I don't want no God on my lawn
Just a flower I can help along
'Cause the soul of nobody knows
How a flower grows
Oh, how a flower grows
(Cat Stevens)
|
Fragmente 5
Am Ende gilt doch nur, was wir getan und gelebt - und nicht, was wir ersehnt haben.
Arthur Schnitzler
Am Ziele deiner Wünsche wirst du jedenfalls eines vermissen: dein Wandern zum Ziel.
Marie von Ebner-Eschenbach
Neuer Frühling
Sterne mit den goldnen Füßchen
Wandeln droben bang und sacht,
Daß sie nicht die Erde wecken,
Die da schläft im Schoß der Nacht.
Horchend stehn die stummen Wälder,
Jedes Blatt ein grünes Ohr!
Und der Berg, wie träumend streckt er
Seinen Schattenarm hervor.
Doch was rief dort? In mein Herze
Dringt der Töne Widerhall.
War es der Geliebten Stimme,
Oder nur die Nachtigall?
Heinrich Heine
Um das Herz und den Verstand eines anderen Menschen zu verstehen, schaue nicht darauf, was er erricht hat, sondern wonach er sich sehnt.
Khalil Gibran
Das ist mein Streit:
Sehnsuchtgeweiht durch alle Tage schweifen.
Dann, stark und breit, mit tausend Wurzelstreifen
tief in's Leben greifen
und durch das Leid weit aus dem Leben reifen,
weit aus der Zeit!
Rainer Maria Rilke

In seinem Roman "Demian. Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend." läßt Hesse seinen Protagonisten sagen: "Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir heraus wollte. Warum war das so schwer?" Hier wird das Problem, welches das Ringen zwischen Sehnsucht und Wirklichkeit häufig ausmacht, sehr deutlich. In Rudolf Thomes an Wolfgang von Goethes Roman "Wahlverwandtschaften" angelehnten Film "Tarot" (1986) wird unter anderem beispielhaft gezeigt, wie Eduard (ein Filmregisseur) zwischen seinen Drehbüchern (Fantasie, Geschichte) und Wirklichkeit (diese für sich freilich umdefinierend, verklärend gesehen) herumirrt: "Eduard hat nie das richtige Drehbuch gefunden, deshalb hat er sich vom Leben eins schreiben lassen", lautet eine Deutung seiner Persönlichkeit. Auch er wollte schlicht seine Sehnsüchte (aus-)leben und das gelang einfach nicht und endete letztlich tragisch. Auch hier begegnen wir einmal mehr Arthur Schnitzlers gescheiten Feststellung, daß letztlich eben nur das zählt, was man getan und gelebt hat, nicht das, was man "nur" ersehnt hat. Die Betonung dürfte hierbei allerdings auf dem "letztlich" liegen, denn alles andere würde bedeuten, daß mit dem Sehnen und dessen Kontexte ein großes Stück eigenen Lebens völlig entwertet würde. Und kommt aus dem Sehnen nicht auch Kraft, Abstand zur Alltäglichkeit, Widerstand gegen Funktionierenmüssen, das Ausmalen von Möglichkeiten, um nur einige der wertvollen Aspekte der Blumen aus dem Samen des Sehnens zu nennen? Eben!
Ich möchte an dieser Stelle einen kleinen gedanklichen Ausflug machen. Im Rahmen der Filmproduktion von "Die kommenden Tage" (übrigens ein geradezu prophetischer Film damals, denn schon bald nach seiner Fertigstellung hatte Teile seiner Aussage die Wirklichkeit eingeholt, allerdings anders als man sich diese so herbeigesehnt hätte ...) wurden Mitglieder des Filmteams nach ihren Wünschen befragt, und um solche dürfte es sich doch handeln, wenn man jemanden fragt, welche Droge mit welcher Auswirkung man sich denn wünschen würde. Ich denke, Anstoß zu dieser -- sicherlich nicht alllzu ernstzunehmenden -- Befragung, sowohl was die Frage als solche als auch die gegebenen Antworten angeht, könnte vielleicht folgende Aussage Aldous Huxleys gewesen sein:
"If we could sniff or swallow something that would, for five or six hours each day, abolish our solitude as individuals, atone us with our fellows in a glowing exaltation of affection and make life in all its aspects seem not only worth living, but divinely beautiful and significant, and if this heavenly, world-transfiguring drug were of such a kind that we could wake up next morning with a clear head and an undamaged constitution-then, it seems to me, all our problems (and not merely the one small problem of discovering a novel pleasure) would be wholly solved and earth would become paradise." (Aldous Huxley, 1949, Wanted. A New Pleasure, aus dem Essayband "Music At Night")
Die an das Team gestellte Frage war also, welche Droge mit welcher Wirkung man sich für sich selbst als "perfekt" denn wünschen würde, gäbe es diese Möglichkeit. Natürlich ist so eine Frage zumindest extrem hypothetisch, wenn nicht gar unsinnig. Aber die Antworten verraten, sofern man sie ernsthaft zu geben im Stande ist, doch eines: Welche Wünsche die Befragten haben, womit man wohl sogleich auch den Bereich ihrer tief(st)en Sehnsüchte berührt. Die Bandbreite der Antworten ist leicht vorstellbar, die Ernsthaftigkeit dürfte auch nicht immer gegeben gewesen sein. Gleichwohl so ganz uninteressant, so ganz unbedeutend, ist diese Befragung sicherlich auch nicht.
