermorden vergleichbar sei" nicht aufgenommen, statt dessen habe er auf "die Bemerkung, dass viele Menschen Böses getan hätten, aber der Hololcaust ein Alleinstellungsmerkmal habe" entgegnet "Genozide sind in den vergangenen 500 Jahren immer wieder geschehen", auch China habe sie verübt und er urteilt aus seiner Sicht: "Um ehrlich zu sein, könnte man sagen: Das ist fast ein normales Ereignis." (Zum Umgang mit dem Begriff "normal" im alltagssprachlichen versus statistischen Gebrauch vgl. ggf. nochmals meine obigen Ausführungen hierzu!)
An dieser Stelle ist es offensichtlich für Hannah Knuth höchste Zeit ein erstes Fazit (= Urteil?!) zu ziehen: "Roger Hallam spricht der systematischen Vernichtung der Juden das Alleinstellungsmerkmal ab. Wa sagt das über diesen Mann? Warum beschäftigt ihn der Holocaust so sehr? Dass es für den Mitbegründer von Extinction Rebellion, wörtlich der Aufstand gegen die Auslöschung, größere Ereignisse geben mag, nämlich den Untergang der Welt durch die Klimakrise, ist vielleicht wenig überraschend. Aber warum führt er beides zusammen?"
Dafür kann es allerdings, Frau Knuth, viele Gründe geben! Vielleicht auch den, daß diese Auslöschung durch radikale Klimaveränderung nicht ad hoc erfolgen dürfte, sondern eine Entwicklung mit der Folge unzähliger grausamer kriegerischer Auseinandersetzung im Kampf ums Überleben sein wird. Daß also einzelne Menschen auf bestialische Weise hingemordet werden, weil andere um ihren ihnen verbleibenden temporären Vorteil ringen. Sie also als Opfer geplanter kriegerischer Auseinandersetzungen! Ermordert dann aus hegemonialen Bestrebungen! Hier jedoch davon zu sprechen, dies alles verlaufe unvorhergesehen, sei nicht verhinderbar gewesen, falle also nicht unter das Rubrum geplanten Tötens und Mordens dürfte der falsche Denkansatz sein. Wer um die rasante Entwicklung der Bedrohung durch die Klimaveränderung weiß und dagegen nichts unternimmt bzw. gar Mittel einsetzt und Wege beschreitet, welche diesen Prozeß noch beschleunigen, macht sich schuldig an dem, was andere dann (er-) leiden müssen. Und ich denke, daß Roger Hallam insofern sich nicht um wie auch immer geartete "Alleinstellungsmerkmale" (ich finde übrigens allein dieser Begriff, die Forderung nach dessen Assoziation mit dem Holocaust, ist eine Verächtlichmachung der von den Nazis grausam ermordeten Menschen) in der Diskussion bemüht, sondern auf ein Faktum verweist: grausames Morden, Genozide, durchziehen die ganze Menschheitsgeschichte und zwar bis in die Gegenwart hinein. Und wenn er darauf hinweist, daß es "unterschiedliche Debatten darüber (gibt), ob der Holocaust einzigartig ist oder nicht", die dann -- offenbar als Dreistigkeit empfunden, dies "kurze Zeit später, unbeeindruckt vom Widerspruch (der Interviewerin, d.V.) -- zu der Aussage Hallams führen, "Ich weiß, dass die Überzeugung in Deutschland gibt. Aber ich stimme da nicht zu, bei allem Respekt" und dann -- gewiß von uns anders empfunden -- in blödsinnigem Alltagsjargon, der in der englischen Umgangssprache gang und gäbe ist mit dem von Der Zeit zitierten Spruch "For me it's just another fuckery in human history." antwortet, ist der Skandal natürlich garantiert. Dies allerdings nur, wenn man hier den Gesamtkontext außer acht läßt ... Der Begriff "fuckery" hat eben nicht nur die unterstellte verharmlosende Funktion bei der Schilderung von Ereignissen. Dies sollte bekannt sein. Oft wird er auch dann verwendet, wenn eine präzisierende Sprache für den Ausdruck einer Emotionalität nicht mehr gefunden werden kann. Womit wir schon wieder in der Nähe von Adornos Sprachmöglichkeitsanalyse geraten: gewissen Dingen fehlt eben leider eine passende Ausdrucksfähigkeit. Und ich denke, daß oft jene Menschen, die mit Begriffen wie "fuckery", "so eine Scheiße" o.ä. operieren, mehr innere Betroffenheit erleben und zeigen als so mancher Berufsempörer oder Mitleidzurschausteller. Hier spricht bei entsprechenden Gedenktagen die Körpersprache oft Bände, vor allem auch die aufgesetzt wirkende Mimik in Verbindung mit so mancher Gestik. Ich persönlich weigere mich jedoch, auch nur irgendwem ein Gefühl abzusprechen, egal wie er / sie es sprachlich oder mit Körperhaltung und Gestik auszudrücken vermag, schon gar nicht jemandem, der sich um die Zerstörung der Welt und der damit verbundenen Auslöschung der Menschheit sehr ernsthafte Gedanken macht und mit allen (hoffentlich: legalen) Mitteln das entsprechende Bewußtsein auf breiter Ebene zu wecken versucht.
Ich denke, Hannah Knuth macht es sich zu einfach, wenn sie an dieser Stelle folgend Schlußfolgerung zieht: "Für ihn (Roger Hallam, d.V.) ist der Holocaust nur (sic!d.V.) eine weitere historische 'Scheiße'. Man kann weder den Inhalt noch die Form von Hallams Äußerung mangelnder Bildung anlasten. Bis vor Kurzem arbeitete er am renommierten Londoner King's College an einer Doktorarbeit über zivilen Ungehorsam." (ebd.) Na ja, wenn das auch nur eine Beweisführung für irgendetwas sein soll ... Es ist eben nicht so, Frau Knuth, daß zur Beschreibung von Emotionen nur der elaborierte Code zielführend und dienlich ist. Da gibt es eben Vielfalt im Ausdruck und im Fühlen, natürlich auch im Wissen! Und es gibt Dinge, die sind eben so schrecklich, daß sie sich tatsächlich dem üblichen sprachlichen Ausdruck entziehen.
Und in derartigen Fällen sollte es Aufgabe sein (sofern man am wirklichen Verstehen interessiert ist und nicht in einem Akt des Scheinverstehens eigene Voreiligkeit in der Sichtweise dem Gegenüber in den Mund bzw. in dessen Denke legen zu wollen; vgl. hierzu Karl Jaspers' Ausführungen in seinem "Die Sprache" über das Scheinverstehen!), sich die Klarheit zu verschaffen, die dann auch ein fundiertes Urteil zuläßt.
In diesem Zusammenhang möchte ich an die grundsätzliche Geltung der Aussage "Ich bin für das verantwortlich, was ich sage, nicht für das, was du verstehst!" erinnern, eine Feststellung die freilich den Sprechenden nicht davon entbindet, sich möglichst klar, eindeutig auszudrücken. Geschieht dies dann nicht, sollte entsprechend nachgefragt werden, um zu einem brauchbaren und dann auch öffentlich verwertbaren Verständnis zu kommen.
