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Fragmente 3
Wen Gott strafen will, dem schenkt er eine geltungsbedürftige Frau.
(Johann Caspar Lavater)
Aus einem tiefen Weltschmerz reißt uns zuweilen
sehr wohltätig ein kleines Alltagsärgernis.
(Francoise Sagan)
Wenig, aber mit Liebe.
(Homer)
Das Große ist nicht, dies oder das zu sein,
sondern man selbst zu sein.
(Seneca)
G r o K o (2018) 
(Mene mene tekel u-parsin)
Versuch einer Mehrfachsynthese aus
Hilflosigkeit, Ängsten und Furchtlagen,
Die Furcht wieder bescheidenere und kleine
Brötchen backen zu müssen – Geistesdarben,
Fern dem Auffangnetz intersubjektiven Halts,
In die Wirklichkeit von Bedeutungsarmut und
Abwesenheit von Mikrophonen und Kameras
in biederen Alltag zurück verwiesen …
Keine Aufmerksamkeit mehr den Balztönen!
Wörterschwadroniereien nun im Abseits –
Lang vermiedene Alltäglichkeit dann real
Wieder angekommen dort wo man hingehört:
In der Masse der Unscheinbaren und Zwerge.
Geistesarmut und Armseligkeit endlich entlarvt,
Politclowngetöse ihrer Maskerade entkleidet:
jene gewogen, als viel zu leicht empfunden …
Sammelsurium dreister Täuschungsszenarien!
Absurde fratzenhafte Präsentation als Gier!
Versuche sich unentbehrlich zu machen!
Verantwortungsgefühl als Werbefloskel und
Täuschung im eigenen Wert und Verständnis.
Kakophonie aufdringlich als Dauerberieselung.
Warum dafür all das Ausharren nach Nichts,
das mediale Treiben als Steigbügelhalter ...
Wie selbsttäuschend all die tumben Versuche!
Konstruktion vermeintlicher Bedeutung und
Unverzichtbarkeit akronymhaft gemeiselt,
Unfähig auch hier den Bumerang zu sehen!
Eigene Geistesbeschränkung gleichwohl von
Sensationshascherei medialer Gier gestützt:
GroKo (2018) vermeintlich von Inhaltswert,
dabei jedoch vielmehr nur: Großes Kotzen …
Selbst im Schöpfungsakt jenes vermeintlichen
Gehalts Opfer innewohnender Verblendung und
Dürre: die Politikkaste aus ihrer Verblendung,
die Medienschaffenden in der Vordergründigkeit
ihrer Sensationsgeilheit; das verwerfliche Ringen
aus Nichts etwas Gehaltvolles generieren zu wollen …
Doch nur: Unerträgliche Erbärmlichkeit im Denken!
Doch nur: Abscheuliche Scheinheiligkeit im Handeln!
Also Verzagen und Schweigen weil man der
Wirklichkeit glaubt keine Hoffnung geben zu
können – Nein! – keine falsche Resignation:
Poesie nur als Spielfeld für Ablenkung – Trash?
Mitnichten: all die drögen Unrühmlichkeiten,
Verlogenheiten, Ausflüsse der Mittelmäßigkeit
benennen, ihnen Gesichter geben, sie entkleiden:
deren Träger endlich ihre Macht nehmen …
(Fagusarua 25.01.2018)
W I N T E R Z Y K L U S
1. F L O C K E N T Ä N Z E
2. S P U R E N
3. L E E R R Ä U M E
4. D E R S C H N E E M A N N
1. Flockentänze
Kristallines Ruhen auf Gezweig und Schloßzinnen.
Klirrende Kälte unter fahlem Licht.
Gebreitet in greifbare Unendlichkeiten
Nebelhafte Spiegelungen in kalten Gewässern.
Darüber das Gedankentorso im Versuch des Erdenkens:
Möglichkeiten der Wirklichkeitsausspähung.
Zuckende Schultern und befreiender Atemstoß,
Tritte gegen die bodenhafte Kälte -
Blicke in aufsteigende Nachtbilder gesetzt.
Austragen gebärender Lebensstrukturen;
Dennoch strömt vorübergehend Ruhe,
Gleichklangfäden weben Hoffnungsteppiche.
Vereinzelndes Sternengefunkel auf dem Silber
Stand gewährenden genäßten Untergrundes.
Tief einatmen und bewußtes Ausstoßen.
Flockenfrische und Schneeduft strömen lassen:
Winterliches Fühlen als Frühlingsauftakt,
Ins Morgen gesetzte Jetztempfindungen.
Das Tosen nächtlichen Stürzens der Wasser
Reißt Erinnerungen tief hinab in die Schlucht -
Aus Gischt stetig ruhigerem Fließen entgegen.
Die alte Holzbrücke von Eisen gestützt.
Dem Rücken will ein Schaudern nicht gelingen.
Lichtboten zwischen Schloß und Übergang:
Ein Anfang ist nicht auszumachen.
Tief unten die zwei Seen als Vorstellung
Von Winter und Sommer gleichermaßen -
Gleichwohl spürbar, sichtbar, gegenwärtig.
Dazwischen unauflösliche Verknüpfungen,
Ahnbar, greifbar, den Sinnen nicht entschwunden:
Die Wirklichkeit der Jahreszeiten grüßt herauf.
Und - hier - der ruhende Pol in stillem Windgeflüster:
Die Jugend. Nächtliche Aussicht für Sehende...
2. Spuren
Von Sonnenstrahlen aufgebrochen
Den Boden wieder frei gegeben
Der Untergrund wird wieder leben
Das Pflänzlein durch den Fels gestochen
Wo jüngst noch Schnee und Eis verdeckten
Was einfach nur nach Sonne sehnte
Statt dessen sich im Grabe wähnte
Bald schon die heißen Strahlen leckten
Lebendigkeit aus allen Ritzen
Traumland aus Farbenprächtigkeit
Den Phantasien die neue Zeit
So wird der Tag dem Abend nützen
Was will das modrig Blatt verderben
Als Rest aus letzten Herbstestagen
Dies Überbleibsel toter Fragen
Um neues Grün gilt es zu werben
Es gilt nicht schäbig Lob zu reden
Wir wissen wohl um Winterglück
Und ziehen auch an diesem Strick
Doch Wärme läßt uns tiefer beben
Deshalb frisch in dein Herz gekrochen
Schrei es hinaus aus tiefer Brust
Vorbei nun die träge Endzeitlust
Des Frühjahrs Blüte ward gerochen
3. Leerräume
Als Eisesaugen Frühjahr spähten
Dem Sommer sich entgegen warfen
Die Sinne über Felder wehten
Zu dem Klang von friedvoll Harven
Als Träumereien Boden fassten
Der Wind sich stritt mit steifen Masten
Da ward ein Hauch von Weiterziehen
Von stetig werden ohne Fliehen
Doch plötzlich Herbstesgrad erblicken
Ausgebliebene Sommertage
Antwortlos die Hoffnungsfrage
Mit kühlen Herbstesfäden stricken
Gleichwohl dem Grauen zu entrinnen
Ja zu neuen Sphären sagen
Im Herzen tausend Nadeln spinnen
Und die schnelle Unzeit plagen
Von Geisterhand durchs Jahr geschoben
Den Teufeln keinen Blick gegeben
Wo blieben Götter fern von oben
Kein labsam Saft aus frischen Reben
Wie man es immer wenden mag
Es bleiben noch drei Jahreszeiten
Und mühsam Weg in endlos Weiten
Doch nie mehr Sommer süßt die Plag
4. Der Schneemann
Das Frühjahr - kaum erinnerbar:
Zu weit im Dunst der Gedanken.
Der Sommer - er ist ausgeblieben.
Einfach ausgefallen. Ersatzlos.
Der Herbst - dieser alte Lieferant
Fallender Blätter und Nacktheit!
Klirrende Kälte läßt Dauer spüren:
Der Schneemann grüßt Nachthimmel,
Betrachtet still wandernde Tagträumer.
Frost als Sinnesbalsam bannt die
Angst vor dem Schmelzen in Bodenritzen.
Schneemanndasein als Hoffnungszustand.
Gleichwohl im Sog unausweichlich rinnender Zeit
Geschmolzen durch einbrechende Frühjahrswärme.
Irgendwann noch dieses erinnernd Rinnsal
Wo jetzt nur mehr spröder Untergrund.
Schon wieder Knospen spähen:
Das Frühjahr - nicht zu verleugnen.
Doch diese Erinnerung an das Ausbleiben!
Dieses Wissen um Sommerkräfte.
Notwendigkeiten unterdrücken wollen.
Furcht, Hoffnungen zu verschenken,
Ins Irgendwohin, ins Nichts zu gießen.
Traumtänzereien in das Abseits bannen!
Frühjahr und Herbst als Überflüssigkeiten:
Reduktion unerträglicher Unvollständigkeit.
Schneemanndasein als Bestimmungsgrad:
Machbarkeit auf dem kleinsten Nenner.
Weitere Gedichte
Sommernebel
inmitten satter wiesen
auf steilen himmelswegen
gegangen
tief in abgründe geschaut
keinen blick gewendet
froh morgenwände erspäht
aufrecht gehend
ziellos schreitend
gleichwohl voll ziel
Gespräche
Im Kerzenschein leuchtet der
Rand des Rotweinkelches.
Sozusagen ein Leuchtfeuer -
Funkeln als Traubengruß
Aus fernem Land hinein in die
Vorwinterwohnzimmeridylle.
Erinnerung an gemeinsame Wege:
Gebirge, Schluchten, Täler,
Rotweinabende am Meeresschaum.
Langsam fallen die Worte in
Abendlandschaft, gefangen in
Wänden ruhig wärmender Nähe.
Versuche des Lesens in Blicken:
Vergangenheit, Gegenwart und
Zukunft verschmelzen leise in
Ahnungen der Ungewißheit.
Rückblicke
Ein Leben in die Bilanz genommen
Jetzt da sein Ende still erklommen
Die Zeichen zu leugnen geht nicht mehr
Für nichts bleibt eine Wiederkehr
Gleichwohl sich in Dankbarkeit begnügen
Die Wahrheit schält sich aus den Lügen
Es fallen ein die schon längst gegangen
An denen die Seele zeitlebens gehangen
Buddy, Ritchie, Eddie in früher Jugendzeit
Harry und Elvis als Hoffnung schien weit
Für jene war alles viel kürzer bemessen
Doch niemals konnte ich sie vergessen
Diese Erinnerung verscheucht ein wenig das Zagen
Und läßt das Wissen ums Ende leichter ertragen
Seelenausbruch
Schmelzen im Lockstrahl endlicher Sonnenglut
Den Lockruf fern der Einerleiwüsten spüren
Sinnloses Ringen um Spruchentsprechungen
Kraft des Ausbruchs gegen irdische Bindung fühlen
Das Lied des Frühlings - wieder einmal
Tanzgesänge legen Girlanden um Spiegelwiderschein
Die Melodie der Täuschung - wieder einmal
Dennoch loslassen und fliegen in Uferlosigkeit
Ohne Gedanken an Netze und doppelten Boden
Einfach Gedanken in Bodenlosigkeit bannen
Keine Grübeleien um Sinn oder Preis
Einfach fallen in Seelententakeln
Gefangen von flirrenden Gemütsfäden
Ausbreiten im Meer tosender Gischt
Tausend Bilder aus Regenbogenfarben
Augapfelorgasmen und Berührungsmelodien
Ins Du eintauchen und Tiefen spüren
Signale
Signale, dumpf, unregelmäßig wechselnd.
Zunehmend ziehend oder stechend -
Ferne Regionen des Unterleibs rücken nah.
Zu nah für weitere Verdrängungen.
Zunehmende Wallungen an Gewißheit,
Trost durch verlockende Begegnungen:
Jimmy Morrison, Ritchie Valens,
Elvis Presley, Eddie Cochran -
Vor allem Buddy Holly und Kleist...
Ich stelle mir vor: Bildhaftigkeiten.
Biblische Verheißungsszenarien aus
Jugendjahren, dahingeflogen, fort.
Ich erinnere mich: das Glauben an
Ewigkeit und Wiedersehen, an die
Auferstehung, befreit und atmend.
Alternde Gedanken, still geprägt vom
Geist mannigfaltiger Erfahrung -
Aus Zuversicht leisen Zweifel gezeugt,
Verwandlungen in tausend Märchenbilder!
Kein Wort wahr aus klerikalen Mündern:
Herrschaftssicherung als Triebfeder.
Religion als Knüppel der Ekelpolitik.
Ende als Betätigungsfeld der Würmer -
Also keine Begegnungen, nur Ende...
Täglich Abschied
Täglich Abschied nehmen -
Bewußt und ohne Lust auf Täuschung:
Von Dingen dereinst selbstverständlich,
Banal geworden in täglicher Begegnung,
Abgenutzt von der Gleichgültigkeit gegenüber Zeit.
Doch jetzt diese Wehmut bei ihrem Schauen!
Doch jetzt dieses Gefühl der Einzigartigkeit!
Doch jetzt dieses Wissen um Unwiederbringlichkeit!
Ausfluß jenes anfänglich dumpfen Drückens:
Tief innen, ganz unten, gut versteckt,
Verborgen hinter schalem Mantel aus Lust.
Ignoriert und üblicher Wehleidigkeit zugesprochen.
Dann zunehmende Ausstrahlungen in Höhlen und Gebein -
Symptome immer deutlicher, unleugbar,
Ungerufener Gast zur Unzeit: der Peitschenknall der
Krebsgeisel im Herzen dröhnt...
Zwang zu Lebensbilanz und Ausblick ins Nichts:
Hat es gereicht oder war es zu wenig?
Grübeln im reißenden Strom, in den
Strudeln nach - ja wohin denn?
Doch halt - es bleiben noch Augenblicke:
Täglich schauend, saugend Abschied nehmen.
Brachlandoasen
Leergebrannte Erde totes Land
Ausgedörrt von Endlosreden der
Gunstbuhler und Glücksverheißer
Tanzboden der Lügenakrobatiker
Mattscheibeneinlullungsversuche
Kotzbrocken in Dur und Moll
Kabarettbesuche als Alibifunktion
Kritischen Begleitens der
Entwicklung quartärer Sektoren
Zukunftsverheißung als Totempfahl
Hetzen im lauten Terminwirrwarr
Nichts verpassen dürfen und dem
Ruf des Dabeiseinmüssens folgen
Furcht vor Ausgeschlossensein
Ängste aus Blicken ins Innere
Längst veräußerten Seins
Aber mitlaufen und mitheulen
Wald vor lauter Bäumen übersehen
Orgastische Hingabe entäußernd
Träume und Jugendfrohheiten
Dem Lockruf der Brachländler
Willenlos biegsam erliegen
Deren Spuren tiefer graben in
Leergebrannte Erde totes Land
Verzweiflungsgeheulvisagen
Magenfüllorgien als Sedativum
Den Blick mit tiefem Ekel wenden
Hinweg mit Zeitgeistexplosionen
Ödland als Aufgabe begreifen
Mit weit geöffneten Pupillen
Gleich dem Kinde am Wegesrand
Mit dörrend Rose in weicher Hand
Unsichtbarkeiten aufspüren
Jene hegend ans Licht gebären
Tautropfen der Hoffnung aus
Nässender Iris als Lebensquell
Niemals aufgebend den Takt der
Behutsamkeit im Schreiten
Nebenher dafür aber vorwärts
In den Schrunden suchen nach
Zärtlichkeitsregungen und
Liebe langsam wachsen lassen
Narrenschiffahrt
Im scheinbaren Wissen um Wirklichkeiten
Im grenzenlosen Selbstzufriedenheitsgetaumel
Gerechtigkeiten eigenmächtig festgelegt
(Den Zweifel gebannt)
Beständigkeit auf Windflügeln gebettet
(Der Möglichkeit des Falles preisgegeben)
Dabei sorglos dem Sonnengleißen zugewandt
Großpupillige Augen auf Hoffnungsbahnen
(Geglaubt Ewigkeiten zu schauen)
Das Ich weggerückt von Unmittelbarkeiten
Zuständigkeiten der Niederungen weggefegt
(Noch jenseits des Waberns von Sorglosigkeit)
Träume fliegen lassen
Haltlos und schamlos
(Nicht nach dem Preis geschielt)
Bei schnell verrinnender Zeit doch nur
Unveränderbarkeit gespiegelt
Genommen was unverbrüchliche schale
Selbstgefälligkeit nahegelegt
(Weder dem Tod noch dem Leben nahe)
(Letztlich Lüge und Selbstverleugnung ergeben)
Seeleben
Spiegel frohweißer Wolkenhoffnungen
auf glatter Wasserfläche - blaugrün.
Leises Blätterrauschen ins Gemüt:
Birkenmelodie aus Endlosigkeitsgesängen.
Gefühl stillstehender Zeit.
Gleichwohl Greifbarkeit von Zielen:
Zukunft als Gestaltungsmöglichkeit.
Deinen Atem neben mir - Schlummermelodie.
Geruch von frühlingsreifem Naß,
Lockdüfte in Sommerlandschaften.
Das Gestern irgendwo geschwunden -
hinter endlose Himmelslandschaften.
Erneute Schritte zum See.
Vorsichtig, langsam, bedächtig, zögernd.
Der See unverändert - in Größe und Form.
Die Birken - größer, älter, gebeugter.
Und - müder in ihrem Lied.
Vor allem aber: keine Spiegelungen mehr.
Verborgenes Gewässer unter Blattgewirr.
Schlinggewächse Tentakeln gleich
tausendfach verflochten und gewendet
in Teppiche der Undurchdringlichkeit:
Keine Spiegelfläche für Traumbilder.
Leben in eingegrenzten Möglichkeiten.
Doch weiter lebt er - der See:
wieder sein ruhigendes eigenes Leben
in der Stille von Ausgewechseltheit.
Sesselfurzer
Welt aus sicherer Perspektive erahnen:
Nicht zu nahe! Ferne als Halt.
Distanz leben - keine falschen Berührungen.
Vorgegebene Instruktionen:
Anweisungen als Richtschnur -
Untertanensicherheit.
Behutsames Kopfheben, schön langsam:
Nicht zu hoch! Gefahr von Höhenschwindel.
Welt aus vergilbter Zeugniswahrheit aufbauen:
Systematisch! Papierbeweis.
Bodenhaftung - keine Ausrutscher.
Angelernte Schulhaftigkeiten:
Lebensferne als Wahrheit -
Pennälergeistfortschreibung.
Behutsames Fingerzeigen, schön langsam:
Nicht zu schnell! Rückzug stets offenhalten.
Welt aus ehernem Staatsbüttelherz vorzeichnen:
Schön behutsam! Doch bestimmend.
Ordner führen - keine falsche Bescheidenheit.
Peinlich genaue Aufzeichnungen:
Verdichtung von Tatsachen -
Sesselfurzerperspektive.
Folgsam treues Köpfenicken, ganz kräftig.
Bis zum Schafott! Schmierfett im Staatsgetriebe.
Zeitwende
Taktgebende Uhren ausschalten
Nicht im Vergangenen grundeln
Auch der Zukunft nicht verfallen
Vielmehr Gegenwart spüren
Mit Leben füllen
Nach Chancen ausloten
Das Nahe erspüren
Die Ferne erspähen
Ferne und Nähe wägen
Sorgfältig trennen das
Überflüssige vom Notwendigen
Das Verbleibende schätzen
Nichtigkeiten mißachten
Geschwätzigkeiten meiden
Ohren versperren all den
Versprechungen öde und leer
Nichtmitmachen als Aufgabe
Verweigerung als Lebensinhalt
Züge alleine abfahren lassen
Vorbeigehen an Verlogenheit
Übersehen die Versuchungen
Mannigfaltiger Einbindungen
Ketten sprengen und abschütteln
Mensch werden und bleiben
Abziehbilder kapitalistischer
Konsumterroristen als Ekelobjekt
Vernetzungsversuche torpedieren
Systeme an ihrem Inhalt messen
Nicht an den Versprechungen
Machtträgern stets mißtrauen
Jene ins Leere laufen lassen
Nichtmitmachen als Aufgabe
Verweigerung als Lebensinhalt
Rufe der Unverdorbenheit folgen
Mensch werden und bleiben
Den eigenen Verstand entdecken
Und dann benützen um endlich
Aufzustehen aus ermüdendem Schlaf
Zeitwende einleiten und leben
Taktgebende Uhren zerstören
Selbstbegeisternde Eitelkeit
Botschaften verkünden: sich selbst darstellen,
Selbstsichtung als Realität empfinden.
