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Rezensionen
Warum schreibe ich überhaupt Rezensionen? Ist das für mich eine "unverzichtbare", eine "grundsätzliche" Angelegenheit? Nein, sicher nicht. Ich denke, in erster Linie ist es, was meine Person angeht, eine Schreibübung, eine Form mich in Disziplinierung zu üben, einmal mehr auch auf diese Art Gedanken zu ordnen und den Versuch zu unternehmen, sehr subjektive Elemente mit dem Bemühen um Objektivität abzugleichen. Eines sind meine Rezensionen sicherlich auch nicht: eine qualitative Auswahl gelesener Bücher. Das wäre bei der Vielzahl ohnehin nicht zu leisten (hier stünden dann vor allem Zeit und der erhebliche Arbeitsaufwand entgegen!), würde all den vielen guten Büchern nicht gerecht werden -- allerdings träfe dies auch auf die zahlreichen schlechten Veröffentlichungen gleichermaßen zu. Gerade bei der schon inflationären Veröffentlichungsmanie -- sicherlich in sehr vielen Fällen dem Gewinnmaximierungsdenken geschuldet -- darf man getrost davon ausgehen: die Trennung von Weizen und Spreu (sofern man sich auf einer breitgefächerten Basis überhaupt noch die Mühe machen möchte ...) erfordert zumindest viel Zeit, anderen Aufwand eingeschlossen. Also dürften die meisten meiner für eine Rezension ausgewählten Bücher Gegenstand von Lust (und in Teilen auch: von Zufall) sein, also keiner Systematik oder irgendwelchen Gängelungsformen geschuldet. Oder anders gewendet: es hat mich zur jeweiligen Zeit gedrängt, gerade über dieses oder jenes Buch eine Rezension zu schreiben. (Ich denke übrigens, eine Sucht Rezensionen zu schreiben ist: schädlich -- wie fast jegliche Sucht! --, sie dürfte auch die Lust am Lesen behindern und zu einer Zwanghaftigkeit führen ...) Zugegeben: bisweilen treibt es mich dann doch, eine Rezension zu schreiben und sie öffentlich zu machen, weil ich denke, damit dann doch einen über die eigene Provenienz hinausgehende Sachbeitrag leisten zu können; dies betrifft dann jedoch meistens nur sehr ausgefallene / aufgefallene (dies in positiver als auch negativer Hinsicht zu sehen) Veröffentlichungen. Aus den bisherigen Ausführungen ergibt sich: eine breitere, über meine eigenen Webseiten hinausgehende Öffentlichkeit, suche ich in aller Regel nicht.
Das Auffinden von guten Büchern ist nicht selten dem Zufall zu verdanken -- sicherlich aber auch (dies mit einigem Vorbehalt geäußert) Buchbesprechungen in Medien, Rezensionen und (mehr oder weniger geschickten) Werbestrategien. Aber wem ist das nicht auch schon widerfahren: man hört eine Buchbesprechung oder liest Rezensionen, das entsprechende Opus erscheint dort im besten Lichte, man greift deshalb zu -- und kommt zu einem gänzlich anderen Ergebnis? Also doch häufig auch viel Zufall beim Griff in das Buchgeschehen ...
Wieviel besser sind da die Empfehlungen von Personen, die man persönlich sehr gut kennt, somit auch deren Urteilsvermögen und: deren Geschmack. Damit komme ich zu einem weiteren wichtigen Aspekt: Urteile über Bücher (wie überhaupt über Dinge) sind sicherlich auch zu einem hohen Maße vom jeweiligen Geschmack abhängig, damit auch von dem, was jemand gerne hören (bzw. ausgrenzen) möchte, also von dem, was jemand "an sich heranlassen" möchte. Damit sind wir zugleich auch auf einen prekären Punkt gestoßen: Wie steht es um die Fähigkeit und den Willen um Sinnentnahme? Will man tatsächlich das verstehen, was der andere (als hier: der Autor, die Autorin) zu sagen hat oder heimst man in einem Akt des Scheinverstehens jeweils das hinein, was man gerne lesen möchte. Kurz: Bemüht man sich darum, den Inhalt so zu verstehen, wie er sich tatsächlich darstellt oder lebt man auch hier einmal mehr Vorurteile, Verkürzungsstrategien und andere Weisen der Oberflächlichkeit aus? Wer dann noch auf dieser Grundlage Rezensionen verfaßt, dürfte für einen an Sachlichkeit interessierten potentiellen Leser kaum von Hilfe sein ...
Vielleicht hilft dann doch einmal das, was man -- gewiß zumeist mit einem übertriebenen Optimismus -- gemeinhin als "die Weisheit der vielen" bezeichnet: in diesem Falle dann aus einer Vielzahl von Rezensionen sich ein (dann hoffentlich: realistischeres) Bild machen zu versuchen. Insofern kann dann jede einzelne Rezension in der Summe des Gesamt dazu einen kleinen Beitrag leisten. Aber andererseits ist es nicht jedermanns Sache, sich an Foren (welcher Art auch immer) zu beteiligen, in denen es häufig von durch Narzißmus geprägten Selbstdarstellungen nur so wimmelt. Salopp gesagt: Geschwätzigkeit und Selbstverliebtheit sind wirklich nicht hilfreich, wenn es um Buchempfehlungen für anspruchsvolle und gewissenhafte Leser geht. Da finde ich persönlich ein Stück Bescheidenheit -- bei noch so viel vorhandener Substanz -- als angemessener: man muß sich selbst sicherlich wichtig nehmen, aber in erster Linie eben: nur für sich selbst. Und das ist gesund! Im sozialen Gesamt schrumpft diese Wichtigkeit allerdings -- realistischerweise -- doch auf ein sehr bescheidenes und kleines, fast schon winziges Element.
Genies sind sicherlich extrem selten (auch wenn viele versuchen das Gegenteil davon zu suggerieren), auch die Suche nach wirklichen Philosophen gerät eher zu einer Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen (auch wenn es heutzutage in den Medien von "Philosophen" nur so wimmelt, unglaublich, wer und was da immer als "Philosoph" vorgestellt wird oder sich gar selbst dazu hochstilisiert!) und wer das immerwährende Expertengeheule ernsthaft durchleuchtet, kann nur mehr eine Experteninflation konstatieren -- damit eine Entwertung dessen, was "Experte" eigentlich darstellt und sein sollte. Mit wirklicher Qualität hat das alles jedenfalls nichts zu tun. Das ist leicht festzustellen und einzusehen. (Bestes Beispiel hierfür sind die zahlreichen "Geistesmarionetten" aus Politik und Medienwelt, aber in Teilen auch aus dem Wissenschaftsbereich!)
Wenn ich bei meinen sporadischen Erlebnissen in "Gesprächssendungen" (auch dieses Format hat längst die Phalanx praktizierter Oberflächlichkeiten vergrößert!) immer häufiger Sätze wie "Gut, daß ich drankomme!" höre, dann frage ich mich, wie wichtig nimmt sich denn so einer (bzw. so eine), haben denn diese Menschen sonst keine Gelegenheit "wichtig" zu sein, wirksam "vor Ort" -- das dann aber an einem richtigen Ort, bei gegebener Notwendigkeit, bei zwingender Sachlage? Glauben sie wirklich, wenn sie längst Bekanntes wiederkauen, daß sie damit auch nur ein Stück "Weltveränderung" betreiben? Nein, Naivität und Armseligkeit, jedenfalls eine falsche Einschätzung von Wirklichkeit, werden da immer wieder virulent. Jene Sendungen -- Talkshows im Fernsehen eingeschlossen -- sind zum allergrößten Teil Ausdruck von "panem et circenses", sie tragen eher dazu bei, das Volk durch seichte Unterhaltung dumm zu halten, suggerieren eine Teilhabe (sowohl in Richtung Partizipationskompetenz als auch Performanz), die zumindest durch diese Formate überhaupt nicht gegeben ist. Kurz: sie lullen eher ein als daß sie aufrütteln und wenigstens durch an objektiver Darstellung orientierte Sachlichkeit zur Besserung der persönlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse beitragen.
Was? Ich soll von der Eingangsfrage längst abgewichen sein? Mitnichten! Gerade weil ich bezogen auf meine Rezensionen die Wichtigkeit auf das gebotene Maß beschränken möchte, weil ich die Machbarkeit realistisch einzuschätzen trachte, weil ich die Grenzen der Wirkung von individuellem Tun im Sumpf allgemeiner und weitverbreiteter Oberflächlichkeit zu kennen glaube, sehe ich -- durchaus nicht resignativ! -- in aller Bescheidenheit und im Wissen um Grenzen der Machbarkeit diese Aktivität überwiegend zunächst als Schreibübung, als Versuch in einer bestimmten Systematik Gedanken zu ordnen, mich mit Vorgegebenen möglichst sachlich (s.o.) auseinanderzusetzen und nicht unrealistischerweise auf eine "enorme Breitenwirkung" oder gar in Hybris auf "immanentes Veränderungspotential" abzuheben. Nein, Schreiben ist und bleibt in erster Linie persönliche Ausdrucksform -- ungeachtet dessen, was man schreibt! Schreiben ist für mich Spaß und Lust -- zuallererst und mit diesem Impetus. Und sollte darüber hinaus eine Art "Breitenwirkung" entstehen: auch gut. Aber gewiß nicht in dumpfer Überheblichkeit einkalkuliert, denn soviel Bescheidenheit muß sein ...
"Professor Hieronimus", ein Roman von Amalie Skram (1846 - 1905). Geschildert wird das Schicksal der Malerin Else Kant, hinter der sich Amalie Skram selbst und ihre Erfahrungen verbergen. Else Kants Gesundheit ist schlecht, Depressionen quälen sie und sie leidet unter Schlaflosigkeit. Auch mit ihrer Arbeit, dem Malen, geht es nicht gut weiter. So entschließt sie sich zu einem -- wie sich später herausstellen wird -- fatalen Schritt: sie begibt sich freiwillig in eine psychiatrische Klinik, um dort wieder zu gesunden. Dabei denkt sie, daß ihr Aufenthalt dort nur "ein paar Tage" dauern soll. Bei ihrem Plan wird sie auch von ihrem Mann unterstützt. Beide erhoffen sich von dem als Koryphäe geltenden Professor Hiernonimus wirksame Hilfe. Else Kant ist eigentlich eine selbstbewußte und selbstbestimmte Frau. Allerdings entwickeln sich die Geschehnisse anders als geplant: als sich die Tore der Anstalt hinter ihr schließen, ist es vorbei mit der Selbstbestimmung, auch mit der ursprünglichen Freiwilligkeit, und es beginnt ein unglaublicher Alptraum für sie ... Die ursprüngliche freiwillige Einweisung gerät nun zu einem Zwangsaufenthalt, gegen ihren Willen wird sie in der Anstalt festgehalten. Ihr wird jegliche Kontrolle über sich selbst genommen, sie erleidet eine totale Fremdbestimmung.
Amalie Skram hat -- besonders für die damalige Zeit -- ein recht bewegtes Leben: unangepaßt, selbständig, zweimal geschieden -- durchaus Voraussetzungen, die mit den (nur damals?) herrschenden Konventionen schwer bis gar nicht zu vereinbaren waren. Aber stets beharrte sie für sich und für die von ihr bearbeiteten Frauencharaktere auf Autonomie. Damit war sie ihrer Gesellschaft natürlich weit voraus. (Sicherlich gab es immer wieder und zu allen Zeiten Frauenfiguren, die sich autonom verhielten und in diesem Sinne mit sich und mit ihrer Umweld rangen, aber sie waren alles andere als nennenswert an Zahl.) Else Kant hört entsprechend auch nicht in einer nahezu aussichtslosen Situation nicht auf zu kämpfen. Der Kampf und all die Widrigkeiten werden im Roman sehr deutlich, gut nachvollziehbar und geradezu zum "Mitleiden animierend" eindrucksvoll geschildert. Die jeweiligen Akteure erhalten ihre angemessenen, ganz klare Konturen und letztlich -- nach einem stellenweise fast aussichtslos erscheinenden Kampf! -- setzt Else Kant sich durch, sieht das moralische Recht auf ihrer Seite. Besonders drastisch auch der Wandel im allgemeinen Erkenntnisprozeß: die einst so gefeierte Koryphäe Professor Hieronimus erweist sich -- so allerdings nur vage Andeutungen (denen Else Kant aus eigenen Überlegungen einer relativierenden Sichtweise hinsichtlich Krankheitsbilder nicht zu folgen vermag, s.u.) -- selbst als geisteskrank; ihn derart zu durchschauen war dem System offensichtlich nicht möglich, er wurde von (fast) allen Seiten als sakrosankt empfunden und auch so gestützt.
Eigene Erfahrungen hat die Norwegerin Amalie Skram also in ihrem Roman von 1895 verarbeitet. Sie war in einer Psychiatrie-Hölle des 19. Jahrhundert in die Verzweiflung getrieben worden; sie ist ihr dennoch entronnen -- weil sie letztlich doch an sich und ihre (latente) Kraft geglaubt hat, vor allem aber auch an: Gerechtigkeit. Es ist bekannt, daß es in der Psychiatrie damals häufig darum ging, den Willen von Patienten und Patientinnen zu brechen. Damals? Können wir wirklich sicher sein, daß, trotz aller Fortschritte auch auf dem Gebiet der psychiatrischen Behandlungsformen, nicht auch noch Reste jener alten Traditionen ihre engen Pfründe hegen und treiben lassen? Fälle wie der des Gustl Mollath zwingen durchaus zu kritischer Distanz gegenüber allzu großer Euphorie und Hoffnungen. Jedenfalls ist genaues Hinschauen, gezieltes Hinterfragen durchaus angeraten! Manches, was in Amalie Skrams "Professor Hieronimus" berichtet wird, klingt auch heute leider nicht immer so nach garantiert überwundender Vergangenheit: Ruhigstellen mit harten Drogen als Ersatz für empathische Zuwendung, Beratungs- und informationsresistente Halbgötter in Weiß (die schon mal schnell und voreilig mit Etikattierungen arbeiten, vielleicht auch, weil Zeit, Geduld und wohl auch Kompetenz für gründliches Erforschen und Erspüren von Ursachen in der klinischen Alltagspraxis fehlen), mangelnde Fähigkeit zu Perspektivenwechsel (z.B. hinsichtlich Erlebens- und Erleidensqualität, in Bezug auf Gesundung und Weltsicht) -- durchaus einige Aspekte unter mehreren anderen, die man immer wieder hört oder liest, wenn es um Kritik am Gesundheitssystem geht ...
Ursprünglich, genauer: vor ihrer freiwilligen Einweisung in die Anstalt, hatte sie -- wie die meisten anderen auch -- eine hohe Meinung von Professor Hieronimus. In einem Beratungsgespräch mit Knut, dem besorgten Ehemann, meint der befreundete Hausarzt Dr. Tvede zu ihm, Elses besorgniserregender Zustand (vor allem die Schlaflosigkeit) könne allenfalls gebessert werden, wenn sie zur Ruhe komme. Dies sei ein erster, vielleicht zielführender Schritt: "Wir müssen sehen, dass sie zur Ruhe kommt, Sie muss fort von zu Hause, in ein Krankenhaus. An keinem anderen Ort wird sie die Ruhe finden, die sie braucht." (S.22) Und Dr. Tvede rät zu einer Privatklinik, denn Else wird es nicht "akzeptieren, mit einem Haufen hysterischer Frauenzimmer zusammenzuwohnen". (S.22) Und er ergänzt: "Aber es gibt da den Professor Hieronimus. Er ist der Beste, vor ihm hat sie Respekt. Sie hat eine seiner Abhandlungen gelesen und schon mehrere Male mit mir über ihn gesprochen." (S.22) Und so schreibt ihm der Arzt einen Überweisungsschein zwecks Kontaktaufnahme aus. Die erste Kontaktaufnahme mit Hieronimus verlief recht unpersönlich, er wirkte eher kurz angebunden, sodaß Knut nach dieser Erstbegegnung schon zweifelte, ob "es das Richtige ist, was wir hier tun" (S.33), was Else zwar mit der Frage "Warum sollte es nicht ds Richtige sein, was wir hier tun?" beantwortete; gleichzeitig verunsicherte sie "die verzweifelte, skeptische Miene ihres Mannes". (S.33) Letztlich paßte die Erstbegegnung mit Hieronimus (er hatte damals sogleich darauf verwiesen, was ihm offensichtlich besonders am Herzen lag: "Im Büro erfahren Sie, welche Kautionssumme verlangt wird und wie hoch der Preis für die Privatpflege ist." S.33 Und außer einer "Tasche mit den notwendigen Toilettensachen und Nachtwäsche" brauche sie nichts mitzubringen. ebd.)