Gerade in einer so schwierigen Thematik wie sich die Verbrechen des Dritten Reichs darstellen, sind sowohl die sprachliche Benennung und auch der emotionale Zugang besonders schwer leistbar, aufzeigbar und lesbar. Man hüte sich, hier zu jenem Personenkreis zu gehören, über den der bekannte und renommierte Journalist Johannes Gross einmal (höchstwahrscheinlich mit kritischem Blick) einmal folgendes gesagt hat: "Je länger das Dritte Reich zurückliegt, umso mehr nimmt der Widerstand gegen Hitler und die Seinen zu." Hier bestünde aus meiner Sicht dann die große Gefahr einer Oberflächlichkeit, welche Aufarbeitung und vor allem das Ziehen von Lehren aus der Geschichte erschwert.
Ebenfalls problematisch halte ich die Rede vom Holocaust als Teil der deutschen Identität ... Welche Identität soll das denn sein, vor allem dann, wenn sie von Leuten angesprochen wird, die sonst stets eine derartige deutsche Identität per se, sei es im theoretischen Bemühen oder sei es im Schaffen von Fakten, in Frage stellen oder gar gänzlich bestreiten?! Nein, Verbrechen sind aus meiner Sicht niemals ein Zeichen der "Identität" einer Nation, ganz im Gegenteil: aus jenen muß die Erkenntnis und Fähigkeit wachsen, sich einer Entwicklung derartiger Entartungen einer Humanität (hier dürfte doch der Begriff "Entartung" ein zu verwendender sein, auch oder gerade wenn die Nazis diesen ebenfalls mißbraucht haben!!!) entgegenzustellen, den Anfängen zu wehren, sich auf die Seite der Schwachen und Entrechteten, auf die Seite der Humanität zu stellen! Und diese Fähigkeit, nämlich der Inhumanität sich zu widersetzen, muß (Teil einer) Identität einer Nation (schon wieder ein Begriff, den so viele nicht mehr verwenden wollen, schon gar nicht trennscharf!) sein, werden, bleiben ... (Eine Aufspaltung von "Identität" erscheint mir hier nicht sinnvoll, im Gegenteil: sie birgt die Gefahr einer faktischen Verharmlosung, weil abstumpfend!)
Aber statt sich tief und ernsthaft, vor allem auch nachhaltig mit dieser Aufgabe auseinanderzusetzen, ergehen sich viele immer wieder in Verkürzungen von Aussagen, in Fehlinterpretationen, bemühen sich offensichtlich nicht um die jeweiligen Kontexte, fragen zu deutlichen Klärung nicht oder nicht hinreichend nach, betreiben statt dessen undifferenzierte Meinungsmache und liefern Munition für all jene, welche es als ihre Aufgabe sehen, das eigene Dasein mit Oberflächlichkeit und unangemessenen Empörungsaufwallungen zu "bereichern" ... Das Gegenteil sollte der Fall sein, vor allem auch in journalistischer Tätigkeit: ein Bemühen um Vollständigkeit, um Tiefe, um wirkliche Aufklärung, das Wirken für Grundlagen einer fundierten Basis, auf der dann (hoffentlich und endlich) wieder Diskurs oder wenigstens Diskussion und Debatte möglich gedeihen. Seichtigkeit habe wir ohnehin schon genug, diese muß nicht noch -- bewußt oder unbewußt -- befördert werden ...
Ich habe mich beim Lesen des Artikels immer wieder gefragt, welche Form von Journalismus das denn ist. Ist es der Versuch, auf der Basis von reinem Unterhaltungsjournalismus (dies dann für die entsprechenden Geister wohl auch wirksam ...) mit vorgeblich bedeutungsschwangeren Schlußfolgerungen eine neue Form von Faktizität zu schaffen, die einer kritischen Überprüfung dann auch nicht standhält. Und das dann häufig von jenen, die heutzutage unsere so dünne (und leider auch ebenso häufig falsche) "Fakten"-Welt beklagen und (sicherlich zu Recht) verteufeln! Nein, gerade jene sollten wirksam dazu beitragen, daß "Fakten" genau nur das sind und bleiben, was der Begriff "Fakten" tatsächlich auch nur meint, nämlich etwas, was tatsächlich, nachweisbar vorhanden, geschehen ist und schon gar nicht Verkürzungen, Verfälschungen ... Das Wort leitet sich aus dem lateinischen "factum" ab und bedeutete dort Tat, Handlung, Werk, Vorfall sowie auch Benehmen. (vgl. hierzu z.B. Taschen-Heinichen Lateinisch-Deutsch) Es bildet also die Wirklichkeit ab. Wer da nun Probleme hat und meint, die Abbildung von Wirklichkeit ist (bisweilen) sehr schwierig bis hin zu unmöglich, der oder die liegt damit so falsch ja nicht, Probleme aber sollte man sich selbst und anderen jedoch keine schaffen beim Bemühen, um zumindest eine Annäherung an eine schwierige bzw. schwer zu beschreibende Wirklichkeit zu schaffen. Gerade dieses Bemühen sollte auch zum journalistischen Ethos gehören: so wirklich wie möglich, so verständlich und klar wie der Sache (und den Personen) gegenüber geboten ...
Und weil dies -- hoffentlich nur in extrem seltenen Fällen -- dann bisweilen nicht umsetzbar ist, sollte man sich dann -- und nur dann! -- an den berühmten Satz von Ludwig Wittgenstein erinnern, "wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen". Keinesfalls meinte Wittgenstein damit jedoch, daß man bestimmte Wahrheiten nicht erwähnen sollte, sondern daß jenes, was Sprechen bzw. Denken ermöglicht, nicht dessen Gegenstand sein kann. Er stellte damit vielmehr die philosophische Rede schlechthin in Frage, es geht da also um die Metakommunikation.
Man kann natürlich den Zeit-Artikel als -- wie schon weiter oben angesprochen -- einen unterhaltsamen (wen es denn unterhält ...) Aufsatz lesen, so gesehen wirkt er gewiß dann überdurchschnittlich im Sprachduktus; zur wirklichen Erhellung trägt er aber nicht bei, eben wegen seiner Verkürzung, damit Falschdarstellung des wirklichen Sachverhalts.
Ich sehe jedoch in den ganzen Vorgängen um Roger Hallam, also vor allem in den Aktionsplänen von Extinction Rebellion, ein ganz anderes – sicherlich gravierenderes – Problem, dem sich die Empörungswelle wohl nicht adäquat nähern konnte oder wollte: nämlich den propagierten »zivilen Ungehorsam«. Und für diesen plädiert nicht nur Hallam, aber er hat ihn in seinem Buch explizit erläutert. Es soll da nämlich auch um (mehr oder weniger massive) Gesetzesverletzungen gehen, damit »Wirkung« und »Aufmerksamkeit« erzielt wird. Sozusagen eine Der-Zweck-heilt-die-Mittel-Strategie. Es gab in der Vergangenheit schon mehrfach Bewegungen, die für sich die Deutungshoheit beanspruchten, inwieweit für sie geltende Gesetze zu beachten sind oder auch nicht. Eine sehr gefährliche Orientierungs- und Denkweise, vor allem auch bedrohlich für die Demokratie, wie ich finde.
Wo will man da denn eine Grenze ziehen?