Lokalredakteure einladen - unablässig.
Sich ablichten lassen, wohl geschminkt.
Worthülsen diktieren - aufdringlich.
Dabei maskenhaftes Dauergelächele:
beizeiten Sektkelche zur Hand.
Selbstdarstellung als Lebensaufgabe.
Den eigenen Arbeitsbereich streng definieren,
symbolhafte Überzeichnung von Wunschwelt.
Endlich an einer Spitze stehen - vorgesetzt!
Schule als bildhaftes Haus skizzieren:
durch ein Dach wie jenes von oben beschützt;
(Korrelat eigener oft nachgewiesener Ängstlichkeit)
Fenster zum Öffnen des Blickes nach draußen,
Neues entdecken, frische Lebensluft einsaugen;
(Selbst jedoch kleinsten Spalt furchtgeschlagen verriegeln)
Jederzeit offene Türen für Eltern und Gäste
(Für Minuten die eigene Verschlossenheit leugnen)
Meisterliche Akrobatik der Selbstverleugnung,
Phantastische Meisterung von Spiegelfechterei:
Knochengerüst mit Illustriertenmode umhüllt.
Untergebene öffentlich als erfahren verkaufen.
(Im Haus stattdessen penetrante Kontrolle)
Sie als idealistisches Kollegium etikettieren.
(Intern jedoch besserwisserische Gängelei)
Wohlfühlen - als Werbevokabel geheuchelt:
Wunschdenken als Medium von Seinsgewabere.
Angst, Angst, nackte Angst: Wirklichkeit zu
erfahren, begreifen zu müssen, spüren, riechen,
hören, lesen zu müssen. Furcht vor Enttarnung
auf zahllos rauhen Böden gesellschaftlicher
Herausforderungen. Furcht auf Forderungen
nach Verändern der Verhältnisse zu stossen.
Angst und Furcht zugleich - Konglomerat aus
Halbwissen und Esoterikeckenausdünstungen.
Wunschdenken als Selbstschutz, Ausgeburt
selbstverschuldeter Unmündigkeit sich eigenen
Verstandes zu bedienen: Psychokorsettpflege.
Digitalisierte Stränge intriganter Zielverfolgung:
Telefonkolportagen als Anonymitätsmaske -
Der Zweck heiligt die Mittel; dabei das Wort
Gott auf den Lippen in steigender öliger Penetranz:
gleichsam Lippenstift, fast abriebfest, austauschbar.
Alles plötzlich heilig bestimmt: Jahr 2000, Feste,
Tod, Leben, Karriere - vor allem das eigene Ich.
Vision von Schule als leerer Legitimationsausruf.
Beschützerinstinkte auch auf der Gegenseite
gefragt: wer, sagt an, ja wer befreit von dieser
Selbstbegeisterung unerträglicher Dummheit!
Allgegenwärtig
Im Raunen treibenden Windes
Auf ziellos tanzenden Wellen
Im täglichen Auf und Ab
Im Verklingen von Wortschwall
entfernt
aus den Augen verloren
Zeit der Umkehr in gurgelnd
Sumpf gesogen
Jedenfalls: von Zeit getrieben.
So verschwinden sie
Sekunden
Minuten
Stunden
Tage
Wochen
Monate
vielleicht gar Jahre
Allenfalls: von Zeit gebremst.
Zeit bremst nicht
fließt wertlos dahin
Keine Bewertung
Ohne jeglichen Wetteifer
Keine Lust auf Tänzeleien
Entrückt jeglichem Drang
Fließt grußlos grußhaft
Schafft nur abstrakten Abstand
Einerseits: sie drängt nicht.
Deine Sinne gestalten diesen Fluß
Dein Herz erzeugt Bewertungen
Deine Ängste treten die Pedale
Deine Entscheidung über Zeitwert
Hammer oder Amboss im steten
Rhythmus rinnender Zeit
Kraft des Einhaltgebietens oder
Treibenlassen in ungeordneter Bahn
Andererseits: sie drängt doch.
Noch mehr Gedichte:
Zuneigung
Wenn du dich fragst was es denn sei
das naht und dich schnell lobt
es ist der Chef der eilt herbei
schmiert Zucker dir aufs Brot
Gar nichts von dir sei ihm vertraut
fast alles scheint ihm fremd
ja er greift nur nach deiner haut
und will dein letztes Hemd
Sie alle mögen dich ganz heiß
Bei ihnen sollst du tanzen
Doch saufst du ab gehn sie ganz leis
und schonen sorgsam ihre Ranzen
Der Tölpel
Es war ein emsig Tölpeltier
und es schrieb und las und sah
alles fraß mit großer Gier
und dachte es sei nah
all dem Geschehen dieser Welt
nichts blieb davon verschont
dabei ging es ihm nur ums Geld
stets fragend ob es lohnt
Und als der Reichtum angeschafft
vorbei war nun all die Not
da ward es schnell hinweggerafft
von klopfend Gevatter Tod
gedichte zur angeordneten weiterbildung und
ihrer obrigkeitsgefälligen dynamik ...
(- ein kurz(schluss)zyklus -)
i) versuch in gruppendynamik
kärtchen gemischt und kärtchen gezogen
gegriffen im zufall gleichwohl ganz verbogen
grüppchen gebildet und grüppchen gefunden
gesprochen im schweigen ganz ungebunden
ziellos gesessen und auch ziellos gegessen
die zeit ganz fest platt an die wände pressen
hände verkrampfen und in unterleibe krallen
ein blähen und gurgeln und ein endlos lallen
gefesselt auf stühlen gestrauchelt im denken
im suchen nach sinn sich die glieder verrenken
auf weissem papier strichmännchen gewogen
tatsächlichen stillstand vom hirn fortgelogen
ii) es tanzt der bär
es zottelt im saale es trampelt in zeilen
gezwungenermaßen in bildung verweilen
buchstaben sortieren und sätze verwalten
die hintern festkneifen das rückgrat verhalten
blicke am rande des eigenen tellers festzurren
nur ja keinen laut der könnte klingen wie murren
es nähern sich pranken auf brettern die schwanken
die sinnlosen silben auf ganglien entlang ranken
das felltier spielt auf zu seinem albernen tanz
und niemand wagt zu zertreten den zottligen schwanz
iii) der bär tanzt immer noch
und sitzen wir erst da und gibt es kein entrinnen
es dehnt sich das gespäch hinein es gilt zu sinnen
wer was warum wohin in alle welt gegangen
und all die hier verweilen so endlos tief gefangen
es räuspert rülpst und gurgelt aus kaltgepressten herzen
längst erfriert auf eis was einst noch hoffend scherzen
es dunkeln sich die fenster von schwarzem bärgezottel
da wird es siedend heiß man macht sich selbst zum trottel
iv) die belobigung des bären
guter bär du schleichst so stille
ganz gewand und zielbewußt
leicht verborgen eisern wille
mit dem du andere stempeln mußt
in schein und sein ganz durcheinander
die zeit jagt dich durch wälder heim
es gilt zu jagen in störend mäander
man sollte glätten und fröhlich bei wein
eigene hast ruhig den anderen zu weisen
und sich dann seiner erfolge zu preisen
(Anmerkung: gewand und nicht gewandt !)
v) wo isser denn der bär
pfotentritte in aufgeweichtem grund
abdrücke in tauenden schneeresten
richtung wegwärts jedenfalls fort
zottelreste an dornenhecken gehakt
aufgereiht in abständen unregelmäßig
gleich einer unordentlichen garderobiere
ein hauch von bärendunst noch überall
jedoch geschwärzet ins dunkel gehüllt
das brummen fernab sich im nichts verlierend
was einmal tanz ist nun freudloses tappsen
unbeachtet ungewichtet ungezählt ungesehen
bärenfell versucht verjährende runzeln zu decken
gleichwohl nicht dicht genug nicht hinreichend warm
vi) gruppendynamik der gruppendynamik
rumpel pumpel käseküche es rinnen streng die geistesgerüche
im händchen halten sich entfalten und sein kleines ich verwalten
ein klein wenig ringelpiezchen und dazu klein müller lieschen
nur nicht zu laut und nicht zu leise hinein in diese grüppchenreise
wir wollen doch die welt entdecken hervor was hinter dichten hecken
ein wenig suff und ein bankett das macht so manchen alltag wett
schnell die brille aufgesetzt sorgsam die messer scharf gewetzt
und auf gehts gegen all die laffen die es wagen hier zu gaffen
die hier kommen mit räsonieren oder gar offen kritik probieren
wer will es wagen kommt sagt an zu ändern das was man hier kann
man wirds euch geben wirds euch zeigen wer nicht tanzt hier in dem reigen
der wird schnell vor die tür gestellt hat nichts zu suchen in dieser welt
wir wollen tanzend pflegen unser wesen an ihm soll alle welt genesen
und wer nicht fällt unter unsere huld mein gott der ist halt selber schuld
Der Fernblick im Kreuz
THOMAS J. Harding
Eine Erzählung aus dem Reich träumerischer Wirklichkeit
1
Er ist schon immer gerne hier gesessen. Vor allem mit diesem Fernblick. Und mit der Stille ringsumher. Wie oft hier herauf gestiegen, wenn die laute Welt dort drunten ihm überdrüssig geworden war. Und das geschah oft. Mindestens einmal in der Woche. Manchmal auch mehrmals am Tag. Gründe hierfür gab es immer wieder. Eigentlich andauernd. Doch je nach Stimmungslage konnte er sich ihnen entziehen. Ihnen Widerstand entgegen setzen.
Hier oben, wie auf allen seinen Wegen in den Höhen, hat das Kreuz ihm ruhenden Halt bedeutet. Ganz im Gegensatz zu dort drunten. Dort war ihm diese Symbolik lediglich Ausdruck habgierigen Nimmersattseins gewesen. Mit einem inneren Angewidertsein hat er sich mit verblassender Kindheit immer weiter von den irdischen Tönen, die ihm seine gottgefällig lebende Großmutter nahe gebracht hatte, entfernt. Ganz selten, daß er einen dieser Schwarzröckler als das erleben konnte, als das sie sich immer so gerne ausgegeben hatten und es immer noch tun. Religion und wie auch immer man die ihnen entsprungenen Erfindungen nennen wollte: für ihn war das allenfalls tiefe Natur und Ruhe, Stille, Entspannung für das geplagte Gemüt. Niemals hätte er diese Gedankenwelt akzeptiert als Ersatz für Auflehnung gegenüber irdische Ungerechtigkeiten. Ob es der Pfaffe war, der seinen Religionsunterricht mit nächstenliebender Prügelei auffrischte, wenn er nicht weiter wußte oder wenn gar jungschülerische Zweifel ihm entgegen geschleudert wurden. Ob es die nach Tagebucheinträgen schnüffelnde Mutter war, die zudem stets Freundschaften aussuchen und aufdrängen wollte. Ob der dem Leben sich abwendende Vater, der im Beruf sein Heil und die Entsprechung seiner Blindheit suchte. Ob die zeitlebens nach Erbschaft schielende Verwandtschaft, die fast täglich irgend jemanden in Hoffnung auf schnellen Reichtum einsargte. Auch die um die Absicherung ihrer beruflichen und anderer Pfründe bemühten Funktionäre mit ihren Lügengeschichten und Dummheitsorgien waren ihm mehr als einmal täglich zuwider.
Nein, das Spüren und Erleben von Ungerechtigkeit hatte ihm schon immer das Leben erschwert. Dabei war er gewiß nicht so erzogen worden. Vielleicht das Beispiel der religiösen Großmutter. Aber so genau kann er sich auch nicht mehr erinnern, um auch nur eine Idee von Eindeutigkeit im Denken abzuleiten.
Zu diesen Ungerechtigkeiten gehörte nicht zuletzt das Geschrei, das um diese Leistungsgesellschaft gemacht wurde. Wenn Dummheit und Spiele so reich machen können, wie es hier möglich ist, dann stimmt etwas längst nicht mehr. Wo bleiben da die Ergebnisse des Wertegedonners von Kanzeln und anderen Rednerpulten? Nein, für ihn war diese Welt verkommen und verlogen. Und ausklinken mußte man sich können. Immer dann, wenn jene nach Menschlichkeit, Einfühlung, Hilfsbereitschaft und anderen Formen der Selbstaufopferung schrieen, dann war es Zeit, hellhörig und hellwach zu werden. Also immer.
Er blickte hinauf, durch die mathematischen Schatten, die das Kreuz warf, in den endlosen Himmel über ihm. Eine Endlosigkeit in Blau getaucht. Kein Wölkchen weit und breit zu sehen. Er mußte die Augen zusammenkneifen; so sehr stachen die wärmenden Sonnenstrahlen herab. Wenigstens war er alleine hier. Das war hier an diesem Ort nicht allzu oft möglich.
Wohltuend dieses Gefühl des Unbelästigtseins. Unterhaltung wäre ihm jetzt nur störend gewesen. Seine Gedanken sollten sich frei entfalten können. Frei und unbeeinflußt. Vor allem auch weit. Gleich dem Himmel über ihm. Fließend. Ohne Grenzen. Die Bergdohlen empfanden auch ihre Freude. Sie kreisten um ihn herum, hüpften und tanzten, nur um ihren Anteil von schmackhafter Brotzeit zu ergattern. Auch hier die Unterschiede. Schüchterne, vorsichtige, um sicheren Abstand bemühte, dann wieder die dreisteren, furchtlosen, die keine Sorge zu haben brauchten, auch nur in irgendeiner Form zu kurz zu kommen. Eine ganz besonders Mutige setzt sich immer wieder auf das lichte Haupthaar und erinnert an die erhoffte Fütterung durch leichtes Kratzen mit den Krallen. Er zweigt in regelmäßigem Abstand einen angemessenen Anteil vom Müsliriegel ab und reicht ihn vorsichtig an der Nasenspitze vorbei nach oben, wo die Dohle ebenso vorsichtig mit dem Schnabel nach ihrem Recht pickt. Das gefällt ihm. Ein Stück Unorthodoxie. Dohlenindividualismus. Suchen nach eigenen Regeln. Wenigstens ein Stück Abweichung. Dabei doch nicht gefährdet. Wirklichkeitsgerechte Einschätzungen ohne sich schnell preiszugeben.
In der Ferne, weit irgendwo im Norden, jene aufsteigenden weißen vollgeknallten Wolken. Gundremmingen. Kernige Kraft unter harmlos scheinender Wasserdampfhülle. Aber man hat sich daran gewöhnt. Auch er. Vor allem hätte er keine große Lust gerade dagegen aufzubegehren. Wie es kommt, so kommt es. Da hält er es ein Stück weit mit den Fatalisten. Für ihn gibt es Wichtigeres. Das Unsichtbare hat ihn noch nie richtig bekümmern können. Erst das Sichtbare erfassen. Dieses greifen. Aufsaugen oder, wenn nötig, ausspucken. Sollte dann noch Zeit bleiben ... Aber diese Zeit bleibt einem nie. Zumindest ihm nicht. Dabei neiden ihm viele seine angeblich und immer wieder vorgehaltene freie Zeit. Als sei freie Zeit etwas Unanständiges. So eine Art Aussatz. Wenn jene nur nachvollziehen könnten, wie seine Zeit geklammert ist. Jede einzelne Sekunde. Wenn er sein Stückchen Brot oder Riegel kaut - für ihn ein Wehen bewußt erlebter Zeit. Ein Hauch von Anfang und Ende zugleich. Dazwischen: ein Streifen Zeit. Davor andere erlebte Zeit. Danach wiederum andere erfahrene Zeit. Aber immer dieses Spüren von Zeit. Das ist ihm wichtig. Keine Minute ignorieren. Zeit nicht zur Kenntnis nehmen - das wäre für ihn Sünde. Jedenfalls auch und besonders. Längst hat er die weiße Ferne wieder aus den Augen verloren. Auch aus seiner Gedankenwelt verbannt. Die Nähe hat ihn wieder. Oder vielmehr: er hat die Nähe wieder gefunden. Der grüne Bergwaldgürtel unter ihm, vereinzelte Almhäuser, teilweise mehr verfallen als beständig und das sich leicht schlängelnd ziehende enge Tal.
Von einem Gott sei Dank fernen Hang segeln vereinzelt Gleitschirmflieger hinab, lassen sich wieder hoch in die Lüfte tragen, um dann erneut festerem Halt zuzustreben. So als könnten sie sich nicht entscheiden zwischen den Lockungen luftiger Unsicherheit und festem Untergrund. Er ist wirklich froh, hier oben und nicht dort unten sein zu dürfen. Für die Dohlen ist er, jetzt da er seinen Proviant aufgegessen hat, uninteressant geworden. Ein Hauch Beleidigtsein legt sich kurz über sein Gemüt. Ein Gefühl, mißbraucht worden zu sein. Ausgenützt worden zu sein. Schon muß er über seinen bereits wieder verschwindenden Anflug von verletzter Eitelkeit schmunzeln. Als ob er sich groß von jenen Dohlen unterscheiden würde! Nein, nur keine blödsinnige Aufrechnerei. Schönheit und Zufriedenheit läßt sich nicht festhalten, schon gar nicht vertraglich festzurren. Sie ist oder sie ist nicht. Man spürt dies oder auch nicht. Da und schon wieder weg. Einzigartigkeiten als Summe im Spiel des Lebens. Nicht jenes niederträchtige und entwürdigende Hecheln nach Wiederholungen. Kein Aneinanderreihen von Nichtigkeiten. Was ist denn gewonnen mit all den Willfährigkeiten? Mit jenen Folgsamkeiten? Mit solcher Gleichschritterei? Doch nichts. Zumindest nicht für ihn.
Er erinnert. Warum gerade jetzt? Nicht nachvollziehbar. Damals. Die neue Arbeitsstelle. Die ihn hofierende Kollegin. Warum er denn nicht mitfahren würde beim gemeinsamen Ausflug? Zum Oktoberfest! Wenn er schon dieses Wort hört. Diese Ansammlung von geballter Menschenmasse in ihrem tumben feuchtfröhlichen Walzen durch nichtssagende totgeschlagene Zeit! Man könne sich ja trennen und einen Schaufensterbummel in der Kaufinger Straße machen ... Noch nie wollte er eine Blödheit durch eine andere ersetzen - nur damit überhaupt irgendetwas geschah. Lieber dann schon das geschehen lassen, was ohnehin ablief: das nackte Leben in seiner weitgehenden Ungestörtheit. Natürlich ist er damals nicht mitgefahren. Und die Kollegin ist ihm schneller ferne geraten als - jetzt sieht er sie doch wieder! - die Dampfwolke von Gundremmingen.
Ihm fällt immer wieder etwas ein. Hier oben. Eigentlich ziemlich viel. Ein Sammelsurium von Mosaiksteinen oder auch größeren Platten. Mal glatt, mal eckig und grob kantig. Geschliffene und rauhe. Also ist ihm halt auch diese blöde Ausflugsplauderei kurz gegenwärtig geworden. Da fällt ihm ein: einmal ist er doch auf so einem Betriebsausflug mitgegangen. Das war allerdings vor jener Oktoberfestversuchung gewesen. Da war er noch etwas unbedarfter gewesen. Man ist also gewandert. Ziel war natürlich eine Gastwirtschaft. Gastwirtschaften sind oft ein Ziel, wenn die Phantasie ihre Träger im Stich läßt. Damit jedoch nicht nur der Leibeslust gefrönt wird, schieben die Leute gerne etwas dazwischen. Etwas, mit dem sich irgendein anderes Etwas rechtfertigen läßt. Etwas legitimiert etwas und am Ende stehen alle wieder vor dem ewigen Menschheitsrätsel, was wohl da zuerst gewesen sein mag: die Henne oder das Ei. Na ja, am besten man frißt beides gleichermaßen auf und die Sachlage drückt die allermeisten Zeitgenossen dann nicht mehr allzu sehr oder überhaupt nicht mehr. Also, jenes Etwas damals, das man so als gleichsam arbeitsbezogene oder von seiner Warte aus als kulturbezogene Ausflugsbereicherung eingeplant hatte, war ein Wasserwerk gewesen. Die Besichtigung eines Wasserwerkes im heimatlichen Gefilde.
