Schönheit im Verfallen
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tempus fugit 6
Nein, bleib nicht stehen.
Es ist eine göttliche Gnade,
gut zu beginnen.
Es ist eine größere Gnade,
auf dem Weg zu bleiben
und den Rhythmus nicht zu verlieren.
Aber die Gnade aller Gnaden ist es,
sich nicht zu beugen und,
ob auch zerbrochen und erschöpft,
vorwärts zu gehen bis zum Ziel.
(Dom Helder Camara)
Wenn deine Liebe nicht hoffen kann,
Gehör zu finden,
sollst du sie verschweigen.
Sie kann in dir reifen,
wenn Schweigen herrscht.
Denn sie schafft eine Richtung in der Welt,
und jede Richtung lässt dich größer werden,
die es dir erlaubt,
dich zu nähern,
dich zu entfernen,
einzutreten,
hinauszugehen,
zu finden,
zu verlieren.
(Antoine de Saint-Exupery)
Wenn ich bei meiner Liebsten bin,
Dann geht das Herz mir auf,
Dann bin ich reich in meinem Sinn
und biet die Welt zum Kauf.
Doch wenn ich wieder scheiden muß
Aus ihrem Schwanenarm,
Dann schwindet all mein Überfluß,
Und ich bin bettelarm.
Heinrich Heine
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An dieser Stelle mache ich mir ein paar Gedanken über "Liebe", daraus abgeleitete "Hoffnungen", über die Spannung von Wunsch und Wirklichkeit sowie über den Umgang mit dem, was man für "Wahrheit" zu erkennen glaubt -- bei sich und dem anderen. Ausgangspunkt seien zwei Lieder des leider viel zu früh verstorbenen Ausnahme-Sängers Harry Chapin, der nicht nur allerbeste Musik machen konnte, sondern neben seinen philosophisch anmutenden Gedanken und seiner gekonnt poetischen Ausdrucksweise stets den Blick für die ihn umgebende gesellschaftliche und persönliche Wirklichkeit offenhielt. Dabei zeigte er nie nur einseitig auf "die anderen", sondern behielt sich auch selbst im Auge. Dafür ist unter all seinen Liedern und gegebenen Interviews sowie seinem intensiven sozialen Engagement das Lied "There was only one choice" beredtes Zeugnis. (Empfehlung: einfach anhören!)
Da erkennt man einmal mehr auch Harry Chapin aus seinem Lied "Sequel", die Weiterführung der Beziehungs-Geschichte aus "Taxi" ...
O, wie liebt der Mensch, wenn sich zwischen ihn und das Geliebte die Unmöglichkeit stellt.
Friedrich Hebbel
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Der für viele unvergessene Harry Chapin erzählt in seinem Lied "Taxi" eine Geschichte, die jene Spannung zwischen Traum und Wirklichkeit zeigt, wie sie den meisten Menschen, sofern sie diese Problematik nicht mehr oder weniger gekonnt verdrängen,bekannt sein dürfte ...
In einer regnerischen Nacht wird ein Taxifahrer, der noch eine Fahrt zur Beendigung seiner Schicht brauchte, von einer Frau angehalten. Sie meinte, er solle sie zur Adresse "Sixteen Parkside Line" fahren. Während der Fahrt dachte er sich, daß ihm die Frau irgendwie bekannt vorkomme, daß er schwören könne, ihr Gesicht schon einmal gesehen zu haben. ("Something about her was familiar, I could swear I'd seen her face before.") Er sagte ihr das auch, sie meinte nur, er müsse sich irren und schwieg zunächst daraufhin. Sie blickt dann in den Rückspiegel, sieht seinen Namen auf dem Taxifahrer-Lizenz-Schild, erkennt ihn, so wie er sie ja auch: Harry, der Fahrer und Sue, die Verflossene ...; langsam legt sich ein Lächeln auf ihr Gesicht, etwas traurige Züge dabei ("A smile seemed to come to her slowly, it was a sad smile, just the same, and she said, 'How are you, Harry?'") und er bekennt, daß sie in seinen Gedanken und offensichtlich auch in seinem Fühlen immer noch einen Platz hat (I said, 'How are you, Sue? Through the too many miles and the too little smiles I still remember you.' ").