Meine Antwort darauf lautet: die Grenze des Tuns beziehungsweise die des Unterlassen-Müssens wird auch bei den dringlich zu lösenden Problemen, um die Umwelt zu retten, bei uns zumindest durch die geltende Gesetzeslage gezogen und bestimmt. Und sind jene unzulänglich, bleibt trotz aller Notwendigkeit von Veränderung und schnellem Handeln ausschließlich der dafür vorgesehene parlamentarische Weg.
Zugegeben, ich lese immer wieder ganz gerne die Ausführungen von Hannah Knuth, sie unterhalten, regen auch -- sehr wichtig allerdings beim Umgang mit ihren Texten dann! -- zu weiterer Recherche an. Damit erfüllen sie sicherlich einen durchaus guten Zweck. Aber sollte man (nicht nur journalistisch) die Ansprüche nicht höher erheben, besonders wenn es um tiefgründe Themen geht, um gar existenzielle Geschehnisse?! Damit meine ich: tiefer in die jeweilige Materie einsteigen, sich umfassend um eine möglichst der Wirklichkeit gerecht werdende Recherche (dies vor allem mit intensivem Nachfragen bei oberflächlich oder gar salopp wirkenden Aussagen verbunden!) mit dem Ziel eines dann wirklich fundierten Urteilens verbunden, bemühen. Das kann man durchaus auch -- sicherlich in bestimmten Grenzen allerdings -- manchmal auch unterhaltsam bewerkstelligen, ohne daß sogleich Tiefgang und eine umfassende Sicht auf der Strecke bleiben müssen. So wie es beispielsweise die Schweizer Journalistin Tamara Wernli kann und immer wieder zeigt. Aber es gibt eben auch Themen, die keinerlei Unterhaltungsattitüden mehr vertragen! Dazu gehört m.E. der Holocaust wie auch all die anderen mörderischen Erscheinungsformen in der Menschheitsgeschichte!
Ich erlaube mir, weil es mir hinsichtlich der gegen Hallam gerichteten Empörungswelle notwendig erscheint, an dieser Stelle einen (sicherlich aufgrund der im Netz dargebotenen kargen, einschlägigen Informationen mir nur sehr kursiv möglichen) Blick auf die Autorin des Artikel, Hannah Knuth, zu werfen. Letztlich dürfte jener Artikel mit seiner sehr subjektiven Interpretation (eben auf der von mir dargestellten verkürzten Erfassung von Hallams tatsächlichem Diktum!) ja der entscheidende Auslöser dieser Empörung gewesen sein.
Laut ZEIT ONLINE ist Frau Knuth seit ihrem Abschluß 2018 für die ZEIT tätig. Hannah Knuth ist 1993 in Hamburg geboren, hat Literatur und Politik in Berlin und London studiert. Danach folgte eine Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule. Sie hat jedoch schon sehr früh Artikel veröffentlicht. Durch ihren Englandaufenthalt sollte sie vielerlei Möglichkeiten gehabt haben, die diversen Verdichtungen von Sachverhalten in den Begriffen "fuckery", "fucking" resp. "fuck" nolens volens kennenzulernen. Hier sei nochmals die häufig allzu inflationär gebrauchte Verwendung betont. Ich meine, daß es bei einem Begriff, der längst derart wenig trennscharfe Verwendung erfährt, gerade aus journalistischer Sicht ein "Dringen in die Tiefe", ein "intensives, beharrliches Aufspüren der tatsächlichen Hintergründe" unverzichtbar ist, daß hier dann eben entsprechende Sorgfalt und auch ein damit korresponierender Zeitaufwand geboten sind. Für voreiliges Tun, wie ganz oben von mir durch Zitat der Jasperschen Aussage über das Verstehen aufgezeigt, darf gerade in derart komplizierten als auch dramatischen Zusammenhängen kein Raum sein.
Wer sich hier über diese Forderungen hinwegsetzt, macht sich verdächtig, sei dies Unterlassen nun beabsichtigt oder auch "nur" fahrlässig (die Auswirkung ist da leider meist dieselbe, nämlich eine negative: ein sehr oberflächliches Denken in der Allgemeinheit zu befördern, somit Vorverurteilungen zu generieren ...), unprofessionell zu agieren und bestenfalls Unterhaltungstendenzen auszuleben. Gegen Unterhaltung, gegen Ablenkung, selbst gegen die vielgepflegte Seichtigkeit (z.B. in den Medien) kann man zwar -- weil man es selbst gerne anders hätte -- den Kopf schütteln, von mir aus auch großes Unverständnis oder gar Ekel empfinden, aber man wird es nicht verhindern können, viele lechzen geradezu danach, denn (nicht nur der heutige) Zeitgeist schreit offensichlich nach jenem "panem et circenses"- Zustand, um das Volk ruhigzustellen.
Dieser "Spaß", diese Oberflächlichkeit, diese Verkürzung von Wirklichkeit, dieses Vorspiegeln von angeblichen Fakten und von Bedeutungsgehalt, hat jedoch auf jeden Fall dann aufzuhören, ihm sind dann Grenzen zu setzen und gesetzt, wenn es um derart ernste (und zutiefst traurige) Angelegenheiten geht, zu denen man zweifelsohne den Holocaust und andere Genozide, all die diversen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, zählen muß. Hier muß für alle, die sich damit beschäftigen, entschieden gelten: Sorgfalt und Zeit, Ernsthaftigkeit und Überprüfbarkeit, Urteile nur auf sachlich nachvollziehbarer Grundlage, vor allem aber auch -- Abwesenheit von einer Schlagwörter-Aufmerksamkeit.
Auf der Suche nach Arbeitsstilen von Hannah Knuth stieß ich unter anderem in den Kieler Nachrichten Nr. 24 vom 28. Januar 2012 (also sozusagen wohl eher ein "Frühwerk" ...) auf die Seite 22: "Ansichtssache / Keine einfache Tasse Tee" von Hannah Knuth. Da hatte sie sich mit der Weltsprache Englisch beschäftigt, genauer, sie hat gefragt: "Warum Englisch? Wer hat eigentlich entschieden, dass es Weltsprache wird?" (ebd.) Und sie lieferte sogleich auch eine Teilantwort: "Schon klar, da war niemand egoistisch, das ist ganz von selbst entstanden. Im Laufe der Globalisierung (...)." Nun sollte man da nicht zu beckmesserisch im Urteil sein und nicht gleich eine mangelnde Differenzierung rügen sowie die eher kurzgeschlossene Antwort monieren, denn einerseits ist es eine ihrer früheren Arbeiten, zum anderen ist das eher als eine Art Glosse zu verstehen. Aber auch Glossen sollten, wenn sie schon den Tiefgang meiden, dann doch einen Herausforderungscharakter zeigen. Tut jene "Ansichtssache" das? Ich habe da schon wieder meine Zweifel.