Um es gleich vorwegzunehmen: mich hat vor allem die Antwort jener Frau angesprochen, die sich eine Droge wünschte, durch deren Wirkung sie den Kopf völlig freihaben könnte, von keinem Denken gestört würde, um nur für sich zu sein, um sich selbst uneingeschränkt zu gehören, "ganz bei sich sein zu können".
Weitere Träume gab es sicherlich viele, so beispielsweise wollte jemand sich durch so eine Droge "wie neugeboren fühlen", einer wollte mit ihrer Hilfe "permanent glücklich sein" können, jedoch dies mit Unterbrechungen weil andauerndes Glück auch nicht zu ertragen wäre und eine träumte davon, dadurch endlich einmal "nicht mehr müde" zu sein.
Da gab es dann auch bei jemandem den Wunsch "kreativ zu sein", extrem kreativ sein zu können, ein anderer träumte von "Gelassenheit" und von der Fähigkeit "große Zuneigung zu allen Menschen herstellen zu können", dann gab es den Wunsch nach einem "Zustand von ganz intensivem Leben und ebensolcher Wahrnehmung.
Derjenige, der sich auf seinem Wunschzettel die Hoffnung auf einen 24-Stunden-Orgasmus hatte, meinte das wohl nicht allzu ernst, denke ich zumindest, denn das hieße ja einer Besonderheit die Besonderheit zu nehmen, nicht wahr?
Gut zu verstehen -- zumindest wenn man nicht allzu dogmatisch orientiert ist und auf dem Gut-Mensch-Kahn segelt -- dürfte der Wunsch nach völliger Unsichtbarkeit sein, wie auch der mit Auswirkungen dieser Droge in Richtung "irgendwas zum Fliegen jedenfalls".
Da wollen wir uns doch nun eine kleine Pause in eine angenehme Normalität gönnen: Wie schön, daß jemand aus tiefstem Herzen und Gefühl sagen kann, die Droge müsse nur das bringen, "wie sich momentan mein Leben anfühlt, also Spaß machen". Schön, wenn jemand so zufrieden sein kann, möchte ich da nur sagen!
Gut nachvollziehbar doch auch der Wunsch nach "Glücksgefühle wie beim Verliebtsein", aber auch der, nach einer Phase "wahnsinnigen Kreativseins" irgendwann "ganz tief und gut schlafen" können. Anders ist wohl jene zu verstehen, die sich nach "einfach alles richtig genießen " sehnt und vieldeutig mit einem unvollendeten "Je später der Abend ..." den Satz lächelnd offenläßt. Nicht weit von jenem Szenario dürfte jener gedanklich entfernt sein, der sich nach einer grenzenlos durchzechten Nacht mit diversen Drogen dann die eine Droge wünscht, mit der man sich dann "wie ausgeschlafen nach dem Urlaub" fühlt.
Auch so eine Art "Verkriechen" wurde skizziert, nämlich der Wunsch, 24 Stunden zu schlafen, dann aufzuwachen und sich "total gut" fühlen.
Ein anderer geäußerter Wunsch: die Droge sollte führen zu "ganz viel Respekt jedem gegenüber, rücksichsvollem Verhalten trotz Stress und langen Arbeitszeiten" und guter Laune.
Außergewöhnlich mag jener das Verlangen jenes klingen, der sich "völligen Gehörverlust" wünschte, man "hört nicht mehr und es wäre ziemlich angenehm"; ich persönlich kann dem Wunsch im übertragenen Sinn natürlich einiges abgewinnen. Man muß im Alltag tatsächlich viel zu viel akustisch wahrnehmen, auf das man verlustlos verzichten könnte ....
Die Droge sollte bewirken, daß man "natürlich sein kann" und sie sollte eine "Schokoladendroge" sein. Na ja, auch dies kann man vor dem Hintergrund von Pluralität verstehen.