Er erinnert sich an das gemeinsame Früher, an die ihm märchengleich dünkende Begegnung mit ihr, an die Liebesversuche auf dem Rücksitz des Dodge, aber allzu weit sei es dabei nicht gekommen ("The lesson hadn't gone too far."´). Er erinnert sich, daß sie Schauspielerin werden wollte, er Pilot ("You see, she was gonna be an actress, and I was gonna learn to fly. She took off for the footlights, and I took off to find the sky."). Dann folgt eine tief-emotionale Schilderung seiner Gefühlswelt, was sie in ihm auslöst, auch die gespürte psychische Enge ("Oh, I've got something inside me, not what my life's about, 'cause I've been letting my outside tide me ..."). Er weiß aber auch, daß es eigentlich nicht viel mehr zu reden gibt, daß all das, was einmal war, eben Vergangenheit ist ("There was not much for us to talk about, whatever we had once was gone.").
Er hält nun bei ihrer Wohnung, sie meint nun doch, sie müßten (wieder?) zusammenkommen, er sieht aber, daß dies wohl kaum Wirklichkeit werden kann ("And she said we must get together but I knew it'd never be arranged.") Der Fahrpreis beträgt $ 2,50, sie zahlt mit einem Zwanzig-Dollar-Schein und sagt, er könne das Wechselgeld behalten. Harry schildert nun seine Gedanken dabei: er meint, ein anderer Mann wäre wohl verärgert gewesen (wegen dieser schon einen beschämenden Großzügigkeit), aber ein anderer Mann hätte sie auch nicht einfach gehen lassen, er steckte das Geld einfach kommentarlos ein ("And she handed me twenty dollars for a two fifty fare, she said 'Harry, keep the change.' Well another man might have been angry, and another man might have been hurt, but another man never would have let her go, I stashed the bill in my shirt.").
Sie ging dann schweigend, er meint, sicherlich etwas sarkastisch, daß man eben nie genau wissen könne und beide hätten das bekommen, was sie sich vor langer, langer Zeit gewünscht hatten, sie wollte ja Schauspielerin, er Pilot werden, sie zielte auf das Scheinwerferlicht, er auf den Himmel, und jetzt? Sie schauspielert glücklich in ihrem gemütlichen Heim, er fliegt (gefühlt) ganz hoch in seinem Taxi, nimmt Trinkgelder und trinkt (etc.?) ("And here, she's acting happy inside her handsome home. And me, I'm flying in my taxi taking tips, and getting stoned, I go flying so high, when I'm stoned.").
Das ist also die Geschichte von Harry und Sue; das Lied "Taxi" ist auf der LP "Heads And Tales" 1972 erschienen. Harry Chapin sagte einmal, wie der Mann, wie die Frau tatsächlich fühlen, gehe aus dem Text nicht unmittelbar hervor, es obliege dem Zuhörer, sich in das Geschehen einzulassen, eigene Gedanken und Interpretationen zu dem Dargebotenen zu entwickeln, also nicht nur dazusitzen und sich auf die eine oder andere Art unterhalten zu lassen. Es singe hier nicht jemand direkt davon, daß er einsam ist ("I'm lonely!"), sondern es handle sich um eine "more involving form of music than sitting and hearing somebody sing." In "Taxi" wird -- so sehe ich es jedenfalls -- eine Geschichte erzählt, die dem Zuhörer Assoziationen bietet, aus denen er dann eigene Gedanken entwickeln kann und muß. Wenn Harry denkt, er und Sue könnten ohnehin nicht zusammenkommen (wie sie es beim Aussteigen vermutlich gerne hätte -- offenbar ist ihr Zusammenleben im "handsome home" alles andere als von Glück beseelt, wohl eher gewordene und gelebte Normalität ohne erkennbare Höhen und Tiefen) geht daraus nicht unbedingt hervor, daß seine Gefühle auch in diese Richtung drängen. Das Gegenteil ist eher der Fall, wie seine Gedanken, ja, auch wie sein Sarkasmus am Schluß, es nahelegen.