Oder ist es besonders originell, dies so festzustellen: "In puncto internationaler Gleichberechtigung sind die englischen Muttersprachler im Moment nämlich klar bevorzugt" und in dabei zu betonen "Sie können überall ihr Tässchen Tee mit einem Tomaten-Mozzarelle-Sandwich bestellen ohne dabei rot zu werden"? Nicht "rot werden", weil sie eben das können, wo sich die deutsche Sprachzunge etwas scher tut, die Beherrschung der Aussprache des "th" und ein Großteil der Deutschen dann in der Öffentlichkeit angeblich einer großen Peinlichkeit anheim fallen. Na ja, wem das dann auch immer sehr unangenehm sein sollte, es gibt wahrlich Weltbewegenderes, vor allem auch: Problematischeres. Was, darauf verweist Frau Knuth sehr deutlich, den Franzosen wiederum ohnehin nicht anficht, weil sie, die Franzosen, Englisch sprachlich "konsequent boykottieren" (es werden dann dafür gleich auch Sprach-Beispiele genannt). Als sie in ihren Überlegungen dann gegen Schluß sich überlegt, welche anderen Sprachen denn als "Weltsprache" geeignet sein könnten (das Deutsche hatte sie im Vorfeld bereits ausgeschlossen) verweist sie -- wegen der Quantität der diese Sprache Sprechenden, auf die Möglichkeit von "Mandarin", schließt das aber zumindest für sich selbst als Wahlmöglichkeit wegen Problemen mit dem "4-Töne-System" aus und meint dann resümmierend "Bei der Wahl werde ich doch lieber rot", offensichtlich auf die Bestellung mit mangelnder "th"-Aussprache anspielend und damit wohl lieber einer als peinlich empfundenen Aufmerksamkeit zugänglich. Zunächst: man kann natürlich über so etwas schreiben, höchstwahrscheinlich gefällt das auch bestimmten Kreisen, nämen dies jedoch zu viele zu ernst, dann könnte es schon wieder problematisch werden. Daß ich persönlich den Eindruck habe, hier wurden einmal mehr sinnentfernt Spalten gefüllt, dürfte für die große weite Welt sicherlich höchst unbedeutend sein. Wer sich jedoch auf welche Art und Weise auch immer in die Öffentlichkeit begibt, stellt sich -- vielleicht neben der Befriedigung der Selbstverliebtheit und Imposanzbedürfnissen -- einer Kritik, ob man es will oder nicht. Dies ist eben der Preis des Sich-öffentlich-Machens ... Nun könnte ich natürlich auf der Grundlage dieses Artikels zumindest ein Urteil über die Damals-so-Schreibende fällen. Mache ich jedoch nicht. Dafür gibt es mehrere Gründe, der Hauptgrund ist jedoch, daß ich nicht so verfahren möchte, wie Hannah Knuth es in ihrem Artikel über Roger Hallam getan hat: mit zu wenig Hintergrund- und Kontextwissen, mit zu wenig (oder vielleicht auch: gar keiner) Kenntnis über ihre persönlichen Motive, über die "Weltsprache" genau so und nicht anders zu schreiben, ja auch mit der Unkenntnis, welche redaktionellen Vorgaben es seinerzeit da gegeben hatte, zu urteilen. Nein, vor einem Urteil müßte ich erst das Wichtigste tun: gründlich nachfragen. Also nicht auf der Grundlage einiger zudem im Nebulösen doch recht verankerter Sätze Schlußfolgerungen zu ziehen.
Und nicht viel anders ergeht es mir, bei der Betrachtung einer anderen ihrer Veröffentlichungen. Auch hier möchte man sicherlich gerne (vorschnell) urteilen, verkneift sich diesen Wunsch jedoch, weil man schon um seiner Selbstachtung willen auf Seriosität, hier: ein Urteil nur fällen, wenn die Grundlagen dazu hinreichend sind, pocht. Der Beitrag gefällt mir übrigens vom Schreibstil, auch -- so es dann tatsächlich so ablief -- von der induzierten Dramaturgie recht gut. Aber dieses Gefallen soll hier nebensächlich bleiben, die entscheidende Frage für mich ist: welcher tatsächliche Erkenntnisgewinn kann daraus abgeleitet werden. Oder sind wir hier einmal mehr einem Amalgam aus Unterhaltung, Gewitzheit, Aufmüpfigkeit, kessem Auftreten, vielleicht sogar auch aus einem gekonnt zubereitendem Gericht erzeugter kognitiver Dissonanz begegnet?
In jenem Beitrag (taz archiv 11.09.2013) hat Hannah Knuth unter der Überschrift "Gefälscht gefällt gut" versucht, zu erhellen, wie es sich mit dem Umgang falscher Angaben bei Bewerbungen verhält, vor allem welche Konsequenzen sich daraus ergeben. In ihren eigenen Worten, sozusagen als Erläuterung zum Aufmacher: "Die Erwartungen an Stellensuchende sind hoch. Zu hoch. Selbst Praktikanten sollen am besten fünf Fremdsprachen können. Warum also nicht ein bisschen schummeln? Unsere Autorin hat ihren Lebenslauf, nun ja, aufgehübscht – und sich beworben. Der Geschäftsführer erklärt, er habe sich den Lebenslauf nicht genau angeguckt."
Und der Beginn dieser von ihr so geschilderten Bewerbungsvorstellung erinnert an eine Filmszene, die zwischen Spannung und Sensationskomik schwankt: "Der Anzugträger auf der anderen Seite des Schreibtisches beugt sich nach vorne. „Sie haben also im letzten Jahr drei Praktika während des Studiums absolviert?“ Ich nicke. Herzrasen. „Und trotzdem einen Notendurchschnitt von 1,4.“ Das ganze Blut meines Körpers strömt in die Wangen. Ich ahne, in welche Richtung das geht. Gleich fliege ich auf. Der Anzugträger zieht seine Augenbrauen hoch und schaut mich auffordernd an. „Das ist ja ganz schön beachtlich.“ "
In ihrem Artikel beschreibt Hannah Knuth den "irren Druck", dem die "jetzige Generation" ausgesetzt sei; erwarte werde ein perfekter Lebenslauf, zu dem ein guter Abschluß noch lange nicht hinreichend sei, sondern dazu gehörten standardmäßig auch "Fremdsprachen, Praktika und ein soziales Engagement."
Und wer kann dies denn alles so unverfälscht bieten? Ich kenne ja all diese eigentlich noch eher seltsam als unrealistisch anmutenden Forderungen. Man soll einen exzellenten Abschluß haben, jede Menge Arbeitserfahrungen, möglichst noch längere Auslandserfahrungen, mindestens zwei Fremdsprachen und natürlich die Muttersprache in Wort und Schrift beherrschen, vielleicht sogar noch einen Aufbaustudiengang oder ähnliche berufserweiternde Maßnahmen absolviert haben -- und dann obendrein noch: sehr jung und dynamisch, vor allem unabhängig und ungebunden sein. Sozusagen eine andere Variation, die Quadratur des Kreises anzugehen ...
So fragt sich die Autorin, aus meiner Sicht auch durchaus nachvollziehbar und der (Un-)Logik der Wirklichkeit gehorchend, "ob es nicht einen anderen Weg gibt, diesen Anforderungen nachzukommen -- mit ein bisschen Schummelei." So nimmt sie ihren "realen Lebenslauf" und "verdoppelt ihn um frei erfundene Erfahrungten." Dadurch wird sie, mit ihren angegebenen 23 Jahren, "zum Traum eines jeden Arbeitgebers."