Den meisten Lesern dürfte -- auch ohne vorherige Detailkenntnisse -- die Art des Professors zumindest seltsam, wenn nicht gar zuwider vorkommen. Else empfand dann bei ihrer Aufnahme auch einige Dinge, so das Schließen der Türen, als irritierend, sprach sogar von einem Gefängnisvergleich. Aber noch klappten sie: die unternommenen Beruhigungs- und Verharmlosungsversuche. Aber dies alles änderte sich sehr bald. So war die Bitte an eine Krankenschwester, einen Brief Elses Mann Knut zukommen zu lassen, vergebens, das dürfe sie nicht, dies wäre "ja, als bräche man einen Amtseid". (S.126) Das folgende Gefühl wird in folgende Worte gefaßt: "Ja. Else verstand das nur zu gut. Keine Rettung, keine Hoffnung. Sie fühlte sich wie lebendig begraben." (S.126) Jene Krankenschwester ergänzte dann noch, sie, also Else, sollte "lieber alles daran setzen, dem Professor gegenüber so freundlich wie möglich zu sein, ja am besten geradezu demütig. Er ist das gewohnt." (S.126) Zu jenem Zeitpunkt hatte Else längst jegliche Achtung vor Professor Hieronimus auf das gebotene Maß abgesenkt: "Jedes Mal, wenn sie die Schritte des Professors hörte, begann ihr Herz heftig zu schlagen und sie zitterte vor Widerwillen. Und selbst wenn er freundlich mit ihr sprach wie jetzt, strotzte seine Stimme so vor Selbstzufriedenheit, dass sie Else noch unangenehmer erschien, als wenn er höhnisch und arrogant auftrat." (S.126) Also eine Situation, die eher an ein Gefängnis erinnerte als an einen Ort, an dem man hätte gesunden können. Zudem sprachen auch die Isolationsmaßnahmen für die Gefängnisassoziation ... Soweit war es also mit der ursprünglichen freiwilligen Einweisung bekommen: das Resultat war absoluter Zwang, ärztliche Selbstherrlichkeit, diktatorische Gepflogenheiten.
Die Entsprechung des Professors Hieronimus im richtigen Leben war Knud Pontoppidan (10. Juli 1857 - 21. Oktober 1916), den Amalie Skram in der öffentlichen Klinik Kommunehospitalet in Kopenhagen kennengelernt hat. Jener war berühmt und verehrt, auch Amalie Skram hatte anfangs eine hohe Meinung als auch Erwartungshaltung an ihn. Er galt ja als klug, human, fortschrittlich und human gesonnen. Schnell mußte Amalie Skram dieses Bild jedoch durch ihre schmerzlichen Erfahrungen revidieren ... "Statt eines klugen und humanen Mannes trifft sie auf einen typischen Halbgott in Weiß, der vollständige Unterwerfung fordert und nichts unversucht lässt, um den Willen seiner Patientin zu brechen. Individuelle Behandlung findet nicht statt., die Kranken werden mit harten Drogen vollgestopft." (Gabriele Haefs, Nachwort, S.451f.) Später wurde Amalie Skram in die Anstalt St. Hans Hospital in Roskilde verlegt. Letztlich gelang es ihr nach vielem Leiden durch ihre hohe Intelligenz und Beharrlichkeit, den psychiatrischen Fängen jenes Arztes zu entkommen. Soweit kursiv der autobiographische Hintergrund Amalie Skrams Leidengeschichte auf ihrer Suche nach Gesundung über die Psychiatrie ...
Paradox mutet es schon an, daß Else dem Professor Hieronimus erst durch eine Verlegung in das richtige Irrenhaus St. Jorgen entkommen kann. Längst hatte sie erkannt, daß Hieronimus nicht aus seiner Haut kann, daß er Diktator, Intrigant und Sadist zugleich ist. Sie zieht also deshalb -- wohl auch geschickterweise in diesem konkreten Fall! -- die eigentliche Irrenanstalt vor. Dort gibt es verständigere Ärzte -- so der 2. Teil des Doppelromans. Man kann durchaus feststellen, daß Else faktisch Hieronimus analysiert hat und nicht umgekehrt, wie es eigentlich sein sollte. In der ganzen Geschichte spiegeln sich die gesellschaftliche Doppelmoral und Unterdrückungsmethoden wider. Auch wird die Stellung der Frau in der Gesellschaft, wird die patriarchalische Struktur derselben, aufgegriffen. Insofern führt Amalie Skram die durch Ibsens Dramen verstärkt aufgegriffene Frauenfrage weiter. Sie ist das, was man heute Feministin nennen würde. Man muß diese drastisch geschilderten Situationen vom Anfang bis zum Ende des Geschehens lesen, will man einen Einblick in Tabus, in das Rätselhafte, auch in das soziale Elend, vor allem aber über die verschiedenen Formen von Machtgefüge und Machtausübung auf der einen Seite und von Hilflosigkeit als auch Resignation auf der anderen Seite erspüren. Dabei ist es beachtenswert, daß trotz allen erlebten Elends die Protagonistin letztlich wieder relativ selbstbestimmt ihren Boden unter den Füßen findet. Auch aufschlußreich die Schilderung der Interaktionen mit dem etwas humaneren Oberarzt dann in St. Jorgen. Hier zeigt sich, daß trotz aller Versuche um Liberalität die Fänge alter, hierarchischer Traditionen (hier die des Hieronimus und seiner vorgeblichen Reputation) entwicklungshemmend ihre Wirkung entfachen.
Bisweilen liest und hört man in Interpretationen, daß schließlich der Professor Hieronimus selbst geisteskrank geworden ist. Diese Auffassung entspringt meiner Meinung nach der falschen Auslegunge einer entsprechenden Textpassage im 2. Teil: "Zum Schluß begann die junge Dame über Hieronimus zu reden. Es gab so viele Geschichten über ihn, und es kursierte das Gerücht, dass er selbst geisteskrank sei. In seiner Familie sollte es auch einige merkwürdige Personen geben. Sein Vater war ein richtiger Sonderling gewesen." (S.415)
Diese Wendung wäre natürlich von Dürrenmattschen Dimensionen, würde vielleicht auch so manchen gefallen, ist aber höchstwahrscheinlich die falsche Auslegung. Denn Amalie Skram ging es gerade darum, nicht aus einzelnen, von wem auch immer als Merkwürdigkeit empfunden bzw. bezichtigten Erscheinungs- und Verhaltensformen auf psychische Krankheitsbilder zu schließen; sie verwahrte sich stets gerade gegen die Vereinfachungen in der Psychiatrie, sie wandte sich gegen die zeitgenössische Psychiatrie mit ihren Methoden, damit auch gegen ein System, das derartige Auswüchse duldet oder gar fördert. Sie bekämpfte so auch die herkömmliche Definitionen von Krankheit. Insofern ist es nur folgerichtig, wenn Amalie Skram ihre Else Kant nicht auf das Gerücht, Hieronimus wäre selbst psychisch krank, einsteigen läßt. Zugegeben, die Versuchung, so zu verfahren, dürfte bei den allermeisten Menschen groß, vielleicht sogar naheliegend, sein. weil eventuell -- je nach Naturell -- entlastend, befreiend wirkend. Nicht jedoch bei all jenen, die ein komplexeres Bild anerkennen und sich mit diesem sinnvollerweise auseinandersetzen. Else Kant hat Hieronimus deutlich geschrieben, was sie von ihm hält, welchen für ein Typus er in ihren Augen verkörpert. Man könnte es auch so formulieren: Else gesteht jenem Ungeheuer in der Psychiatrie nicht eine Art Rechtfertigung mittels Erklärung durch und Entlastung über Krankheit zu. Und bezüglich dessen möglicher, von anderen angedeuteter Geisteskrankheit stellt sie konsequenterweise nach der entsprechenden Einlassung einer jungen Dame für sich selbst fest: "Geisteskrank, dachte sie unter anderem. Ja, das war natürlich eine naheliegende Erklärung. Aber viel zu banal. Außerdem erschien sie ihr geradezu abstoßend, war es doch die gleiche Erklärung, die Hieronimus vorgebracht hatte, als er bei ihr auf ein Verhalten stieß, das er nicht verstand. Beweise für die Geisteskrankheit eines Menschen zu suchen, weil es in dessen Familie Auffälligkeiten und sonderbare Verhaltensweisen gab -- mit so einer Vorgehensweise musste man äußerst vorsichtig sein. Denn das war genau etwas, wodurch Hieronimus sich bestätigt fühle, wenn er Leute für geisteskrank erklärte, hatte die junge Dame berichtet; Ihr Vater hat die Pfarrer gehasst, Ihre Mutter war pietistisch, Ihr Bruder hatte sich scheiden lassen und wieder geheiratet, Ihre Schwester hatte sich das Leben genommen, Ihr Sohn benimmt sich unmöglich: Ergo sind Sie geisteskrank. Nein, Hieronimus war einfach nur ein aufgeblasener, arroganter Kerl. Ein Mann, der an seine Unfehlbarkeit glaubte wie die Katholiken an das Wunder der Heiligen Jungfrau. Und was hätte ihm das gebracht, wäre er nicht so ein tüchtiger theoretischer Wissenschaftler gewesen? Was hatten Theorie und Praxis in einem Fach wie seinem miteinander zu tun? Offensichtlich herzlich wenig. Sein ganzes Auftreten Else gegenüber war diktiert von Fehleinschätzung, die aus seiner Arroganz geboren war. Ganz naiv war er sich in einer Bewertung wie der folgenden sicher gewesen: Wenn sich jemand gegenüber Professor Hieronimus nicht demütig in den Staub warf, so musste er wahnsinnig sein. Als er Knut erklärt hatte, sie sei 'vollkommen verrückt', war er sicher selbst davon überzeugt gewesen."
Wenn man das so liest, das alles zur Kenntnis nimmt, wenn man dann noch weiß, der Doppelroman ist vor langer, langer Zeit, 1895, erschienen, wenn man dann in die Jetztzeit schwenkt, an die Akte Gustl Mollath denkt, wenn man dann sich noch beispielsweis an jene beiden Steuerfahnder aus Hessen erinnert, die an der -- aufgabenmäßig eigentlich gebotenen -- Aufklärung von Steuervergehen von höherer Warte gehindert wurden, dann als sie sich nicht entsprechend subaltern verhielten und stattdessen weiter ihre Pflichtaufgaben erfüllten, auf Anweisung der Psychiatrie zugeführt wurden, ja, wenn man so -- aktuell -- um sich blickt, auf Bewertungsmodi, auf das häufig doch alles andere als um Objektivität bemühte Beurteilungswesen, schaut, auf die grassierende Politische Korrektheit mit Mißfallen reagiert, eigentlich: reagieren muß, ja, wenn man ... und, und, und ..., dann könnte man glatt die Ansicht gewinnen, es habe sich seit damals doch nicht so viel, wie man es vielleicht gerne hätte, zum Besseren verändert. Was bleibt aber dennoch? Die Hoffnung -- und diese stirbt bekanntlich zuletzt. In diesem Sinne: das Buch nicht nur einmal lesen, sondern obendrein die Inhalte immer wieder mit der herrschenden Wirklichkeit, wo immer sie einem entsprechend begegnen mag, ab- und vergleichen! Und all denjenigen, die hier auf Dogmatismus, auf Rechthaberei, auf Platzhirschmentalität u.a. setzen, sich sakrosankt zu geben versuchen: den Spiegel vorhalten, immer wieder!
Amalie Skram, Teil 1: "Professor Hieronimus" sowie Teil 2: "In St. Jorgen" (Guggolz Verlag Berlin o.J., ), Original: Paa St. Jorgen 1895, aus dem Norwegischen übersetzt von Christel Hildebrandt, (Doppelroman) 24 €
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Hinz, Thorsten
Der Weizsäcker-Komplex
ausgezeichnet
Sehr gut recherchiert, klar und verständlich formuliert, äußerst sachlich ...
Thorsten Hinz erhellt die tragische Figur des Ernst von Weizsäcker, vor allem sein Wirken im Dritten Reich. Er zeigt die Vielschichtigkeit dieser Persönlichkeit auf, den Drahtseilakt zwischen theoretischer und praktizierter Verantwortungsethik sowie den tatsächlichen Auswirkungen von Unterlassungen, Duldung und (aktivem) Handeln. Auch werden die Kriegsschuldfrage im Kontext der damals international verfolgten Politik sowie die Problematik von Aktion und Gegenaktion, von Treiben und Getriebenwerden, klar herausgearbeitet.
Daß in der Folge einer seiner Söhne, Richard von Weizsäcker, in seinem Handeln durch die Geschehnisse um und durch seinen Vater, dem Staatssekretär im Auswärtigen Amtes des NS-Regimes, maßgeblich beeinflußt scheint, wird im Buch ebenfalls sehr deutlich; Verdrängung und eine einseitige, selektiv wirkende Distanz zu geschichtlichen Sachverhalten scheinen offensichtlich so manche spätere Äußerung des ehemaligen Bundespräsidenten in ihrer qualitativen Relativität verständlich zu machen.
Auch die anderen Mitglieder der Familie Weizsäcker werden dem Titel des Buches entsprechend in ihrer jeweiligen politischen Relevanz dem Leser vor Augen geführt.
Das Buch zeichnet sich durch eine sehr differenzierte Betrachtungsweise aus, einseitige und damit unvollständige, verkürzende Darstellung wird vom Autor erfolgreich vermieden. Alle wesentlichen Aussagen sind eindeutig belegt, somit bei entsprechendem Interesse der Leser leicht der zielführenden Nachprüfung zugängig. Thorsten Hinz hält auch die Kriterien einer eigenen ideologischen Verortung konsequent ein: sehr klar sind Fakten und die jeweilige Interpretation des Autors zu unterscheiden.
Wer sich ernsthaft für die neuere deutsche Geschichte interessiert, wer sich nicht mit der häufig anzutreffenden demagogischen Einseitigkeit oder echte Aufklärung verhindernden politischen Korrektheit zufrieden geben möchte, der findet hier ein exzellentes Buch auf der Suche nach wahren Hintergründen der Geschehnisse. Kein Buch für Demagogen, sondern ein Sachbuch wie man es sich wünscht!
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Müller, Eva
Gott hat hohe Nebenkosten
ausgezeichnet
Anhand der Erfahrungen einer Leiterin eines katholischen Kindergartens zeigt Eva Müller auf, welche Probleme sich ergeben können, wenn der Staat sich aus wesentlichen Feldern teilweise oder gänzlich zurückzieht.
Eine allseits beliebte und auch durch ihre qualitativ hochwertige Arbeit sehr geschätzte Leiterin erhält nach langen Jahren erfolgreicher und engagierter Beschäftigung die Kündigung, nachdem sie sich hat scheiden lassen und zu ihrem neuen Lebenspartner gezogen ist.
Die Kirche beruft sich auf ihre Prinzipien, betont besonders eine elementare und sinnstiftende Bedeutung der Sakramente (in diesem Fall: des Sakraments der Ehe); sie verweist auf ihre sehr weitgehende Autonomie im kirchlichen Arbeitsrecht indem sie zusätzlich an ihren “Dritten Weg” der Regelung von Arbeitsbedingungen (gegenüber dem “Ersten Weg” einer weitgehend einseitigen Festlegung der Bedingungen durch den Arbeitgeber wie beispielsweise im Öffentlichen Dienst und einem “Zweiten Weg” des Aushandelns der Arbeitsrechte durch Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern) erinnert, mahnt “Vertragstreue” für eine Weiterbeschäftigung an und der örtliche Pfarrer spricht gar davon, daß die Gefahr “eines schädlichen Ärgernisses” gegeben sei und deshalb die Entlassung zu vollziehen wäre. Christ sei man nicht nur für sich selbst, sondern für alle anderen ebenso und der Herrgott sei für uns ein Gott der Treue und daher verstünden wir die Ehe als ein Abbild des Bundes Gottes mit den Menschen.
Was der Pfarrer, zuständig auch für den Nachbarort Rauschenbach / Königswinter, hier im selbstverliebten Pluralis ausspricht, kann und darf natürlich allenfalls für seine eigenen Glaubensangehörigen gelten, nicht jedoch für das Gesamt der Bevölkerung!