Eine fürchterliche Langeweile und Öde hatte ihn in jenem Wasserwerk plötzlich befallen. Zunächst versuchte er seine Abwesenheitssehnsüchte durch Betrachten und Beobachten der Physiognomien all jener äußerst interessiert dreinschauenden und geflissentlich sich zwischen fetten Rohren, glotzigen Motoren und bauchigen Behältern bewegenden Kollegen und Kolleginnen zu stillen. Keine anhaltende Linderung des Schmerzes! Dann nutzte er eine kurze Stille (der Ingenieur hatte seine Erklärungen ausgesetzt) aus, um mit grabesernster, aber doch laut auch den letzten Winkel durchdringender Stimme zu bitten, man möge diesmal doch nicht so wie beim letzten Male wieder einen der großen, schweren Elektromotoren mitnehmen. Diese Bemerkung half eine geraume Zeit. Er konnte sich gut an der anerzogenen Schweigsamkeit und den antrainierten Peinlichkeitsattitüden seiner Umgebung erfreuen. Jetzt wäre eine Kamera schon ganz schön hilfreich gewesen. Manchmal sollten Dinge halt doch festgehalten werden können. Zumindest um den Spiegel der Boshaftigkeit gut auszuleuchten. Was die ganze Angelegenheit noch einträglicher machte: zwei Kolleginnen nahmen die Störung wohlwollend und Beifall lächelnd auf. Er spürte sofort, daß hier bald eine Wiederholung kommen mußte. Die Gelegenheit ergab sich dann gegen Ende der Besichtigungstour. Alle standen vor einem geschlossenen Riesenbehältnis, in dem das Wasser für die ganze Region auf Abruf wartete. Alle schauten so gebannt und interessiert (so einen Wasserbehälter sieht man schließlich nicht jeden Tag), so daß zwangsläufig wieder eine Stillepause sich einstellen mußte. Nun forderte er wiederum mit fester, für alle gut vernehmlicher Stimme die stellvertretende Chefin auf, nicht schon wieder hier ihr Wannenbad zu nehmen, zumal nicht einmal Freitag wäre. Sympathie und Antipathie blieben selbstverständlich genauso rigide verteilt wie bei der Motorendiebstahlvereitelung. Noch heute, obgleich es ja wirklich schon eine Ewigkeit her ist, kann er sich köstlich über die wieder auftauchenden Bilder freuen. Obwohl er auf dem Bergesgipfel sitzt. Obwohl das Kreuz ihn eigentlich mahnen sollte.
Jedenfalls war dies sein letzter gemeinsamer Ausflug mit Arbeitskollegen gewesen. Die Szenerie des Mampfens und die essensgeilen Blicke beim anschließenden gemeinsamen Abendessen (und die wohl für die allermeisten unverzichtbaren Weiterungen durch exzessiven Alkoholkonsum) konnten seinen längst gefassten Entschluß nur noch bestärken. Dabei war es - nach Vorgesagtem für Unvoreingenommene fast nicht vorstellbar - nicht so, daß jene ihn nicht noch des öfteren zum gemeinschaftlichen Genießen aufgefordert hätten. Er wollte das einfach nicht. Zu viel Masse, zu wenig Klasse! Bei diesem blödsinnigen Reim huscht schon wieder ein Lächeln über sein Gesicht.
Vor allem viel zu viel gestohlene Zeit. Und Zeit war, ist und bleibt ein knappes Gut. Eines der größten Komplimente für ihn war es immer, wenn er - für die Außenwelt scheinbar untätig - herumflegelte und sein Vater ihm vorwarf, er würde dem Herrgott nur dessen Zeit stehlen. Da fiel es ihm stets wie Schuppen von den Augen. Da erkannte er die Notwendigkeit. Zeitdiebstahl als Lebensziel! Sie denen wieder wegnehmen, die glauben über das verfügen zu können und zu müssen, was eigenes und richtiges Leben eigentlich erst möglich macht: die eigene Zeit.
2
Schriftsteller ist er mehr durch Zufall geworden. Damals. Nächtelang hatten sie zusammengesessen, getrunken, eine bessere Welt gemalt, im rauchigen Dunst sich hinweg geträumt. Zusammen und doch letztlich jeder für sich alleine. Hinein in die jeweilige individuelle Ausstiegsluke. Und geschwiegen. Jeder vor sich hin. Letztlich stundenlang. Nicht einmal mehr die Taktschläge irgendwelcher Uhren wahrgenommen. Aber zuvor geredet. Viel geredet. Und später auch wieder. Wie gesagt: in den Köpfen entstanden bessere Welten. Mal einfacher, dann wieder komplizierter strukturiert. Geschliffen, aber auch wieder neu geformt durch die regelmäßige Wiederkehr von Realität. Einige gingen noch zur Schule, andere fristeten ihr Dasein als das, was die in manchen Situationen so ferne Gesellschaft als “ewige Studenten” bezeichnete, ein paar tauchten tagsüber im handwerklichen Lohnerwerb unter und der kleine Rest war ständig damit beschäftigt, sich zu überlegen, wo es überhaupt einen Ort des Haltes gab. Es gab sogar einen, der nicht einmal bereit gewesen wäre, von der Gesellschaft Sozialhilfe für seinen Lebensunterhalt einzufordern; allzu stark hatte sein Inneres schon die Abkehr vollzogen. Zumindest war er konsequent. Sehr. Und dann war da noch Claus Eduard. Er stellte immer wieder seine Sinnfragen: ob er bereits heute, oder erst morgen, oder vielleicht überhaupt nicht seinem Leben Lebewohl sagen sollte. Einmal plante er Familie und Hausbau mit seiner Freundin, einer zuverlässigen Krankenschwester, ein andermal saß er mitten im Wald auf einem Jägerstand und dachte über den Freitod nach. Es gab keine Regelmäßigkeit in seinem Trachten. Einfach spontan. Unberechenbar. Ein Träumer sei er, sagte seine Freundin häufig, wenn er diesseits oder jenseits der Realität seine gedanklichen Kreise zog, und schaute ihn dabei liebevoll an. Nie war jemals ein Vorwurf in ihrem Blick, nie ein klagender Unterton in ihren Worten. Sie nahm ihn wie er war. Zog mit ihm dann auch später zusammen. Fand ihn an einem Tag wie jeder andere tot vor als sie von der Arbeit heim kam - den Kopf auf der riesigen runden Tischplatte in der Küche. Zyankali. Ein Arbeitsmittel für seine Goldschmiedetätigkeit. Er hatte noch mit zittriger Hand die Oberfläche bekritzelt. Daß er sie liebe, daß er doch nicht fortgehen möchte. Zu spät.
Derjenige, der die Idee mit dem Schreiben hatte, sprach laut aus, was alle anderen dachten: wäre nur jemand nachmittags an jenem Tage zu Claus Eduard gekommen, zum Kaffee oder Tratsch, dann wäre wohl nichts passiert. Und wahrscheinlich hätte Claus Eduard Tage später vielleicht beiläufig erwähnt, daß er sich am Tage jenes Besuches eigentlich hätte umbringen wollen, es dann logischerweise unterließ und deshalb nun weiterlebe.
Aber man kann nicht immer kommen. Wer kennt schon die richtigen Zeitpunkte? Der Lauf der Dinge ist halt nicht immer berechenbar. Oder eher äußerst selten.
Dabei war Claus Eduard noch mitten unter uns als die Vorgeschichte unseres Schreibens ihren Ausgang nahm. Wie oft so üblich wurde auch in unserem Kreise meist der Erfolg des anderen geneidet, zumindest ironisch kommentiert. Die Angst, sich anzupassen an das, was man vorgeblich ablehnte, war allzu groß. Also lieber die leiseste einschlägige Gefahren andeutende Regung bekämpfen. Wenn zum Beispiel bei einem Studenten das universitäre Daseinsende sich abzeichnete, wurden zunächst dessen Prüfungsängste und seine notwendigen Endspurtanstrengungen so kommentiert, daß die Probleme eher zu- als abnahmen. Nach erfolgreicher Prüfung dann jedoch, und erfolgreich waren wir zumindest in dieser Hinsicht letzten Endes alle irgendwann, ging es weiter bei der Kommentierung hinsichtlich der Anstrengungen, einen geeigneten Arbeitsplatz zu finden. Damals war die Zeit der langen Haare. Die Zeit jener friseurfeindlichen Frisuren. (Klar, kein Friseur hätte diese keinen Gewinn bringende Mode auch nur im entferntesten als Frisur eingestuft.)
Also: es kam die Zeit des Spottes. Jetzt würden wohl die Haare abfallen. So könne man ja nicht ins Management. Da müsse man bei einem Imageberater (welch nettes Wort - es wurde tatsächlich so gebraucht) nun Anleihen nehmen. Nichts mehr mit nächtelangem Gelage. Man könne nur noch bürgerlich. Die Zeiten würden andere.
Dabei hämische Blicke. Dabei der Beifall der nicht unmittelbar Betroffenen. Dabei waren wir doch alle eigentlich unmittelbar Betroffene. Zumindest dann, wenn man Freundschaft ernsthaft pflegen wollte. Letztlich traf es einen jeden. Und eine jede. Aber im Augenblick gab es immer nur ein Opfer. Den augenscheinlich Unterlegenen. Jenes Tier in Not. Jagdmentalitäten. Dabei wollten wir doch alles anders machen. Besser. Nicht so wie “die Alten” in ihrer Spießbürgerlichkeit.
Die Zeiten würden andere ... Als ob es nicht immer so gewesen wäre, als ob es nicht immer so sein würde. Zeiten werden nun mal immer andere. Was man daraus macht, sollte ein Gespräch wert sein. Nicht die Tatsache als solche.
Hinter dieser Ironie oder auch Boshaftigkeit verbarg sich meist unverzüglich die Gegenwehr. Ich erinnere mich gut. Einer von uns, der heute einen Abschluß in Wirtschaftswissenschaften und ein eigenes Unternehmen aufgebaut hat, besaß in seinem kleinen Zimmer im Elternhaus eine Verstärkeranlage, einen Synthesizer und mehrere Elektrogitarren. Natürlich auch einige Effektgeräte. Er teilte dieses Ambiente seit Jahren mit einem Kanarienvogel und fettem Zigarettendunst. Spöttische Bemerkungen hatten bewirkt, daß nicht einer von uns ihn jemals zum Vorspielen gebracht hätte. Ganz im Gegenteil! Keiner konnte sein Können beurteilen. Nein, wir wußten nicht einmal, ob er überhaupt spielen konnte. Und aus dem Nichtwissen wurde schnell eine Tatsache: er kann nichts. Und der Dauerspott war ihm sicher. Für ihn wohl nur ein Fingerzeig auf noch mehr einschlägige Zurückgezogenheit.
Damals hatte ich eine Freundin, die es mit ihrer Natürlichkeit gut verstand, zurückgezogen wirkende Menschen aus ihrer Reserve zu holen. An einem kalten, nebligen Abend beschlossen wir während eines Spaziergangs, ihn zu besuchen. Er hatte sie nie in seinem Leben vorher zu Gesicht bekommen. Und er spielte. Man mußte ihn gar nicht lange fragen. Und was wir da hörten war phantastisch. Wirklich von hohem musikalischen Können.
Also ich erinnere mich gut. Ich stand unter einer Dusche im Studentenwohnheim und dachte plötzlich an all die Versuche in unserer Gruppe, zu konformieren, zu formen, zu halten, zu bremsen, letztlich zu uniformieren. Auch meine musikalischen Qualitäten waren oft Gegenstand des Gemeinschaftsspotts gewesen - allerdings nicht ganz zu unrecht, wie ich gerne eingestehen möchte. Als das Wasser an meinem Körper herunter prasselte kam mir so die Idee, auf einer Bühne musikalisch etwas so vorzuführen, daß das Publikum unausweichlich miteinbezogen werden würde. Ich weiß nicht mehr, woher der Gedanke kam: die Bühne ist nicht oben, die Bühne ist nicht unten, die Bühne, sie ist überall ...
Eine seltsame schöpferische Unruhe überkam mich. Ein Gefühl, genau das tun zu müssen. Eine Lust auf Durchführung. Noch am gleichen Tag fuhr ich abends die zwanzig Kilometer zu ihm, dessen Wirtschaftsstudium sich dem Ende zuneigte, dessen Äußeres wohl ein klein wenig den Arbeitsmarktforderungen Tribut zu zollen haben würde. Wie gesagt, ich suchte ihn auf, erzählte von meinem Duscherlebnis und sein mehr als vielsagendes Grinsen zeigt mir, daß er in Gedanken schon mir und meinen doch noch recht vagen Plänen vorauseilte. Er sagte lange nichts, aber seine Mundwinkel und Augenfeuer sprachen Bände.
Wir fanden schnell noch einen Gleichgesinnten, natürlich auch aus dieser spätjugendlichen Gemeinschaft, die stets mit Argusaugen vermeintlich Abtrünnige beäugte, und dann saßen wir allabendlich bei Rotwein und einem Hauch von vorweggenommener Belustigung und schrieben Texte. Texte, Texte, Texte.
Natürlich hatte ich auch in meiner Kindheit schon erste Schreibversuche unternommen. Ich glaube fast alle Kinder und Jugendliche kommen mehr oder weniger intensiv mit dieser Form des Sich-Ausdrückens in Berührung. Und sei es nur in Form des sattsam bekannten Poesiealbums. In jenen jungen Jahren schrieb ich die ersten Gedichte, begann einen kleinen Roman (in Anlehnung an die Schundhefte, die wir fast alle damals verbotswidrig gelesen haben) und schrieb meine Gedanken auch in Form eines kleinen Tagebuches nieder. Aber diese zaghaften Versuche waren eigentlich längst schon wieder vergessen, hatten anderer Lebensgestaltung weiten Platz gemacht.
Irgendwie war ich nun aber zurück gekehrt. Endlich etwas schreiben. Und zwar freiwillig. Nicht von lästiger Schulaufsicht oder Elterndisziplin gebändigt. Kein blödsinniger Besinnungsaufsatz, dessen Thema fremdbestimmt war. Nein, frei, ungezwungen, ungehemmt. Also noch mehr als zur Kinderzeit, wo die sprachlichen Ausdrucksmittel natürlicher Begrenzung unterworfen waren.
Also traten wir auf. So eine Mischung aus Liedern, Kabarett und satirischen, man kann sagen teilweise auch gehässigen, Bühneneinlagen. Und allem lag die erfahrene Kleinstadtwirklichkeit zugrunde. Es war erstaunlich, wie leicht und aus welchen Quellen sich Information erschließen läßt, wenn man es erst einmal ernsthaft betreibt.
Und das Publikum? Es fühlte sich großenteils angesprochen, selbst dann, wenn es so gar nicht gemeint war. Und die Reaktion? Die war gemischt. Der Großteil war vom Inhalt genauso angetan wie es die musikalische Fähigkeiten als allenfalls mittelmäßig einstufte. Selbstverständlich war auch bei einem Teil blasierte Gleichgültigkeit wahrzunehmen. Und ein geringer Anteil der Besucher sah sich erkannt, ausgezogen und zeigte unverhohlene Aggression. Und da war dann noch Claus Eduard. Zuerst ganz hinten in dem kleinen Saal, mit lauten, spitzen und nach Verletzung lechzenden Zwischenrufen. Irgendwann dann ganz vorne, strahlend, mitmachend und ebenso wie zuvor Aggression jetzt unverhüllt Begeisterung zeigend. Und auch deshalb muß ich oft an ihn denken, wenn ich von dem Beginn meines eigentlichen Schreibens spreche.
Letztlich war es diese Reihung von Zufällen, die gewiß mitverantwortlich war für mein Bedürfnis, das Schreiben nicht mehr aufgeben zu können. Dabei hatte ich längst den sicheren Beruf, den die anderen wohl auch gerne gehabt hätten, gehörte schon lange zu dem, was sie als verdächtig und spießbürgerlich empfanden und irgendwie doch insgeheim mehr schamhaft als gänzlich verdrängend suchten.
Ich also der Etablierte, aber doch Geduldete. Gesehen als einer, der es irgendwie doch zu schaffen schien, ein Leben relativer Unorthodoxie inmitten bürgerlicher Alltäglichkeiten zu leben. Von außen sieht sich das einfacher, als es Innenansichten preisgeben würden. Aber das war nun mal das Bild, das sich viele gemacht hatten. Für mich wurde das Schreiben zum Ausbruch, zum Abtauchen in das, was ich als die wirkliche Welt empfand: nämlich Sehen und Aussprechen, was unter den Zwängen täglichen Abverlangens so nicht möglich ist, von Opportunität ganz zu schweigen.
Er war also Schriftsteller geworden. Aber bis zu seiner ersten Veröffentlichung sollte noch geraume Zeit vergehen. Sehr viel Zeit. Die Kabarettgruppe, oder wie man sie auch immer nennen mag, ging den Weg alles Irdischen - auseinander. Zerfallen in das, was sie in der Dauer ihres kurzen Bestehens eigentlich immer gewesen war: Einzelteile.
Er schrieb keine Liedtexte mehr. Kaum noch. Für was auch. Die örtliche Bühne hatte jegliche Bedeutung verloren. Der Blick ins Gestern war ihm fremd, wenn er ausschließlich Beharrung und sinnlose Bewahrung versprach. Er wollte den Fluß, dieses Fließen in des Lebens Strom. Alles zu seiner Zeit. Und jene Zeit war längst um, bereits vergangen als es die wenigsten in der Gruppe zu bemerken schienen. Er schrieb jetzt über das, was breiteres Leben ihm aufnötigte, die kleine Bühne wurde von ihm weg getauscht. Ersetzt durch dieses Eingebettetsein in einen anderen Rahmen, der alte Bedeutungslosigkeiten austauschte. Ein späterer Freund, dem er sich diesbezüglich einmal anvertraut hatte, meinte leicht süffisant, eingetauscht in andere Bedeutungslosigkeiten. Aber dies war ihm in seinen schriftstellerischen Ambitionen egal. Bedeutungslosigkeit ließe sich nur aus Bewertungen erschließen, jene wären stets erst im Nachhinein möglich und solange der Augenblick nicht aufs Gemüt in unerträglicher Weise drücke, bliebe die Gegenwart zunächst einmal als das Erfassenswerte und Lebensnahe, gab er zurück. Damit wolle er aber weder eine Bedeutung von Vergangenheit und Zukunft leugnen, aber ihm ginge es um die Form der Gewichtung des Lebenslaufes, und zwar seines Lebenslaufes.
Er schrieb einen Roman über eine tragische Beziehungsfalle. Mit einem leicht kriminalistischen Hintergrund. Etwas Urlaubsinselszenerie in Abwechslung zum deutschen Alltag, in dem alles seinen Anfang nehmen mußte. Das war die Mixtur, die ihm das Schreiben lenkte. Fragen nach dem Warum dieser Organisation beantwortete er mit einem kurz hingeworfenen Argument, daß er dieses Buch schließlich verkaufen wolle. Sein Ziel sei es, irgendwann von seiner Schreibe so leben zu können, daß er seinem bürgerlichen Arbeitsverhältnis Lebewohl zu sagen vermöge.