Sie schreibt in diesem "Lebenslauf", daß sie" im fünften Semester Deutsche Philologie und Politikwissenschaft an einer Exzellenzuni" studiere, auch "ein Jahr am University College London studiert" habe. Sie habe des weiteren "viele Praktika bei Großverlagen absolviert und ein soziales Jahr in Indien", spreche zudem "fließend Englisch, Französisch und Spanisch und habe ein Latinum in der Tasche."
Mit diesen Angabenbewirbt sie sich nun "für acht Praktika bei verschiedenen Verlagen und Online-Redaktionen". Und der Zuspruch sei "gigantisch, die meinten das alle ernst und "niemand will Studiennachweise oder Zeugnisse sehen."
Sie schildert, wie sie sich vor dem ersten Bewerbungsgespräch (Praktikumsplatz beim Internetportal "Berlin Online") plötzlich unwohl fühlt, meint sogar "Auf einmal bekomme ich Angst". Ich frage mich, da es sich doch nur um einen Versuch, nicht um eine ernsthafte Bewerbung, handelte, ob diese "Angst" (genauer wohl: Furcht ...) und "schwitzige Hände" nicht Ausfluß dieser Inszenierung gewesen sein mögen ... Als ihr dann noch kurz vor dem Gespräch ein Getränk angeboten wurde, gibt sie ihr damliges Gefühl wie folgt wieder: "Und mit einem Mal fühle ich mich moralisch schlecht, Ich stehle ihnen nicht nur die Zeit, sondern auch die Getränke."
Und in der Tat, es darf schon gefragt werden, inwieweit man auf anderer Leute Zeit und Interessen Rücksicht zu nehmen hat und sich nicht ungebremst eigener Zielsetzung, die zudem dann noch sehr egozentrisch daherkommt, überlassen darf. Ich hatte einmal so einen Fall erlebt: die Mutter einer früheren Freundin war stationär in der Psychiatrie. Als "therapeutische Maßnahme" wurde ihr von ihrer Therapeutin aufgegeben, in ein örtliches Schuhgeschäft zu gehen, sich dort sehr viele Schuhe zeigen zu lassen, jedoch kein einziges Paar zu kaufen. Vorgebliches Ziel dieser Vorgehensweise war es, der Frau das "Nein-Sagen-Können" beizubringen, dies dann auch konsequent durchzuhalten. Wer da nun weiß, wie stark belastet Schuhverkäuferinnen (sicherlich nicht nur damals) waren und sind, wer zudem weiß, daß jene oft erfolgsabhängig bezahlt werden (sprich: geringes Basisgehalt + Erfolgshonorar), der vermag zu sehen, wie unverschämt, wie rücksichtslos, es ist, sich auf anderer Leute Kosten (dies im wahrsten Sinn des Wortes!) wohlfeil zu gerieren. Dies durchschaute sogar die Patientin, die zu mir meinte, das könne sie doch den Mädchen nicht antun, die müssen doch ihre Arbeit machen und hoffen auf Umsatz. Richtig! Und jene Therapeutin (von wessen Gnaden auch immer ...) hätte natürlich auch wissen müssen, daß die Fähigkeit zum Nein-Sagen-Können keine abstrakte Verhaltenskompetenz sein darf (überspitzt: der oder die prinipielle Neinsager/in ...), sondern sich immer in einem für einen wirklich relevanten sowie notwendigen Kontext zeigen können muß. Die Frau war zu anständig und rücksichtsvoll (zumindest diesbezüglich bedurfte es bei ihr schon keiner Therapie ...) und hat die Schuhverkäuferinnen nicht belästigt ... Warum diese Geschichte als Einschub hier? Um zu zeigen, wie gut ich verstehen kann, daß Frau Knuth sich plötzlich moralisch schlecht fühlte. Es spricht für sie, finde ich.
Sie wartete auf den Besprechungstermin, blickte dabei über Berlin. Mit einem "Schöner Ausblick, nicht?" aus junger Männerstimme kam dann ein "braun gebrannte(r) Prinz Charming" und Frau Knuth fragte sich unverzüglich "Muss er denn nicht erkennen, dass ich mich als drei Jahre zu alt ausgebe?". Dann begann das Gespräch. Er stellt dabei auch fest, daß da ja keine Zeugnisse dabei gewesen seien, aber er könne ja davon ausgehen, daß dies alles so wie im Lebenslauf geschildert stimme.
Ein zweiter Versuch habe dann einer "gemeinnützigen GmbH für Kommunikation stattgefunden. Die kommentiert: "Ich habe ein schlechtes Gewissen – trägt meine Mission zum Gemeinnutz bei? Irgendwie schon. Mit dieser Überzeugung betrete ich beruhigt das Foyer des Bürogebäudes am Checkpoint Charlie." Ein etwas "einschüchternd" wirkender Geschäftsführer "obwohl er noch recht jung ist." Auch dort wird ihr Lebenslauf "trotz einladender Vorlagen" nicht weiter kommentiert, lediglich eine Bemerkung über die Sprachkenntnisse sei erfolgt. Dafür wollte er "alles wissen: meine Ziele, meine Wünsche, meine Erwartungen an das Leben." Auf Letzteres sei sie nicht vorbereitet gewesen, versuchte da dann "akribisch die im Lebenslauf genannten Erfahrungen einzubringen."
Einige Tage später kam die Zusage von der Kommunikations-GmbH. Hannah Knuth erzählt dem Geschäftsführer die Wahrheit über ihre "Bewerbung". Er meinte "Oh", dann nach etwas Stille "Das ist jetzt schon ein bisschen komisch." Er erklärt noch, den Lebenslauf habe er sich nicht so genau angesehen, da er lieber die Leute erst einmal kennenlernen wolle, "um zu sehen, wie sie persönlich so seien."
Auch "Berlin Online" erteilt eine Zusage. Hierzu Frau Knuth: "Prinz Charming reagiert gelassen auf die Wahrheit -- fast so, als sei er solche Aktionen gewohnt." Seine Erklärung: "Mir ist schon aufgefallen, dass deine Bewerbung keine Zeugnisse hatte" und auf ein Bewerbungsgespräch für eine Festanstellung hätte er sich besser vorbereitet.
Was nun aus den beiden Reaktionen über die Täuschung, des Sich-täuschen-Lassens schließen? Auf jeden Fall: typisch dürfte das für unseren Arbeitsmarkt überhaupt nicht sein, insofern schon gar kein Grund für Verallgemeinerungen. Auch dürfte es tatsächlich entscheidend sein, ob man sich für eine Festanstellung oder nur für eine Praktikantenstelle bewirbt. Vielleicht auch, daß hierzulande bereits auf höheren Ebenen eine gewisse Affinität zur Oberflächlichkeit, zur Ungenauigkeit, zum Ausweichen bei Widersprüchlichkeiten verbreitet ist. Vor allem wohl auch eines: daß man natürlich personenabhängig aus den unterschiedlichsten Gründen ein Nachfragen, gar ein Bohren vermeidet, und sei es nur, um andere nicht zu kränken. Ist es jedoch dann auch so, dürfte das letztlich wieder Aspekte der Unaufrichtigkeit fördern, dies dann mit dem (sicherlich unliebsamen) Ergebnis, Offenheit zu untergraben und Täuschung zu pflegen. Es kann natürlich sicherlich auch ein anderer Punkt extrem wesentlich sein und handlungsstiftend wirken: Wie empfindet man den jeweiligen Gegenüber, wie steht es mit der "Chemie", wozu sicherlich auch gehören dürfte, inwieweit man dafür anfällig ist, sich vom reinen Äußeren, von der Eloquenz und vom jeweiligen Auftreten in seiner Urteilsfindung ablenken zu lassen.