Eva Müller schildert in gut verständlicher Sprache und immer wieder mit nachvollziehbaren Beispielen belegt, wie letztlich in sehr vielen Fällen der Staat zahlt (den Kindergarten mit dem “schädlichen Ärgernis” gar zu 100 % und darauf noch 2% Verwaltungsgebührerstattung draufgesattelt!), die Kirche aber anschafft und bestimmt. Daß dies besonders in Gegenden, wo staatlicherseits keine säkulare Lösung angeboten werden, einer pluralistisch verstandenen Gesellschaft gegenüber kontraproduktiv wirken muß, ist mehr als deutlich.
Wem jedoch im vorliegenden Buch die Beispiele, was Finanzierung angeht, nicht genügend erscheinen, der sei zusätzlich auf das Buch von Carsten Frerk “Violettbuch Kirchenfinanzen – Wie der Staat die Kirchen finanziert” verwiesen; darin findet sich ausführliches, nachprüfbares Zahlenmaterial.
In Eva Müllers Veröffentlichung werden auch Fallbeispiele genannt, wo “Andersgläubige” (z.B. Protestanten) zwar für eine Aushilfsstelle lange Zeit beschäftigt wurden, ihnen jedoch dann – eben aus jenen Glaubensfestlegungen heraus – die gewünschte Festanstellung verwehrt wurde. Aushilfsweise für lange Zeit scheinen die ansonsten vorgebrachten Ablehnungsgründe plöztlich irrelevant zu sein! Verstehe das, wer wolle.
Völlig inakzeptabel sind auch homosexuelle / lesbische Orientierung – offensichtlich nicht zu dulden im Kontext christlicher Auslegung von Nächstenliebe und Beschäftigungsstruktur ...
Wäre es angesichts dieser Häufung von Trauerspielen mit freilich sehr konkreten Folgen für die Lebensgestaltung der Betroffenen nicht zynisch, könnte ich feststellen: Das Buch liest sich auch sehr spannend. Spannend nämlich insofern, als die Leser einen Prozeß begleiten können, dieser anschaulich in der Entwicklung (mit der Erwartung auf das, was als nächstes einem an Merkwürdigkeiten begegnet) und in seinem (Hoffnung machenden?) Ende hautnah erfahrbar wird.
Was jedoch einer besonderen Erwähnung bedarf: Die Solidarität, die Bernadette Knecht in ihrem Ort – über alle Glaubensgrenzen hinweg! – erfahren hat (und die im Buch wieder sehr “lebendig” wird!), die ist bewundernswert und sollte Schule machen ...
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Suter, Martin
Die Zeit, die Zeit
schlecht
Der Roman arbeitet den Zeitbegriff insofern subjektiv auf beinahe jeder Seite spürbar auf, als man beim Lesen damit seine eigene Zeit größtenteils vergeudet. Es dürfte Suters schlechtester Roman bislang sein.
Wer jedoch Freude an endlos langweiligen Schilderungen über Umgestaltung von Häusern, Inneneinrichtungen, Gartenanlagen, dies dann auch noch in größtmöglicher Umständlichkeit (andere mögen es: Detailtreue nennen ...) ausgestaltet, findet, dem mag der Roman dienlich sein.
Ich habe ihn nur deshalb zu Ende gelesen, weil da doch noch so ein Stück Resthoffnung auf Besserung war, letztlich durch das “Spannungsmoment” getragen, was das Ganze soll und wo führt es denn noch hin.
Wie die zwei Witwer sich in dem ziemlich bald durchsichtigen Plot so durch die Seiten winden – das muß einem erst einmal einfallen. Jedenfalls denke ich, daß man so etwas nur dann veröffentlich bekommt, wenn man schon (bislang auch zu Recht) einen “guten” Namen im Literaturgeschehen hat ...
Und es führt hin – zu einem schon sehr merkwürdig konstruierten Schluß, den ich aber im Interesse all jener, die das Buch doch noch lesen werden, hier nicht verraten, nicht einmal andeuten möchte. Aber für mich hat er das Buch auch nicht in einem versöhnlichen Lichte erscheinen lassen ...
Sollte irgendein Leser vor der Lektüre auch der abstrusen Idee angehängt haben, daß "Zeit nicht existiert", sondern sie nur jeweils über "die Veränderung" in Erscheinung tritt (auch schon ein Widerspruch an sich eigentlich), dann dürfte er spätestens während der Lektüre sich selbst eines Besseren belehrt haben (müssen).
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Genazino, Wilhelm
Wenn wir Tiere wären
ausgezeichnet
Genazino wieder einmal mehr erstklassig!
Wenn wir Tiere wären ... Kein Stoßseufzer, oder zumindest nur für ganz kurze Augenblicke. Der Architekt Michael setzt sich schonungslos den kleinen Eindrücken der Wirklichkeit aus, reflektiert das Dasein in der Auseinandersetzung mit alltäglichen Kleinlichkeiten, die durch seine minutiösen Beobachtungen in sein Innenleben drängen und sein Außenleben (mit)bestimmen. Er bewegt sich zwischen dem fortwährenden, seit Kindheit anhaltendem Drang nach Flüchten, nach Unverbindlichkeit, nach Unbehelligtgelassenwerden, vor allem auch nach Freiheit auf der einen Seite und aber ebenso der Sehnsucht nach einer Tiefe des Erlebens und des Gelingens andererseits.
Aber sind all diese Ebenen so einfach voneinander zu trennen, voneinander fernzuhalten? Natürlich nicht. Und so gerät der Suchende und Leidende in ständige Verwicklungen beim Bewältigen des Spagats zwischen Lebensgestaltung und Gelebtwerden. Einfacher ausgedrückt: Wo bleiben die eigenen Möglichkeiten qualitativen Seins vor dem Hintergrund fremdbestimmender Einflüsse und der tiefen Suche nach Selbstbestimmung?
Und dann noch all die Bindungsproblematik mit den Frauen (oder vielfach auch nur mit den erhofften, in der Phantasie ablaufenden Begegnungen), all die Spannungsmomente im Kontext von Liebe und reiner Lust, dann doch wieder die Bedenken vor den Wagnissen des Alleinseins ... Michael hat es nicht leicht, macht es sich vor allem auch nicht leicht. Wobei die Schwierigkeiten sich aus all den vielen Unausweichlichkeiten ergeben, die der Alltag so seinem Beobachtungshorizont zumutet.
Psychologisch perfekt, inhaltlich wohl schonungslos offen und ehrlich, sprachlich perfektioniert – all das macht dieses Buch nicht nur zu einem reinen Leseerlebnis, sondern auch zu einem Spiegel, Letzteres natürlich nur für diejenigen, die Selbstschau nicht scheuen und ihre eigentliche Beschäftigung mit dem Leben nicht überwiegend mit dem Fingerzeig auf andere ausfüllen.
Es sind also nicht die großen Ablenkungsgeschehnisse, die in ihrer (häufig gelenkten) Zerstreuungsabsicht und Gigantomanie uns Menschen letztlich doch nur an der Oberflächlichkeit verweilen lassen, die aus nämlichem Grunde zu Einsichten und Selbsterkenntnis führen können, sondern vielmehr die einfach klingenden, aber in der Umsetzung doch häufig schwierig zu bewältigenden – selbst wenn sie oft unausweichlich die Begegnung mit dem Individuum erzwingen! – , banalen Alltagseindrücke, die dann zu der tieferen Begegnung mit dem Selbst führen (können).
Daß hier das Leiden und in der Folge das Verdrängen dieses Leidens durch Suche nach Ablenkung oder auch “nur” durch Hinwendung zu anderen Kompensationsmechanismen vorgezeichnet ist, sollte nicht verwundern. Hier bekommt dann auch das Ausleben der sexuellen Lust (oder wenigstens das Sehnen danach) wiederum die leicht nachvollziehbare Verortung im Alltäglichen.
Genazino erfreut auch in diesem Buch wieder durch plastische, durchaus leicht nachvollziehbare Wortschöpfungen und bei seinem Umgang mit Sprache ist es schon bedeutsam, daß kein einziger Druckfehler sich in die Veröffentlichung einschleicht. Immerhin sind bei ihm das gekonnte Spielen mit Sprache, das akribische Suchen um den adäquaten Ausdruck, eine der Qualitäten und damit ein besonderer Wert, der sein Arbeiten kennzeichnet. Gleichwohl dürfte der Satz Was das endlich die Wahrheit? (Seite 131) doch wohl eher einem Versehen des Lektorats zuzuordnen sein. Und so sollte es wohl lauten: War das endlich die Wahrheit? Und die Wahrheit gibt es ohnehin nicht in objektivierbarer Form, sie ist zumindest für den Hauptakteur Michael seine zutiefst eigene Wahrheit, sofern er ihr überhaupt auch nur irgendwie näher gekommen ist. Vielleicht wollte er dies auch gar nicht.
Unbedingt lesen! – und sich dann auch nicht über das vielleicht etwas überraschende Ende groß wundern: Es ist sicherlich stimmig für den Lebensablauf dieser Romanfigur!
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Bayerl, Claudia M.
30 Minuten für Kreativitätstechniken
weniger gut
(Fast) Schade ums Geld - liest sich wie eine Realsatire!
Wer sich wirklich um Kreativität bemühen möchte, wer wirklich sich Impulse verschaffen möchte, der "lernt" aus diesem Büchlein eher etwas über die schmale Grenze von anspruchsvollen Techniken und gelebter Lächerlichkeit. Ich denke, wem die Tips aus Claudia Bayerls "30 Minuten für Kreativitätstechniken" helfen können, der / die muß schon von sehr einfachem Gemüt sein und von sehr basaler Grundlage aus "starten". Aber ganz umsonst ist die Geldausgabe deshalb nicht, erfährt man doch wieder einmal mehr, was sich alles auf dem Markt sogenannter Ratgeber-Veröffentlichungen tummelt, auch läßt sich recht gut ausmalen, wie man wertvolle Lebenszeit bei derartigen, in diesem Büchlein vorgeschlagenen "Veranstaltungen" verplempern kann; daß das Ganze dann sehr häufig, stellt man sich die Akteure in ihrem "Team-Tun", in ihrer "Kreativitäts-Akrobatik" realiter vor, in kabaretthafte Dimensionen mündet, dürfte leicht nachvollziehbar sein.
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Sarrazin, Thilo
Deutschland schafft sich ab
sehr gut
Warum immer diese Aufschreie, wenn jemand einmal die Dinge beim Namen nennt, sie also so schildert, wie sie sich in der tatsächlichen Wirklichkeit gestalten? Wenn also unbequeme Wahrheiten angesprochen werden.
Eine mögliche Antwort: Die Verweigerung der Kenntnisnahme von tatsächlicher Wirklichkeit und als untauglicher Ersatz das Festhalten an einer Pseudowirklichkeit, durch Wunschdenken und Wunschphantasien von sogenannten “Allesverstehern” und Illusionisten in deren jeweiligen nebulösen Geistesfeldern geschaffen... Und da stören Kritiker natürlich die eigenen Kreise.
Jene (Aufschrei-)Schreihälse können es wohl nicht ertragen, daß eben die Wirklichkeit anders ist als sie es gerne hätten, als sie ihre "Wirklichkeit", oft aus gesicherter und abgesicherter Vorstadtidylle heraus, definieren.
Sie scheuen deshalb den Zugang zur Wahrheit, weil die Ergebnisse ihnen dann anstrengende Handlungsstrategien abfordern würden oder gar aber zu Konsequenzen führen müßten, die das gegenwärtig herrschende Paradigma von “political correctness” (zumindest gegenwärtig weitgehend aus Verlogenheit im Denken und Wahrnehmen genährt) die notwendige, ehrliche Auseinandersetzung mit Problemlagen nicht zuläßt und bei Zuwiderhandlung gegen diese intersubjektive Übereinstimmung (der sich weitgehend für sakrosankt haltenden Besserwisser oder ideologisch orientierten “Sachwalter”) mit üblen, undemokratischen Verfolgungsstrategien (Mundtotmachen, Entlassung, Isolierung, Wortverdrehungen, Unterstellungen, etc.) zu sanktionieren versucht – dies leider in den allermeisten Fällen mit Erfolg.
Was die Wahrnehmung und Deutung jener Vereinfachungs- und Verdrängungstypen angeht, hat Karl Jaspers einmal sehr zutreffend ausgeführt: “Das Bemühen um Verständnis und Interpretation von Texten kann in eine Bodenlosigkeit geraten, wenn es, statt klar auf die Meinung des Sprechenden oder Schreibenden zu gehen, sich vielmehr auf die Sprache, die Worte, die Möglichkeiten der Sache in den Worten wendet. Die Grenzenlosigkeit möglichen Bedeutens scheint der Auslegung beliebigen Raum zu geben. Es ist möglich, aus irgendwelchen Texten, welche als autoritativ anerkannt werden, fast jedes beliebige Problem herauszuholen. (...) Aus Anlaß gegebener Texte werden nicht diese verstanden, sondern in der Scheinform des Verstehens eigene Gedanken entwickelt.” (Von der Wahrheit, Kapitel Die Sprache)
Insofern lassen die Kritiken über Sarrazin sicherlich mehr Rückschlüsse auf die Geisteshaltung und Qualität der Kritisierenden zu als über Sarrazins Thesen selbst. Freilich schadet das der Sache, weil so die Probleme letztlich unbenannt bleiben – dies im Sinne einer Suche nach den Bedingungen der Möglichkeiten zur Verbesserung sozialer Schieflagen. Dem wird von einer doch recht breiten Öffentlichkeit, vor allem aber von der Politik, entgegengehalten, daß die Probleme längst benannt wurden und bekannt seien, daß also Sarrazins Buch allein schon deshalb überflüssig wäre und letztlich nur als üble Meinungsmache diene. Das ist natürlich blanker Unsinn, denn es kommt beim Ansprechen von Problemen vor allem auf die Qualität und Substanz dieses Ansprechens an sowie auf die Folgewirkung bezüglich dieser Analysen. Und daß dies in der Vergangenheit und bislang nicht gut funktioniert hat, zeigen offensichtlich die Ergebnisse mangelhafter Integration, die Kriminalstatistiken und die konkreten Alltagserfahrungen in Schulen und sozialen Brennpunkten. Es war dringend notwendig, an diese sozialen Schieflagen zu erinnern und das hat Sarrazin dankenswerterweise getan. Wer seinen Aussagen zweifelnd gegenüber steht, dem sei Kirsten Heisigs Buch "Das Ende der Geduld" anempfohlen, in dem die ehemalige Jugendrichterin aus ihrem reichen Erfahrungsschatz über derartige Fehlentwicklungen berichtet. Fast all diesen kritischen Autoren kann man unterstellen, daß sie sehr wohl ihr Schreiben in den Dienst der Verbesserung der Situationen stellen!
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Leupold, Dagmar
Die Helligkeit der Nacht
gut
Nie und nimmer Heinrich von Kleist, dafür “nur” Dagmar Leupold ...
Wer Kleist schätzt, seine wuchtige und klare Sprache liebt, wer seine poetischen Bilder kennt, und nur aus diesen und anderen auf Kleist bezogenen Gründen das Buch lesen möchte, dem dürfte Enttäuschung garantiert sein.
Will man sich jedoch von einer fiktiven Idee (eben des Gedankenaustausches zweier imaginärer Personen, im Buch als Kleist und Meinhof benannt) geleitet auf eine Auseinandersetzung über Sinnfragen, Lebensgestaltung, Verantwortlichkeit, und persönliche Schwerpunktsetzung einlassen, dann kann das Buch durchaus mit Gewinn gelesen werden.
Klar dürfte jedenfalls werden: Man liest Dagmar Leupold, sowohl in allem, was sie Kleist in den Mund (in die Schrift) legt als auch in den Repliken einer erfundenen Meinhof. Hier wurden überwiegend wohl eigene Gedanken und Überlegungen in U. Meinhof, vor allem aber (allein schon wegen der Quantität der Äußerungen!) in Kleist hineinprojiziert.
Übrigens neu ist die Idee, derartige historische Bezogenheit zu konstruieren nicht, insofern übertreibt der Klappentext oder auch Leupold selbst, wenn sie sagen läßt: “Auf die Idee muss man erst einmal kommen! Während die anderen arbeiten und schlafen, ergeben sich Verbindungen, die ihnen Albträume bescherten, wüssten sie davon.”