Er träumte davon, etwas zu schreiben, was in der von ihm gesehenen Konstellation alles andere als alltäglich wäre, etwas, das neben Lesestoff auch brauchbar für eine Verfilmung wäre, um so den Ausstieg finanziell besser abzusichern. Entsprechend suchte er aus Erzählungen und eigener Phantasie, aber auch aus dem Blickwinkel kühler und nüchterner Erwägungen den Rahmen, der sich letztlich in die von ihm erhoffte Brauchbarkeit formen ließ. Auf keinen Fall wollte er jedoch auf bestimmte Bedürfnisse verzichten. Er lebte Distanz. Diese Distanz sollte auch in seinem Roman ihren angemessenen Platz finden. In dieser Hinsicht war er zu keinerlei Kompromiß bereit. Diese besondere Dimension der Zeit. Distanz als Abstand. Distanz als Gewinn. Distanz als Zeitgewinn. Nur bei gesicherter Distanz läßt sich die Gefahr des Zeitdiebstahls von außen mindern, wenn schon nicht gänzlich verhindern. Das war ihm eine liebgewordene Maxime geworden. Und die würde er gegen alles und gegen jeden verteidigen. Auch gegen einen halsstarrigen Lektor. Selbst wenn dies dann sein Ziel gefährden würde. Aber was soll ein Ziel, dessen Weg von faulen Kompromissen überwuchert ist. Nein! Er möchte den Weg so sehen, daß auch das Ziel noch erstrebenswert bleibt und umgekehrt. Der Weg soll Lust auf das Ziel machen. Das Ziel soll mit dem Weg stimmig verwachsen bleiben.
Rache als persönliche Suche nach Gerechtigkeit ist ihm kein Widerspruch. >> wie es wohl weitergeht? interessiert? einfach abwarten ...
Das Gespräch
Dann wollen wir ´mal. Einen Augenblick noch. Gibt´s hier einen Kaffee?
Es wird Kaffee gereicht. Ein Aktenordner wird auf dem Tisch zurechtgerückt.
Blättern im Papierwust. Klappern des kleinen Löffels am Tassenrand.
Erneutes bequemes Zurechtrücken des einfachen Stuhles, jedoch gepolstert und mit Armlehne.
Nochmaliges Durchblättern und zerfahrenes Suchen nach irgendetwas im Ordner.
Sortieren von ein paar losen Blättern. Auf jenen wird eine Art Tabellenstruktur sichtbar, die Felder scheinen vollgekritzelt.
Wie haben Sie es gesehen, was für ein Gefühl haben Sie?
Eine Antwort wird nicht abgewartet.
Ihre Unterlagen sind vollständig. Die Heftkorrektur ist nicht zu kritisieren. Persönliche Anmerkungen. Individuelle Bezüge hergestellt. Sehr gut.
Blättern in Heftstapeln, teilweise ramponierte Einbanddecken.
Sie sollten aber auch der Gleichmäßigkeit in Schrift, der Korrektheit in der Zeichensetzung Ihre verstärkte Aufmerksamkeit widmen. Aber dies nur einmal so nebenbei. Ändert nichts am herausragenden Gesamteindruck Ihrer Heftbetreuung.
Noch immer sitzt das Gegenüber nervös vor sich hinschweigend, rutscht mit dem Gesäß ab und an leicht auf dem Stuhl hin und her. Atmet etwas schwerer als sonst. Vereinzeltes Augenflackern. Der Blick sucht in imaginärer Nähe. Scheint jedoch nichts zu finden. Jedenfalls hat es bislang kein einziges Wort gesprochen.
Gute Stufung der Unterrichtseinheiten. Sehr gut. Auch die Fragen geschickt verteilt. Hervorragender Blickkontakt zu den Schülern. Wirklich sehr gut. Auch die Verteilung der Schwierigkeiten in den Aufgabenstellungen. Ich habe mir notiert: ausgewogene binnendifferenzierende Unterrichtsgestaltung. Nur die beiden am letzten Tisch am Fenster. Die scheinen Ihnen entglitten zu sein. Keine Beteiligung am Unterricht. Die haben gemalt und zum Fenster hinausgeschaut. Kaugummi hin- und hergeschoben. Zweimal geboxt. Dreimal gekichert. Ist Ihnen das nicht auch aufgefallen?
Jetzt schiebt auch der Angesprochene einige Papierbögen auf dem Tisch spazieren. Weiß nicht, wohin zu schauen. Die Sitzgelegenheit scheint noch unbequemer geworden zu sein. Das Atmen fällt etwas schwerer. Er weicht dem stechenden Blick aus. Stellt sich vor, wenn der Gegenüber keine Krawatte anhätte. Stellt sich vor. Er spürt, daß er eigentlich nicht weiß, was er sich überhaupt vorstellen soll. Wiederholtes Räuspern.
Die beiden beteiligen sich kaum. Fast nie. Sind Übersiedler. Uninteressiert an Schule. So wie die Eltern auch. Mehrfache Kontaktaufnahme mit jenen blieben erfolglos. Sind schon vier Jahre hier und sprechen immer noch kein gutes Deutsch. Können nicht einmal leichte Aufgabenstellungen verstehen. Sind häufig aggressiv. Und stören viel. Keine sehr angenehmen Schüler.
Sie müssen halt hier sozialintegrativ vorgehen. Gegebenenfalls intensive Kontakte suchen und pflegen. Und im Unterricht müssen in derartigen Fällen einfache Aufgabenstellungen mit individueller Betreuung durchgeführt werden. Hinführen an höhere und komplexere Aufgaben. Teamarbeit initiieren und strukturiert durchführen. Trotz der Schwierigkeiten müssen gerade jene Schüler in den Unterricht einbezogen werden.
Er putzt sich deutlich vernehmbar und nicht ohne einen Hauch aristokratischer Gestik seine leicht rötliche Nase. Es entsteht eine wohltuende Pause. Beide Seiten können ihre jeweiligen Gedanken zu ordnen versuchen.
Aber man sieht schon: Sie haben die Klasse voll im Griff. Die Schüler lernen freudig, sind aufgeweckt. Eine positive Betriebsunruhe im Klassenzimmer, das übrigens sehr geschmackvoll und aussagekräftig ausgestaltet ist. Man spürt, hier wird gelernt und auch, hier wird gerne gelernt. Ihr Erscheinungsbild vor der Klasse: ausdrucksstark und selbstbewußt mit dem notwendigen Einfühlungsvermögen. Sie beherrschen moderne Arbeitsvorstellungen und setzen diese geschickt um. Dies ist schon beispielhaft. Nur mit diesen beiden, da müssen Sie sich schon noch etwas einfallen lassen. Auch diese Schüler müssen auf das Arbeitsleben fruchtbringend vorbereitet werden. Hier können jene beginnen, für ihr zukünftiges Leben zu lernen, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen, Hoffnungen und Perspektiven zu entwickeln.
Bedeutungsvolles Blicken in seine Unterlagen, ein paar Notizen, fahriges Blättern im Ordner, zurechtrücken der losen Blätter, leichtes Zurücklehnen, entspanntes Durchatmen, bedeutsamen Furchen der Stirnfalten. Befeuchten der Lippen.
Gehen wir einmal die einzelnen Punkte durch. Sie kennen ja die neuen Richtlinien zur Beurteilung. Mit ihrer Schulleitung habe ich ein sondierendes Gespräch geführt, sozusagen als Vorbereitung zu meinem Unterrichtsbesuch. Ihre Arbeit wird seitens Schulleitung sehr geschätzt. Vor allem auch das verstärkte außerdienstliche Engagement. Sie leiten die Umweltschutzgruppe, haben immer wieder die unterschiedlichsten Arbeitsgruppen aufgebaut und führen für Kollegen im schulischen Rahmen und im örtlichen, ja sogar im überörtlichen Bereich zahlreiche Fortbildungsveranstaltungen durch.
Erleichterung beim Adressaten. Das Gespräch scheint eine angenehme Wendung zu nehmen. Verspüren eines prickelnden Wohlgefühls im Körperinneren. Plötzliche Bereitschaft, sich zu äußern.
Ich unterstütze den örtlichen Chorleiter im Kirchenchor. Dann bin ich auch parteipolitisch engagiert. Aber nur im örtlichen Rahmen. Schließlich muß meine schulische Arbeit Priorität behalten. Sportlich bin ich ebenfalls aktiv. Letztes Jahr habe ich den 2. Dan in Tae-kwon-do erworben. Im Verein bin ich für die Jugendarbeit mit Schwerpunkt Selbstverteidigung zuständig.
Der Schulrat schreibt und schreibt und schreibt und schreibt. Er hat Mühe, die Fülle der Informationen festzuhalten. Ein zufriedenes Lächeln auf seinem Gesicht. Es drückt verstärktes Wohlwollen aus. Ein willkommenes Erleben von Greifbarkeiten. Stoff für Sicherheiten. So wird es fundiert. So bleibt es unumstößlich. So wirkt es steuernd. Er schreibt immer noch.
Ja, das sehen wir gerne.
Er schaut, das Schreiben kurz unterbrechend, auf, zieht die Augenbrauen nach oben, kratzt sich mit seinem Bleistift kräftig am Haaransatz, macht sich dann noch einige schnelle Notizen, um anschließend den Stift wegzulegen.
Ja, wirklich gerne. Sie sind engagiert. Sie bilden sich fort. Sie arbeiten teambezogen. Sie arbeiten mit Außenwirkung. Sie sehen die Notwendigkeit, aber auch die Sinnhaftigkeit von Öffentlichkeitsarbeit. Wir wissen doch alle, daß sich Schule längst nicht mehr nur über den Schüler definieren läßt. Einbezug von Eltern und Kommune, Hinwendung zu modernen gesellschaftlichen Entwicklungen, das ist das Gebot der Stunde. Was heißt: der Stunde? Keine Augenblicksbezogenheiten. Langfristige und perspektivische Überlegungen als auch Handlungsbezogenheiten müssen wir erbringen. Wir haben doch alle aus “Pisa” gelernt.
Plötzlich fühlt sich der Kandidat etwas unwohl. Teilweise versteht er nichts von dem, was da ihm entgegengeschleudert wird. Will heißen, er kann damit nichts oder nur wenig oder nur Unbedeutsames anfangen. Und ein noch größeres Problem: er errötet und schämt sich, weil er bei dem Wort “Pisa” unkontrollierbar an pissen denken muß. Er findet hierfür keinerlei Erklärung, keinen Bezug. Der Gedanke ist einfach hereingebrochen, und schlimmer, er macht keine Anstalten, wieder zu verschwinden. Zudem nun plötzlich dieses Gefühl von vermeintlich unaufschiebbarem Toilettengang. Auch fühlt er sich durchdrungen, sozusagen durchröngt, und kämpft gegen die zusätzliche Lust nach einem verräterischem Grinsen an.
Wir werden diese Defizite aufarbeiten müssen. Notfalls zusätzliche Erziehungsarbeit leisten müssen. Vor allem Nachmittagsbetreuung. Schule sozusagen als Heimatraum für die Jugendlichen. Vernachlässigungen kompensieren! Ja, die Aufgabe für uns Lehrer wird sicherlich umfassender, aber auch anspruchsvoller, erfüllender und intensiver werden. Und wer sich so engagiert wie Sie, auf den kann Schule ihre Zukunft bauen. Damit käme ich nun zu dem Punkt, wo wir am besten einmal ihre Punktewertung durchgehen.
Kurze Pause, ein heißeres, glückliches Lächeln, ein Hauch von Lockerheit.
So wie beim Eiskunstlauf. Ha, ha, ha. Sie wissen schon - diese Punktrichter. Da sind es aber gleich fünf. Sie haben Glück und nur einen. Ha, ha, ha.
Er greift wieder nach seinem Stoß Papier, sucht in dem leicht durcheinander geratenen Packen nach dem ersten Blatt, nimmt seinen Stift wieder auf, macht auf dem einen oder anderen Bogen irgendwelche, von seinem Gegenüber nicht deutbare, Zeichen und atmet erneut tief durch, dabei seinen Rücken sanft gegen die gepolsterte Lehen schiebend.
Also, Sie sind jetzt als Klassenleiter eingesetzt. Sie führen ihre Schüler zu einem mittleren Schulabschluß. Achtundzwanzig Schüler. Da haben Sie es wirklich nicht schlecht. Freilich, besser könnte es immer sein. Aber wir haben früher zwischen vierzig und fünfzig Schüler in einer Klasse gehabt. Und wir haben das hingekriegt. Mit Erfolg. Dann geben Sie Sport, leiten die hier aufgeführten Arbeitsgruppen,
Er schwingt einen weiteren Papierbogen leicht in die Höhe.
gehören dem Disziplinarausschuß an und bauen gerade eine Schultheatergruppe auf. Sehr tüchtig. Sehr tüchtig. Bewundernswert. Wollen Sie an dieser Stelle noch etwas ergänzen?
Schweigen, wie schon so oft zuvor. Dafür leichtes Kopfschütteln, leicht deshalb, damit auch wirklich keine allzu falsch zu verstehende Gestik Irritationen auslösen kann.
Bei den Punkten müssen wir uns nun schon ausführlich auseinandersetzen, denn schließlich wollen und sollen wir einen objektiven Vergleichsmaßstab herstellen, damit jeder Lehrer sehen kann, wo er so steht. Leistungsmäßig, Sie verstehen schon. Es gibt Punkte von Eins bis Sechzehn zu vergeben. Na ja, in die niederen Ränge brauchen wir ja wirklich nicht zu schauen. Dazu sind Sie viel zu gut, viel zu versiert, viel zu engagiert, viel zu erfolgreich.
Erneutes zufriedenes Lächeln, diesmal auf beiden Seiten.
Die Stoffverteilung ist ausgewogen und sehr gelungen. Sie haben - das kann ich aus Ihren umfassenden Aufzeichnungen ersehen - auch die vom Lehrplan zugewiesenen Freiräume äußerst sinnvoll genutzt. Man spürt das auch in der Klasse; hier ist ein sehr gutes Klassenklima gewachsen. Ihre Unterlagen verraten eine gründliche Vorbereitung des Unterrichts. Das merkt man aber auch sofort unmittelbar im Unterrichtsgeschehen. Der Lehrstoff wirkt didaktisch gut aufgearbeitet und wird von Ihnen methodisch einwandfrei und interessant umgesetzt. Die altersgemäße Reduktion ist zielgruppenbezogen gelungen, sehen wir einmal von den zwei Übersiedlern ab. Da stelle ich mir noch eine besondere Förderung oder besser noch, einen ganzen Maßnahmenkatalog an Fördermaßnahmen vor. Aber darüber können wir im Gespräch mit der Schulleitung ja noch uns vertiefen.
Sie setzen moderne Medien erfolgreich ein, beherrschen den Umgang mit jenen auf herausragende Weise und es ist ihnen auch gelungen, ihre Schüler mit diesen Anforderungen hinreichend vertraut zu machen. Darauf kann man wirklich aufbauen. Die Unterrichtsziele werden erreicht, Lernzielkontrollen werden erfolgsbegleitend vorgenommen und die Hausaufgabenstellung entspricht dem Unterrichtsziel. Da kann ich Ihnen glatt vierzehn Punkte geben.
Der Schulrat strahlt seinen Gegenüber siegreich an, gleichsam so, als hätten sie beide einen wichtigen Sieg errungen. Trotz Bemühens gelingt dem Beurteilten keine lockere Handhabung seiner Gesichtsmuskulatur. Statt dessen kann er nur ein gequältes Lächeln zurückgeben. Mühsam verbirgt er seine Enttäuschung.
Vierzehn Punkte! Mensch, eine hervorragende Beurteilung. Da kann man zufrieden sein, nicht wahr? Vierzehn Punkte, das schaffen nicht allzu viele.
Gerne hätte er es gewußt, nun, jetzt, aus berufenem Munde: Was “nicht allzu viele” sind, was “zufrieden” bedeuten sollte, was “vierzehn Punkte” meint?
Vierzehn von sechzehn?
Er war sich nicht einmal sicher, ob er eine Frage stellen sollte oder kann. Er war sich nicht einmal sicher, was er mit diesem Einruf erreichen wollte. Er war sich nicht einmal sicher über irgendetwas.
Ja, vierzehn von sechzehn. Toll. Gehen wir gleich einmal zum Unterrichtserfolg. Na, der ist bei Ihnen ja wirklich voll gegeben. Die können etwas. Die arbeiten eifrig mit. Die sind hochmotiviert. Der Unterricht wirkte voll individualisierend. Toll. Auch die Leistungsmessung haben Sie voll nachvollziehbar vollzogen. Das konnte man von den Schülern spüren. Da kann ich Ihnen glatt nochmals vierzehn Punkte geben. Trotz der beiden Übersiedler. Vierzehn. Toll. Toll. Toll.
Er zieht es diesmal vor, nichts mehr zu zeigen, geschweige denn, etwas zu sagen.
Und was am Wichtigsten ist: Sie sind der geborene Erzieher. Toll. Einfach toll. Wie Sie auf die jeweiligen Schüler eingehen! Herausragend. Man sieht und fühlt, daß und wie Sie ihre Schüler führen, betreuen, auf sie eingehen. Na ja, die zwei Übersiedler. Schwierig, schwierig, schwierig. Aber toll. Sie kriegen das sehr gut hin. Da habe ich überhaupt keine Bedenken, Ihnen dreizehn Punkte zu geben. Toll, nicht wahr. Ein Spitzenergebnis. Da freut man sich.
Der Kandidat wirkt etwas bleich. Bleicher als zuvor. Leichte Röte schießt in beide Backen. Anzeichen von Wut? Er atmet tief durch. Weil er spürt, daß er etwas sagen will. Muß.
Dreizehn? Nur dreizehn? Aber ihre Worte! Die bedeuten doch mehr als das, als diese nur dreizehn Punkte. Dreizehn Punkte für mein erzieherisches Arbeiten? Nur? Erstens haben Sie anders gesprochen. Zweitens sehen Sie die Ergebnisse meines Wirkens doch selbst. Und dann nur dreizehn Punkte? Ich kann das nicht verstehen.
Ihm wird spürbar, wie eine seltsame Mischung aus Enttäuschung, Wut, aber auch aus temporärer Gleichgültigkeit, hilft, seine bislang so gehemmte Zunge zu lockern.
Entschuldigen Sie, aber das kann ich nicht verstehen. Für mich ist das nicht mehr nachvollziehbar.
Dreizehn Punkte bekommen nicht viele. Damit sind Sie sehr gut bedient. Glauben Sie mir. Bei der nächsten Beurteilung können wir bestimmt noch höher fahren. Aber diesmal muß ich bei diesen dreizehn Punkten bleiben. Ich sehe dafür bei den nächsten beiden Punkten einen größeren Spielraum, denn da haben Sie nachweislich sich weit vom durchschnittlichen Lehrer abgehoben. Vierzehn Punkte für die Rubrik Zusammenarbeit und - jetzt kommt es - fünfzehn, ja Sie hören richtig, fünfzehn Punkte für Ihre übernommenen schulische Funktionen. Was sagen Sie dazu, wie sehen Sie das? Ist doch phantastisch. Toll. Toll. Toll.
Vierzehn Punkte für Ihre Leistungen hinsichtlich Teamarbeit, Elternarbeit und außerschulischen Institutionen. Fünfzehn für Sachkompetenz, Sozialkompetenz und Handlungskompetenz. Sie setzen aber auch Impulse zur Profilbildung Ihrer Schule und zeigen dabei beispielgebendes Innovationsvermögen als auch starke Kreativität.
Einverstanden?
Schulterzucken auf der Gegenseite. Nachwirkungen verhindern Freude...
Dann habe ich nochmals vierzehn Punkte für den Punkt, der sonstige dienstliche Tätigkeiten betrifft. Sie wissen schon, vor allem Ihre Aktivitäten in der Lehrerfortbildung, dann waren Sie für längere Zeit erfolgreicher Verbindungslehrer, haben vor zwei Jahren die Schulbücherei neu geordnet und strukturiert, sind Mitglied im Schulforum als auch im Disziplinarausschuß. Toll. Bewundernswert. Einfach toll. Toll. Toll. Toll. Da freuen Sie sich doch?
Ja, ich weiß nicht so recht. Wann würde ich denn fünfzehn oder sechzehn Punkte bekommen. Eigentlich hatte ich mir hier schon mehr erwartet. Allein schon dieser Aufwand in meiner Freizeit spricht Bände. Wer macht denn das schon sonst noch?
Na, na. Wissen Sie, alles ist noch steigerungsfähig. Es gibt ja wieder einmal eine Beurteilung. Da haben wir beide dann sicherlich mehr Spielraum. Ich darf doch auch offen zu Ihnen sein?
Sicherlich. Ich bin´s doch auch.