Mit "Taxi" ist die Geschichte von Harry und Sue jedoch noch nicht zu Ende. Jahre später, 1980, veröffentlichte Harry Chapin sein Album "Sequel" (später dann nochmals als "Remember When The Music" wiederveröffentlicht), dessen Titelsong "Sequel" an die Geschichte von Harry und Sue aus "Taxi" anknüpfte ...
Die Geschichte von Harry und Sue geht also noch ein wenig weiter, nämlich in Harry Chapins Lied "Sequel":
Die unmittelbare Anknüpfung an "Taxi" zeigt sich schon in den ersten zwei Zeilen von "Sequel", in denen die im ersten Lied am Ende aufgezeigte Lebenspraxis beider Protagonisten aufgegriffen wird ("So here she's acting happy inside her handsome home, and me, I'm flying in my taxi, takin' tips and gettin' stoned.").
Aber nun ist Harry nicht mehr als Taxifahrer tätig, mittlerweile hat er es zum Musikstar gebracht, kommt viel zu früh am Ort seines Auftritts an ("I got into town a little early, had eight hours to kill before the show."), denkt zunächst, die Zeit in der nördlichen Gegend der Bucht zu verbringen, weiß aber dann plötzlich, wohin er gehen mußte ("Then I knew where I had to go."). Er überlegt: Soll er sich eine Limousine oder zumindest ein tolles Auto nehmen, entscheidet sich dann jedoch für ein Taxi. Und dies hängt mit seinen Erinnerungen zusammen, erstens habe alles mit einem Taxi begonnen und zweitens sei er vor 10 Jahren dort hinter dem Steuer gesessen und jetzt könne er selbstbewußt und bequem auf dem Rücksitz Platz nehmen. ("But I ended up taking a taxi, 'cause that's how I got this far. You see, ten years ago it was the front seat, drivin' stoned and feelin' no pain, now here I am straight in the back hitting Sixteen Parkside Lane.") Das Ziel also erneut die Stelle, an der damals Sue ausstieg und ihm das exorbitante Trinkgeld überließ ("Harry, keep the change!" heißt es ja in "Taxis".). Dort angekommen, muß Harry aber feststellen, daß Sue umgezogen ist. Der Butler gibt ihm dann jedoch die Adresse von Sue, an die ankommende Post weitergeleitet wird. Harry läßt sich vom Taxifahrer nun dorthin fahren, Sue öffnet die Türe und Harry schildert ihren entsprechenden Blick dabei in einem meines Erachtens sehr aussagekräftigen Bild folgendermaßen: "And the look on her face as she opened the door was like an old joke told by a friend. It'd taken ten more years but she'd found her smile and I watched the corners start to bend." Sue fragt ihn, wie es ihm gehe und ergänzt, ob sie denn dieses Spiel nicht schon zuvor einmal gespielt hätten ("Haven't we played this scene before?"). Harry erwidert, es sei so gut sie zu sehen und er mußte das ganz einfach noch einmal "spielen" ("I said 'It's so good to see you, Sue, had to play it out just once more.' Play it out just once more.").
Sue meint nun, sie habe ihn hoch in ihrem Radio fliegen gehört (eine Anspielung auf Harrys frühern Wunsch als Pilot erfolgreich zu sein und hoch zu fliegen, er aber jetzt ja großen Erfolg als Sänger habe), woraufhin Harry antwortet, das alles sei längst nicht so wie es scheint. ("She said I've heard you flying high on my radio. I answered 'It's not all it seems.'") Sue lacht und kommentiert, es ist manchmal besser, wenn sich Träume nicht erfüllen ("It's better sometimes when we don't get to touch our dreams."). Daraufhin fragt Harry Sue, wie das denn mit der Schauspieleren gewesen wäre. Sue sagt, das wäre jemand anders gewesen ("That's when I asked her where was that actress, she said 'That was somebody else.'").