Wenn Leupold in einem Interview im BR sagt, es handele sich hier um “exotische Ideen”, wenn sie feststellt “Sprachräume tun sich auf” und die Konzeption von Gestalt sei Aufgabe der Phantasie der Leser, dann weist sie schon in die Richtung, wie mit “Die Helligkeit der Nacht. Ein Journal. Roman” umgegangen werden kann: Auseinandersetzung mit Kontexten (persönlich, sozial und politisch – so auftrennbar wohl nur aus vereinfachender analytischer Untersuchungsperspektive) und ein Bemühen um die jeweils subjektive Verortung in jenen Vernetzungen.
Sprachlich ist das Buch stellenweise anstrengend zu lesen. Dies liegt einerseits daran, daß immer wieder wenig in die Tiefe gehende, stellenweise penetrante, pädagogische Zeigefinger den Weg zu weisen sich bemühen (aber für besseren Tiefgang kann man ja durch diesen kognitive Dissonanz erzeugenden Sachverhalt dann gut selbst sorgen), stellenweise Sprache sich in vagen Andeutungen ergeht (und so ihren Mitteilungscharakter stark einbüßt – was freilich wieder anregend sein kann, aber die Frage aufwirft, ob diese so ausgelöste Beliebigkeit im Sinn eines Autors sein kann), teilweise gleichsam “professorale Gescheitheit” suggeriert (was den ansonsten doch recht klug gewählten Duktus stört, ohne dies aus dem geschilderten Geschehen zwingend werden zu lassen). Geradezu hinterfragwürdig sind viele Sprachbilder (die vor allem alles andere bewirken dürften als Assoziationen zu Kleist herzustellen). Dem sonstigen Niveau des Buches sind Aussagen wie “das eisschleckende Städtchen” (Schilderung eines Aufenthaltes in Naumburg an der Saale), “die Flüsterpost der Ungeflügelten” (wohl eher eine Pseudo-Kleistsche Imitationsakrobatik), “Die Flanken der Hügel atmeten verhalten”, “Die Felder liegen in satter Starre”, “vor mir schlief die Tischtennisplatte” u.v.m. wohl eher abträglich. Daß es auch sprachlich (wohl auch authentischer) durchgängig, stringent, besser geht, hat Christa Wolf in ihrem literarischen Konstrukt der Begegnung von Heinrich von Kleist mit Karoline von Günderrode (Kein Ort. Nirgends) bewiesen. So kann man sehr leicht auch zu dem Schluß kommen, daß die für das Buch gewählten Personen austauschbar sind, daß vereinfacht gesagt, irgendwelche zwei gescheite und zweifelnde und ringende, um Fragen und Antworten gleichermaßen bemühte Charaktere, jedoch dann “namenlose” (also ohne jegliche spektakuläre Berühmtheit aufweisende) ebenso den Zweck erfüllt hätten.
Warum also zum jetzigen Zeitpunkt dieses größtenteils zu Unrecht mit Kleist-Bezug “werbende” Buch? Drängt sich der Verdacht auf, es könnte mit dem “Jubiläumsjahr” (200. Todestag am 21. November 2011) zusammenhängen? Erscheint die Autorin nicht selbst am Schluß ihres Buches in einem sich selbst zugeschriebenen Bezug zum großen Dichter, wenn es beim Augenschein der Außenanlage von Stammheim und dem Erkennen der wiederholt im Buch aufgetauchten Frau im Schottenrock heißt: "Die Frau bleibt stehen, immer wieder, wendet sich, schaut, notiert. Wir teilen den Augenschein. (...) Und wir setzen den Weg fort, ihr helles Haar bleicht aus, der bunte Rock verschwimmt zu unbestimmten Flecken, die Stiefel berühren den Schotter nicht mehr und die grauen Mauern zu unserer Rechten bekommen weiche Umrisse ohne dass etwas in die Ferne rückt. (...) Halt! Ich muss mich eilen, der blonde Schopf, der mich führt, ist nur mehr ein schwacher Schimmer gegen die aufreißende Wolkendecke. Ich setze nach." Damit dürften die Akzente tatsächlich zurechtgerückt worden sein. Es wäre wirklich interessant zu erfahren, mit welchem tatsächlichen Bedürfnis Dagmar Leupold ihren Kleist konstruiert hat und warum gerade so, daß er größtenteils bis zur Unkenntlichkeit verblasst. Im o.g. Interview hat die Autorin ebenfalls gesagt: "Sprache bildet nicht nur Bewußtsein ab, sondern schafft Bewußtsein" (was sicherlich unbestritten ist) und so gesehen empfindet sie Kleist als "modern" (worin ich ihr auch zustimmen möchte). Aber die Person, die sie "geschaffen" hat, ist eben kaum noch jener Heinrich von Kleist der in ihrem Sinn modern ist, sondern in Teilen bis hinein ins Kitschige verfremdet erscheint. "Lieber Kleist (...) , Sie geraten doch gelegentlich in gefährliche Nähe zum Kitsch. Und der sichert und bestätigt immer die herrschenden Verhältnisse", läßt die Autorin ihre Meinhof einmal sagen. Insoweit dürfte sogar das stellenweis Kitschige in "Die Helligkeit der Nacht" intendiert gewesen sein, freilich auf Kosten noch weiterer Entfernung von der Person, um die es groß angekündigt eigentlich auch gehen sollte ...
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Henkel, Hans-Olaf
Die Abwracker
ausgezeichnet
Hans-Olaf Henkel spricht eine klare Sprache, sowohl was Lesbarkeit als auch Problembezogenheit angeht. Er bleibt stets sachlich, arbeitet mit leicht nachprüfbaren Belegen, scheut sich überhaupt nicht, frei von jeglichem Hang zum Populismus, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Wer seine Biographie kennt, der weiß auch, daß hier ein Mensch nicht nur theoretisiert, sondern durch seine eigene Lebenspraxis fundiert und glaubhaft argumentiert. (Übrigens kennt Henkel das Leben aus einfachster Perspektive, hat sich "hochgearbeitet", und ist eben nicht nur jemand der, so ein Vorwurf, ein "unerträgliches Lied auf den Kapitalismus" singt; vielmehr ist er konsequenter Verfechter einer sozialen Marktwirtschaft, entsprechend auch seine Argumentationslinie in diesem Buch.)
Er nennt die Ursachen der wirtschaftlichen, fiskalischen und politischen Fehlentwicklungen beim Namen, bleibt dabei auch geistigen (und anderen) "Gegnern" gegenüber fair, differenziert auch sehr wohl zwischen Stärken (beispielsweise bei Widersachern)und Schwächen (so auch bei ihm Nahestehenden). Er hängt sein Mäntelchen ganz gewiß nicht in den sprichwörtlichen Wind und bleibt stets sachbezogen. Personenschelte dient ausschließlich konkreten Fehlleistungen (von denen man jedoch über die unterschiedlichsten Personen jede Menge erfahren kann!) und niemals als Ausdruck rein persönlicher Abneigung. Auch hierin hebt sich Henkel von vielen anderen Personen in Politik, Wirtschaft und Mediengestaltung wohltuend ab.
Deutlich weist er auch seine Interessenbezogenheit aus, gewiß aus der Einsicht und dem Selbstverständnis heraus, daß jeder Mensch interessenbezogen (also irgendwie auch: ideologisch) verankert ist; entscheidend ist insofern, daß man diese Interessenbezogenheit kenntlich (also den Adressaten gegenüber: deutlich wahrnehmbar) macht und sie nicht zu verschleiern versucht. Also läuft der häufige Vorwurf "Ideologiekritik eines Ideologen" ins Leere, da jeder, der Ideologie kritisiert auch selbstverständlich eine aufzeigbare ideologische Verortung hat.
Henkel beeindruckt auch in diesem Buch durch seine menschlichen Orientierungen, seine intellektuelle Fähigkeit, eine bemerkenswerte Mischung aus Bescheidenheit und Selbstbewußtsein, das erfolgeiche Bemühen über den eigenen "Tellerrand" hinauszusehen und - was dieses Buch dann für alle Kreise lesbar und wertvoll macht - dem erfolgreichen Versuch, sich so auszudrücken, daß er verstanden werden will (und es auch kann). Also weit entfernt von Formen eitler Selbstdarstellung (wie leider sattsam von anderen Publizierenden bekannt)! Besonders erwähnenswert: auch eigene Fehler spricht er mutig und in keinster Weise beschönigend oder gar sich auf “billige” Weise entschuldigend an ...
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Broder, Henryk M.
Kritik der reinen Toleranz
sehr gut
Wilhelm Busch hatte es einmal recht einfach (und damit verständlich) ausgedrückt: "Toleranz ist gut. Aber nicht gegenüber Intoleranten." Und von diesem Prinzip läßt sich Henryk M. Broder leiten. So sind seine Ausführungen jedenfalls (durchaus gewollt als Gegenpart zur weit verbreiteten Beschwichtigungsideologie!) polarisierend. Mit einer Reihe von Beispielen verweist er auf Fragwürdiges und vor allem auf Hinterfragwürdiges im Umgang mit Unduldsamkeiten vielfältiger Art. Dabei gerät er allerdings manchmal argumentativ auf die Ebene, die er zu kritisieren vorgibt, vor allem dann, wenn seine Darstellungen teilweise Tiefe und zum gründlicheren Verständnis notwendige Kontexte ausklammern und notwendige Zusammenhänge zu kurz kommen. (Dies Lücken sollten sich Leser unbedingt durch anderweitige Recherchen, besonders auch durch Quellenstudium schließen lassen!)
Auch wenn es der Ernsthaftigkeit (und der Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit fragwürdigen Einseitigkeiten innerhalb gesellschaftlicher Problemfelder!) der Thematik vielleicht nicht immer entsprechen mag: das Buch ist vom Einsatz der Stilmittel her interessant, es ist sprachlich stellenweise voll treffender Ironie und Süffisanz, ja sogar unterhaltsam geschrieben. Wer also ausschließlich reine sachliche Analyse in ebensolcher Sprachdiktion erwartet, der wird von diesem Buch vielleicht enttäuscht sein.
Die Gefahr beim Einsatz von erheiternden Vergleichen (erheiternd vor allem wegen der sprachlichen Gekonntheit und der subjektiv ausgewählten Vergleichsgegenstände) ist natürlich, daß man die Ernsthaftigkeit der Problematik beim Lesen etwas in den Hintergrund rückt und sich überwiegend an den Sprachspielereien erfreut. (Wer Broder aus Talkshows etc. kennt, der weiß ja um seine "Diskussionstechnik", die jedenfalls nicht langweilig und öde wirkt, aber eben auch nicht frei von Polemik ist.)
Man lese nur einmal den Passus über die m.E. wundersame Wandlung des Herrn Todenhöfers, deren sachliche Begründung im Buch in den Wettbewerb mit durchaus erheiternden Elementen bei der Ausführung (eben: sprachliche Darstellung, Öffentlichkeitsverhalten, "Qualität" des ihm gezollten Beifalls u.a.) gerät und so vielleicht einem gewissen, schädlichen Relativismus anheim fallen könnte. Aber wie fast immer, es ist es hier Aufgabe der Leser, für sich die Akzentuierung vorzunehmen, ggf. die angerissene Thematik durch anderweitige Quellen zu erschließen und zu vertiefen.
Man muß jedoch sehen, welche Zielsetzung der Autor selbst gesetzt hat: Er wollte eine Streitschrift liefern, (Zitat auf Klappentext: "Ich halte Toleranz für keine Tugend, sondern für eine Schwäche – und Intoleranz für ein Gebot der Stunde.") die inhaltlich sicherlich am o.g. Busch-Zitat festgemacht werden kann.
Und wer sich durch eine rein euphemistische Deutung des Begriffs "Toleranz" nicht in oberflächliches Denken verirren möchte, der differenziert ohnehin und orientiert sich inhaltlich in etwa (oder genau!) an kritischeren Betrachtungsweisen: "Toleranz ist auch so viel wert wie das Motiv des Tolerierens. Es gibt eine Menge Motive: zum Beispiel Gedankenlosigkeit, Faulheit, Feigheit." (Ludwig Marcuse) Oder, und das dürfte Broder auch gerne hören, an einer anderen Überlegung desselben Philosophen, der sinngemäß feststellte, daß Toleranz dort fehl am Platze wäre, wo Schweigen unmoralisch würde.
Fazit: Als Streitschrift ist dieses Buch durchaus gelungen, unterhaltsam zu lesen ist es allemal (vor allem wegen der m.E. fast immer gut gewählten sprachlichen Spitzfindigkeiten), aber es wird wohl kaum Personen mit starrer (wie auch immer fundierter!) Überzeugung (sowohl der einen wie der anderen Position; Stichworte: unsere Gesellschaft läßt sich bereits viel zu viel gefallen und gibt wertvolle ethische und moralische Positionen preis, political correctness versus Tabuisierung unliebsamer Sachverhalte; Öffnung gegenüber Andersdenkenden, etc.) zum Überdenken ihrer jeweiligen Positionen bringen. Ich fürchte, die einen werden das Buch als Bestätigung ihrer Auffassung, wonach alles bereits in Richtung Aufgabe von historisch und gesellschaftlich gewachsenen Werten, tendiert, werten, während andere die Inhalte als reine Hetzschrift brandmarken dürften, ohne auch nur die geringste Bereitschaft zu entwickeln, ihre eigenen Positionen überdenken sowie hinterfragen zu wollen.
Noch ein Wort an das Lektorat: Auch in dieser Veröffentlichung ist es leider so, daß wohl Sorgsamkeit Opfer von Termindruck geworden ist; als Beispiele seien nur genannt 1. "5000 Zivilsten ermordet" (S. 71) und "Horrotrip" (S.77). Leider sind derartige Flüchtigkeiten in Publikationen heutzutage eher die Regel als die Ausnahme, mindern freilich nicht den Wert des Inhalts eines Buches an sich.
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Marlen Haushofer
Die Wand
(List Verlag, Berlin, 2012; erste Veröffentlichung 1963)
Ein hervorragendes Buch!
Eine Frau will mit einem Pärchen ein paar Tage in einem Jagdhaus in den Bergen verbringen. Das Paar, die Cousine mit ihrem Mann, gehen nochmals ins Tal, um den Abend dort zu verbringen. Sie kehren nicht mehr zurück.
Die Frau erwacht, stellt fest, daß sie alleine in dem Jagdhaus ist, erkundet die Gegend, um sich über die Umstände sachkundig zu machen. Eine unüberwindbare, durchsichtige Wand trennt ihre Bergwelt von der übrigen Umgebung. Hinter der Wand zeigt sich alles in Totenstarre.
Von nun an muß die Frau ihr Leben zwangsläufig abgetrennt von der einstigen Zivilisation fristen. Anfängliche und ihr gebliebene Begleiter: ein Hund, eine Katze, eine Kuh. Geblieben sind ihr auch gewisse Vorräte in der Hütte, mit denen sie – mangels Möglichkeiten auch nur irgendwelche Einkäufe zu tätigen – von nun an sparsam umgehen muß. So ist zum Beispiel der Bestand an Zündhölzern begrenzt, von bevorrateten Nahrungsmitteln ganz zu schweigen.
Die Frau ist zurückgeworfen auf das Elementare im Dasein, ihre Tätigkeit ist zwangsläufig in erster Linie auf die Organisation des Überlebens ausgerichtet. Sie hat ihren Alltag gemäß des Rhythmen der Wetterkapriolen zu gestalten. Die unterschiedlichen Jahreszeiten bestimmen ihren zukünftigen Lebensplan. Und dann hat sie irgendwie auch jede Menge Zeit, nachzudenken, über Sinn und Unsinn des Daseins zu reflektieren, vor allem sich mit existenziellen Grundfragen zwangsläufig zu beschäftigen.