Na sehen Sie, auch wir haben unsere Vorgaben. Die guten Noten für dieses Jahr sind schon vergeben. Es ist halt ein klein wenig Pech, daß Sie erst so spät an die Reihe gekommen sind. Aber früher ging es wirklich nicht. Und jetzt sind die Notenkontingente, die für Sie eventuell noch in Frage kämen, leider schon verbraucht. Verstehen Sie? Aber Ihres ist doch ein Superergebnis. Ein Superergebnis.
Ich muß auch bei den nächsten Punkten einige Abstriche machen. Daran führt kein Weg vorbei.
Das darf doch nicht wahr sein! Entweder habe ich eine Leistung erbracht oder nicht. Und das muß noch unabhängig von den Ergebnissen anderer Lehrkräfte beurteilbar sein und bleiben. Ich kann doch auch nicht eine Klassenarbeit korrigieren anfangen, stelle dann nach drei Arbeiten fest, daß dreimal die Note Eins vergeben werden mußte eben wegen sehr guter Leistungen, und dann festlegen, daß ab sofort wegen genügender Anzahl von Einsen keine mehr vergeben werden kann und darf. Ehrlich gesagt, hierfür fehlen mir Logik und Verständnis, um derartige Maßnahmen nachvollziehen zu können.
Sie sehen das etwas eng und vereinfachend. So ist es ja nicht gerade.
Wie denn sonst soll ich eine derartige Direktive verstehen! Entweder ist etwas richtig oder es ist falsch. Ich kann doch nicht sagen, weil nach irgendeiner Vorstellung bereits genügend Richtige vorliegen, sind dann die anderen Richtigen falsch. Das begreife wer wolle. Ich nicht.
Aber so läßt sich dies doch nicht diskutieren. Seien Sie doch einmal sachlich. Sie sind doch hervorragend beurteilt.
Sie haben mein Engagement, meine Ergebnisse, meine pädagogische Arbeit in Superlativen gewürdigt und eigentlich fehlen Worte, um höheren Punktzahlen noch entsprechen zu können. Und da soll ich einsichtig sein, verständig bleiben? Nichts verstehe ich mehr. Ehrlich gesagt. Nichts.
Der Schulrat wirkt nun erstmals auch leicht unruhig, vor allem aber auch genervt. Er versucht, seine Haltung zu bewahren. Blättert dabei wieder, diesmal etwas hektisch.
Also kommen wir zu den letzten Punkten. Zunächst noch zum Führungsverhalten. Dies betrifft nur Lehrkräfte, die bereits Vorgesetzte sind. Das trifft auf Sie ja nicht vor. Noch nicht.
Der Schulrat versucht vielsagend und hoffnungsspendend zu wirken, schaut dem zu Beurteilenden fest ins Gesicht und verschenkt abundant sein Lächeln. Er hat seine Gesichtszüge wieder fest im Griff.
Entscheidungsvermögen bringt Ihnen erneut vierzehn Punkte, ebenso wie Belastbarkeit und Einsatzbereitschaft. Diese Gewichtung kann ich auch bedenkenlos hinsichtlich zukünftiger Eignung für Führungsaufgaben vornehmen.
Der Schulrat unterdrückt sich jetzt sein “toll”, wie er es zu früheren Punkten freudig ausgestoßen hat.
Ihre Belastbarkeit bedarf noch etwas der Ausformung. Das sehe ich auch in diesem Gespräch. Ihnen fehlt noch ein wenig Lockerheit, Sie wissen schon, eine Form von Gelassenheit, Souveränität. Man muß auch lernen, mit kleinen Rückschlägen fertig zu werden. Ich meine, über den Dingen stehen zu können. Den Sinn für übergeordnete Zusammenhänge entwickeln. Da müssen Sie noch an sich arbeiten. Aber das wird schon. Da habe ich keine Sorge. Ansonsten leidet unter diesem Defizit vielleicht die Kraft zur Einsatzbereitschaft. Wenn Sie verstehen, was ich meine. Ich darf Sie nochmals daran erinnern, daß nur jene Lehrkräfte im Gesamturteil mehr als elf Punkte erhalten dürfen, die für das Schulleben über den Unterricht hinaus einen wesentlichen Beitrag leisten und jemand der fünfzehn oder sechzehn, also die Höchstpunktzahl, anstrebt über die einzelne Schule hinaus uneingeschränkt verwendbar sein muß. Dies betrifft die Bereiche wie Lehrerfortbildung, Lehrplanarbeit, Schulleitung und Schulaufsicht.
Ich verweise nochmals darauf, daß vor allem Letztgenanntes auf mich eigentlich in vollem Umfang zutrifft. Damit stelle ich fest, daß es andere Hinderungsgründe gibt, auf die ich leider keinen Einfluß habe. Dies ist alles andere als motivierend.
Na, lassen Sie doch jetzt den Kopf nicht hängen. Sie stehen doch gut da. Machen Sie so weiter. Da ist noch Zukunft drin. Bei Ihnen. Kommen wir zum Gesamturteil. Halt, noch erst die Festlegung der Eignung hinsichtlich Befähigung, untergliedert in Pädagogische Befähigung und in Berufskenntnisse und ihre Erweiterung.
Der Kandidat hat seine Entscheidung getroffen. Er wird kaum mehr hinhören, diese Beurteilung oder auch jede andere von nun an kommentarlos zur Kenntnis nehmen, seine Aktivitäten außerhalb seines Klassenzimmers weitestgehend reduzieren oder ganz einstellen und zukünftig nur mehr dem entsprechen, für den er dereinst diesen Beruf gewählt hat: dem ihm unmittelbar anvertrauten Schüler, sofern auch dessen Eltern den Erziehungsauftrag entsprechend wahrnehmen.
Ich gebe Ihnen zweimal dreizehn Punkte. Nein, einmal sogar sind es vierzehn. Bei Berufskenntnisse und ihre Erweiterung. Also dort vierzehn, bei Pädagogische Befähigung dann dreizehn. Einverstanden?
Schweigen.
Einen Großteil dessen, was für sein Ohr bestimmt ist, bekommt er gar nicht mehr mit. Er fühlt sich in seine Schülerzeit versetzt, als das, was vorne am Pult ablief, ihm allzu oft nur allzu ferne, allzu fremd erschien. So war das also damals. So ist das also heute. Nur so ein diffuses Plätschern, gleich dem endlosen Wirken eines Wasserfalls. Mal näher, mal ferner.
Dies führt zu dem Gesamturteil von dreizehn Punkten. Wie Sie wissen, können Sie schriftlich Einwendungen zu der Beurteilung geltend machen.
Er weiß. Jetzt hat er doch etwas mitbekommen. Natürlich weiß er das mit den Einwendungen. Nein, er wird Einwendungen geltend machen, bei anderer Instanz, auf andere Weise. Er ist kein Freund von Papiertigern. Spätestens ab heute nicht mehr.
Einverstanden?
Womit?
Mit der Gesamtbeurteilung?
Welcher Beurteilung?
Der Schulrat lächelt gezwungen. Er nicht. Der Schulrat packt seine Sachen zusammen. Er nicht. Er bleibt ohnehin da. Der Schulrat verweist auf noch folgende Gespräche. Er nicht. Der Schulrat erhebt sich. Er nicht. Er ist schon aufgestanden. Der Schulrat streckt
ihm die Hand entgegen. Er ist auch höflich. Der Schulrat verläßt den Raum. Er bleibt.
Der Vorhang fällt.
Nun etwas anderes aus meiner künstlerischen Ecke und ebensolchem Dunstkreise ...
Schau in all die Stuben mit Kaffee und ihrem Blaaaah. Seh´ sie Zeitung lesend und dabei doch nichts versteh´n.
Was immer du auch tun willst, die werden niemals mehr vergeh´n.
Sie sind die Prämienträger und tragen es mit Stolz, dabei ist ihre Birne doch nur morsches Holz.
Sie schieben ihre Kohle in ihren fetten Sack und betrachtet man es gründlich: sie sind nichts als blödes Pack.
Doch kannst du nicht entrinnen, denn sie verwalten dich. Versteckt gut hinter Türen, führen gleichwohl sie ihren Strich.
Sie lassen sich nicht blicken, hinter Tischen sind sie stark: Jene ekelhaften Tassen mit ihrem Mainstreamquark.
Wer zieht denn hier die Fäden, die es angeblich gar nicht gibt? Ja es sind nur jene, die das Leben vorwärts schiebt.
Man kennt sie gut gekleidet, Körper versteckt in teurem Stoff. Was sie ´mal endlich bräuchten wär´ täglich etwas Zoff.
Ein Gefühl von Ziehen, von Drängen, Hänselei. Man sollt´es einmal wagen, sie wären schnell dabei.
Hingen an anderen Fäden entkleidet ihrer List, man sollt´sie einfach packen und schmeißen auf den Mist.
Wo sie dann könnten leben wie Maden fett im Speck, nur wär´ halt die Perspektive ein etwas anderer Dreck.
(Die zweite Strophe aus meinem Lied: “Die Marionettenarschgesichter”)
Hört her ihr lieben Rinder auf jener großen Weid´: Daß ihr trabt in der Scheiße, tut uns unendlich leid.
Malmt in eurer Alpenpizza bis zum Widerkauen, daß ihr erneut nur kotet, darauf kann man trau´n.
Glotzt mit euren großen Augen, werft Falten rund ums Maul. HInter euren Zäunen lebt sich´s gänzlich faul.
Und weh euch will wer stören mit Antrag, Recht oder List: Der wird schnell ausgleiten auf eurem frischen Mist.
Es hängen tief die Euter, schleifen sich hin und her, die Uhren fern am Abend führ´n sicher heim ins Häusermeer.
Es mampft der Rindermagen, es drückt fest aufs Gedärm, doch hinter festen Mauern stört kein fremder Lärm.
Da mag es Rülpsen, Furzen, Stinken und auch Stürmen, wir sichern hinterm Auftrag ganz froh auf hohen Türmen.
Oh laßt uns muh´n und schlagen mit uns´rem dungvoll Schwanze es geht nicht ums Detail sondern um das Ganze.
Schneewittchen laßt sie kommen zu decken unser´n Tisch: Für welche, die uns nahe, halten wir uns frisch.
Doch geht es aus den Zäunen, kommt es zu einem Bruch, dann werden wir nicht träumen und steh´n zu uns´rem Fluch.
Und euch droh´n wir mit Federn, mit teurem Molybdän. Ihr ander´n mögt euch trollen, wir werden nicht vergeh´n.
(Die vierte Strophe aus meinem Lied: “Die Marionettenarschgesichter”)
Einst war da ein Sesselfurzer, als Korinthenkacker groß: Bis seine Frau ihn jagte wegen stinkend´ Hos´
Da fing er an zu ändern zwanghaft sein einst trautes Heim, soff nur mehr´rum in Kneipen und war so ganz allein,
Kroch weiter auf allen Vieren, zog noch mehr von seiner Schleimspur: wollte er mal poppen, gab´s nur eine Abfuhr.
Denn niemand auf der Straße, auf der ander´n Seit´ vom Stein, wollte jenen haben, ging dem Kacker auf den Leim.
Wenn man sah ihn kommen, sei´s schwankend oder steif: Man zeigt´s ihm unverhohlen, diesem Nebelschweif.
Sie fanden ihn zum Kotzen, zum Erbrechen öd´ , und keiner wollte ihn um sich haben, er war so unendlich blöd´.
O greift doch in die Saiten, laßt jaulen Dur und Moll, damit keiner mehr kann hören, was Sesselfurzi findet toll.
Die Korinthenkacker mit ihrem seicht´ Gemüt, sie wollen sich aufspielen mit ihrem paragraphenhaft´ Gestüt.
O jagen wir die Töne quer durch´s ganze Land und lauschen wir den Zeilen die so vielen wohlbekannt.
Musik den Sesselfurzern, Korinthenkacker ins Trommelfell! Wir treiben sie von hinnen heim in ihr Gestell.
Maden in ihren Eingeweiden beginnen sich zu trollen, weil nicht mal sie mehr wissen, was sie dort drinnen sollen.
(Die sechste Strophe aus meinem Lied: “Die Marionettenarschgesichter”)
Es mieft und schlurft und grundelt beständig stetig voran, er zieht seine Kreise der vorauseilend´ Gehorsam.
O sie verdanken es nur ihrem Leuchter daß man sieht, diese Lichter, wie sie hell blenden die Arschgesichter.
In ihrem Dunstkreis wird die Welt immer enger und kleiner und geistig schlichter, Marionettenarschgesichter.
Sie nehmen sich wichtig und täglich wichtiger, straft sie mit Verachtung - diese Marionettenarschgesichter.
Aus den Höhen kann man ihn hören, jedenfalls spricht er, ich mag sie nicht: diese Marionettenarschgesichter.
Schlicht und schlichter - Marionettenarschgesichter. Schlicht und schlichter - Marionettenarschgesichter.
Hier bin ich Mensch, hier darf ich´s sein und spucke deshalb in Marionettenarschgesichter hinein.
Hier bin ich Mensch, hier darf ich´s sein und speie deshalb in Marionettenarschgesichter hinein.
Hier bin ich Mensch, hier darf ich´s sein und spucke deshalb in Marionettenarschgesichter hinein.
Hier bin ich Mensch, hier darf ich´s sein und speie deshalb in Marionettenarschgesichter hinein.
(Der Refrain aus meinem Lied: “Die Marionettenarschgesichter”)
(To be completely published on my author and writer´s homepage.)
Let´s go on to see what´s been going on ...
The room of songs (All lyrics by Thomas J. Harding)
Jack´s old store
Can´t stand the angels´ whining challenge any more
Shake off the mornings past´s gone to Jack´s old store
Crowd hanging round there lives way back in the past
Yesterday´s music more than dead and they´re the last
Plane crashing car hitting mind striking wishful thinking
So leave behind what´s nothing don´t stick to drinking
No junk no junkyards no more wasting precious time
Getting back to future picking up all that should be mine
Ear sucking bullshit mellow repetition of low and mean
Vain games people play can´t lure me to their scene
Let´s go where the action is where there´s some light
Trying to evade their pressing superficial common delight
Kicking over to the other side of this mountain road
Getting rid of at least some needless boring load
See that man who´s seeing his doctor almost every day
Tall and broad shoulders but in a baby elephant´s way
Keeps on talking pretending he´s doing all just so right
But look in his eyes realize he´s long lost his fight
Just take my hand and I ask you to keep it for some time
Well I´m not good at thinking of forever can see some rain
On the horizon or nearer never know what´s round the bend
In any beginning it´s easy to see some hints of the end
But for the time being we´re passing by Jack´s old store
With a grateful feeling ´cause we don´t need ´em any more
The old steam engine´s last ride
Been just placed into one of those old rotten seats
Graffiti covering the ceiling of the compartment
Reaching for a paperpack I´d read long before
No reason for not going through it a second time
Woman in the corner gazing through my head
May be she´s even looking somewhere else
Can feel the rumbling and steaming and striving
Some feeling of déjà vu and passing forever
All the same and all the differences mourning
Cause they cannot hold fast to eternal circles
Woman in the corner still trenching holes in my head
Steelrails down there providing a feeling of gliding
Monotonous melody luring the book almost from my hands
Rumbling steaming striving still this woman over there
Should get up and look for something in my suitcase
Have forgotten how standing up is really like
Sleepy eyes mirroring in the darkness of the window pane
Being washed clear and clean by that downpouring rain
Still that woman now in night´s reflection getting closer
Guess she can see through my head read my mind
Some kinda thinking of packing forever in a narrow gap
That yearning evoked by the steam engine´s constant drive
Yeah this woman keeps on walking into my head
While that old paperback gets back into my shaking hands
Covering the face thoroughly and bringing that woman close
Been just placed in one of those old rotten seats
Graffiti covering the ceiling of the compartment
Can feel the rumbling and steaming and striving
Some feeling of déjà vu and passing forever
Oh the woman has stopped looking at me
She´s holding a paperback in her shaking hands
Well covering her face not to be seen and disturbed
Steelrails down there providing a feeling of gliding
Monotonous melody luring the book almost from my hands
Rumbling steaming striving still this woman over there
And knowing the days of steam engines fading away
Oh woman oh woman
She´s grown much harder than her years
Hiding behind a constant smile all her fears
Every new craze she´s heading for
Once she´s there it gotta be more
She knows everything better than anyone else
Living in a world even chaining her simple thinking
There´s one thing that counts and that´s just her own
Behind secret curtains she took up heavy drinking
Now she´s turned to the use of warpaint styling her skin
Behind your back she fights hard for doing other people in
She´s been treated by spiders and she´s closest to the mass
Oh woman oh woman you´d better shake your ass
Don´t mean the way it should be done the usual way
Just wanna tell you there ain´t any reason for a second´s stay
Oh woman oh woman you´d better shake your ass
No need to worry million lightyears ´way from being a lass
I really mean it like the words simply say shake your ass
Come on shake your ass, shake your ass, shake your ass
Her teeth are like yellow hair´s dandruff falling down
Misty eyes as usual deaf ears and nothing coming on
Years have flown bitter days melting away no romance
More concerts to come you gotta dance and dance and dance
To forget ´bout yourself and your strange rusty old ways
Oh woman oh woman long gone have your days
She´s grown much harder than her years
Hiding behind a constant smile all her fears
Love you so
When I saw your big blue eyes I just felt the world
All your smiles your tender looks oh my pretty girl
Got the shakes caught the kicks heartbeats thru and thru
Couldn´t sleep couldn´t work didn´t know what to do
Your soft soft skin your touching hand ooh ooh ooh
In my dreams in my days all my thoughts of you
Called your name held your line almost all day long
Sang your song praised this life troubles were all gone
Went to a dance tumbled down the beach just to be with you
Cleaned my teeth washed my feet and used some perfume too
Hooked my guitar and sat right down to write a crazy song
And with my words and in my thoughts you did sing along
It took some days when I woke up and found you were long gone
The holidays were over and big jet engines roared me home
Arrived at my door got in the house and what do I declare
On the sofa smiling soft you were sitting there
You´ve just got home a few days before
To rearrange our homemade scene
To get some of that love going on
To keep and to carry on some of that dream
Jack Bowmie´s strange ways
In younger days Jack got his ways
Tried to live what´d been taught
John´s words about national pride
Until they showed him lots of lies
So he fucked authorities whenever he could
Pissed just off when the country called
Never giving a damn for any alibis
He strangled the mind of service men
Choked the breathing muddle of red tape
Gave notice to all those mainstream cries
Kicked the asses as hard as he might
Assholes in numbers was what he saw
No smiles no tears no fears just social spies
As days went on Jack found a gal
Turned her on to make life gay
He kicked his boss into the right place
Cold sholders to many an old pal
Showing the mirrors what reflection to be
Painted black spots for that´s what he saw
Wasted the fuel on driving all night
Roared his music twenty-four hours at their ears
Looked for fighting to kill the rest of fears
Built up gaps into the rhythm of the usual rhyme
Got stoned washed out kept on killing time
Ran into everything heating up the girl
Pretending he´d been living the real world
Jack Bowmie was known by every good man
They feared him and thus treated him mean
Trying to change him to get viewpoints straight right
Never getting somewhat close to his stream
Some called him humdinger others odd man out
He neither backed up didn´t care about any of them
Until honest white collars seized him down the road
Well he attempted to kill ´em but had lost his gun
The police failed to give him a chance on his run
Sent their bullets right into the core of his head
They shot him and shot him they shot him sure dead
What all those whitewashed ones surely did know
No chance for him no Johnny 99 never even life to go
See a young black old lady kneeling faced down
Sending prayers to the altar from the very first row
Trying to get rid of her hurting stern frown
Wishing he´d never ever not sunken that low
Sobbing in self defence her heart striking wow me
Not feeling the fading image of her late ole Jack Bowmie
Yes man
If you see the yes man and when you feel the urge
Don´t you really fail to kick him right into his ass
For yes man deserve it to be treated like a log
Though he´s not knowing he´s the real underdog
And you gotta tell him every night and day
If you see a yes man he´d be better on his way
Look around all these yes men muddling in the scene
Paddling their way thru into the muddy dirt mainstream
Just look at the yes man don´t waste the least of smile
But always watch the yes men and their rotten style
What should be your duty is to push ´em fast aside
However for the yes man this world is much to wide
He will find his homeland wherever he hangs his hat
Still living with his mind mates not knowing that he´s dead
Pretending he´s the enduring basis of solid social ground
Chasing all those renegates with the growl like a hound
Yes we are the yes men and that´s what we will stay
Always be the yes men from now until forever and a day
Since long ago we´ve found it social life´s vital clue
Always be the yes man say yes and do what others do
See them on the warpath in their advertising warpaint
Hiding ´mongst the masses so never fear to faint
Smell their scenting waters spread about where there´s a place
Oh let´s go and search and find them to spit right in their face
Never be the yes man never do but try to pick them out
And put ´em on the billboard just to make their faces loud
Yes men (fuck them)
Yes men (kick them)
Yes men (hit them)
Yes men (dispise them)
Yes men (No) yes men (Never) yes men (No) yes men (Never)
Oh precious love
Just seen the sunlight in your eyes
Those Cretan borders´ endless space
The island´s soil beneath my feet
Oh how I love to be with you on Crete
Heavenly skies up above
Hidden in the warmhold of your love
Oh precious love
If we could reach the end of sky
Oh won´t you teach me how to fly
Golden pastures all around
Borne by the winds of solid ground
Darkest clouds we´ll push aside
What once so close is opened wide
Oh ain´t it right
Time has changed a little thing
And all I hear is my heart sing
Breezes ´round are nothing but pure
We are on our Cretan ways oh this is sure
Heavenly skies up above
Hidden in the warmhold of your love
Oh precious love
Oh precious love
I´ve roamed here many times before
Made my stops at many a golden shore
But never has it been that great
Since both of us were guided by this fate
Heavenly skies up above
Hidden in the warmhold of your love
Oh precious love
Oh precious love
Just seen the sunlight in your eyes
Those Cretan borders´ endless space
The island´s soil beneath my feet
Oh how I love to be with you on Crete
Heavenly skies up above
Hidden in the warmhold of your love
Oh precious love
Oh precious love
Oh precious love
Oh precious love
(All from my homemade CD "Moon shadow")
Interludium:
Der eine sieht nur Bäume, Probleme dicht an dicht. Der andere Zwischenräume und das Licht!