Und das von Hannah Knuth getroffene Fazit: "Es ist verführerisch, das Spiel mit der Identität. Aber will man auf Basis einer Lüge Tag für Tag im Büro sitzen? Ich will das nicht. Obwohl, es ist ja so schön einfach: Weder „Berlin Online“ noch dem Geschäftsführer der Kommunikations-GmbH ist aufgefallen, dass ich es gemeistert habe, parallel zu meinem Sozialen Jahr in Indien in einem Hamburger Altenheim auszuhelfen. Vielleicht wollten sie es nicht merken. Vielleicht erfüllte es aber auch genau ihre Anforderungen."
Ich sehe den Aussagewert dieser Schilderung über Bewerbungsverfahren jedoch als äußerst gering an. Verallgemeinerungsfähig ist da nichts. Vielleicht wurde auch mit einer Vertrauensbasis etwas unredlich gespielt. Und ich kann mir nicht helfen: ich sehe in beiden vorgenannten Artikeln eine gewisse Oberflächlichkeit obwalten, eine die hier natürlich -- von vielleicht ausschließlich subjektiver Betroffenheit der Getäuschten -- keine allgemeingültige Bedeutung entfaltet. Anders verhält es sich jedoch sehr wohl mit dem Ausgangspunkt meiner Erörterungen, dem journalistisch keineswegs zureichenden Bericht über ihre Begegnung mit Roger Hallam.
Vielleicht ist es mittlerweile -- und einiges spricht dafür -- mittlerweile durchaus Mainstream (= üblich), der Leser- und Zuschauerschaft auf einer leichten Unterhaltungsebene zu begegnen, um ja keine schlafenden Hunde zu wecken. Vor diesem Hintergrund erwächst -- so meine ich -- dem Journalismus zusätzlich die Verpflichtung, die Empfänger von Botschaften auch in der Hinsicht zu untersuchen, als sie (zu welchem Anteil auch immer) Produkt resp. Ergebnis des journalistischen Tätigseins (geworden) sind. Oder um es mit den Worten Ernst R. Hauschkas zu sagen: "Zur journalistischen Sorgfaltspflicht gehört es, die öffentliche Meinung genau zu beschreiben, die man vorher erzeugt hat."
Das Betroffenheits-Phänomen
Versuch einer Annäherung: Subjektive Betroffenheit und kollektive Inanspruchnahme?
Ich möchte mir hier einmal ein paar Gedanken darüber machen, was tatsächliche Betroffenheit ist, vor allem auch deren Aspekt von Nachhaltigkeit zu betrachten. Und dann die Frage stellen, inwieweit es auch eine wirksame kollektive Betroffenheit geben kann, was natürlich auch den Gedanken einbezieht, ob man mit Erfolg ein Kollektiv hier miteinbeziehen kann.
... wird hier demnächst (voraussichtlich Januar / Februar 2021) veröffentlicht ...
Besondes schwierig scheint es sich zu oft dann zu gestalten, wenn der "eigene Bereich" durch andere Interessenlagen eingeschränkt werden könnte. Hierzu nachfolgend einige Beispiele, beginnend mit einem Urteil, das gegen einen Wohnungseigentümer mit der Begründung erfolgter Diskriminierung ereilte. So wie die Störche es bisweilen tun (müsssen), können wir es schließlich nicht bewerkstelligen ...
Rechtlich vielleicht einwandfrei, aber auch nachhaltig? Eine Meldung vom 10. Dezember 2019 hat mich -- einmal mehr -- nachdenklich gestimmt: Ein Wohnungseigentümer muß 1.000 Euro Entschädigung an einen aus Afrika (Burkina Faso) stammenden Mann zahlen, weil er einen Mietinteressenten diskriminiert habe und "dieses Verhalten" sei "schlichtweg nicht hinnehmbar" -- so das Amtsgericht Augsburg. Das Gericht entschied zudem, daß der Vermieter nicht noch einmal ein Inserat mit einer Formulierung aufgeben dürfe, wonach er nur "an Deutsche" vermiete, bei Zuwiderhandlung drohe ihm ein hohes Ordnungsgeld. "Diese offene Benachteiligung von Ausländern ist schlichtweg nicht hinnehmbar", so Richter Andreas Roth (Az: 20 C 2566/19).
Der Kläger gab an, daß bereits ein erstes vom Mietinteressenten geführtes Telefonat vom Vermieter beendet worden war, als der Migrationshintergrund bekannt wurde: der Wohnungseigentümer habe gesagt, er wolle nur an Deutsche vermieten. Vor Gericht begründete der 81-jährige Vermieter seine Einstellung damit, daß er in seinem Haus einmal Ärger mit einem angeblich türkischen Drogendealer gehabt habe. Daraufhin entgegnete der Richter ihm: "Verbrechen und Vergehen werden von Menschen begangen, nicht von Staatsangehörigen."
Nun sind derartige Fälle nicht gerade selten. Auch andere Gerichte hatten in der Vergangenheit Ausländern Schadenersatz zugesprochen, weil sie als Wohnungssuchende wegen ihrer Herkunft abgewiesen worden waren. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes geht davon aus, daß sich etwa 70 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund bei der Wohnungssuche diskriminiert fühlten.
Ich sehe hier wesentliche Probleme. Wer kann es eigentlich einem Hausbesitzer verwehren, selbst zu entscheiden, wen er bei sich wohnen lassen möchte?! (Hier dürfte Art. 14 GG, wonach Eigentum verpflichtet, nicht in allen Fällen allzu extensiv ausgelegt werden, denke ich -- anders kennt man es allerdings aus Zeiten der Wohnraumbewirtschaftung z.B. nach dem Zweiten Weltkrieg.) Besonders schwierig ist es in aller Regel nämlich auch, nach erfolgtem Einzug, einen Mieter der sich anders verhält als man sich das als Vermieter vorgestellt hat, wieder loszuwerden. Schwierig ist es allerdings auch, die eigenen Vorstellungen von Mieterverhalten zu artikulieren, denn sehr schnell gerät man da in die Fallstricke möglicher Diskriminierung. Es gilt also: jegliches Wort, jegliche Regelung besonders auf die Waage zu legen ... Damit dürften die meisten Vermieter mangels exakter Rechtskenntnis überfordert sein. Wie werden sie also verfahren, wenn sie mit so einem Urteil konfrontiert werden? Und sie davon sicherlich eine Kenntnis erlangen, denn diese Urteile werden ja aus, gutem Grunde übrigens, öffentlich gemacht. Natürlich wird niemand mehr so etwas wie "ich vermiete nur an Deutsche" (wobei bereits hier eine klare Abgrenzung zumindest im gefühlten Verständnis bei vielen schon schwierig sein dürfte!) in einem Wohnungsangebot oder am Telefon verkünden. Man wird seitens Vermieter bei der Auswahl der Mieter also noch vorsichtiger agieren, vielleicht mit noch mehr Zurückhaltung als man es ohne Kenntnis solcher Urteile getan hätte. Es dürfte ein leichtes sein, so zu formulieren, sich in Gesprächen so zu verhalten, daß einem eben keine "Diskriminierung" mehr vorgeworfen werden kann. Und im Ergebnis steht der Mensch mit Migrationshintergrund dann: ohne Wohnung da, auch ohne die Möglichkeit durch Klage ob Diskriminierung eine finanzielle Kompensation zu erhalten. Die Rechtslage hat sicherlich Grund zu dieser Urteilsfindung geliefert. Wem ist aber damit wirklich geholfen?