“Jetzt hatte ich also die Täler, die ich erreichen konnte, ohne tagelang wegzubleiben, erforscht. Ich konnte noch zur Alm aufsteigen und von dort aus das Land überblicken, aber weiter hinein in den langgezogenen Gebirgsstock konnte ich mich nicht wagen. (...) Ich konnte ruhig daheim sitzen bleiben und warten. Aber immer wieder fühlte ich mich dazu getrieben, selber etwas gegen die Ungewißheit zu unternehmen. Und ich war gezwungen, nichts zu tun und zu warten, ein Zustand, den ich schon immer besonders verabscheut hatte. Viel zu oft und viel zu lange hatte ich schon gewartet auf Menschen oder Ereignisse, die niemals eingetroffen waren oder so spät, daß sie mir nichts mehr bedeutet hatten.” (a.a.O., S. 61)
So deutet sich die Kluft zwischen Antizipieren von (möglichen bis hin zu eher extrem unwahrscheinlichen) Ereignissen auf der einen Seite sowie dem (mehr oder weniger berechtigten) Gefühl, daß es für alles (nur) eine günstige Zeit, eine günstige Situation gibt und, sind diese erst einmal (ungenutzt) verstrichen, Wiederholungen dieser Möglichkeiten kaum mehr möglich sind. Andererseits scheint die Ferne zu den früher bekannten, erlebten und gelebten Zerstreuungen erst die Besinnung in die Tiefendimension des Daseins zu erlauben. Diese elementaren Auseinandersetzungen mit dem Dasein, mit dem Sinn des Lebens, mit dem Verhältnis von Notwendigkeit und Überflüssigkeit, sind in dem Roman herausragend behandelt – dies noch dazu in einer prägnanten Sprache, wie man sie nicht allzu oft erlebt.
“Nachdem ich die Ausflüge in fremde Reviere aufgegeben hatte, verfiel ich ganz langsam in eine Art Lähmung. Ich hörte auf, mir Sorgen zu machen, und neigte dazu, auf der Bank vor der Hütte zu sitzen und einfach in die blaue Luft zu schauen. Aller Fleiß und alle Tüchtigkeit fielen von mir ab und wichen einer friedlichen Trägheit. Ich wußte wohl, daß dieser Zustand gefährlich werden konnte, aber auch das machte mir nicht viel aus. Es störte mich nicht länger, daß ich wie in einer primitiven Sommerfrische hausen mußte; die Sonne, der weite hohe Himmel über der Wiese und der Duft, der von ihr aufstieg, verwandelten mich langsam in eine fremde Frau. (...) Die Alm lag außerhalb der Zeit. (...) Es war, als strömte die große Wiese ein sanftes Betäubungsmittel aus, das Vergessen hieß. (a.a.O., S. 182)
Es zeigt sich: Das, was andere aus mainstreamhaftem Sozialisationsergebnis heraus oft als Müßiggang, als Tagedieberei, als “nutzloses Tun” (welch Widersinn schon in der Begrifflichkeit!) werten würden oder mit anderweitigen negativen Attributen versehen, ist hier jeglicher Überformung entkleidet, wirkt sozusagen als das “nackte Leben”, das es ohne relevante Anteile an Wunschdenken zu bestehen gilt. Insofern findet hier konsequenterweise auch die Überlegung hinsichtlich von möglichen Folgen etwaiger Selbsttäuschungsversuche als auch von Verdrängungsmechanismen ihren jeweils angemessenen Ort.
Da die üblichen Sozialbezüge des Menschen durch die Wand und das mit ihr zusammenhängende, freilich unerklärliche Ereignis für sie abhanden gekommen sind, muß sie sich auch diesbezüglich mit der verbliebenen Möglichkeit arrangieren.
Mensch und Tier sind hier nun aufeinander angewiesen, gleichsam in ihrem Leben ineinander verwoben; der Verlust auch nur eines Teils dieser Symbiose hätte nicht nur (wenn überhaupt nur schwer zu bewältigende) emotionale Folgen, sondern vor allem auch (in gewisser Konsequenz: selbst tödliche) Konsequenzen.
Sie muß das Wild füttern, damit es überlebt (wobei das leitende Motiv sicherlich Naturverständnis und Fürsorgepflicht ausmachen), aber auch, damit sie sich mit dem Rest an Munitionsvorrat ab und zu das fürs Überleben notwendige Fleisch besorgen kann.
Sie muß die Kuh füttern, damit sie selbst von der Milch leben kann. Sie muß helfen, den geborenen Stier hochzupäppeln, damit es vielleicht doch wieder Nachwuchs gibt und die Kuh weiter genügend Milch liefert.
Sie muß Kartoffeln und Bohnen anbauen, das hierfür notwendige Gelände fruchtbar machen und hegen, damit der Hunger gestillt werden kann.
Sie muß ihren Hund und die Katze(n) im notwendigen Rahmen pflegen, weil sie wertvoller Bestandteil ihrer nun völlig veränderten Lebensweise sind.
Die Winter verlangen nach einem enormen Vorrat an Heu und Holz – diesen heißt es im Auf und Ab sommerlicher Witterung anzulegen.
Und vor allem muß sie mit ihr unverzichtbar erscheinenden Mitteln wie Munition, Zündhölzer, Kleidungsstücken etc. haushalten, will sie das Ende von was auch immer hinauszögern.
Und letztlich muß sie darauf achten, daß sie sich nicht zum verkehrten Moment auf verkehrte Art und Weise gehen läßt, kann dafür aber auf den Großteil jener (in der neuen Umgebung sinnlos und unpassend gewordenen) Gedankenspiele gut und gerne verzichten, die ihr früheres Leben in Anspruch genommen hat.
Wie Marlen Haushofer dies alles umsetzt, ist schon einzigartig. Kein Roman für die reine Unterhaltung (Wer ihn nur so liest, begibt sich einiger Chancen an Bereicherungsmöglichkeit!), sondern ein Buch für umfassende Auseinandersetzung – angefangen von sprachlicher Ästhetik und Präzession über detailliert-minutiöse Schilderung aller Vorgänge und Empfindungen bis hin zu philosophischer Auseinandersetzung mit dem (eigenen) Leben und differenzierter Gedankenwelt schlechthin.
Es soll an dieser Stelle nicht geschildert werden, wie sich das Verhältnis von Wiederholung und Veränderung, das vom Auf und Ab sowie Hin und Her ,das der Gedanken von Leben und Tod, entwickelt – die Spannung soll potentiellen Lesern nicht genommen werden. Und es gibt auch in diesem Umfeld wieder Dinge, die ihr “fremd” bleiben, wohl auch fremd bleiben müssen.
“Manchmal wünsche ich mir, daß sich diese Fremdheit in Vertrautheit verwandelte, aber ich bin weit entfernt davon. Fremd und böse sind für mich noch immer ein und dasselbe. Und ich sehe, daß nicht einmal die Tiere davon frei sind. In diesem Herbst ist eine weiße Krähe aufgetaucht. Sie fliegt immer ein Stück hinter den anderen und läßt sich allein auf einem Baum nieder, den ihre Gefährden meiden. Ich kann nicht verstehen, warum die anderen Krähen sie nicht mögen. Für mich ist sie ein besonders schöner Vogel, aber für ihre Artgenossen bleibt sie abscheulich. (...) Sie ist so zahm, daß ich mich ihr nähern kann. (...) Sie kann nicht wissen, warum sie ausgestoßen ist, sie kennt kein anderes Leben. Immer wird sie ausgestoßen sein und so allein, daß sie den Menschen weniger fürchtet als ihre schwarzen Brüder.” (a.a.O., S. 251f.)
Der ewige Kampf zwischen Angepaßtheit und Individualität, der Grat zwischen dem Andersseinwollen und der Furcht vor dem Ausgestoßensein – wie die Entscheidung letztlich dann ausfällt, hängt nicht zuletzt von der jeweiligen Persönlichkeit ab, von dem, was man unter Integrität und Mündigkeit, Eigenverantwortung und Verantwortung für ein Gesamt versteht. Ein Abwägen also, sofern man überhaupt in der Lage ist, abwägen zu können.
Wir kennen dieses Phänomen beispielsweise auch aus Jonathan Livingston Seagull, der Möwe Jonathan, die eben jene Grenzlinie zwischen Massenorientierung und Individualisierung des Daseins überschreitet, dies gewiß nicht unter dem zustimmenden Beifall der “Zurückgebliebenen”.
Egal was auch immer geschieht, was immer auch Verlust und Schmerz bedeuten mögen, es scheint immer noch etwas zu bleiben, das Hoffnung macht, das – natürlich in Endlichkeit – ein Stück Zuversicht am Horizont schimmern läßt. Und so endet Marlen Haushofers Roman mit einem solchen, vielen vielleicht zu bescheiden klingenden Ruf an die Zukunft (Aber welche Vorstellung von “Zukunft” haben denn solche Kritiker tatsächlich in ihrem meistens doch recht kargen und armseligen Leben überhaupt?! ...):
“Heute, am fünfundzwanzigsten Februar, beende ich meinen Bericht. Es ist kein Blatt Papier übriggeblieben. Es ist jetzt gegen fünf Uhr abends und schon so hell, daß ich ohne Lampe schreiben kann. Die Krähen haben sich erhoben und kreisen über dem Wald. Wenn sie nicht mehr zu sehen sind, werde ich auf die Lichtung gehen und die weiße Krähe füttern. Sie wartet schon auf mich.” (a.a.O., S. 276)
Es gibt sie also, jene bzw. diese gestaltbare Zukunft, jedenfalls so lange, wie die Zeit in ihrer Unergründlichkeit Zukunft einräumt. Auch dieser Gedanke zieht sich durch den Roman von Anfang bis zum Ende, so ganz ohne erhobenen Zeigefinger. Ein Meisterwerk eben.
Blick über den Hopfensee an einem Tag im Mai 2013
Adrian Naef
Die Städter
(Weissbooks GmbH Frankfurt a. Main 2011)
Ein hervorragender (autobiographischer) Roman, teilweise mit Hintergrundinformation über "Szenendaseinsweisen", detaillierte Einsichten in persönliche Entwicklungs- und Entfaltungsgrenzen sowie zahlreiche gesellschaftspolitische Aspekte.
Adrian Naefs Roman ist offensichtlich ein sehr autobiographischer. Naef, 1948 in Wallisellen, einer politischen Gemeinde im Bezirk Bülach des Kantons Zürich in der Schweiz, geboren hat das "Land" hautnah erlebt, hat dabei jedoch durch seinen Vater immer wieder auch "Stadtluft", dieses Stadtflair schnuppern können und hat sich letztlich dann als doch sehr überzeugter Städter eingebettet. Adrian Naef ist schon früh dann nach Zürich gezogen. Der Roman wird vielfach als "Zürich-Roman" gekennzeichnet (man kennt ja derartige Analogien z.B. "Frankfurt-Roman", so z.B. in Wilhelm Genazinos Schaffen), wobei ich der Meinung bin, diese Kategorisierung engt den tatsächlichen Inhalt, all die geschilderten Geschehnisse und Erfahrungen zu sehr ein, zumindest was die Lokalität betrifft. Naef hat sehr viele Erfahrungen auch in anderen europäischen Städten sammeln können, vor allem aber auch in Deutschland. Man kann summa summarum seinen Roman durchaus als das Hohelied auf das Stadtdasein sehen, gerät dabei jedoch dann sehr leicht in die Gefahr, all die geschilderten Widrigkeiten und gesellschaftlichen Widersprüche, die im Roman zutage treten, zu gering zu achten. Vor allem auch die verschiedenen Formen gelebter Verlogenheiten, Selbsttäuschungen und all die gescheiterten Versuche, ohne Lüge leben zu wollen ... Gerade die Schweinwelten, die Arroganz und auch -- man kann es durchaus so sagen -- die Armseligkeiten der Achtundsechziger-Bewegung bekommen im Roman die Maske vom Gesicht gerissen. Dabei zeigt Adrian Naef nicht mit seinem Finger nur auf andere, sondern bekennt sich zu all den eigenen Traumvorstellungen, Realitätsverleugnungen und Irrwegen. Er zeigt sich eben in der Retrospektive sehr kritisch mit alledem, was da einmal war (und in vielen Fällen noch weiter sein mehr oder weniger klägliches Dasein fristet); er geht mit sich selbst eben auch scharf ins Gericht, erzählt und erklärt eben was Aufwachsen, was Sozialisation, was Enkulturation bedeutet. Vor allem aber auch: wie Irrwege aussehen, wie sie zahlreich möglich sind. Auch das scheint mir eine Art Humus von Stadt zu sein: euphemistische Verklärung von tatsächlich oder angeblich neu Entdecktem, neu Erkanntem, also auch die weithin praktizierte Möglichkeit, Selbsttäuschungen fortzuleben und als Fortschritt bzw. Modernität zu verkaufen.
Natürlich ist "die Stadt" auch ein besonders guter Nährboden für Antworten auf soziale und politische Fragestellungen, selbstverständlich ist sie ein großes Experimentierfeld, neue Wagnisse einzugehen, mit anderen Formen von Verantwortung sich zu versuchen und vor allem bietet "die Stadt" in aller Regel viel mehr Anreize und "Mitmachfelder" als man sie gemeinhin dem Landleben zuschreibt. Vor allem zwei Kategorien sind für Adrian Naef bemerkenswert, wenn man sich dem Vergleich Stadt versus Land stellt: "Stadt ist, was denkbar ist. Land ist, was möglich ist." (S. 502) Aber so einfach dürfte es in Wirklichkeit nicht zu beantworten sein.
Das hieße doch, Phantasie zu sehr als eine städtische Domäne zu sehen. Ist es denn nicht vielmehr so, daß eine Überfülle von Angeboten, ein Übermaß an Herausforderungen, der enorme Druck des "Mitmachenmüssens", des "Janichtsversäumens", den Lockungen der Entschleunigung zu entsagen, auf Rückzugsphasen zu sehr zu verzichten, immer im Schein des "Wahrgenommenwerdens", des "Sich-zeigen-Müssens", u.a.m., daß all diese Forderungen und Herausforderungen einer echten Phantasie und ihrer Entwicklung eher abträglich sind? Kann Phantasie denn vieleicht nicht unter weniger Reizen, unter besser kontrollierbaren Voraussetzungen, sich gesünder, besser entwickeln, entfalten? Es ist ja sicherlich nicht so, daß Aspekte des Denkbaren und des Möglichen, des Nachdenkens über die Bedingungen von Möglichkeiten "auf dem Land" zwangsläufig ein Stiefmütterchendasein fristen müssen.
Im Epilog lenkt er dann auch eher den Blick darauf, daß die Stadt mittlerweile zur "Verlockung" geraten ist, und "das Kind will in die Verlockung -- und die Verlockung heißt Stadt." (S. 504) Und recht optimistisch findet er, die "Stadt" habe bisher alles überlebt und "wird kraft ewiger Gesetze alles überleben. Und die Agglomeration wird sich als globaler Lebensraum bewusst werden, das ist die gute Nachricht, das ist die Zukunft, ob wir wollen oder nicht. Wer wollte Gravitation umstoßen!" (S.504 f.) Und wer die Entwicklung im Jahr 2021 so beobachtet, wird wohl Naef zumindst ein kleines Quantum an prophetischer Gabe konstatieren: die Entwicklung geht rapide hin zu jener "Agglomeration". Vor diesem Hintergrund ist seine Feststellung "Heute ist die Stadt an jedem Ort angekommen." (S. 505) aus meiner Sicht -- sofern man den Umkehrschluß aus jener Agglomeration, aus jenem Trend zur völligen Inanspruchnahme, Inbesitznahme, zieht -- schon eher erschreckend, denn das hieße unter anderem ja, dem "Land" seine spezifischen Besonderheiten, das zumindest bis dato so gesehene Idyllische, eben auch: das Gegenteil von "Stadt" wegschmelzen zu lassen. Naef fragt am Ende seines Romans "Wohin geht das Kind?" und stellt in Erinnerung daran, wie sein Vater mit ihm in der Kindheit und frühen Jugend verfahren ist, fest "Kein Vater braucht es noch in die Stadt zu fahren." Sein Fazit zu diesem Gedanken dürfte nicht allzu kryptisch zu lesen sein: "Dass dies ein Verlust sei, weigere ich mich tapfer zu glauben." (S. 504) Trifft dies jedoch so zu, dann hieße das auch ein Verschwinden von Besonderheiten ... "Land" würde sich "Stadt" annähern und vice versa. Mit der Unterstützung der Sozialen Medien ist man da bereits auf dem Weg genereller Austauschbarkeiten ... Aus meiner Sicht ist das keine wünschenswerte Entwicklung.