(Unbekannter Autor)
Die Freundschaft und die Liebe sind zwei Pflanzen an einer Wurzel. Die Letztere hat nur einige Blüten mehr.
Friedrich Gottlieb Klopstock
Die Liebe ist die einzige Blume, die ohne Jahreszeiten wächst und gedeiht.
Kahlil Gibran
Ein Baum, der fällt, macht mehr Krach als ein Wald der wächst.
Tibetanische Weisheit
Gerochen? Was? Wie? Nur im eindimensionalen Verständnis? MITNICHTEN! Der übertragene Sinn soll hier denk- sowie handlungsleitend sein. Also auch die Betrachtung dessen, was "anrüchig" ist oder es sein kann, der Gedanke, daß man "den Braten (schon noch rechtzeitig) riecht, daß man beizeiten "Lunte gerochen" hat (respektive: riecht) oder -- in besonders plumpen Darbietungen von Manipulationsversuchen -- man das schon "drei Meilen gegen den Wind riecht". Es geht hier also nicht ausschließlich um das spezifische "Riechorgan" und dessen einschlägige, somit durchaus etwas reduzierte "Wahrnehmungen", nein, es geht hier um die Einbeziehung aller, wirlich: aller, Sinne. Das Bemühen um eine bestmögliche (und natürlich: um rechtzeitige) Wahrnehmung, um die eigene Entscheidungsmöglichkeiten und das eigene adäquate Handeln optimieren zu können.
Diese (notwendige und gebotene) Umfassenheit von Wahrnehmung hat auch der Künstler Carsten J. Boehm wohl in Hinblick auf seinen Band "Der Wind trägt dich zum Meer" angesprochen, wenn er meint "Die Natur und die Liebe wollen erlebt, gefühlt, ertastet, gerochen (sic! d.V.), gehört, geschmeckt, mit allen Sinnen erforscht werden."
Wie hat es Heinrich Heine einmal mit den "Düften" verstanden wissen wollte: "Düfte sind die Gefühle der Blumen." Ebenso deutlich wie einfühlsam, sicherlich auch in einem verallgemeinerten Verständnis, Joseph Joubert: "Düfte sind wie die Seele der Blumen, man kann sie fühlen selbst im Reich der Schatten." Also auch hier weisen vordergründig reduzierte Wahrnehmungsmuster über ihre Grenzen hinaus: auf eine Ganzheit hin.
In seinen Epigrammen schreibt Marcus Valerius Martialis (Martial) unter anderem: "Ich will lieber nach nichts riechen, als lieblich zu riechen." Liebliches Riechen hier wohl als Ergebnnis eines übertriebenen, gekünstelten Gehabe, das eigene tatsächliche Sein mit Schein übertünchen zu versuchen. (Daß Martial hier die erotische Komponente in ihren natürlichen, also nicht in gekünstelten, aufgebauschten, aufgeblasenen, täuschenden Talmi-Erscheinung im Sinne gehabt haben kann, läßt sich bei umfangreicherer Betrachtung seiner Epigrammdichtung durchaus ableiten: also auch die Natürlichkeit des Geruchs beim Sex ...) Wer hier neben den (durch Werbung oder was und wem auch immer) aufgezwungenen vielen Fremdbestimmungen auch andere Exzessen der Heteronomie, wie beispielsweise die sich krebsgeschwürhaft ausbreitende Tätowierungssucht, in seine (hoffentlich: kritische) Betrachtungen miteinbezieht, dürfte den Kern des Problems gut erfassen: Die allermeisten Menschen sind alles andere als "eigenverantwortlich", als "selbstbestimmt", als "autonom" in ihrem Bestreben, sondern eine leichte manipulierbare Spezies, bar jeglicher Fähigkeit des Hinterfragens von Ursachen und Zusammenhängen sowie Wirkungen.
(Zu dieser Unfähigkeit des "Sich-des-eigenen-Verstandes-zu-bedienen" -- im Kantschen Sinn! -- gehört zweifelsfrei als Triebfeder auch die Furcht des Ausgeschlossenwerdens, des Isoliertseins, der Ächtung -- ein durchaus zu betrachtender Wirkmechanismus z.B. im Kolllegenkreis, in der Peergroup, in Vereinen oder in sonstigen sozialen Ordnungssystemen (denn wer mag schon gerne "Isolation"!)! Wer sich davon nicht freizumachen versteht, wer sich als unfähig erweist, die "Spreu vom Weizen" zu trennen, wird abhängig, letzten Endes: entsprechend unmündig) bleiben.
Es ist diese grundsätzliche (an Feigheit ausgerichtete) individuelle Disposition, welche faktisch Mitläufertum generiert und somit einen wesentlichen Zugang zur Antwort auf die (häufig mit Entsetzen oder Unverständnis aufgeworfene) Frage "Wie war dies und das jemals möglich, wie konnte denn dieses oder jenes überhaupt geschehen?", eröffnet. Mitläufertum ist selten nur auf einen einzig konkreten Sachverhalt gerichtet, sondern bleibt in aller Regel ein starker charakterlicher Wesenszug eines so gewordenen Individuums!) Die Gebiete der (leider meist erfolgreichen) Fremdbestimmungsversuche enden sicherlich nicht bei der "Gestaltung" der eigenen Körperhaftigkeit, aber dort fallen sie meistens besonders drastisch auf ...
Und mit dem Aspekt der Natürlichkeit des Geruchs, mit der Akzeptanz (bzw. Nichtakzeptanz) von Körpergeruch (nur Naive würden hier den Körper vom Gesamt-Sein nun trennen wollen und können!), möchte ich nun hier meine verschiedenen Überlegungen über "Gerochen" beginnen ...
Auch wenn es auf manche vordergründig vielleicht nicht so wirkt, als passe es zu dem, was ich auf dieser Seite behandele, nämlich: was ich hierzulande alles so zu "riechen" in einem übertragenen Sinn glaube, meine ich: es paßt doch sehr wohl, vor allem wenn man im Denken und Fühlen nicht bereits beim unmittelbaren Begriff "Geruch" sich geistig einbettet ...
(Deshalb hier nun -- vielleicht etwas ungewöhnlich wirkend -- als Einführung zunächst mein Ausflug zu einem alten Lateiner, nämlich Plautus):
"Mulier recte olit, ubi nihil olit!" (Titus Maccius Plautus, Mostellaria, 275)
Dies läßt Plautus eine ältere Sklavin der Philematium, Scapha Ancilla, sagen, als jene sie nach den Möglichkeiten, ihr Äußeres "schöner" zu gestalten fragt. Auf Philematiums Frage, ob sie noch Hautcreme anwenden solle, antwortet Scapha mit einem "Keinesfalls!" und antwortet dann auf Philematiums "Warum?" eben mit jenem Satz: "Nur dann riecht ein Mädchen (eine Frau) gut, wenn sie gar nicht riecht." Denn die Vermischung von Salben, Schweiß und anderen Einflüssen -- als Versuch die (empfundenen) Mängel eines Körpers kaschieren zu wollen -- ist eine untaugliche Maßnahme und führe letztlich nur zu "schlechtem" Geruch. Der Ausruf "Ecastor!" ist eine Interjektion, bedeutet frei übersetzt etwa "Beim Zeus!" (Ecastor ist bekanntlich ein Sohn von Zeus) und leitet Scaphas Replik ein. Hier im Originaltext und somit ausführlicher: "Quia ecastor mulier recte olet, ubi nihil olet. nam istae veteres, quae se unguentis unctitant, interpoles, vetulae, edentulae, quae vitia corporis fuco occulunt, ubi sese sudor cum unguentis consociavit, ilico itidem olent, quasi cum una multa iura confudit cocus. quid olant nescias, nisi id unum, ~ ni male olere intellegas." (a.a.O., 275)
Letztlich geht es hier auch darum, sich der eigenen Natürlichkeit bewußt zu werden, es zu sein, darum, sich entsprechend zu pflegen, letztlich der eigenen Spiegel eigener Schönheit zu bleiben. Zwar findet die Konversation zwischen zwei betagteren Frauen statt (eben: Philematium und Scapha), läßt jedoch unzweifelhaft auch Übertragungen auf jüngere Semester zu. (Sicherlich: Männer längst hier einzubeziehen!) Wer beobachtet, wie heutzutage Jung und Alt ihre Natürlichkeit durch (zudem sündteuere) Kosmetika und marktgesteuerte (also Fremdbeeinflussung par excellence) Tätowierungen entfremdet bis hin zur Verunstaltung, der kann meine einschlägigen Gedanken bestimmt nachvollziehen. Viele donnern sich zurecht, bar jeglichen Gefühls ob es einem überhaupt steht, ob es der Gesundheit und vor allem überhaupt der "Schönheit" nützt und dient ... Sie sind faktisch: fremd im eigenen Körper. Wer hier glaubt, damit auch besonders der erotischen Anziehung hilfreich zu sein, der sollte sich einmal überlegen, ob nicht der natürliche Geruch (sicherlich: bei "normaler" Körperpflege!) einen erotischeren Moment generieren hilft. Nicht umsonst ist das Differenzierung nach Geruch durch das Sprichwort "Den resp. die kann ich gut (und gerne, wohl dann auch mit Lustgewinn) riechen -- dies dann im Gegensatz zu anderen Zeitgenossen und -genossinnen, die man eben "nicht riechen kann". Da ist durchaus mal mehr als eine Übelegung wert, finde ich zumindest.
Nota bene: Es dürfte / sollte hoffentlich keiner Plautus so mißverstanden haben bzw. mißverstehen, daß er meint(e), ein Mensch könne respektive dürfe "gar nicht riechen"; es geht ihm -- und auch mir in meiner Sichtweise und Deutung -- darum, festzustellen, daß (zu viel) künstliches "Aufgedonnere" kontraproduktiv ist bzw. sein kann. (Devise muß sein: Stichwort: dezenter und kosten- und aufwandsparender Umgang mit Kosmetika, sofern überhaupt wirklich notwendig!) Von manchen (meist allerdings: extrem wenigen Menschen) empfindet man den "natürlichen" Geruch sicherlich als extren angenehm, ja als "die besondere Nähe fordernd". Vor allem dann, wenn man einen Menschen liebt und / oder begehrt: da ist dann dessen / deren Geruch eine ganz besondere Form der Anziehungskraft! Ein Stück Persönlichkeitsmerkmal. Wie es mit der eigenen Position gegenüber jenen, die man "nicht riechen" kann, sich verhält, ergibt sich im Umkehrschluß ...
So kann man wohl auch feststellen, daß die subjektive Vorstellung, wie man durch aufgepinselte "Kriegsbemalung" zur Überhöhung eigener Künstlichkeit und mittels exorbitanter Duftanreicherung der natürlichen Aura auf andere wirkt, sehr häufig einer (kontraproduktiven) Illusion gleicht. (Es ist unbestreibar: es gibt natürlich auch positiv wirkende Illusionen, also jene, die das Leben tatsächlich leichter machen und als angenehmer empfinden lassen, die sozusagen zu etwas mehr Lockerheit und Selbstverständnis führen, jene, die freilich eines einen nie übersehen lassen: den Unterschied von Illusion und Wirklichkeit. Die Kluft zwischen Realität und Machbarkeit einerseits und Selbstbetrug auf der anderen Seite ist bisweilen sehr, sehr schmal ... Das gilt natürlich nicht nur für die Wirkung von Düften, Farben und natürlichem Geruch.) Der Umgang mit "Illusionen" erfordert eben, wie so vieles andere auch, ein Fingerspitzengefühl!
Gib deine Illusionen nicht auf. Hast du sie verloren, so magst du zwar noch dein Dasein fristen, aber leben im eigentlichen Sinne kannst du nicht mehr.
(Mark Twain)
Eines Tages wird alles gut sein, das ist unsere Hoffnung. Heute ist alles in Ordnung, das ist unsere Illusion.
(Voltaire)
Eine Illusion verlieren, heißt um eine Wahrheit reicher zu werden. Doch wer den Verlust beklagt, ist auch des Gewinnes nicht wert gewesen.
(Arthur Schnitzler)
Zum Nach- und Überdenken: Zitat im Abspann des Films “Der letzte Mord” (1998), Regie Kjell Sundvall.
“Die Illusion, dass der Staat in den westlichen Demokratien Gesetzen
und Regeln folgt, muss aufrechterhalten werden. In einer Demokratie
ist die Illusion das Wichtigste überhaupt.”
(K.&P. Poutiainen)
Die Unredlichen und die Dummen kommen in der Welt immer besser fort als die Ehrlichen und Klugen.
Es fällt ihnen leichter, mit der von Unredlichkeit und Dummheit beherrschten Gesellschaft Schritt zu halten.
(Nicolas Chamfort)
Bei dem folgenden Erzählzyklus handelt es sich um die Rohfassung; die hier vorgestellten Aufsätze werden noch überarbeitet und inhaltlich fortgeführt, hier jedoch nur in Auszügen präsentiert. In der Endfassung wird der Erzählzyklus aus 35 kleineren Erzählungen bestehen, die gedankliche Auseinandersetzung mit der “Gesellschaftsmaschine” anregen sollen ... Orte, Namen und Handlungen sind fiktiv; Übereinstimmung mit Tatsächlichkeiten wären rein zufällig.
Erzählzyklus “Die Gesellschaftsmaschine”
(Auszüge)
Das Erbrechen
Es ist ruhig um ihn herum. Alles ausgesperrt. Wohltuende Wärme. Endlich Ort, Zeit und Raum für tieferes Atmen. Er mag die Hektik nicht. Am liebsten würde er ihr ganz entfliehen. Er mag keine sinnlose Veränderungen. Schon gar nicht Verwandlungen. Noch nie konnte er für extreme Mutationen Sympathien empfinden. Noch nie. Es war nicht Verständnislosigkeit, die ihn daran hinderte. Nein, das wirklich nicht. Schon eher dann Mitleid mit jener Form von Brüchigkeit. Lebensbrüche als sichtbarer Ausdruck fehlender Identität. Dieses Lechzen und Schielen, ja dieses Betteln um Anerkennung als Mensch. Gezeigt bekommen, wer zu sein. Das ist es, diese Selbsterniedrigung im Menschsein, die ihn jenen Personenkreis, jene Massen, ja: jene Scheusale als unerträglich empfinden läßt. Er war, ist, und bleibt wohl auch, ein Gegner solcher Kehrtwendungen. Vom Pflasterstein schmeißenden und selbsternannten Politagitatoren zum Außenminister wendenden Menschlein! Oder jene entsetzliche Verirrung der Natur, und nur das kann der Grund sein für die glotzäugige Erscheinung, deren äußeres Zerrbild nur noch durch den Dünnpfiff ihrer zu Worten geronnenen hohlen Gedankenwelt übertroffen werden kann. Schon aufschlußreich, wie sie neben dem anderen Schlendrian tänzelnd zum eilends errichteten Podium federt, beide stereotype Lächeln ins Kameragewitter schicken, um dann breitausholend und langatmig kundzutun, dass sie nichts als Meisterkünstler für heiße Luft sind. Was bei anderen Frauen vielleicht kokett oder lässig wirken könnte, zum Beispiel dieser locker um den Hals geschlungene lange einfarbige Winterschal, zeichnet diese Worthülsenbrüterin als das was sie ist: ein gesellschaftliches Nichts, aber eins, das sich genau dieser Gesellschaft bedient, um ihre Brüchigkeit, ihre Nichtigkeit, ihr Minderwertigkeitsempfinden mehr oder weniger erfolgreich zu bekämpfen. Und die Gesellschaft spielt dies alles mit. Man baut jenen ihr Podium, bietet ihnen jede Form von Öffentlichkeit als Forum, läßt sich von ihren Widersprüchen und Lügen hinters Licht führen und reagiert dann auch noch gekränkt, so als hätte man dies alles vorher nicht und niemals wissen können. Wenigstens die Angst in diesen ach so fetten Augen scheint kleiner geworden zu sein seit sie vom Erwerbstätigenalltag hinweg und in die Parlamentspfründe hinein gewählt worden ist. Diese Sicherheit konnte sich der sie nun ständig begleitende - oder ist es anders herum - Polittausendsassa schon längst verschaffen. Ihn plagen längst keine Finanznöte mehr. Auch keine Zweifel.
Jenen hilft, dass sie kein Gedächtnis haben! sagt er laut vor sich ins Zimmer hinein, so als wäre er nicht in dem Zustand, in dem er sich tatsächlich empfindet - nämlich in dem des Alleinseins.
Nein, sie dürfen keines haben, sonst könnten sie sich selbst nicht ertragen, sonst müßten sie erbrechen über dem Erleben des eigenen Ichs und dessen sinnentleerten Werdegangs! meint er des weiteren, so als hätte ihn jemand zum Weiterreden aufgefordert.
Das Kabinett wird vorgestellt. Mit ihm gleich die unzähligen Grausamkeiten, wie sie selbst aber auch andere es fast schon euphemistisch nennen, Grausamkeiten, die einfach notwendig wären um all die vielen Zukunftsaufgaben zu erledigen. Um die Zukunft in den Griff zu kriegen.
Man kann das alles nicht mehr ansehen, anhören. meint er und schaltet den Apparat dennoch nicht aus. Überblendungen. Meinungen. Gegenmeinungen. Und dann die Gegenmeinung der Gegenmeinung. Weitere Überblendungen.
Aber alle heben sich gegeneinander ineinander auf. Selbstverständlich im angemessenen Abläufen entschiedene Empörungen, den penetranten Ablauf ebenso penetrant markierend. Kameraspiele. Monopolygespiele. Nur: es werden keine Straßen, keine Häuser verkauft. Es wird nicht über das (große) Los gegangen, die Ereignisfelder scheinen hier öde und leer, schon gar nicht wird ins Gefängnis gegangen. Die Karten, die man zieht, mischt man selbst. Monopolyspiele. Gesinnungen werden gekauft und verkauft. Darüber der Hauptpreis: die Rettung eigenen Ichs, eigener Identität, die Sicherung einer Heimat für die Hüllenfassade.