Harry fragt Sue, wie es denn kommt, daß sie jetzt so glücklich aussieht, antwortet Sue, das läge daran, daß sie sich endlich selbst möge, sich selbst angenommen habe ("I finally like myself, at last I like myself.").
Sie haben sich dann beide den ganzen Nachmittag unterhalten, sprachen darüber, wo sie gewesen waren, redeten über den winzigkleinen Unterschied zwischen dem Beenden und dem ersten Schritt etwas neu zu beginnen ("We talked of the tiny difference between ending and starting to begin."), vor allem auch über die Schwierigkeit, sich über die eignen Gedanken klar zu werden, auch Gedanken und ihr Formulieren in Einklang zu bringen: "We talked because talking tells you things like what you really are thinking about. But sometimes you can't find what your're feeling till all the words run out."
Er bittet sie, abends zu seinem Konzert zu kommen, sie antwortet, sie kann nicht weil sie nachts arbeitet. Harry meint dazu, sie beide wären verdammt gut darin geworden, sich einander zu verlassen; Sue stimmt ihm zu ("I said, 'We've gotten too damn good at leaving, Sue.' She said, 'Harry, you're right.'")
Wie geht es nun unmittelbar weiter? Wie ging es nun wirklich weiter? Hierzu trifft Harry Chapin in "Sequel" keine genaue Aussage. Man solle ihn (Harry) nicht fragen, ob er mit ihr dann intim geworden sei, auch nicht wer von beiden zu weinen anfing, auch nicht weshalb sie das Geld welches er ihr geben wollte nicht angenommen hat. Er ergänzt noch, falls er auf diese Fragen überhaupt antworten gäbe, würde er sicherlich lügen ("Don't ask me if I made love to her or which one of us started to cry. Don't ask me why she wouldn't take the money that I left. If i answered at all I'd lie.").
Harry dachte dann an sie als er abends bei seinem Auftritt sang, er dachte daran wie der Kreis sich immerfort dreht und wie sie mit beiden Füßen auf dem Boden fliegt ("And how she's flying with both feet on the ground."). Er denkt, das ist die Fortsetzung unserer Geschichte, jener Reise zwischen Himmel und Hölle; und die Hälfte seiner Gedanken kreisen darum, was hätte alles sein können, die andere Hälfte dachte, es sei so wie es ist auch gut, ebenso gut, schon in Ordnung ("I guess it's the sequel to our story from the journey 'tween heaven and hell, with half the time thinking of what might have been and half thinkin' just as well.) Und die Antwort darauf? Da meint Harry dann schlicht und naheliegend: "I guess only time will tell". Es wird sich also allein im Laufe der Zeit herausstellen ...
Wenn Sue in "Sequel" feststellt "It's better sometimes when we don't get to touch our dreams.", dann erinnert mich das an Oscar Wildes Aussage "Wenn die Götter uns bestrafen wollen, erhören sie unsere Gebete." Man kann seinen Satz auch allgemeiner, damit auch das einschließend, was nicht in Gebeten ausgedrückt wird, verstehen: "Wenn die Götter uns bestrafen wollen, dann erfüllen sie uns unsere Wünsche." Die Kaiserin Elisabeth I. von Österreich (Sissy) hatte u.a. den sehnsuchtsvollen Wunsch, auf Korfu einen Palast für sich zu bauen. Als das Achilleion dann fertig war, konnte sie sich gar nicht mehr so richtig darüber freuen und meinte "Eines ist mir klar geworden: unsere Träume sind immer schöner, wenn wir sie nicht verwirklichen."