Als eine der Besonderheiten von "Stadt" hat Adrian Naef auch die Bahnhöfe hervorgehoben. "Wo bereits ein Bahnhof ist, ist alles denkbar. Darum zieht es die Einsamen zum Bahnhof. Und darum geht der vom Land in die Stadt und landet gleich wieder beim Bahnhof. (...). Mehr als sich auf eine Bank im Bahnhof zu setzen, braucht einer nicht für sein Fünkchen Hoffnung: Gleich kommt sie vorbei, die Unvergleichliche, gleich fragt er nach Feuer, der Einzige, meine Flamme, mein Zukünftiger, gleich kommt er daher mit offenen Armen, mein Erlöser ... Gleich beachtet mich einer." (S. 502f.) Zuviel an Illusion? Sicherlich. Naef wirkt dabei keineswegs naiv, blauäugig, immer wieder führt er den Leser in (seine) Wirklichkeit zurück, konfrontiert ihn mit Tatsachen, ja, auch mit Formen der (Selbst-)Täuschung. Ich habe beim Lesen seine beiden Aussagen "Stadt ist, was denkbar ist." und "Land ist, was möglich ist." keineswegs als trennscharf empfunden, nicht als eine einschränkungslose Kategorisierung. Vielmehr dürfte er auf damit auch darauf verwiesen haben, daß das Mögliche und das Denkbare nicht ausschließlich im Widerspruch verhaftet bleiben (müssen), sondern daß es sich hierbei auch um mögliche Zugänge zu einer eigenen Lebensgestaltung handeln kann, die beide ihren Wert und ihre Berechtigung auf der immerwährende Suche nach Fragen und Antworten haben. Letztlich bewegen wir uns hier im Spannungsfeld des "Wer bin ich?", des "Was bin ich?" und des "Was soll ich?". Und der sich daraus ergebende Spannungsbogen vom tiefsinnigen Grübeln über Daseinsfragen bis hin zum oberflächlichen Verdrängen eines Sich-stellen-zu-Müssens (dies beispielsweise heftig unterstützt durch die vielfältige "Fun-Industrien") dürfte zahlreichen Menschen vielleicht in der Stadt wegen der vielen Lockungen und Herausforderungen, die dort zu finden sind, die dort locken, die einen quasi zu einer Art des Mitschwimmens "verpflichten", weniger aufdringlich, weniger herausfordernd erscheinen. Dies bedeutet freilich nicht,: vor innerer Leere und einem (entsprechend späteren) Bewußtsseinsdilemmas garantiert gefeit zu sein. Es gilt wohl auch hier: you can't run away from the price you pay ... (Die wie Pilze überall aus dem Boden schießenden "Helferindustrien" und "Heilsversprecher" zeugen davon doch offenkundig!)
Naef versucht eigentlich nie, die Wirklichkeit zu beschönigen, zu glorifizieren. Dies wird auch deutlich, wenn er in Abschnitten immer wieder das sogenannte "revolutionäre Dasein" der Salonrevoluzzer (vor allem der 68-Ägide) beschreibt, stellvertretend hierfür: " Aber es muss auch gesagt werden: Es wurde uns, jedenfalls hierzulande, leicht gemacht, uns aufzumachen. Wir wurden nicht vor Ultimaten gestellt auf Leben und Tod, wie die Geschwister Scholl oder die Leute um den Sänger Victor Jara in Chile oder die Kids im Musical 'Hair', die den Einberufungsbefehl nach Vietnam in der Tasche hatten." (S. 446) Wie aktuell, wie zeitlos, solche Feststellungen und Wirklichkeitseinschätzungen sind, kann man heute sehr gut an Fridays-for-Future, Black-Lives.Matter, an den diversen Auftritten für oder gegen Umweltschutz, für oder gegen Corona, vor allem auch an all den Unsinnigkeiten, hinter denen sich die Gender-Apologeten verstecken oder ihr neues Betätigungsfeld zur "Ich-Gewinnung" entdeckt haben, um nur ein paar Beispiele zu nennen, leicht aufzeigen: Es ist eben leicht --salopp formuliert -- das Maul aufzureißen, zu demonstrieren bis hin zum Randalieren, wenn man sich in sicherem Hafen befindet, wenn man persönlich nichts riskiert und wenn man sich , wie so viele all jener "Aufbegehrer" auf dem Fundament von Saturiertheit bewegt ... Viel Mut zeigt sich da wirklich nicht (sofern überhaupt einer ...), Risikobereitschaft dürfte auch weitgehend Fehlanzeige sein, von der eigentlich notwendigen geistigen Durchdringung der Themen, die einen so in Aufruhr versetzen, einmal ganz zu schweigen. Anders formuliert: Diskurs findet weitgehend bei jenen Veranstaltung und in deren Vorfeld nicht statt, für nicht wenige ist das alles nur ein Feld, um möglichst die eigene brüchige Identität zu kompensieren. Auch diese Aufmärsche bis hin zur Randale sind allerdings -- zumindest bislang noch -- eher ein Merkmal von Stadt als das des Landlebens ...
Und wenn Naef dann wiederholt auch schon mal einige "Schrecken" der Stadt aufzählt, dann geschieht das nicht um anderen "die Stadt" gänzlich madig zu machen, sondern eher aus einer Mischung aus Realitätssinn, Hoffnung und Blick für Möglichkeiten, vor allem auch aus einem Wissen um menschliche Begrenztheiten, Offenheiten (=der Mench als unbeschriebenes Blatt ...) sowie immer wieder durchbrechende Träumereien gleichermaßen: "Alles spräche gegen die Schreckliche, die Stadt, wäre der Schrecken des Menschen vor sich selbst nicht noch größer, viel größer ..." (S. 482) Es ist also der Mensch selbst, der sich allzu oft allzu gerne in Fallen begibt, der sich bereitwillig die Vorgaben zum Spinnen des eigenen Netzes geistiger und emotionlaer Einengung zu Eigen macht, dies dann in der Vorstellung, er sei souverän, autonom, vor alllem nicht: fremdbestimmt. Wer gibt es denn schon gerne zu, einfach nur Mitläufer zu sein, Mitkrakeeler, Mitaufrührer, sich längst des eigenen Verstands beraubt zu haben, Begriffe wie Emanzipation und konstruktive Kriik lediglich als Monstranz zu bedienen und letzten Endes das zu sein, was er all jenen, die er vehement kritisiert, vorwirft: ein Arschloch?! Natürlich gibt es davon die Ausnahmen, wenige, die von Ernst, von Tiefsinn, vor allem von Verständnis und der Fähigkeit zum Perspektivenwechsel wie auch zur Reflexion geleitet und in ihrem Verhalten bestimmt werden. Nochmals: jene mit echter Verantwortung sind -- (leider) die Wenigen, um sie herum, in ihrem Gefolge dann die Lauten, die Hohlen, die Unbedarften, die vorschnell Selbstgerechten! Und auch die Wenigen, also die Gescheiten, die Offenen, denen Falsifikation im Suchen nach Antworten kein Fremdwort ist, sind häufig dann letztlich Opfer: entweder sie können das ihnen sich stets aufdrängende Gefolge nicht mehr abschütteln oder sie finden -- dann natürlich in entsprechend bedeutsame (vor allem: finanziell sie stimulierende) Posten in genau jener Bürgerlichkeit, die sie zuvor so vehement bekämpft haben. Zweitranging bleibt für mich hier zunächst, ob dies logische Folge früheren Verhaltens oder einfach nur irgendwelche Umsstände waren, die dann zu jenen Wegen führten, entscheidend ist fehlende Stimmigkeit, ein Mangel, zwischen wirklichen Einsichten und nur eingebildeten trennen zu können. Herbeigeredetes, kritiklos Übernommenes waren noch nie ein solides Fundament für Persönlichkeitsbildung.
Naef beschreibt derart viele Mosaikstücke gesellschaftlichen Lebens, aber all das wirkt flüssig, nicht abgetrennt vom Ganzen, einfach weil er all jene Teilbereiche aus eigenem Erleben schildern kann, sie somit in eine bündige Geschichte kleidet, oder anders gewendet: all die Eindrücke, all das Tun, all das Ablehnen und Annehmen, all das Reflektorische, erscheinen als die Geschichte eines gelebten Daseins. Wer hier eine absolute Dichotimie zwischen "Stadt" und "Land" herausliest, dürfte die entscheidenden Nuancen übersehen / überlesen haben. "Es wird Zeit, Stadt ernst zu nehmen, statt sie zu verunglimpfen und nur als notwendiges Übel darzustellen, als Moloch, dem man sich am liebsten bei der erstbesten Gelegenheit entzieht" (S. 463) ist eine Aussage, die allenfalls retrospektive Gültigkeit für den Autor haben mag, wenn überhaupt das. Eher gilt: das eine ("Stadt") wie das andere "Land" ("Insel") sind zwei Seiten einer Medaille, was deutlich wird, wenn er schreibt: "(...), denn es ist längst bewiesen: Auf dem Land, auf der Insel, lauert dein wahres Ich, die Quelle aller Ängste, und dem will auch wohl im Ernst niemand begegnen. 'Die Insel' ist nachweisbar auch mit deinen sieben liebsten Büchern nicht zu bestehen, erst recht nicht mit deinem liebsten Andern. Die Insel, die Landschaft, ist das Ende jeden Spaßes, dort lauert die Wahrheit. Nur Stadt bietet Ablenkung genug." (S.462 f.) Man mag es so erlebt haben, so erleben; ich kenne das anders aus eigenem Erleben: zumindest wenn man sich in der Stadt nicht ausschließlich und ungebremst der Turbulenz, den Verlockungen hingebt, um sich eben ja nicht selbst begegnen zu müssen. Und es ist auch möglich, die Insel zu bestehen, dort in die Tiefe gelebten Lebens einzutauchen. Reibungslos wird das jedoch weder in der Stadt (trotz Ablenkungsmöglichkeiten u.a.) noch auf "der Insel" ablaufen, dieses Spannungsgefüge gilt es überall auszuhalten und -- zu gestalten!
Aber in Naefs Buch wird deutlich, daß er selbst sich diesem Spannungsgefüge nie so ganz entzogen hat und immer wieder seinen modus vivendi gefunden hat. Einfach meisterlich all diese Schilderungen, diese gezeigte Selbsterkenntnis, das Aufzeichnen immerwährenden Ringens. Für mich war besonders auch sein Eintauchen in das Milieu der Achtundsechziger interessant, wie auch sein geistiger Ausflug in die Bedeutung der damaligen Musikszene (Adrian Naef war übrigens selbst Musiker!). Deshalb kurz seine Rückschau auf die 68er-Zeit: "Achtundsechziger, wie man den Stempel bald nennen würde, bestanden allerdings durchaus nicht nur aus uns, den paar tausenden Demonstrationen mit extralangen Haaren in exotischen Wohngemeinschaften. Es war dahinter eine ganze Generation unterwegs, zumeist nur innerlich, junge Männer und Frauen, die sich in provinziellen Verhältnissen nicht allzu weit aus dem Fenster neigen durften, aber umgehend nicht wiederzuerkennen waren, kamen sie von einem längeren Aufenthalt aus städtischen Verhältnissen zurück, wenn sie überhaupt zurückkamen aufs Land. Und wenn auch die große Revolution nicht ausbrach übers Jahr, so gerieten überlebte Werte doch gewaltig ins Rutschen. Mit Mief und Biederkeit der Nachkriegsjahre war endgültig und nachhaltig Schluss." (S. 445) Adrian Naef spricht hier auch von "der Verlogenheit der Väter-Generation" und von einer "satten Gemütlichkeit". Hierzu möchte ich nur zwei Anmerkungen machen: "Mief und Biederkeit" existieren weiterhin, freilich meist in anderen Ausprägungen und ebenso verhält es sich mit der "Verlogenheit" (hier muß man nicht mehr nur auf die "Väter-Generation" rekurrieren!) und der "sanften Bemütlichkeit" (die besonders als Ausfluß von Gewinninteressen der Freitzeitindustrie und medialer panem-et-circenses-Indoktrination ihr aktuelles Unwesen treibt!). Zweite Anmerkung: in einer Grazer WG, in der ich seinerzeit 3 Wochen verbrachte / verbringen durfte erlebte ich genau diese Stadt-Land-Diskrepanz, was die Akzeptanz von "neuen" / "anderen" Denk- und Verhaltensweisen sowie Gestaltungsformen angeht ... Für mich aber eine sehr, sehr schöne Zeit, daran lasse ich keinen Zweifel. Und Adrian Naef resümmiert einmal mehr: "Erst wenn man zurückschaut, erkennt man den Weg um die Ecken herum, die niemand ahnen konnte und die mit der Zeit manchem Barrikadenstürmer zum Verhängnis wurden. Einige scheiterten am Höhenflug, der bald in ihrem Leben der Einzige gewesen sein sollte. Einige überschätzten ihre Kräfte und konnten es sich nicht verzeihen, bald im kleinbürgerlichen Milieu gelandet zu sein, das sei einmal verhöhnt hatten; es hatte sich nur umgehend neu ausgestattet. Jäh schlug Hoffnung in Verzweiflung um, wie nicht das erste Mal in der Geschichte. Einige zerbrachen daran, einige warfen ihre bisher lauthals geforderten Veranwortung für die Welt auf Jesus und lächelten nur noch wissend, andere machten sich auf den langen Marsch (Anm.: hier dürfte auch auf den "Marsch durch die Instutionen" abgehoben sein, auf dem letztlich die meisten vom System absorbiert wurden, meistens materiell dann zudem sehr gut abgesichert, d.V.), wieder andere zogen sich zurück in Wolkenkuckucksheime, einige verpuppten sich in ihren alten Fahnen, ohne je auszuschlüpfen, und einige wenige spien bald auf diese Zeit, als wären sie nicht ihre lautesten Verkünder gewesen." (S. 446)
Naef läßt die Leser teilhaben, daran wie man gute und schlechte Erfahrungen macht, läßt auch ein wenig die Zeit der freien Liebe (zunächst die mögliche Hemmungslosigkeit dank der Pille, der dann wieder folgenden Rückschlag durch AIDS ...) und die neuen Formen von Beziehungsgestaltungsversuchen aufblitzen, verweist auf den ideologischen Einfluß der Frankfurter Schule, konfrontiert einen mit (wohl sattsam bekannter) Spießigkeit und Forschrittseuphorie, mit den Wechselfällen des Lebens, auch mit Aspekten von "Kleider machen Leute", zeigt vor allem auch immer wieder die Vielfalt gedanklicher Welt und ohne mit dem belehrenden Zeigefinger zu drohen wird deutlich: Leben ist Problemelösen. Dies scheint ihm selbst übrigens auch immer wieder gelungen zu sein. Und auch heute dürften seine Einsichten und Erkenntnisse (ich schreibe diese Rezension im Juni 2021) gewiß nicht fremd klingen. So wenn er schreibt: "So oder so -- kein Achtundsechziger wurde geprüft von einer Not oder einer extremen Gewissensentscheidung, die sonst rechtzeitig Weizen von der Spreu trennt. Wenn es einem nicht selber zu dumm wurde, dürfte über Jahre alles Legend bleiben. Viele würden nach Jahrzehnten immer noch behaupten: Hätte die Jugend nachfolgender Generationen nur beständig den Mut zum Aufbruch gezeigt, den wir damals zeigten, die 'goldene Zeit' hätte eine goldene für uns alle werden müssen. Für alle Zeiten. Aber eben ... Andererseits hätte keiner daran gedacht, dass einmal eine Generation folgen würde, die die Auswahl von Klingeltönen fürs Telefon mehr beschäftigen würde als das Verschwinden des Regenwaldes, eine Generation, die die sofortige Entlassung einer korrekt Steuer bezahlenden Kassiererin wegen Unterschlagung -- vielmehr Vergessens -- von drei Franken mit dem gleichen politischen Desinteresse hinnehmen würde wie die Unterschlagung von Millionen und Milliarden seitens gewiefter Spekulanten mit posthum Rechnung an eben diese Steuerzahler ... War es denn die Psychologisierung von allem und jedem im Windschatten der Siebzigerjahre, die der simplen Empörung die Spitze brach? Die Verständnis für alles und jedes mit sich brachte?" (S.459)
Sind denn all die meisten derzeitigen Proteste gegen dieses und jenes nicht auf von dieser temporären Qualität, weil nicht enstsprechend durchdacht (Stichwort: echter Diskurs als Voraussetzung!) und eher strukturlos?! Auf einer ähnlichen oder gar noch schlimmeren Oberflächlichkeit fußend? Der Beobachter der Gegenwartszenen dürfte auch hier allzu Bekanntes wiederfinden, wenn Naef über Teile der Frauenwelt Dogmatisches schildert: "Auch die Frauenbewegung war schnell in die Jahre gekommen. Ihre Hohepriesterinnen hatten mit Humor und 'Tutti Frutti' (Anm. d. V.: eine saudumme Sendung, in der in schier endlose Reihenfolge zu dämlicher Musik Frauenbusen präsentiert wurden) nie viel anfangen können. Und wehe, eine der Jüngerinnen war plötzlich schwach geworden und zu einem männlichen Wesen zurückgekehrt! Erbarmungslosere Ausschlüsse habe ich nirgendwo gesehen, und absurdere Lebenskonzeptionen bin ich nicht wieder begegnet. In gewissen lesbischen Wohngemeinschaften und erst recht in abgeschotteten lesbischen Kommunen auf dem Land durfte nicht einmal ein männliches Tier über die Schwelle treten. (...) Alle als männlich geltenden Endsilben wurden überdies aus Namen getilgt und durch weibliche ersetzt. (...) In solchem Irrsinn waren nur die Widertäufer der Stadt -- aufs äußerste erstaunt, was da tatsächlich in der neu ins Deutsche übersetzte Bibel stand -- noch einen Zacken weiter gegangen, waren lallend auf dem Boden herumgekrochen, weil da stand, dass nur in das nahe Himmelreich komme, wer wie die Kinder sei ..." (S. 456) Und weiter schreibt er (S. 457 f.): "Als dann der gesunde Menschenverstand auch im Reich reinen Frauseins wieder Oberhand gewann und 'die Lauen' aus den Revieren des 'richtigen Glaubens' zurück ins gewöhnliche Leben sog, (...), sahen sich die verbliebenen handverlesenen Verkünderinnen genötigt, sich nun selber auszuhalten. Der Weg zur Esoterik war leicht gegangen, zumal die Achtzigerjahre nach Erzengeln verlangten. die Priesterinnen aus Lesbos schwenkten nahtlos zu religiösen oder psychologischen Sekten über. Umgehend, nach einem erstbesten Kurs, waren einige plötzlich ausgewiesene Expertinnen der astrologischen Beratung geworden. Machtbedürfnis findet geschlechtsneutral immer ihre schnelle geistige Wendung." Kommen einen derartige Wirrnisse bekannt vor, gibt es derartige oder ähnliche Exzesse in der Gegenwart? Zumindest strukturell sind sie unübersehbar: der Genderwahnsinn und andere Ableger seltsamer Vergeistigung lassen herzlich grüßen! Nur, lustig ist das nicht mehr -- vielleicht war es auch damals nicht so besonders lustig, wenngleich quantitativ von geringerem Einfluß --, denn diese Irrungen und Wirrungen kosten den Steuerzahler viel unnützes Geld (man denke nur an die entsprechenden Lehrstühle und andere Folgekosten!) und bringen sinnlose Streitigkeiten in eine Gesellschaft, die wahrlich wichtigere Probleme anzugehen hätte ... Wer Naefs Buch liest, wird immer wieder feststellen: eigentlich sehr aktuell ist das alles.