Er mag die Hektik nicht. Gleichwohl hat sie ihn nun doch. Er hat sie sich gleichsam in sein ehedem behagliches Wohnzimmer geholt. Hektik umgibt ihn, obgleich er dies nicht will. Und doch ist er, er ganz allein, dafür verantwortlich.
Ich hätte nicht einschalten sollen, sagt er sich und ärgert sich am meisten darüber, das jener Politmond noch damit kokettiert, gestern auf einem Rockkonzert gewesen zu sein und jetzt eine fortschrittliche, moderne und gute Regierungspolitik machen zu wollen. Und zu werden.
Bestimmt, DAS Rockkonzert, auf dem ich gerne gewesen wäre, woran mich die Alltäglichkeit des Alltags jedoch gehindert hat. sagt er, diesmal zu sich selbst. Er würdigt die Umgebung dabei keines Blickes. Dieser Mondkopf. Diese Mondköpfin. Mond ist für ihn mehr weiblich als männlich. Zumindest im Augenblick. Gewiss immer dann, wenn sie ihre Gestalt ausbreiten darf. Und sie darf es immer mehr. Immer öfters. An immer mehr Plätzen. Fast schon eine Form der Unmöglichkeit des Ausweichens wurde da in letzter Zeit geschaffen. Die weibliche Form des Guidomobils, nur ohne Räder, ohne Benzinverbrauch, und ohne was weiß ich noch nicht alles.
Kaum ist ihm dieser Gedanke, dieser Motorisierungsvergleich gekommen, ärgert er sich auch schon wieder über ihn.
Das sind doch geistige Welten, zwischen dem und der, murmelt er und greift nach der Fernbedienung. Umschalten. Schon wieder die und die anderen. Wenn eine Alternative die andere Alternative ersatzlos ersetzen kann: Alternativenkreislauf. Alternativenendlosigkeit.
Unerträglich diese Fischerrothschröderstoiberscharpingmünteferingrexrodtrauheintopfbrühe! schimpft er nun doch lauter als er es eigentlich ursprünglich vorhatte vor sich hin. Eigentlich kann er sich kaum noch beruhigen. Eigentlich will er es auch nicht. Ausschalten? Sinnlos, denkt er. Sie alle bleiben dennoch präsent. Mitten in seinem Leben. Ausschalten lediglich als eine andere Form der Kenntnisnahme. Eine andere Qualität von Verwobenheit, von Verworfenheit. Er streckt die Arme nach seinem Glas Milch aus. Diese ist ihm lieber als Alkohol. Zumindest meistens. Mit Alkohol seien die da oben viel leichter zu ertragen, riet ihm vor nicht allzu langer Zeit, als er wieder einmal seinem Zorn Luft verschaffen mußte, ein Freund aus früheren Tagen. Mehr Gemeinsamkeiten außer dieser Abscheu vor dieser Politgeisterbahn war beiden jedoch nicht geblieben. Ihm seine Gedanken in einem Leben diesseits des Alkohols, jenem seine alkoholisierte Tiefsinnigkeit. Damit wollte er jedoch nichts, aber auch gar nichts, zu tun haben.
Endlich hatten die Politfreunde wieder einmal einen Ehemaligen als Prügelknaben gefunden. Nicht dass er jenem die Prügel nicht gegönnt hätte. Noch nie hatte er diesen vom Lehrer zum Berufspolitiker mit diversen Nebeneinkünften und seiner Exportberatung mutierten Menschen ausstehen können. Nein, was ihn stört, ist die Charakterlosigkeit des schnellen Wechsels, des plötzlichen Entzugs der Politfreundschafterei. Parteifreund - längst in vielen Fällen zu einer Floskel mit Hinterfotzigkeitsfratze und Falschheitsmimik verkommen. Worte. Worte. Worte. Sein Ekel, der sich kurz etwas gelegt hatte, steigt erneut. Noch vehementer als vorher. Wegschalten, und trotzdem sind sie da. Eben hört der schon wieder einmal: Nachhaltigkeit. Es ist schlicht zum Kotzen, denkt er. Nachhaltigkeit. Wie ein Kleinkind, das nach schwierigen Lallübungen endlich ein Wort gelernt hat, dieses dann endlos wiederholt - um sich und der Welt zu zeigen, dass es weiter schreitet auf seinem Lebensweg, aus allen Politmündern: Nachhaltigkeit. Durch deren Gebrauch genauso verkommen wie andere Begriffe, wie Motivation, wie Gemeinschaft, wie Solidarität, wie - ach ja - wie Teamgeist. Er könnte noch viele mehr aufzählen aus diesem Jahrmarkt der Phrasendrescherei. Viele, viele mehr. Er spricht seinen Ärger laut vor sich hin. Trinkt erneut. Schimpft erneut. Hört erneut. Entrüstet sich erneut. Was bleibt, ist diese Übelkeit. Dieser Ekel vor dem, was sich edel dünkt und nennt und in seinen Augen wohl die perfideste Form von Verlogenheit repräsentiert. Es ist wirklich nur noch zum Kotzen, sagt er laut vor sich hin. Ein Stimmenwirrwarr im Zimmer. Er hadert mit den Fratzen im Fernseher, sie trommeln an sein Ohr, in sein Innerstes. Zum Schlechtwerden, ach was, es fehlen einfach die passenden Worte, gibt er diesem Mondgesicht mit seinen nach unten blubbernden Backen, auf denen dicke Tränensäcke sich stützen, zu verstehen. Der so Gescholtene redet einfach zu, als hätte er nichts vernommen, nichts gehört, nichts verstanden, nichts verstehen wollen. Dazwischen die keifende Aufklärungsversuche, diese Monotonie der Kakophoniker. Er sollte ausschalten. Überlegt es sich ernstlich. Der Geruch von Erbrochenem zieht sich durch den kleinen Raum. Stechend, beißend, übelriechend. Er spürt verstärktes Würgen in seinem Hals. Spürt wie sich ihm die Kehle zuschnürt. Luft holend blickt er zunächst zur Decke. Sein Blick hängt für einen kurzen Moment an der altmodischen Deckenleuchte, ein fast kreisrunder, leicht grünlich eingefärbter Glasschirm mit einem verblichenen Ansatz von Mäandermuster und genau im Zentrum diese kahle, blendende Glühbirne, fest. Als gälte es durch diese manifestierte Häßlichkeit, die Decke durchtrennend, in die Weite der Unendlichkeit des Alls zu fliegen und zu fliehen. Ein kurzer Moment nur. Dann hat die Welt ihn wieder. Dieser ekelhafte Geruch. Und unaufhörlich diese ekelhaft stinkenden Worte. Das Fernsehgerät läßt ihn nicht los. Die Fratzen dieser Politochsen und dieser Schlangengewächse, wie er lauthals durch den Gestank vor sich hin schimpft, hat ihn fest im Griff. Obgleich er es nicht will. Obgleich er sich entreißen möchte. Und doch hält er still. Der Blick sinkt nach unten. Vor ihm, aber doch unmerklich näher zum Gerät hin, ein sich amöbenhaft ausbreitender Brei von Erbrochenem. Stinkende Kotze. Er kann sich nicht erinnern. Wirklich nicht. Dennoch denkt er mehrfach tief nach, während sich das Gebrei durch die Teppichfasern schleimt. Nein, ihm fällt nichts ein. Er hebt die Hand dicht vor seinen Mund, um einzuatmen. Zu riechen, ob er ...? Da ist nichts. Nur die stinkende Wirklichkeit zwischen ihm und dem Fernsehgerät. Und er ist sich sicher, dieses Gemenge von Gestank und Ekelhaftigkeit kann nicht von ihm stammen. Die mediale Wirklichkeit hat ihre verdichtete Form gefunden. Jetzt schaltet er endlich aus und geht ins Bad, um einen Lumpen mit Eimer zu holen. Er möchte so schnell wie möglich wieder Sauberkeit um sich. Als er zurück ins Zimmer kommt, um den Dreck zu beseitigen, findet er nichts mehr vor. Alles ist, wie es vor seiner großen Empörung gewesen ist. Es ist als wäre die Zeit der Abwesenheit wieder eingekehrt.
Profilierung
Es sind die Doppelnamenemanzen, die ihn belustigen. Aber nur dann, wenn er nicht unmittelbar mit ihnen zu tun haben muß. Doppelnamen konnte er noch nie anders als komisch empfinden. Für ihn waren und sind Doppelnamen gleich einem Toupet. Ein Glatzkopf, der sich mit seinem unausweichlichen Schicksal nicht abzufinden vermag, schmückt sich mit künstlicher Haarpracht und jemand der meint, dass Emanzipation partout sichtbar zu machen ist (wohl weil es sonst niemand merken würde), die oder der klammert sich einen Bindestrich und hängt dahinter die zu Buchstaben geronnenen Defizite.
Doppelnamenfrauen waren ihm schon seit jeher ein Greuel. Oder, wenn nicht zu dicht, ein Grund zur Belustigung. Ein Kabarettersatz. Selbstverständlich gab und gibt es für ihn Ausnahmen. Das sind die Normalen. Diejenigen, denen gar nicht mehr so richtig erklärbar ist, wie sie zu ihrem Doppelnamen gekommen sind. Er erinnert sich. An jene, die sich intellektuell nannte, weil sie schließlich studiert habe und mit dem Doppelnamen den ideologischen Hintergrund von Sprache entlarven wolle. In seinem Bekanntenkreis hatte diese edle Geistesgenossin auch einen Doppelnamen erhalten: Frau Pfui-Teufel. Er ließ sie diesen Doppelnamen stets spüren, wenn es notwendig war. Also immer dann, wenn sie zu ihren wortgewaltigen inhaltsleeren geistigen und sonstigen Höhenflügen ansetzte. Oder aber diese Umweltretterin, die das Wort Ökologie sogar noch zum Mittagessen als jenen archimedischen Punkt verspeiste, an dem andere ihre Geistlosigkeit aufhängen konnten, ohne dass sie es auch jemals auch nur einmal gewahr wurde. Leider. Aussichtslos. Einige der Freunde nannten sie Frau Kartoffelkäfer-Filzlaus, eine mehr oder weniger gelungene Erinnerung an ihre naturverwachsene Einseitigkeit in der Gewichtung der Dinge. Dabei sollte die Filzlaus keineswegs an ihr Geschlechtsleben erinnern - ein solches dürfte sie wohl kaum in nennenswertem Umfang aufzuweisen haben, trotz dreier Kinder -, sondern schon mehr an die Brechtsche Formel, wonach sich allenfalls eine Laus von diesem Pelze hier ernähren könne, zu anderem tauge sie wohl nicht; eindeutiger läßt sich der Filz zuordnen, denn trotz wiederholender gegenläufiger Behauptungen fühlte sie sich in filzischem Ambiente außerordentlich wohl.
Interessant wurde es immer dann, wenn Pfui-Teufel und Kartoffelkäfer-Filzlaus zusammentrafen, zusammenkommen mußten. Konferenzen waren eine derartige Unausweichlichkeit. Dann gab es diesen Matronenkampf der Imposanterie, dieses Gewurschtel aus Nichtfleischnichtfisch, ein Wetteifern um die Krone der Unabhängigkeit und das fast nicht mehr überbietbare Raffen nach Excathedrakompetenzen. Aber nur fast. Wäre da nicht noch Frau Ingewieser-Überortendorf gewesen. Kampflos gab sie nicht klein bei, beugte sie sich keinem Argument (das konnte sie auch nicht, denn sie kannte nur ihre eigenen), wollte auch nicht auf die Früchte ihrer Reifung verzichten. Kritik aus Männermunde war jedoch für alle drei ein Grund zu temporärer Einigung. Dann kämpften sie als gälte es, das Rad neu zu erfinden: und sie erfanden es dann auch tatsächlich. Hatte man Zeit, war es nicht ganz unlustig, deren Treiben um Anerkennung zuzukucken. Fehlte einem jedoch genau diese Zeit, weil man einfach schlicht anderes zu tun gehabt hätte, dann stellten jene drei vermeintlichen Apologetinnen feministischen Geistesaufschwungs nichts als einen Keimherd öffentlichen Ärgernisses dar. Wohlgemerkt: wenn unausweichlich.
Beliebter, weil gewissen Bedürfnissen sehr entgegenkommend, waren da schon Frau Unzeit-Unverdorben und Frau Weingeist-Korkendreher. Dies weil sie männlicher Triebeslust nicht abweisend gegenüber standen. Darin unterschieden sie sich sehr von den Vorgenannten, denen bekanntlich fleischliche Lust nicht gut zu Gesichte, aber auch nicht gut zu Geiste, stand. Frau Unzeit-Unverdorben führte eine recht lockere Ehe, die in den Jahren den üblichen Abnützungserscheinungen erlegen war, andererseits aber auch weiteren Bestand hatte, da beide, sie und ihr Ehemann, traditionelle Sicherheit predigten und auch lebten. Als Frau Unzeit-Unverdorben einmal die süße Fluchtgelegenheit mit einem Motorradkollegen nach Südtirol ergreifen konnte (ihr Ehemann mußte auf einen zweiwöchigen Lehrgang in der Ferienzeit), wollte sie sich gänzlich der fleischlichen Auslebung hingeben. Das gelang anfangs auch recht gut und zufriedenstellend (auch befriedigend, wie sie gegenüber einer Freundin ohne Doppelnamen bekundete); richtig böse wurde sie jedoch, als ihre Bettgeschichte die letzten zwei Tage abstinent bleiben wollte (und es auch blieb, wie sie bedauerte), da er nicht wolle, dass seine Frau (er sagte: mein Weibi) etwas merke von diesem Abenteuer. Es ging ihm um Sparen, Samenersparnis, damit der Erguß nach heimischer Rückkehr in dortigem Bette umso abundanter ausfallen könne. Das war ihr dann doch zu viel des Guten. So etwas hatte sie bislang noch nie erlebt gehabt. Und es war wirklich nicht ihr erster Ausflug in andere Betten. Gewollte Abstinenz aus Gründen der Samenersparnis! Dieser Waschlappen! Sie wußte wirklich nicht, ob sie lachen oder heulen sollte. Eher heulen, wenn sie an die zwei verplemperten Tage dachte. Eher lachen, wenn sie diesen Wurm (und dies fühlte sie nun in mehrfacher Deutigkeit) so argumentieren erlebte. Dabei hieß er noch mit Nachnamen Schleim. Nomen ist nicht immer Omen, dachte sie schon wieder belustigt, und ließ damals ihre Blicke beim nachgesprächlichen Kneipenbesuch über fremde Tische streifen, nach verläßlicherer Potenz Ausschau haltend. Damals jedoch erfolglos. Auch mußte sie auf gesicherten Rücktransport achten. Also, um es noch einmal festzuhalten, Frau Unzeit-Unverdorben war geachtete in weiten Kreisen der Männerwelt, konnte sie doch mit zweifachen Reizen auftrumpfen, ohne dass es aufdringlich zu sein hatte: mit ihrem Körper und Lustgefühl einerseits, mit ihren durchaus geistigen Anregungen andererseits. Wer nun meint, dies öffnete ihr Tür und Tor in jegliche Lebenswelt, der kennt Frauen- und Manneswelt wohl schlecht. Es gab Neiderinnen auf der einen Seite und Angsthasen auf der anderen.
Unkomplizierter, weil nicht mit besonderer Geisteskraft gesegnet (worunter sie - und das machte sie bei vielen auch so attraktiv - jedoch nicht litt), jedoch mit einer Lust ausgestattet, die für zehn und mehr Beziehungen gereicht hätte, war Frau Weingeist-Korkendreher. Vor allem nach dem Genuss von Alkohol geriet die Dame mit garantierter Sicherheit stets völlig außer Rand und Band. Dann vögelte sie alles, was ihr unter die Fänge geriet und machte auch gerne ihre gleichgeschlechtlichen Spiele. Sie war (und wohl auch: ist) die Frau der Lust. Ihr war der Doppelname eher ein Graus, eine lästige Verlängerung auf einem Felde, wo ihr Verlängerungen als überflüssig erschienen. Ein Freund bezeichnete Frau Weingeist-Korkendreher einmal als Lustphänomen, ein anderer als Geschenk des Himmels. Und in der Tat: sie war (und wohl auch: ist) so richtig schön. Begehrenswert. Aber viel, viel mehr Fleisch als Kopf. Eine Doppelnamenesoterikern weigerte sich jedoch, es zu akzeptieren, als einmal ein Bekannter sagte, Korkie (fast allen nannten sie irgendwann so und sie freute sich über diese Verkürzung) lebe aus dem Bauch heraus. Das sei schon etwas gänzlich anderes, meinte sie fast gekränkt. Korkie war dies alles egal. Sie hatte ihren Spaß, hatte ihr Leben und wollte daran auch fast nichts ändern. Freilich, die Arbeit gefiel ihr zunehmend weniger; der Schultrott nach über zwanzig Jahren hatte auch sie zermürbt, wenngleich auch einseitig, aber es gelang ihr, sich weitgehend schadlos zu halten. Wenn dann Frau Pfui-Teufel (Korkie nannte sie allerdings nur sehr selten so, statt dessen bediente sie sich des richtigen gedoppelten Namens) sie oft ob ihres lasziven Lebenswandels aus gelblichen Zähnen heraus anraunzte, ihr gar vorwarf, sie verrate die weiblichen Interessen, dann lachte Korkie frei und fröhlich zurück und meinte, dass sie diejenige sei, welche die eigentlichen weiblichen Interessen geradezu beinahe täglich zu leben imstande sei - dies im Gegensatz zu verbiesterten (selbst das sagte sie noch auf eine gewinnende Art und Weise) anderen Geschlechtsgenossinnen. Korkie hatte Lacher und Sympathien dann jedesmal auf ihrer Seite, freilich nicht die von Frau Pfui-Teufel und Frau Kartoffelkäfer-Filzlaus. Frau Unzeit-Unverdorben (übrigens vor ihrer Lehrtätigkeit hatte sie zunächst nach dem Abitur den Beruf einer Krankenschwester gelernt) stand zwischen jenen Polen. Einerseits teilte sie Korkies Anschauungen gerade was die Befriedigung fleischlicher Genüsse anging, andererseits jedoch hatte sie weniger Gelegenheit, sich demgemäß so auszuleben wie Korkie, so dass doch manchmal leichtere oder gar schwerere Neidgefühle aufkeimten, was ihr irgendeine Parteiennahme erschwerte. Gleichwohl war es, dabei zwar leicht vereinfachend, möglich, zwei Doppelnamengruppierungen auszumachen. Jene, die schlicht ihren Doppelnamen spazieren trugen wie ein Kamel seinen Höcker und diejenigen, die sich in Profilierungsversuche flüchteten und gleich Sisyphus niemals damit aufhören werden und können, gewichtige Gesteinsbrocken aus ungefiltertem Geisteskonglomerat gegen die Abtrift zu bewegen, um so ihrer Verdoppelung Gewicht zu verschaffen.
Er selbst hat sich ein neues Hobby zugelegt. Er sammelt Doppelnamen. Einfach nur die Namen. Ohne Bezug. Ohne Erörterung ihres tatsächlichen oder vermeintlichen Hintergrundes. Er schreibt sie nieder. Läßt sie auf der Zunge zergehen. Spricht sie laut vor sich hin. Lauscht dem Klang der Buchstaben. Läßt sie so - und nur so - lebendig werden. Versucht von Bezogenheiten sich zu befreien. Und denkt dabei immer wieder an Korkie, deren Doppelnamen ihm längst zerfallen ist.