Könnte es gar sein, daß manche die Möglichkeit einer Diskriminierung provozieren, weil man weiß, auf diese Art wenigstens zu etwas Geld zu kommen? Denkbar ist natürlich auch auf diesem Gebiet viel, vor allem aber auch, daß man gerne selbst entscheiden möchte, wen man in sein Haus einziehen läßt und wen nicht. Daß hier in zahlreichen Fällen reine Intuition auch eine Rolle spielen dürfte, liegt auf der Hand. Und Intuitionen können natürlich sich im Ergebnis auch als völlig falsch erweisen -- sowohl in beide Richtungen, also im positiven wie auch im negativen Sinn. Aber auch eines scheint mir naheliegend: Je mehr Hürden in einer Gesellschaft -- von welcher Seite auch immer -- errichtet werden, desto mehr werden Offenheit, Unmittelbarkeit, Transparenz, o.ä. auf der Strecke bleiben. Und jemand der dringend einer Wohnung bedarf, wird dann halt hören, daß man unter der Vielzahl der Bewerber ... Das kennt man ja aus dem Arbeitssektor, wenngleich sich dort die Situation wegen des zunehmenden Arbeitskräftebedarfs entspannt haben dürfte.
Für mich ein Beispiel: Recht wohl richtig gesprochen, es geht an der Lebenswirklichkeit vorbei und das Ergebnis dürfte dem Flug eines Bumerangs gleichen (will heißen, andere Menschen mit einem Migrationshintergrund wird es bei der Wohnungssuche damit gewiß nicht leichter gemacht, denn dieses Urteil wird sich in Vermieterkreisen sehr schnell wie ein Buschfeuer verbreiten ...) und von Nachhaltigkeit dürfte da nichts mehr bleiben und sein ...
Blick auf ein paar Begrifflichkeiten ...
"Post-Holiday-Syndrom"
Ein weiterer jener Begriffe, die kein Mensch braucht. Noch weniger jedoch die damit verbundenen Ratschläge! Immer weniger wundern sich freilich über die exzessiv zunehmenden Anglizismen, auch dort, wo es sehr praktikable und bildhafte deutsche Alternativen gäbe. Aber wer will denn schon noch von "Urlaub" oder "Ferien" sprechen? Wer möchte sich dem Vorwurf des Altmodischen aussetzen? Und es war wirklich unbedingt notwendig, daß zu Beginn des Jahres 2019 diese Erkenntnis unter die Menschheit gebracht wurde ... Wohl kaum jemand wußte es bislang: daß nach Urlaub oder Ferien bisweilen so eine Art Unlust auf Arbeitsbeginn einen überfallen könnte, überfällt. Danke jenen, die diese Weisheit liefern! Ach Gott (oder wen man auch immer anseufzen möchte)! Ja, das gibt es: nach schöner Abwesenheit die Rückkehr nicht mit einem Hurrapatriotismus begrüßen zu wollen. Freilich nicht bei allen. Da sind sicherlich jene, die dem Wechsel von "holiday" in den (meist doch) tristeren Alltag mit stoischer Gelassenheit und gekonnter Selbstverständlichkeit bewältigen. Andererseits soll es auch den Typus geben, der froh ist, sich von einem tristen Urlaub, der so gar nicht gehalten hatte, was von ihm man auch immer erhofft hatte, endlich wieder in die Routine und Regelungen der Arbeitswelt retten zu können. Da muß ich bekennen: zu diesem letzteren Typus habe ich nie gehört, selbst dann nicht, wenn die Arbeit mir grundsätzlich auch Spaß bereitete. So verweile ich einmal mehr bei jenen, ja bei denen die leiden: unter dem -- und da kommt es wieder! -- "Post-Holiday-Syndrom".
Da lehren uns nun gescheite Fachkräfte aus den abgehobenen Hallen, dieses könne von unterschiedlicher Dauer sein und hänge von individueller Verfaßtheit ab. Diese Erkenntnis zu vermitteln, war sicherlich -- Potzblitz! -- überfällig. Aber meistens sei das Problem nach drei bis vier Tagen erledigt und man bewege sich dann wieder (mehr oder weniger freudig) in den bewegten Bahnen. Was aber tun, um diesen harten Übergang durchzustehen? Auch da wissen jene Gescheiten Rat. Die Arbeit erst einmal ganz gemütlich und mit einem individuell angepaßten Tempo beginnen, also nicht gleich in die Vollen eintauchen!
Da weiß man nun sofort über die "Ratgeber" Bescheid: die kennen das Arbeitsleben, die wissen um die Duldsamkeit von Vorgesetzten und Chefs, die stehen mitten in der Wirklichkeit. Sozusagen der alte Münchhausen-Trick: sich am eigenen Schopf in die Wirklichkeit herauszuziehen, in diesem Fall aus dem sich als Wissenschaftshort verstehenden Efeuturm. Aber dieses gemütliche Wiedereintauchen bleibt nicht der einzige Rat. Warum nicht am Arbeitsplatz eine aus dem Urlaub mitgebrachte Muschel oder eine Souvenir-Tasse platzieren. Das entspanne, das mache alles viel einfacher. Und ja nicht vergessen: unverzüglich den nächsten Urlaub in Gedanken schon mal vorwegnehmen. Auch das helfe. Wie man überhaupt Urlaub in kurzen Abständen nehmen solle, den Urlaubsanspruch in kleinere Häppchen verrteilen -- das sei natürlich gesünder, so Forschungsergebnisse. Mag ja stimmen, aber ist es unter den herrschenden Bedingungen auch praktikabel? Betriebsbelange, Familie, Kinder, Schule, Geld, und, und, und ... Wurde das im Efeutürmchen alles bedacht? Bestimmt! Davon muß einfach ausgegangen werden! Sie waren ja auch so gescheit, zuletzt noch zu mahnen: Am Arbeitsplatz ja nicht über den Urlaub erzählen, gar davon schwärmen; denn es könnten ja Kolleginnen und Kolleginnen anwesend sein, die statt Urlaub Dienst schieben mußten, die -- man mag es kaum glauben --: arbeiten mußten.