Einmal in seinem Buch hat sich Naefs folgendermaßen positioniert: "Meine Revolution fand auch eher in der Musik statt. Politischen Veränderungen traute ich wenig zu, von anderen ein Linker genannt zu werden, war mit eigenem Misstrauen verbunden. Ich war wohl vielmehr ein zorniger, jedem Lustgewinn schnell erlegener Moralist und Zwinglianer, ein Aufspürer von Lebenslügen anderer, darin erschreckend radikal, pflückte aber gerne die Sumpf-Röschen und ließ mich dabei ungern in den Sümpfen der gemeinen Niederungen der Stadt beschmutzen. Es musste stets etwas Edles bleiben im Getümmel." (S. 361) Na, geht doch. weg vom Mainstream, möchte ich da fast anmerken. Jedenfalls vielversprechender für die persönliche Entwicklung als beim Mainstram unter die Decke zu kriechen.
Ich kann dieses Buch wärmstens empfehlen, freilich wird man es sich mittlerweile antiquarisch oder in einer guten Bibliothek besorgen müssen. Vielleicht zur Ergänzung meiner Gedanken hier noch der kurze Steckbrief aus dem Klappentext: "Adrian Naef, geboren in Wallisellen (Schweiz), lebt in Zürich. Nach dem Studium der Ökonomie arbeitete er in der Jugend- und Erwachsenenbildung, als Religionslehrer, Journalist, Musiker und Schauspieler. Er ist Auto mehrere Bücher, u.a. Gott ist krank, sein Sohn hört Punk, sowie Lagebericht und Nachtgängers Logik.
Und weil ich weiter oben in Hinweisen auf die Vielfalt in "Die Städter" auch auf den gesetzten Akzent Musik hingewiesen habe: es lohnt sich allein schon diese Kapitel zu lesen. Schnell wird nämlich klar, daß Adrian Naef sich nicht als "Liedermacher" sieht, daß er den Einfluß von Elvis Presley, dem ehemaligen "Lastwagenfahrer" auf die Geschicke der weiteren Entwicklung enorm hoch ansetzt, daß er sich nicht darüber wundert, daß Chuck Berry, "der Urvater des Rock und ewige Sklave der Musikindustrie" (S. 451) mit seinem Stil durchschlagenden Erfolg hatte und sich nie zu schade dafür war, selbst nach größtem Erfolg noch die einfache, schlichte Nähe zum Publikum zu suchen, daß er Bill Haley & The Comets als wesentlich für das musikalische Geschehen ansieht, daß er im zumindest implizit angesprochenen Einfluß von Musik versus Akademie, was den Einfluß auf gesellschaftliche Entwicklung angeht, die Sichtweise vertritt "Wenn der Blues beginnt, kann der Student nach Hause gehen." (S. 451) Und er ergänzt bescheiden und selbstkritisch: "Und ich war dann doch eher Student als Lastwagenfahrer, wie Elvis anfänglich einer gewesen war." (ebd.)
Rückblickend stellt er auch noch fest: "Hoffnung hatten wir damals, das war nicht das Problem. Was aber die Not betraf, so war sie nicht materieller Natur, wie Marx sie beschrieb, sondern vielmehr eine seelische und intellektuelle Verelendung im Tanz um das goldene Kalb. Die Verdummung durch Werbung war in vielen Augen etwas vom Schlimmsten, was dem Homo Sapiens bisher zugestoßen war. Jemand sagte damals öffentlich, 'er friere innerlich'. Das traf es, im Nachhinein gesehen, wohl auf den Kopf, ohne dass diese Aussage besonders aufgefallen wäre. Einem unserer Genossen kamen immer sogar die Tränen vor Manifestationen öffentlicher Stumpfheit." (S. 183)
All dies sollte aber auffallen, sollte einen "frieren" lassen, diese Vereinnahmungen und Fremdbestimmungsphalanx sollte man vehement bekämpfen! Das wäre eine wirkliche Aufgabe und Pflicht, sofern man am Homo Sapiens im Wortsinn überhaupt noch interessiert ist ... EIN GANZ HERVORRAGENDES BUCH!!!
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Jamal Tuschick
Aufbrechende Paare
Frankfurt a. Main, 2008, Weissbooks GmbH) 17,80 Euro
(mittlerweile vergriffen, jedoch noch antiquarisch zu finden)
Hervorragend!
Ein Roman (Tuschick selbst ordnet sein Buch der Gattung Roman zu, da für ihn alle seine Texte zusammengehören: »Alles hängt so zusammen. Insofern ist es für mich ein Roman«. Tuschick im Gespräch mit Shirin Sojitrawalla; Quelle: Deutschlandfunk, Heimatliteratur ohne schlechtes Gewissen. Jamal Tuschick im Gespräch mit Shirin Sojitrawalla, 30.09.2009)
Ich mag es, wenn über Milieus und Begegnungen berichtet wird, mit denen man selbst zumindest auf längere Zeit oder gar auf Dauer lieber nichts zu tun haben möchte, ich mag es, wenn dann, wie in diesem Buch, die jeweiligen Charaktere scharf umrissen geschildert werden, dies mit all ihren Stärken (das vorgegebene Leben zu meistern) und all ihren diversen Schwächen (die das Leben zwar nicht leichter machen, aber einen sicherlich in »Bewegung« halten, dies nicht zur körperlich zu verstehen ...), wenn also somit auch ihre Möglichkeiten einerseits und die vielen Grenzen andererseits offenkundig werden. Und Jamal Tuschick gelingt es, seine »Beobachtungen« so zu schildern, daß man als Leser ständig das Gefühl hat, jeweils unmittelbar dabei zu sein. Dies in einer entsprechend akzentuierten Sprache, häufig auch in sehr kurzen Sätzen, die jeweils Klarheit hinsichtlich Situation und Person schaffen; wo andere mehrere Sätze oder gar ganze Seiten benötigen, um ihre Gedanken verständlich zu machen und Gefühls- sowie Beziehungsebenen zu schildern, schafft Tuschick dies eben mit kurzem, prägnanten Ausdruck.
Die Szenen spielen in Frankfurt am Main, freilich überwiegend nicht vor dem Hintergrund der vermeintlichen oder tatsächlichen »Vorzeige-Szenerie«, sondern in jener Gegend, in jenen Stadtteilen, wo eher Schmalhans der Küchenmeister ist, wo nicht die »Welt der großen Wörter« (Franz Innerhofer) dominiert, sondern wo der tägliche Kampf ums physische und seelische Überleben in einem harten Alltag offenkundig wird, also nicht mehr groß zu übertünchen ist. Lassen wir uns also auf jene Welt ein (die für den einen oder die andere innerhalb eigener Erfahrungswelt durchaus ein Spiegelbild sein kann, d.h. man findet sich zumindest in Teilen in den Geschehnissen, in den Abläufen wieder), begleiten wir also Melchior, Kat, Pavel, Sina, Jana und all die anderen in ihrem täglichen Kampf im (städtischen) Dasein , erleben wir sie hautnah in ihren Gefühlen, in ihrem Bemühen, dem eigenen Leben einen Sinn zu geben. Erleben wir sie auch in ihrer bisweilen befriedigten und zuallermeist unbefriedigten Triebhaftigkeit, in ihrer Sinnsuche, in ihren (eher kargen und nur temporären) Erfolgen sowie im (dies offenkundig dann häufiger) Scheitern.
Dabei sollte man dieses Scheitern nicht allein in einem ironischen Bezug verstehen (wie es zum Beispiel der den Alltag zumeist kritisch mit einem lachenden und einem weinenden Auge karikierende Kabarettist Piet Klocke – der »Don Quichotte des Verbalen« , als der er u. a. gewürdigt wird – mit seinem »Puffy Egborn II oder Scheitern als Weg« süffisant aufzuzeigen versucht), sondern eher als Formen des Elends, die einem den Lebensweg eher erschweren, bisweilen unerträglich geraten lassen, und die jene davon betroffenen Personen vielmehr unaufhörlich auf Trab halten, aber auf einem der den meisten Menschen alles andere als nachahmenswert erscheinen dürfte ...
Nicht zu jenen zu gehören, mag dann als »Gnade« des Zufalls (diese Thematik wurde zum Beispiel in dem Lied »There But For Fortune«, u.a. von Joan Baez, gekonnt erhellt, eben daß es vielfach nur Zufall ist, auf dieser Seite und nicht auf jener zu stehen) deutlich werden. Freilich anders dürften es diejenigen sehen, die sich saturiert wähnen, häufig dann auch: klugscheißerisch, über andere erheben zu müssen glauben und vorschnell mit »Schuldzuschreibungen« auf die Bewertungsebenen der Lebensbühne treten und mit ausgestrecktem Zeigefinger vorwurfsvoll jene vorgeblich oder tatsächlich (eben zutreffend je nach gewähltem Maßstab) »Scheiternden« verteufeln.
Im Klappentext wird der Titel des Buches »Aufbrechende Paare« kursiv so dargestellt: »Jamal Tuschick streift durch die Stadt, atmet sie ein, erforscht sie wie einen Kontinent, misst aus, blickt in ihre Ecken und auf ihre Plätze. Und erzählt vom Trieb der Städtebewohner, einander zu begegnen, sich zuweilen zu paaren und wieder davonzugehen ins Ungewisse (...)«. Spontan könnte man den Titel in zweierlei Hinsicht sehen: Einmal, daß Paare in ihrer Bindung aufbrechen, also sich trennen, andererseits als Paare, die (gemeinsam) zu neuen Erfahrungen, neuen Entdeckungen aufbrechen, sich also versuchen aus einer gewissen Statik des Einerleis zu befreien.
Im Buch selbst gibt es zum Titel einen kurzen Hinweis: » Die Effizienz der Wortwahl erbaut mich. Zwei Wörter drei (sic! d.V.) Bedeutungen.« (S. 172) Diese Aussage erläutert Jamal Tuschick in einem Gespräch mit Shirin Sojitrawalla: »Räumlich, gesellschaftlich und naja, auseinanderbrechend. Also man kann gesellschaftlich aufbrechen, räumlich aufbrechen, aus der Kneipe aufbrechen und die Beziehung kann in die Brüche gehen. Drei Konnotationen, zwei Wörter, besser geht's nicht.«
Wer die Arbeiten von Wilhelm Genazino kennt, wird sicherlich eine Gemeinsamkeit bei »Aufbrechende Paare« mit diesem herausragenden Schriftsteller (obendrein ein richtiger Intellektueller!) sehen: das Beobachten von Szenen, von Ereignissen, das Wiedergeben dabei auch der eigenen Gefühle, eigener Interpretation und Bewertung all dessen, was gesehen, empfunden und geschildert wird. So zitiert Jamal Tuschick Wilhelm Genazino auch als Motto in seinem Roman: »Er aber hat das Problem, daß sich die Geläufigkeit seiner Erfahrungen zu verflüchtigen schien und unbekannte Nebenreize sich in den Vordergrund schoben.«
In »Aufbrechende Paare« erleben wir überwiegend glücklos Liebende aus proletarischem und kleinbürgerlichem Milieu, wir begleiten überwiegend Gestrandete und Beziehungsunfähige. Tuschick gliedert seinen Roman in vier Erzählungen, er erzählt die Entwicklungen und Geschehnisse in einer prägnanten, vor allem völlig unsentimentalen Sprache, sodaß die Schilderungen von Szenen, die verschiedenen Versuche der Personen, Innenschau zu betreiben, und deren (oft scheiterende) Bemühungen, ein wenigstens halbwegs zufriedenstellendes Dasein zu führen, es kreativ zu gestalten, niemals in Kitsch oder andere Formen von Banalität abgleiten. Ich denke, wir begegnen hier gewiß Formen von einem Leben, wie es jeweils »leibt und lebt«, wie es pulsiert ...