Das besagt doch auch, wie fragwürdig unsere Wünsche oft sind, wie fern von der eigentlichen Tatsächlichkeit, auch wie nebulös. Wie oft hat man denn Wünsche, stellt dann später oft fest, daß der Wunsch mit den tiefen Wünschen eigentlich doch nichts zu tun hat(te), daß das Objekt, das mit der Wunscherfüllung verbunden ward, das falsche war. So gesehen ist es in vielen Fällen tatsächlich besser, wenn ein derartiger Wunsch unerfüllt bleibt. Auf Personen bezogen: Wie oft wird ein Mensch mit Hoffnungen und Erwartungen überfrachtet, ist diesen dann letztlich nicht gewachsen, sodaß beide Seiten an der Wunscherfüllung dann leiden ... Unzählige zerbrochene Beziehungen, Ehen, Freundschaften, ja auch Kameradschaften geben davon ein beredtes Zeugnis! Haben Harry und Sue vielleicht beide zuviel voneinander erwartet? Waren ihre anfänglichen Träume nicht bereits von Anfang an für eine gemeinsame Beziehung inkompatibel? Waren sie überhaupt sich selbst jeweils darüber im klaren, welche Wünsche sie tatsächlich hatten? Hat nicht jeweils der eine in den anderen etwa hineinprojiziert, zu dessen Realisierung man überhaupt nicht in der Lage war? Oder etwas weiter gefaßt: Haben nicht beide ein jeweils subjektives Theaterstück als Stück im Lebenstheater aufgeführt, das von Anfang an zum Scheitern verurteilt war, weil die für eine fundierte Gemeinsamkeit überhaupt keine Basis vorhanden war? Der einschlägige Fragenkatalog ließe sich problemlos umfangreicher gestalten. Man wird bei diesen Überlegungen letztlich dorthin gelangen, wo sich die Frage stellt, was denn Liebe eigentlich sei, wo ihre notwendigen Bedingungen und ihre hinreichenden liegen, das sicherlich wenigstens eine gewisse Trennschärfe bei der Klärung des Begriffes zu leisten ist.
In beiden aufeinander verworfenen Liedern klingt auch immer wieder die Problematik des Verstehens, des Erkennens, des Ausdrücken von Wirklichkeit, ja: von Wahrheit, durch. Ist man sich denn immer sicher, welche "Wahrheit" es gerade in Beziehungsangelegenheiten gibt, welche für einen selbst gelten? Und damit im engen Zusammenhang ist zu fragen, ob und wie man sich diesbezügliche dann auch ausdrücken kann, und zwar auch: authentisch geben kann. Hier sollte mindestens als notwendige Bedingung Voltaires bekanntes Diktum "Alles was du sagst, sollte wahr sein. Aber nicht alles was wahr ist, solltest du auch sagen." beachtet werden. Wie häufig kommt es wohl vor, daß jemand seine eigenen Nöte hofft, über den oder die andere (oder auch über mehrere Menschen) zu lösen! Und es ist (leider oder Gott sei Dank?) schon meistens so, wie es Harry Chapin seinen Ex-Taxifahrer und Sänger als Fazit sagen läßt: "I guess only time will tell." Aber man sollte dieses Delegieren auf die Zeit nicht allzu sehr überstrapazieren. Durch gezielte Eigenschau, durch kritische Betrachtung des Verhaltens jener, auf die man seine Hoffnungen und Erwartungen (von mir aus auch: "Liebe") richtet, könnte wohl so mancher Irrtum vermieden und so manche nicht tragfähige Bindung verhindert werden.