Der schwere Gang
Er hatte Angst. Richtiggehend Angst. Es war ihm nicht bewusst, jemals von einem derartigem Gefühl überfallen worden zu sein. Dabei war der Gang Routine. Nichts als Routine. Seit mehr als zwanzig Jahren beschritt er solche Wege. Eigentlich: diesen Weg. Denn es war mehr oder weniger immer wieder das gleiche. Wenngleich an verschiedenen Orten. Aber ohne große Unterschiedlichkeit. Bislang hatte ihn stets ein Gefühl, das ihn an Überlegenheit erinnerte, begleitet. Eher Befriedigung als Unzufriedenheit. Und jetzt diese Angst! Er versuchte sich abzulenken. Die Musik im Radio wollte ihm heute nicht gefallen. Auch nicht das Wortprogramm. Er legte seine CD mit Goethes Faust ein, drehte den Ton etwas lauter als zuvor und fing an gleich einem Einmannhintergrundchor den Text zu deklamieren. Große Teile kannte er mittlerweile fast auswendig. Des öfteren hatte er dieses für ihn erbauliche Spiel auf seinen Fahrten gespielt. Er der große Rezitator. Doch heute wollte auch hier keine rechte Freude aufkommen. Da half kein Leugnen. Diese unbestimmte Angst, dieses gesichtslose Monster, hatte ihm im Griff. Irgendwann blieb ihm nichts anderes übrig, als nach Gründen zu fragen. Seine Gedanken hatten längst schon jene Grenze überschritten, die das Nachdenken über sich selbst zur Freude, wenigstens zur Selbstgefälligkeit, gestalten läßt. Die Angst bekam zunehmend ein fürchterliches Gesicht, nahm Konturen an, verließ letztlich die Sphären der Dumpfheit. Aus Unbestimmtheit war Gewissheit geworden. Furcht war sein Fahrtbegleiter geworden. Saß neben ihm auf dem Beifahrersitz. Ihm war nun klar, dass er am liebsten umdrehen würde. Heim zurück ins Büro. In das Amt. An seinen reichlich groß bemessenen Schreibtisch.
Was war es, das ihn seine Selbstverständlichkeiten plötzlich so unüberwindbar drohend erleben ließ? Was hatte er denn falsch gemacht? Was anders getan? Wie jeden Tag hatte er sein gemütliches Frühstück gehabt. Starken Kaffee, weichgekochtes Ei, dazu zwei frische Brötchen mit Butter und zartem Schinken. Ausreichend Zeit für die Morgenlektüre seiner ihm zur lieben Gewohnheit gewordenen Lokalzeitung. Seine Frau war, wie meistens frühmorgens, gut gelaunt gewesen, hatte es sogar geschafft, ihn, den doch zumeist sehr, sehr ernsten Menschen, zwei- oder gar dreimal zum Lachen zu bringen. Er konnte sein Haus ohne Eile verlassen. War pünktlich, ohne besondere Ereignisse auf dem Weg dorthin, an seinem Dienstort eingetroffen. Auch auf seinem längeren Weg über Treppen und Gänge - er nahm nie den Aufzug - ist ihm nichts auffällig gewesen, was das sonst Übliche aus seinem Ordnungsrahmen gedrängt hätte. In seinem Büro dieselbe Ordnung wie immer. Es roch nach frischem Bohnerwachs. Auch wie immer. Selbst das Kaffeegeschirr war sauber gespült. Auch wie immer. Seine Ordnung auf dem Schreibtisch war von der Reinigungsfrau nicht in Frage gestellt worden. Eigentlich auch wie immer. Dann die Sichtung von liegengebliebener Post. Abrufen von Mails. Abhören des Anrufbeantworters. Nur zwei Mails. Nichts besonderes. Drei Anrufe von Schulleitern, die um mobile Vertretung baten. Alles Krankheitsfälle. Er konnte sich - den Faust deklamierte er längst nicht mehr, ja er hatte ihn die letzten Kilometer trotz der Lautstärke gar nicht mehr wahrgenommen - nicht erinnern, dass auch nur das Geringste im Zuge seines alltäglichen morgendlichen Ablaufs in Unruhe versetzt hätte. Oder gar in Unruhe hätte versetzen können. Warum auch? War doch alles sein Metier. Aber das war sein gegenwärtiger Weg auch. Ebenso das Ziel. Wie auch der meist zweistündige, manchmal auch dreistündige Ablauf; nur in ganz seltenen Fällen mußte er mehr Zeit aufwenden - in jenen, wie er es für sich heimlich nannte, schweren Fällen. Der Begriff gefiel ihm: schwere Fälle. Hatte so etwas juristisch Genaues an sich, so eine ihm genehme Art der Ab- und Ausgrenzung. War ja auch wirklich unangenehm, was ihm so manche Zeitgenossen da zu präsentieren wagten. Der eine oder andere Alkoholabhängige, ab und zu Schwangerschaften, die das Ordnungsgefüge doch leicht durcheinander brachten, dann vermutlich doch ein paar Drückeberger, eine gewisse Anzahl Gleichgültiger und sicherlich ein paar Schäfchen, die in Zeiten zunehmender Disziplinlosigkeit leider doch mehr Schaf als Schafsbock waren. Wofür sie nach seinem Dafürhalten wohl selbst nichts konnten: Aber es bereitete ihm zusätzlichen Aufwand. Aber er konnte sich wirklich nicht erinnern, dass ihm das jemals größeren Verdruß bereitet hätte. Zumindest keinen so großen, als dass dies sein Leben, sein Denken und Fühlen beeinträchtigt hätte. Allenfalls etwas Mehrarbeit. Kein Problem für ihn, zumal er seine Arbeit stets geliebt hatte. In ihr aufgegangen war. Ihm - so spürte er es, so fühlte er sich - Anerkennung und Ansehen verschafft hatte. Auch hatte er keine Probleme, andere Leute zu beurteilen. Dies in nachweisbarer und verwendbarer Form. In verdichteter Dimensionalität. Nein, damit hatte er wirklich keine Probleme. War doch notwendig, war doch angemessen, entsprach der Forderung, ordnete sich der Notwendigkeit unter. Vor allem - und da hatte er überhaupt keine Zweifel: War doch gerecht. Genauer: Er war doch gerecht. Er sah sich als Diener in erster Linie. Als Staatsdiener sicherlich. Aber auch als Diener an der guten Sache. Und: Diener an der Gerechtigkeit.
Warum nur diese Angst, warum nur diese Furcht? Der Weg als Routine. Trotzdem! Er wird doch nichts anderes tun als sonst auch. Man wird ihn hofieren, wenn er das Gebäude betritt. Dann diese ihm sonst immer wohltuende Mischung aus Ehrerbietung und Dienstbeflissenheit im Lehrerzimmer. Auch der Kaffee und der doch sehr häufig angebotene frische Kuchen dazu sind ihm zur lieben und angenehmen Gewohnheit geworden. Besonders bei Prüfungsabnahmen. Angenehm satt und dann zum Prüfungsgespräch, dem Prüfling sein Ergebnis erläutern. Natürlich auch fragen, wie er, wie sie das erlebt und gesehen habe. Aber es gilt, und das immer wieder: erklären, warum es so und nicht anders ist, vor allem, warum es so und nicht anders sein kann. Also dieser sicherlich auch - und da macht er sich nichts vor - vorauseilende Gehorsam, freilich bei den einzelnen in graduellen Unterschiedlichkeiten, trägt ebenfalls zu einer wohligen Wärme in seinem Innern bei. Ein Gefühl, das sich heute überhaupt nicht einstellen mag. Angst. Furcht. Der Weg. Es ist ihm entgangen, welche Ortschaften er bislang durchfahren hat. So als nähme er nichts mehr war. Er erschrickt. Es wird ihm bewusst, wie gefährlich sein Zustand geworden ist. Keine Erinnerung an den größten Teil seiner Wegstrecke. So muß es bei einem Sekundenschlaf ablaufen. Keine Erinnerung, keine Wahrnehmung, und dann ...
Er wird hinten sitzen. Ganz hinten. Dicht vor geschützter Wand. Vor ihm Schüler und Schülerinnen. Ganz vorne die Lehrkraft. Er wird den gesamten Ablauf beobachten. Sich Notizen machen. Ab und zu aufstehen, um ihn Schulhefte zu sehen. Sich an den eingezogenen Schülerköpfen ergötzen, vielleicht dabei sich ab und zu an die eigene Schulzeit erinnern, an die eigenen hochgezogenen Schultern, wenn jemand neben seiner Schulbank gestanden hatte. Aber sein Hauptaugenmerk wird dem Regiedrittel im Klassenzimmer gelten. Der Tafel. Dem Anschrieb. Der Körperhaltung. Der Sprache. Der Struktur. Dem Wahrnehmungsvermögen. Der Interaktion. Dem Medieneinsatz. Der Ordnung.
Weil er ganz hinten sitzt, glaubt er Überblick zu haben. Er wird Hinterköpfe sehen, viele Hinterköpfe. Nur zwei Augen. Und auch das nicht einmal immer. Schreibt die Lehrkraft an die Tafel, wird auch sie zum Hinterkopf. Sicherlich ist ihm das schon in seltenen schnellen Augenblicken gegenwärtig geworden - dieses Hinterkopfszenarium. Jedoch bleibt ihm das Episode in seinem Tun. In seiner Aufmerksamkeit. Schlicht Episode. Keiner großen Aufmerksamkeit wert. Vor allem wird er notieren. Er muß belegen können.
Er spürt, wie sein Herz bis in den Hals hinauf klopft. Da. Die letzte Ortschaft hat er bewusst durchfahren. Besserung seines Zustandes? Hoffnung keimt auf. Doch lange kann er sich daran nicht klammern. Das Gefühl von vorhin ist sofort wieder da. Lebendig. Gegenwärtig. Ihm kommt ein Gedanke. Wie es wohl wäre, widerspräche ihm einmal jemand während diesen Visitationen und Prüfungsabnahmen? Schnell verwirft er das wieder. Erstens hat er das so noch nie erlebt, zweitens wird das sich wohl keiner trauen, schon gar nicht als Prüfling, und drittens wäre diese gleichsame Sprengung gesellschaftlicher Konvention für ihn undenkbar. So etwas wird nicht geschehen, weil es nicht geschehen darf, nicht geschehen kann. Er macht sich Mut. Was bleiben: Angst und Furcht. Eine seltsame Mischung, die ihm zunehmend unverdauliche erscheint. Er spürt ein Drücken in der Magengegend. Ein Würgen befällt ihn. Er glaubt, anhalten zu müssen. Doch es geht weiter. Dann im Schulhof. Geparkt wie immer, neben dem Auto der Schulleitung. Reine Gewohnheit. Ein Stück Privileg auf das er nie verzichten würde. Freundliche und eilfertige Begrüßungen. In die Runden, in die Ecken lächelnd. Ebensolche Spiegelungen. Ein paar Fragen, noch mehr Belanglosigkeiten, aber viel, viel mehr an gegenseitiger Hofierungen. Bilderverdichtung. Bestätigung dessen, was man längst zu wissen geglaubt hatte. Überflüssigkeiten als Gesellschaftsspiel. Er spürt wie einfach doch alles ist. Versteht momentan seine frühmorgentlichen Furchtaufwallungen und Angsttiraden nicht mehr. Ist er alt geworden? Ist er nur vorübergehend müde gewesen? Egal. Spielt doch jetzt wirklich keine Rolle mehr. Es tut ihm gut, so unwidersprochen zu bleiben. Beweis für seine Richtigkeiten. Für seine Position. Beruflicher Daseinsberechtigungsnachweis. Die Schulleitung ihm gegenüber, er auf der anderen richtigen Seite. Worte schweben durch die kleine Ungemütlichkeit. Zumindest für andere. Die Uhr an der Wand zwingt zur Erlösung. Er muß gehen. Weiter, seiner eigentlichen Aufgabe entgegen. Visitation. Ein Stück Professionalität, wie er empfindet.
Irgendwann sitzt er erneut. Diesmal hinten. Dicht vor der Wand. Vor ihm Hinterköpfe und ein Gesicht. Ein ängstliches. Leicht zur Maske verdorrt. Er findet seine Sicherheit wieder. Er freut sich schon auf die Verkündung seines Urteils, auf die anschließende Besprechung und auf den fortlaufenden Gang der Dinge.
Die Durchsuchung
Es ist längst schon dunkel. Vereinzelt werfen sparsame Lichter einen leichten Schimmer auf den stellenweise schon wieder brüchigen Asphalt. Kein Gehweg. Man muß aufpassen in den engen Kurven. Deshalb geht er streng rechts. Fast schon auf dem mehr als schmalen Grasstreifen am rechten Rand. Links wäre zwar ein Stück Wiese. Die ist aber feucht vom nächtlichen Tau und vom frühabendlichen Regen. Er kennt den Weg. Auch die mit ihm verbundenen Unwägbarkeiten. Weil er ihn täglich geht. Und auch fährt. Er kennt den Weg also aus zweierlei Augenpaaren. Dass die verschieden sind, vielleicht sogar verschieden sein müssen, ist ihm einleuchtend. Zumindest stellt er diesen Sachverhalt nicht in Frage. Leise summt er eine alte, ihm liebgewordene Melodie vor sich hin. Er mag diese stillen, ruhigenden Stunden und Minuten des Tagesausklangs. In einer nahegelegenen Wirtschaft hatte er sich noch zwei Bier genehmigt, einfach um den Abend nicht schon wieder alleine in seinem Häuschen verbringen zu müssen. Manchmal braucht er diese Wirtshausatmosphäre, auch die einfachen Gespräche, die jene kennzeichnen. Da kann er so richtig Langsamkeit und Nichtanstrengung, Abwesenheit von der täglichen Herausforderung und menschliche Nähe (die Gott sei Dank genau jene Distanz einzuhalten vermag, die er schätzt) einsaugen. In wohlgemessener Dosierung. Kein Zuviel, kein Zuwenig. Der Wind läßt die Fichtenwipfel leicht hin und her schaukeln. Eine Katze kommt auf ihrem nächtlichen Weg aus der Wiese (ihr scheint die Nässe dort nichts ausgemacht zu haben) und quert in sicherem Abstand seinen Weg. Das nächtliche Geräusch von Weidekühen. Am Ende der Wiese, gegenüber seiner alten, ihm jedoch sehr ans Herz gewachsenen Hütte, die neugebauten Reihenhäuser in ihrem die Nacht durchdringenden Einheitsweiß. Die hätten ja nicht unbedingt dorthin gehört. Am Anfang hatten sie ihn noch mehr gestört, jedoch hat er sich mittlerweile an dieses Unausweichliche gewöhnt. Gleich ist er da. Er hat zwei Hofeinfahrten. Wenngleich er sich weigert, den dicht grasbewachsenen Bereich um seinen Hauseingang so zu nennen. Hof - das ist für ihn anders. Jedenfalls nicht so. Aber irgendwie muß er ja eine Benennung finden. Aber warum eine neue, wenn die alte, wenngleich mehr als ungenaue, zur Verständigung taugt. Verständigung ist für ihn wichtig. In dieser Hinsicht vor allem ist er Gesellschaftsmensch. Verständigung als Mittel zur Klärung. Klärung als Voraussetzung für menschliches Miteinander. Und das im Einklang mit Natur. Dies vor allem ist er. Nicht nur nach Beendigung nächtlicher Gaststättenbesuche. Er ist kein Mensch falscher Sentimentalität. Nein. Ihm sind innere und äußere Begegnungen Grundlage menschlicher Existenz. Und die mag er nicht aufteilen. Nicht aufteilen in zum Beispiel eine vor sechs Uhr abends und nach sechs Uhr abends. Gleich hat er es geschafft. Kann endlich in sein Bett, um am nächsten Tag ausgeruht wieder seiner notwendigen Arbeit nachzugehen.
Hinter ihm ein Automotor. Es kommt langsam. Der Straße angemessen. Denkt er. Er schaut nicht um. Warum auch? Er geht auf sicherem Streifen, seine Kleidung ist hell genug. Das Auto fährt an ihm vorbei. Hält. Blaulicht wird eingeschaltet. Zwei Türen gehen auf. Links entsteigt ein Mann, rechts eine Frau. Beide in Uniform. Fast synchron setzen sie, aus dem Auto ausgestiegen, ihre Mützen auf. Mit lässigem Gang, ohne Anzeichen irgendwelchen Argwohns, nähern sie sich ihm.
Ausweiskontrolle. Die Hände bleiben dabei in der Tasche vergraben. Zumindest bei dem Mann. Wo sich die Frau festhält, vermag er in der Dunkelheit und in der überfallartigen Schnelle nicht auszumachen. Ausweiskontrolle, klingt es nochmals durch das Schweigen der Nacht. Er hat keinen dabei. Aber er könne ihn ja holen, er wohne nur zwanzig Meter von hier entfernt. Kein Ausweis, dann Durchsuchung. Ja, er müsse ihn schon durchsuchen, wenn er keinen Ausweis habe. Warum er ihn denn nicht schnell holen dürfe? Sie könnten auch gerne mitkommen. Nur zwanzig Meter. Dort. Dieses alte Häuschen.
Wenn er keinen Ausweis habe, müsse er ihn durchsuchen. So ist das eben einmal. Und vor allem jetzt. In dieser Nacht. An dieser Stelle. In diesem Lande. In diesen Gedanken. In diesem Denken. In diesem Tun.
Was wäre, wenn er sich denn weigere? Dann müsse er eben Gewalt anwenden, entgegnete ihm der Polizist mit fester, deutlich vernehmbarer Stimme. Wie gekonnt er dieses Wort ausspricht: Gewalt. Gewalt. Als wäre er mit dieser geboren. Als wäre sie schon immer ein Stück seines Ichs. Gewalt. Was er denn gegen eine Durchsuchung hätte, femininisierte das Polizistenweibchen dazwischen. Wäre doch nicht schlimm. Wäre doch nichts dabei. Wie sie zwitschert, dachte er bei sich, wie sie versucht, aus einer von ihm empfundenen Unverschämtheit eine nächtliche Bagatelle zu machen. Wie sie darüber spricht, wie über die Alltäglichkeit, besser: Allnächtlichkeit, eines Lebens in selbstverständlichen Onenightstands. Aber er hat Angst. Ja, richtig Angst. Er ist allein. Keine Zeugen. Gegen zwei Obrigkeiten. Vor allem hilflos gegen Uneinsichtigkeit. Nur zwanzig Meter. Er hat in seinem Leben schon andere Menschen, auch Polizisten, kennengelernt, für die jene zwanzig Meter wirklich kein Problem gewesen sind, gewesen wären. Zwanzig Meter als Grund für Androhung von Gewalt. Zwanzig Meter als Ursache für Abwesenheit von Einfühlungsvermögen. Zwanzig Meter als Legitimation von Mißachtung seiner bürgerlichen Rechte.
Was sie denn gegen ihn vorzubringen hätten, welchen Verdacht? Ausweis oder Durchsuchung. Keine weitere Erklärung. Nichts. Dabei der finstere Blick des Gewaltentschlossenen. Er läßt sich in seinem Zustand gerade noch den Namen der beiden geben, zu mehr Auskunftersuchen fehlt ihm der Überblick, die Distanz. Er durchsucht, sie schaut zu. Eher belustigt und gelangweilt zugleich. Diese böse Mischung aus Despektierlichkeit und Ichschwäche. Er findet nichts. Jetzt will er doch noch den Ausweis sehen. Er solle ihn holen. Er geht. Sie steigen in ihren Wagen, fahren in den dunklen Hof und warten dort mit geöffneter Fahrertüre, bis er aus dem Nachtschatten aus dem Hause tritt, den Ausweis in der Hand. Zwei Blicke auf den Ausweis, knapper Gruß und fort fahren sie wieder - ihren nächtlichen Zielen entgegen.
Rückfrage beim Vorgesetzten dieser Freunde und Helfer. Er solle dies doch als Maßnahme des Eigenschutzes der Polizei sehen. Ob er mit diesem Gedanken sich anfreunden und leben könne? Er werde es versuchen, überlegen und dann entscheiden. Er entschied sich für eine Beschwerde, deren Ausgang dem Leser überlassen bleiben sollte.
Eigenschutz? Und dann diese Sorglosigkeit am Ende? Was hätte denn statt eines harmlosen Ausweises alles aus dunklem Hause auf die beiden Sicherheitsbedürftigsten zukommen können? Sie haben das Pfeifen im Walde geprobt. Duett der falschen Phantasien!
Wird an dieser Stelle nicht komplett angeboten. Nur so zum Einlesen ...
"Das Geheimnis des rechten Altwerdens liegt in einem Satz: Die Zeit geht sanft nur mit denen um, die mit der Zeit sanft umgehen."
Anatole France
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