Einer wünscht sich durch die Droge "totale Gelassenheit", ein anderer "Entspannung", wiederum ein anderer "Energie". Wir sehen, man bewegt sich hier in vielen Bereichen in dem Bereich, wo eigentlich die Bedingungen der Möglichkeit(en) bereits gegeben wären, man müßte nur mehr die Wege zur Umsetzung, zur Verwirklung finden und dann konsequent auch gehen. Anders gewendet: Viele von den hier geäußerten Wünschen sind erfüllbar, viele der dahintersteckenden Sehnsüchte sind verwirklichbar.
Wie aber mit folgender Aussage umgehen? Die Droge müßte bewirken, "daß die Menschen die Wahrheit sagen, zu jeder Zeit, an jedem Ort". Na denn, hier ist zudem die Gefahr halluzinatorischer Wirkungen, von Außensteuerung, ja von (Huxley läßt mit seiner Brave New World hier grüßen!) Unterdrückung, von Versklavung, von Denunziantentum, von Zerstörung jeglicher Intimsphäre u.s.w. doch recht groß.
Etwas kritisch sehe ich auch den Wunsch, die Droge solle "Mut verschaffen, Dinge zu tun, ohne vorher darüber nachzudenken". Na ja, es gibt sicherlich Bereiche, wo dies sehr hilfreich sein kann (falls die Schauspielerin nur diese Bereiche gemeint hat, gehe ich mit ihr natürlich konform, denn es ist gewiß nicht gut, wenn man vor jeder Handlung erst eine Art Kolloquium oder Selbstkasteiung als Zensurorgan schaltet); aber normalerweise sollte vor dem Handeln das Denken stehen und was den "Mut" angeht, da halte ich es mit Kant und seinem "Sapere aude!" -- da ist dies dann sicherlich angebracht, ja sogar: notwendig.
Ich möchte diesen kleinen (sicherlich, was eine mögliche Bandbreite angeht, sehr unvollständigen) Ausflug in die Wunschwelten anderer mit einem letzten genannten Wunsch beenden: die Droge möge bewirken, daß "alle Leute gute Laune hätten, ohne irgendwelche Depressionen davonzutragen".
Und damit wird es nun höchste Zeit, sich so genau wie möglich und so dicht wie erlaubt an das Phänomen "SEHNSUCHT" heranzutasten.
"Der große Mann aber stand auf dem Berg, und er konnte tatsächlich das Meer sehen."
Auf der Rückseite seines Plattencovers von "Wie im Schlaf" (Lieder von Bob Dylan -- gesungen von W. Ambros) erzählt der österreichische Liedermacher Wolfgang Ambros folgende schöne und meines Erachtens zudem lehrreiche Geschichte: Ein Berg, ein Hügel und dazwischen ein Tal. Drei Menschen kommen dort an, beschließen in dieser Gegend zu bleiben. Zwei Männer und eine Frau. Ein Mann war groß und stark, beschließt beim Anblick des Berges dort hinaufzusteigen. Er geht los. Nach wenigen Schritten hält er jedoch inne, rief den kleinen Mann zu sich und forderte ihn auf, mit ihm auf jenen Berg zu gehen. Der kleinere und schwächere Mann zögert, meint, er könne nicht, er wolle nur auf den Hügel. Die Antwort des Kräftigen: "Was willst du auf dem kleinen Hügel? Ich will hinauf zur höchsten Spitze! Ich will die Welt zu meinen Füßen! Komm mit, und vielleicht können wir sogar das Meer sehen!" Der kleine Mann zitterte, gestand ein, er könne nicht und wurde deshalb von dem kräftigen Mann beschimpft: "Du bist ein Schwächling und ein Feigling, du solltest dich schämen!" So ging eben jeder seinen Weg, die Frau jedoch blieb im Tal, weil es ihr bereits dort gefiel und sie damit zufrieden war. Eines Tages jedoch fing die Frau an, sich "ein bißchen einsam zu fühlen" und beschloß, jemanden besuchen zu gehen, dachte dabei an den großen, starken Mann. Sie sah aber schnell ein: auf den großen Berg konnte sie nicht gelangen, zu hoch, zu entfernt, der Gipfel für sie nicht einmal zu sehen. So machte sie sich auf den Weg, den kleineren Mann auf dem Hügel aufzusuchen. Als sie dort ankam, freute sich der kleine Mann "närrisch über den Besuch und war sehr lieb zu ihr. Sie beschlossen, zusammen zu bleiben und waren sehr glücklich." Und der große Mann, der Bergbesessene? "Der große Mann aber stand auf dem Berg, und er konnte tatsächlich das Meer sehen."

|