Damit sei gewiß nicht dem volkstümlichen Sprichwort, wonach der Spatz in der Hand besser als die Taube auf dem Dache sei, das Wort geredet, denn auch der "Spatz in der Hand" kann die falsche Entscheidung sein, wie auch die "Taube auf dem Dach", auf die man das Augenmerk richtet ohne letztlich zu wissen, was sie überhaupt für einen zu leisten im Stande ist. Es geht hier nicht um Nähe oder Entfernung nämlich, sondern darum seine eigene Erkenntnisqualität zu verbessern, wozu selbstredend die Verbesserung der Selbsteinschätzung gehört. Und als Vogelfreund gefällt mit ein Vergleich, der hier den Spatz geringer gewichtet als die Taube übrigens ohnehin nicht. Beide Tiere sind individuelle schöne, interessante, wertvolle Tiere, somit jeweils einzigartig in ihrer Art. Die eigentliche Frage ist ja, welche "Einzigartigkeiten" jeweils zusammenpassen, es miteinander können (oder eben nicht) und nicht irgendeine andere Abwägung. Vergleichbarkeit ist ohnehin, sofern man nicht vereinfachen will, immer eine problematische Angelegenheit. Auf Menschen bezogen: wie will man eigentlich in toto Person A mit Person B vergleichen?! Es lassen sich sicherlich einzelne Faktoren vergleichen, wie zum Beispiel das Können, der Erfolg auf einem ganz spezifischen Gebiet; auch hinsichtlich Verhalten kann man von der Gesamtperson abstrahierte Erscheinungsformen vergleichen. Sicherlich geht das ebenfalls bezüglich Verläßlichkeit, wobei hier bereits der Gesichtspunkt einer eventuell unterschiedlichen Verläßlichkeit bei verschiedenen Verhaltensaspekten häufig festzustellen sein wird; unbestritten dürfte sein, daß es natürlich auch Personen gibt, die stets konsequent unzuverlässig sind, aber es gibt auch bei ansonsten verlässlichen Personen eine Relativität im Verhalten, vor allem dann, wenn jene selbst "unter Druck" stehen.
Kurz gesprochen kann man sagen, daß sich wahrliche Verläßlichkeit eines Menschen erst immer dann erweist, wenn er auch unter Bedingungen eigener Stresssituationen diese Verläßlichkeit zu leisten vermag. (Dies betrifft natürlich nicht nur andere, sondern auch einen selbst ...)
Wie selbst aber mit diesen Imponderabilien umgehen? Ein sicherer Weg dürfte es sein, stets auch mit der Unzuverläßlichkeit eines anderen zu rechnen, zu antizipieren, selbst eben entsprechende Verhaltensalternativen für den Fall des Falles sich zu überlegen. Hierzu ein einfaches Beispiel: Ich kannte einmal einen, der sehr hilfsbereit war, wie auch der Rest seiner Familie. Oft hatte er mich zu sich eingeladen, bei ihm ein paar Tage zu verbringen. Leider hatte der -- ansonsten wirklich nette Mensch -- immer wieder auch schon mal gezeigt, daß auf sein Wort kein Verlaß war. Auch hattte ich es schon erlebt, daß er plötzlich trotz getroffener Vereinbarung nicht auffindbar war. Im Nachhinein stellte sich heraus, daß in den derartigen Fällen er dann etwas für ihn im Moment Wichtigeres zu tun hatte und diesem nachging. Er zeigte also so etwas wie eine partielle Unzuverläßlichkeit. Aber ich mochte ihn einfach. Und war halt so. Meine Vorsorgemaßnahme war dann: immer wenn ich wieder einmal von ihm eingeladen wurde, besorgte ich mir sicherheitshalber eine kurzfristig zu stornierende Hotelunterkunft in der seinem Wohnort nahegelegenen Großstadt. Diesen Weg hielt ich für sinnvoller (und auch für sozialverträglicher) als mit ihm über seine teilweise Unzuverläßlichkeit zu "diskutieren"; es hätte nämlich nichts gebracht: einerseits hätte er verständnislos reagiert (denn er erlebte sein manchmal sprunghaftes Verhalten völlig anders) und andererseits hätte es zu keiner Änderung bei ihm geführt. (Allerdings sollte man seine eigene Fähigkeit zur "Toleranz" auch auf diesem sensiblen Gebiet von Beziehungen nicht überstrapazieren! Als wieder einmal er hochgradige Unzuverläßigkeit zeigte, beschloß ich, den Kontakt zu ihm abzubrechen. Er hat es wohl nie verstanden, ich schon.)