Also, liebe Ex-Urlauber: die Freuden des vergangenen Urlaubs still für sich behalten, nichts wiederkauen, ja kein Aufsehen erregen! Und die Tristesse zügeln! Vor allem auch: schön brav wieder nahtlos funktionieren. Und wenn die schöne mitgebrachte Muschel und die mit Urlaubsmotiv bedruckte Tasse oder gar der riesige Plastikflamingo zur Erinnerung an den Spanienurlaub (ja. auch der wurde für einen leichteren Übergang in die Nach-Urlaubs-Arbeitswelt empfohlen) nicht reichen, vielleicht findet man ja noch andere Kleinode, um das Arbeitsplatzdasein zu bereichern und als angenehme Erlebniswelt zu gestalten. (Aber bitte nicht den Balanceakt aus Mitbringen und Verstecken übersehen: Nichts darf die anderen reizen, die statt Urlaub Lohnabhängigkeit zu spielen hatten!) Das dürfen wir den ach so gescheiten Grundlern nach und den Verwalter der guten Ideen dankbar entnehmen ...
Eine Ergänzung möchte ich an dieser Stelle noch gerne liefern, eine so gar nicht aus dem Efeuturm heraus: Ja nicht in Konflikt geraten mit sich selbst und der neuen Umwelt aus Urlaubsferne, indem man bereits zu Beginn des "Post-Holiday-Syndroms" sich gehalten fühlt, an die nächste Auszeit zu denken, gar bereits daran zu arbeiten. Vielleicht tröstet da auch ein anderer Gedanke: Gottlob muß man nicht in einem Efeuturm sitzen und unter Weltfremdheit leiden.
"Mein Lieblingsbäcker"
Er kommt vom Bäcker nach Hause, Brötchen, Brot und Gepäck sorgfältig jeweils in Papiertüten der Bäckerei verpackt. Auf jeder Tüte steht zu lesen: "Bäckerei X. Mein Lieblingsbäcker." (Name der Bäckerei hier durch "X" ersetzt.) Was soll denn das nun wieder? Er fühlt sich erinnert an das Poesiealbum seiner jüngeren Schwester aus Kindheitstagen. Dort war häufig unter einem mehr oder mehr (un-)sinnigem Spruch zu lesen: "Deine beste Freundin Y!" Es bleibt letztlich die Frage: Wer definiert in derartigen Fällen eigentlich immer etwas? Ist es nicht der Part des jeweils Betroffenen, zu entscheiden, wer Lieblingsfreund oder Lieblingsfreund, wer bester Freund, wer beste Freundin ist? Statt dessen wird in kaum begründbarer Anmaßung -- als eben nur durch die Anmaßung selbst -- über die jeweiliger Positionierung (fremd) entschieden. So auch bei: "Mein Lieblingsbäcker!" Das legt man letztlich doch selbst fest, sofern überhaupt ein Bedürfnis bestehen sollte, sich unter hoffentlich recht unterschiedlicher Vielfalt und Qualität eine Rangordnung vornehmen zu sollen.
Nein! Wer mein Lieblings-XYZ ist, das lege ich immer noch in eigener Einschätzung, nach eigener Wertung, nach eigenem Gutdünken fest. Ein wie auch immer häufiger Kaufakt, ein selbst noch so zahlreiches Begegnen (und bekanntlich sind die allermeisten Begegnungen durch nicht gerade immer erfreuliche äußere Umstände erzwungen, also nicht selten auch nur: reine Routine ...) dürfte und sollte da eo ipso jedenfalls nicht determinierend wirken!
Was also sind diese Verbalisierungen aus Fremdbestimmungsversuchen? Ergebnisse aus Wunschgenerierung? Tumbe Versuche von Manipulation durch Fremdbestimmung? (Ich weiß genau, das funktioniert bei vielen Menschen durchaus ...) Verlogener Lockruf über Scheinattribuierungen? Oder was sonst noch nicht alles! Na ja, vielleicht aber auch nur Ausdruck eigener Einfältigkeit im Überlegen um angemesse Kundenansprache und Bindungswirkung! Wie eben bei den infantilen Vergaben von Zuneigungsversuchen und Erklärungsmustern in jenen Poesiealbum-Umgarnungsversuchen. Vielleicht aber, was das Merkantile angeht, auch nur ein Beweis für die mindere Qualität von Fort- und Weiterbildungsstrategen (natürlich auch: Strateginnen -- soviel Gleichberechtigung in Sachen Einfalt muß sein!), die man als das Gelbe vom Ei zu verkaufen versucht. Lieblingbäcker hin, Lieblingbäcker her -- Hauptsache, das Produkt schmeckt, die damit verbundene Einfalt muß man ja nicht in sich mitaufnehmen ...
Welches falsches Bild vermitteln Begriffe wie "Jagd-Sport" und "Angel-Sport"?
Man sollte sich bei Begriffen durchaus häufiger seine Gedanken machen. Vor allem deshalb, weil mit so manchem Begriff jene Triebfedern verschleiert werden, die hinter dem eigentlichen Tun wirken. Nehmen wir als Beispiel einmal den Begriff Sport in bestimmten Zusammenhängen: Jagdsport und Angelsport. Ist das wirklich Sport im eigentlichen Sinn? Jagen und Fischen sind gewiß kein Sport. Beim Sport wissen beide Seiten, daß sie mitspielen, und davon wissen die auf der anderen Seite betroffenen Objekte (Subjekte) offensichtlich nichts bzw. sind dem Tun der Angler und Jäger hilflos ausgeliefert. Was also sind das für Tätigkeiten, Jagd und Angeln? Jedenfalls: kein Sport! Es ist schlicht ein sicherlich manchmal auch im Kampf ums Überleben bzw. zur Erhaltung von Gleichgewichten innerhalb der Natur notwendiges Tun, bei dem jeweils der moralische und ethische Aspekt im Vordergrund stehen sollte, aber keinesfalls der von Eitelkeit und / oder Wetteiferei ...
Hierzu mag folgende Spruchweisheit aus China passen: Jeder dumme Junge kann einen Käfer zertreten, aber alle Professoren der Welt können keinen herstellen.
Es lebe der "Sport" ...
Formel-1-Spektakel-Auftakt in Melbourne 2016. Und was können wir in der Frankfurter Rundschau vom 21. März 2016 lesen? Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff stellte lauf FR fest: "Das Rennen hatte alles, Crashes, Feuer, Zweikämpfe." Laut FR: "schwärmte Wolff" ... (vgl. S12 | Sport Beilage)
Was war geschen? Ein dramatischer Unfall von Alonso, bei dem man sich mehr als wundern konnte, dass er (Gott sei Dank) am Leben geblieben war, zudem nur leicht verletzt aus dem völlig demolierten Wagen selbst aussteigen konnte. Und weiter: Der Ferrari von Kimi Raikkönnen fing an zu brennen.
Ja, ja, da können eben manche angesichts einer derartigen Anhäufung von Gefahrenmomenten nur noch "schwärmen", da kann diese eben genauso gestrickte Spezies den wohl eigentlichen Sinn in der Sache selbst sehen, so hat es eben wohl zu sein, soll der "Spaß" vollkommen sein ...
Weshalb ich mich da unvermittelt an Reinhard Fendrichs "Es lebe der Sport" erinnert fühle, an diese doch so zutreffende Einschätzung der Betrachtungs- und Bewertungsperspektive einiger (oder gar: vieler) "Sportfreunde"? Sind das denn die Dinge, die manche Gemüter zu ihrer Befriediung benötigen? Soll das der Sinn, die Spannung (oder was auch immer) sein? Oder zeigen sich da eher einmal mehr niedrige Triebe? Fragen gäbe es in diesem Zusammenhang sicherlich mehr als ein Dutzend ...
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