Wir kennen Unzuverläßlichkeit auch aus vielen anderen Bereichen. Der kluge Reisende wird zum Beispiel bei einer gewählten Zugverbindung (nicht nur für die Hin- sondern auch für die Rückfahrt) damit rechnen, daß es mit der Verbindung entgegen der gebuchten Fahrt (vielleicht sogar mir Zugbindung!), entgegen der Planung doch nicht klappt oder daß die Rückfahrt aus irgendwelchen Gründen nicht wie vorgesehen erfolgen kann. Also wird er sich im Vorfeld sowohl zeitlich als auch preislich entsprechende Gedanken um Alternativen machen, dies natürlich in der Hoffnung und Erwartung, alles möge so verlaufen wie eigentlich vorgesehen.
Weiter oben habe ich Anmerkungen zum Umgang mit "Wahrheit" gemacht. Dieser hat aus meiner Sicht ebenfalls neben anderen Aspekten mit "Verläßlichkeit" zu tun, nämlich mit dem Vertrauen darauf, der andere lügt einen nicht an. Das ist natürlich ein schwieriges Feld: denn wer lügt eigentlich nie ...? Ich denke, es gibt niemanden, der immer die Wahrheit spricht! Das Vorenthalten von "Wahrheit" kann ja auch "gut" gemeint sein (im krudesten Fall bis hin zum "Gutmenschentun"), kann aus der subjektiven Überzeugung, den anderen dadurch zu schonen, erfolgen, häufig wohl auch aus der Furcht, den anderen durch eine (für ihn oder für sie unangenehme) Offenheit zu verlieren, u.a.m.
Was aber nun tun, wenn jemand beim Lügen zweifelsfrei ertappt worden ist oder aber "nur" die Vermutung (hoffentlich dann wenigstens auf etwas Evidenz basierend ...) vorherrscht, der oder die andere lügt, wobei ich auch das Beschönigen von Problemlagen und entsprechende Ablenkmanöver im Umgang mit der Realität zu Formen der Lüge rechne? Ein Weg dürfte in den allermeisten Fällen nicht besonders zielführend sein: dem anderen zu sage, er oder sie lüge, man glaube es nicht, man denkt dagegen es sei so oder so. Denn wer der Wahrheit ausweicht, wird dann wohl kaum -- sieht man einmal davon ab, die Lüge ist vollkommen offensichtlich und als solche einwandfrei zu "beweisen" -- plötzlich zugeben, wie es sich wirklich verhält. Die direkte Ansprache führt also da wohl kaum weiter. Ich halte es für den besseren (auch: besser gangbaren) Weg, sich seinen Teil zu denken, sich seine eigene Position zu jener Person entsprechend zu überdenken und vor allem den anderen Menschen nicht noch weiter in seine / ihre Zwangslage (denn das ist es für einen doch, wenn er sich zum "Lügenmüssen" entschlossen hat!) zu drängen. Und je nach der subjektiv bewerteten Art und empfundener Schwere der "Lügengeschichte" wird man dann entweder so weit als möglich einfach darüber hinwegsehen oder aber die Konsequenz ziehen, den Umgang mit jener lügenden Person zu reduzieren und auf die Bereiche beschränken, die eben noch aufrichtigerweise möglich sind oder aber die Beziehung gänzlich aufgeben. Das hat aus meiner Sicht dann überhaupt nichts mit Feigheit, Furcht vor der Auseinandersetzung oder gar irgendwelcher Angst zu tun: das ist schlicht die Einsicht in das Machbare, in Grenzen und Möglichkeiten. Und trotz aller in solchen Fällen empfundenen persönlicher Not oder gar Kränkung gilt: der andere ist eben so und man sollte ihn / sie gerade deswegen nicht in irgendeine Ecke drängen, weil ohnehin sinnlos. Das wäre gewiß dann anders zu sehen, könnte man durch eine entsprechende Auseinandersetzung Verhaltensänderung und Aufrichtigkeit bewirken. Aber genau das dürfte fast immer mißlingen. Also: es besser gleich bleiben zu lassen. Damit leben oder falls man es nicht anders zu (er-)tragen vermag: andere Wege zu gehen, dies in der Hoffnung auf anderweitige Aufrichtigkeit. (Aber nochmals sei hier betont: den Blick in den eigenen Spiegel nie vergessen!) Es ist eben so: auch dieses jeweilige Verhalten ist auf die jeweilige Person bezogen unter anderem immer auch ein Aspekt der "Einzigartigkeit"; kann man diese nicht ertragen, muß man eben Wege dorthin finden, wo sich dann die andersgeartete "Einzigartigkeit" besser ertagen läßt. Kurz: Jede(r) muß für sich die passende "Einzigartigkeit" finden.
Ich habe eben nochmals von "Einzigartigkeit" gesprochen, ein Attribut, das sicherlich -- zumindest im ersten Liebesrausch -- viele ihrem "Liebesobjekt" zuordnen dürfen. Aber ich verstehe unter diesem Begriff noch mehr, nämlich all jene Menschen, die sich nicht dem Druck der Konformität so leicht oder besser: gar nicht, unterordnen. Ich meine damit auch: Originale. Somit auch das Sehen und Erleben von Besonderheit, eben auch: von Einzigartigkeit, die erste Euphorieschübe nach dem Kennenlernen überdauern. Naheliegend dürfte es sein: je individueller ein Mensch, desto anstrengender (aber sicherlich auch in den allermeisten Fällen: desto bereichender) ist er für den Partner, für die Partnerin. Beim Massenmensch, beim Durchschnittsmensch, bei all jenen, die dem Mainstream bereitwillig folgen, sehe ich zwar auch die oben genannten Fallstricke für "Beziehungen", freilich dürften dort wegen des höheren Grades an Gleichgesinntheit, an Gleichschaltung in den Orientierungs- und sozialen Verankerungsweisen die Anzahl der kritischen Berührungspunkte geringer sein. (Dies schließt natürlich trotzdem die Möglichkeit heftigster Dissenzen nicht aus, lediglich die Anzahl der Auslösefaktoren sind da in aller Regel reduzierter.)
Wer auch immer Hoffnungen auf ein erfülltes Leben hat, wird diese in einer Beziehung auf der Grundlage selbsterkannter Anspruchsregungen versuchen, erfüllt zu bekommen. Dies gelingt jedoch nur in den seltensten Fällen mit einem Partner / Partnerin mit anderen Schwerpunktsetzungen, auch selbstverständlich dann nicht, wenn beim Partner die Voraussetzungen für das Eingehen auf Hoffnungen, auf Erwartungen beim anderen fehlen. Das ist natürlich dem anderen nicht vorzuwerfen; man hat eben in solchen Seins- und Gefühlslagen entsprechende Schwerpunkte zu setzen -- bis hin zu denen, einen Partner der heillos überfordert ist, zu verlassen. Am besten wäre es jedoch: im Vorfeld sich ehrlich zu machen, hinsichtlich sich selbst und hinsichtlich des Erkennens des / der anderen, das um spätere Enttäuschungen zu vermeiden oder wenigstens zu reduzieren. Und dieser Problematik sind sicherlich alle Menschen, die sich anderen zuwenden wollen, ausgesetzt, egal ob hochgradig individuell oder eher dem Massentypus zuneigend. Für alle dürfte deshalb auch das gelten: Man hat sich zuerst mit dem eigenen Inneren, mit der eigenen Unzufriedenheit, mit der -- wenn dem so sein sollte -- eigenen inneren Leere, also mit seinen eigenen Schwächen (und natürlich auch: den eigenen Stärken) auseinanderzusetzen und somit zu reifen. Wer anderen nichts "bieten" kann, wird auch von anderen nicht allzu viel verlangen dürfen. Was nicht funktionieren dürfte: die Unmöglichkeit einer Bindung, einer Verlässlichkeit, einer Vertrauensbasis, die eigene Unfähigkeit als Grundlage für "Liebe" zu nehmen. Das wäre nichts anderes als Selbsttäuschung. Ein so ausgesprochenes "Ich liebe dich!" ist dann eher Resultat aus Nichtverstehen eigener Seinslage und Disposition.
Liebe und Freundschaft der meisten Menschen ist ein Füllen der eigenen Leere mit fremden Inhalt.
Friedrich Hebbel
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Let us dare to read, think, speak, write and dream ...
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