Jamal Tuschik versteht sich eher als Beobachter denn als Erfinder von Geschichten, er schaut sozusagen dem Volk aufs Maul, möchte Heimatliteratur vor allem nicht der Volkstümelei überlassen. Für ihn ist das Beobachten von Vorgängen und Personen das Wichtigste. Er sagt, nach der Gattungsbezeichnung gefragt (sie fehlt auf dem Schutzumschlag), seine Texte schließen sich alle nicht, es handelt sich am ehesten um »eine lange Erzählung«, aber in seiner »Selbstwahrnehmung ist es ein Roman«, denn für ihn gehören alle Texte zusammen. Was die Gemeinsamkeiten mit Wilhelm Genazino angeht, lehnt er es ab, sein Tun als ein durch die Stadt Flanieren zu sehen – ihm erscheint der Begriff »Flanieren« antiquiert und bringt das »mit Dandyismus in Verbindung« –, sondern er beobachte nur und schreibe das dann auf und das sieht er mit Blick auf Genazino als eine Gemeinsamkeit: »Ich beobachte intensiv so wie eben auch Genazino genau hinguckt. Und darin erschöpft sich schon fast das gesamte Verfahren, denn vielmehr mache ich nicht. Ich schreibe ja einfach nur meine Beobachtungen auf.« Tuschick sagt über den Umgang mit dem Beobachteten, daß er dies sofort immer notiere, daß man stets »wirklich alles aufschreiben muss, das lehrt die Erfahrung«, will man nichts schnell vergessen. Er bleibe bei seinem Schreiben immer sehr dicht an der Wirklichkeit: »Also ich kann mir eigentlich nichts ausdenken. Ich bin kein Fabulierer, kein Erfinder von Geschichten. Ich sehe mich schon in erster Linie als Chronisten.«
Jamal Tuschick ist auch als Journalist tätig und auf die Frage, worin denn der Unterschied zwischen journalistischem Schreiben und der Fiktion liege, meint er, der sei für ihn gering. Er finde, daß die meisten Schriftsteller »ihre Sprachempfindlichkeit ja doch nur literarischen Allgemeinplätzen ausliefern können, einfach deshalb, weil sie nichts erleben« und sieht damit verglichen Journalismus als »nichts minderes« an. Für sich selbst reklamiert er: »Ich bin mindestens so sehr Journalist wie ich Schriftsteller bin. Und ich bin auch froh darüber, dass man Themen vorgegeben bekommt, an denen man sich sprachlich abarbeiten kann.« In ihm sei ein starker innerer Antrieb, »eine enge Beziehung zum Raum her(zu)stellen. Mein Denken ist absolut territorial. Ich denke räumlich. Ich habe immer dann das Gefühl, dass mir nichts passieren kann, wenn ich mich auskenne.« Und das sei für ihn »wichtiger als soziale Bindungen.« Gelänge ihm dies nicht, wäre er sicherlich sehr unglücklich. Er hat auch nichts dagegen, wenn sein Schaffen als Heimatliteratur bezeichnet werde. Im Gegenteil. Eben weil dieser Begriff besonders von den Nazis »denunziert« worden ist, meint er: »Die Revitalisierung dieses Begriffs der Heimatliteratur ist eine Aufgabe.«
Jamal Tuschik erläutert auch, weshalb er in Aufbrechende Paare unterschiedliche Perspektiven einnimmt, also z.B. in der Wir-Form, dann wieder in der Er-Form oder als Ich-Erzähler schreibt, weshalb er »eine Art Außenansicht« einnehme, warum er »aus der Vogelperspektive« berichte, dann sich wieder »mitten hinein ins Geschehen« begebe. Diese Perspektivenwechsel erklärt er folgendermaßen: »Ich weiß manchmal selbst nicht, wer spricht. Ich brauche deshalb die vielen Namen, weil ich in mir auch einige Stimmen habe.« Es hänge auch viel davon ab, wie er den Tag beginne. Er wache mit einem bestimmten Gefühl auf, setze sich »normalerweise sofort an den Schreibtisch« und da sprechen dann schon unterschiedliche Personen: » Ich bin nicht immer mit mir selbst so identisch, dass ich sagen könnte, das ist Jamal Tuschick oder das ist Kurt oder das ist Koller oder das ist Teichmann. Ich habe noch mehr.« Wenn man zum Beispiel » bestimmte Sachen nicht so über sich sagen« könne, »empfiehlt es sich in der dritten Person Einzahl zu schreiben«. Das kann ich gut nachvollziehen, ich mache es mit meinem Schreiben nicht anders, ich wechsle oft und gerne die Perspektiven, was freilich bisweilen für viele Leser anstrengend und auch irritierend sein dürfte.
Im Buch betont der Icherzähler an einer Stelle einmal »Beim Schreiben erreiche ich Zustände der Selbstvergessenheit, wie sonst nur im Schlaf.« (S. 122) und gefragt, ob ihm das so ähnlich gehe, sagt Jamal Tuschick knapp und bündig: »Ja. Das ist ja von mir.«
Und wenn es um die Weise des Beobachtens, um das Wahrnehmen geht, dürften jene Zeilen durchaus auch »von ihm« sein: »Störbar wie wilde Tiere sind manche Stimmungen in der Stadt. Sie hängen vom Wetter ab und von der Tageszeit. Sie haben Lieblingsplätze, auf denen sie Monarchien errichten. Reiche, die in Stunden zerfallen. Sie verdunsten sozusagen. In ihren fragilen Zuständen lassen sie sich entdecken wie Atolle oder seltsame Lebewesen wie Lemuren, die an Ästen hängend dösen. Glück hat man, wenn das Kanu der Aufmerksamkeit in solche Stimmungen unbemerkt hineintreibt. Mitten in der Stadt steht man dann in einem Regenwald aus Empfindungen.« (S. 146) Oder aber so: »Die Libido wandert in die Wahrnehmung aus. Die Stadt leckt an meinen Fingerspitzen. Sie ist kapriziös, zärtlich und so großzügig, dass man umsonst in den Büschen pennen kann. Ich erforsche sie wie einen Kontinent. Ihre Boulevards sind meine Landstraßen. In ihre Bars kehre ich ein wie in Motels. Manchmal schaut der Main nach mir und signiert meine Schuhe mit einem Griffel aus Schaum.« (S. 148) Und es ist schon sehr beachtenswert und auch aufklärend, die Vielfalt menschlicher Bewegungen und Regungen, seien sie innerlich oder äußerlich, in den Schilderungen Jamal Tuschicks zu erleben. Eine höchst interessante und aufschlußreiche, aber irgendwie auch wunderschöne Reise mit Kat, Ariane, Jana und all den anderen, auf die sich da der Leser in »Aufbrechende Paare« begeben kann.
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Udo Ulfkotte
Albtraum Zuwanderung: Lügen, Wortbruch, Volksverdummung
Es ist unbedingt notwendig, dass die in unserem Lande vorherrschenden "Political Correctness" einen Gegenpol erfährt: Man muß Personen, Dinge und Sachverhalte beim Namen nennen (dürfen), damit eine umfassende Information möglich ist / wird. Insofern sind die Sachschilderungen Ulfkottes unverzichtbar (so es denn nicht auch andere tun und vermögen).
Aber seine Arbeit und Intention (einmal unterstellt, er möchte wirklich nur aufklärerisch tätig sein und wirken!) wird großenteils durch ihn bzw. durch den Verlag selbst konterkariert: Es ist wirklich unmöglich, Quellen anzudeuten und Fußnoten aufzunehmen (und mehr geschieht in diesem Buch wirklich nicht!) und diesbezüglich auf das Internet zu verweisen. Ich möchte schon gerne DAUERHAFT nachprüfen können, was ein Autor welchen Couleurs und Vorverständnisses auch immer da so recherchiert hat, wie die Quellen zu bewerten sind, welche Nachlässigkeiten bzw. Unzulänglichkeiten ihm /ihr da gegebenenfalls unterlaufen sind etc.
Ein Buch, das als Sachbuch fungieren möchte, wird gänzlich wertlos (vielleicht irgendwann bis hin zur Unglaubwürdigkeit, Oberflächlichkeit und damit auch zur Unbrauchbarkeit!), sind die Quellen nicht auf eine zumutbare und angemessene Art und Weise überprüfbar. Und wer möchte beim Lesen schon immer erst den Computer einschalten oder gar permanent eingeschaltet lassen, um zu sehen, wie es um die Quellenangaben wirklich steht...
Man kann nur hoffen, daß diese Art der Publikationsweise nicht die zukünftige Art des Lesen-Müssens erzwingt. Da bleiben wir dann doch lieber bei dem, wie wir Darstellungs- und Zitierweise gewohnt sind und wie sie sich auch (in vielen Fällen schon seit Jahrhunderten) bewährt hat. Jedenfalls hätte ich mir das Buch nicht gekauft, hätte ich im Vorfeld gesehen, wie darin mit den Quellen umgegangen wird.
Dessen ungeachtet sind natürlich zahlreiche wichtige Informationen, die andere Stellen mehr oder weniger (wohl ganz bewußt) totgeschwiegen haben und die leider eben sonst wohl nicht an die Öffentlichkeit gekommen wären, in diesem Buch enthalten; nachgeprüft habe ich sie nolens volens übers Internet, aber dem Leser entgegenkommend wirkte dieser eklatante (Spar?-)Mangel eben nicht gerade ... Da sollten Verlag und Autor sich wieder eines Besseren besinnen!
Auch wenn dieses Buch weitab von einer Dissertation ist und entsprechend kein so strenger Vergleich angebracht sein sollte: man hätte obendrein aus den negativen Erscheinungsformen bezüglich Zitierverhaltens, das einige immer wieder kritisierte Vertreter und Darsteller unseres politischen Geschickes (jüngst) so pfleg(t)en und dies auch weiterhin so handhaben (nämlich: etwas in die Welt setzen, ohne es auch nur irgendwie zu belegen!), durchaus auch einige positive, sich von jenen inhalts- als auch stilarmen Ergüssen somit abgrenzend, beispielgebende Schlüsse für den "Durchschnittsleser" ziehen dürfen, ihm eben so zeigen, wie man Sachverhalte schlüssig und nachvollziehbar darbietet...
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Lotte Kühn
Supermuttis: Eine Abrechnung mit den überengagierten Müttern
Überflüssiges Buch
Unverzagt wendet sich Frau Kühn nach dem Rundumschlag gegen Schule und Lehrer nun gegen die von ihr (oder dem Verlag) so genannten "Supermuttis". Leider begegnet man in diesem Buch einem Sammelsurium von Klagen- und Jammerkollekten, eindimensionalen Beobachtungen (mit jeweils ebensolcher subjektiv determinierter Interpretation seitens Verfasserin)wie man es vom Lehrerhassbuch her schon kennt. Unklar bleibt vor allem auch das Bild dieser angeblichen "Supermuttis", wohl auch nicht verwunderbar, denn wie sollte man mit an Stammtischparolen orientierter Begrifflichkeit klare Abgrenzungen leisten können. So bleibt nicht einmal ein halbwegs nachvollziehbares Zerrbild jener Kollektivanschuldigung "Supermuttis", dafür jedoch der Verdacht, dass man aus Effekthascherei ökonomischen Nutzen zu ziehen versucht.
Ein wirklich überflüssiges Buch, das in die lange Reihe vieler gegenwärtiger (vorgeblich auch am Sozialen orientierter) Veröffentlichungen paßt, die ihren Druck lediglich Schlagwörtern à la BILD-Zeitung und/oder der Prominenz der sogenannten Autoren verdanken und mit ihren Titeln ein Hilfsangebot für Suchende suggerieren.
Frau Kühn aka Frau Unverzagt hätte besser daran getan, die wirklichen Schwierigkeiten für alle Beteiligten hinsichtlich Erziehung im Alltag aufzuzeigen. Damit hätte sie vielleicht einen sinnvollen Beitrag zur gesellschaftlich notwendigen Diskussion um Vor- und Nachteile von häuslicher sowie außerhäuslicher Erziehung, zur Problematik beispielsweise um Elterngeld (Erziehungsgeld) auch bei ausschließlich häuslicher Erziehung (wie von CDU und CSU m.E. fälschlicherweise gewollt) und zu einer staatlicher Angebotsbildung (um Freizeitgestaltung und Mahlzeiten in einem pädagoisch sinnvollen Rahmen bereichert) für alle zur Entlastung von Müttern und Vätern, zur Verantwortung und Verpflichtung im Erziehungsgeschehen, zu Möglichkeiten kompensatorischer Erziehung u.a.m., leisten können.
So aber, wie das Buch geschrieben ist, wird der Verdacht genährt, dass eigene, im Leben aufgesammelte Frustrationen und ökonomischer Spürsinn bei der Erstellung zumindest stark mit handlungsleitend waren. Den allermeisten Leserinnen und Lesern dürfte dieses Buch jedenfalls nichts Neues bieten, schon gar nicht bei der Suche nach Problemlösungen weiterhelfen.
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Melda Akbas
So wie ich will. Mein Leben zwischen Moschee und Minirock
Hervorragende Schilderung über einen schwierigen Weg zur Emanzipation für jemanden mit Migrationshintergrund
Eine (damals) Achtzehnjährige Deutsch-Türkin schildert ihre Gedanken und den Weg zu einem Leben weg von alten, von ihr als auch letztlich überkommen empfundenen Traditionen zu einem eigenständigen und eigenverantwortlichen Leben. Und das bringt sie dem Leser in einer gleichsam erfrischenden wie auch authentischen Sprache nahe. Ihr Aufbruch aus dem ursprünglich fest Eingebettetsein in traditionelle Denk- und Familienstrukturen hin zu einem eigenständigen Leben, wird gut nachvollziehbar und wirkt sehr glaubwürdig. Dabei zeigt sie realistisch auf, wie es auch in ihrer sehr großen Verwandtschaft ein paar mehr oder weniger stark ausgeprägte "schwarze Schafe" gibt, bei denen sie vor allem von einer sehr emanzipierten Tante immer wieder Verständnis, Zuflucht aber auch Kraft für weiteren Mut auf ihrem Weg weg von rigiden Strukturen erfährt.
Es ist schon bewundernwert, wie es ihr gelingt, trotz ihrer mit zunehmendem Alter voranschreitenden Eigenständigkeit ihren Eltern weiterhin Verständnis für deren Lebensbezüge entgegenzubringen, aber auch mit viel Geschick, manchmal auch mit (Not-)Lügen, ihren Weg behutsam verfolgt und behauptet. Sehr schön, wie es Frau Akbas gelingt, immer wieder einen tiefen Perspektivenwechsel vorzunehmen, um so der Lebensrealität aller Beteiligten in ihrem Für und Wider gerecht zu werden. Das ist nicht so zu verstehen, daß sie ihren Mantel in den sprichwörtlichen Wind hängt, ganz im Gegenteil: sie versucht eben einfach (auch andere und alles) zu verstehen, aus dem Gesamtkontext ihre eigenen Schlüsse zu ziehen und zunehmend für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Sehr früh schon engagiert sie sich auch politisch, dies beginnend mit Aktivitäten in ihrer Schule.
Natürlich gibt es immer wieder "Rückfälle", Situationen in denen sie die Verzweiflung plagt, in denen Desorientierung und Hilflosigkeit immer wieder kurz aufblitzen, aber sie stellt sich diesen Gefühlen, diesen Herausforderungen, und findet dann immer wieder in ihr eigentliches Ziel, ein möglichst autonomes Leben zu gestalten, zurück. Melda Akbas zeigt ein gutes Beispiel, wie Integration gelingen kann, wie man aus einer gänzlich anderen Gesellschaftsordnung beziehungsweise aus einem derartigen Verständnis kommend, dennoch sich neuen Gegebenheiten positiv öffnen und stellen kann, ohne dabei gleich alles einer zurückliegenden Enkulturation und Sozialisation über Bord werfen zu müssen.
Eine moderne, den (neuen) gesellschaftlichen Herausforderungen gewachsene Frau, die ihren Weg sicherlich machen wird. In diesem Buch wird auch die Problematik deutlich, die sich durch Kontakte in die Heimat ihrer Eltern, also in die Türkei, für "Wanderer zwischen zwei Welten" nur allzu häufig ergibt. Da gibt es bisweilen Irritationen (natürlich auf beiden Seiten) bis hin zu tiefem Unverständnis; Gedanken und Lehren, die Melda Akbas immer wieder zeigen, wohin sie wirklich gehört, in das Land ihrer Geburt, in ihre eigentliche Heimat. Schön auch, wie offen sie über ihre Gedanken zu und um Liebe zu "Jungs", über ihre diesbezüglichen Wünsche und Hoffnungen spricht. Ich kann das wirklich sehr gut gelungene Buch vollumfänglich nur empfehlen!
Ist das Buch nun ein positives Zeichen für sicheres Gelingen von Integration und Akzeptanz im Kontext von Migration? Ist es eine Art "Beweis" für Machbarkeit im Sinne der vielfach propagierten "Mulit-Kulti"-Euphorie? Mitnichten! Melda Akbas ist ein ganz besonderer Mensch, was Intelligenz, Willen, Mut und Bildungsbeflissenheit angeht. Und sie stellt sich ihrem eigenen Leben, sucht immer wieder die Wirklichkeit in ihrer gesamten sozialen Umgebung (läßt sich also nicht ein- und ausgrenzen!), bewegt sich sozusagen aktiv in einem dialektischen Prozeß, dabei sich stets darum bemühend, Handelnde (und nicht entweder Opfer oder nur Objekt zu bleiben, wie so viele andere es leider nur vermögen) zu sein und zu bleiben. All jene Menschen, die ähnlich oder gleich ambitioniert sind -- für jene, dürften Akbas Schilderungen "typisch" und mutmachend sein, auch als "Beweis" für hervorragend gelingende Integration gelten, für alle andersartig Disponierten jedoch wird so ein Lebensweg bestenfalls ein schöner Traum bleiben ...
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Anja Baumheier
Kranichland
erschienen bei: Wunderlich / Rowohlt, Reinbek 2018
Überwiegend ein schlechtes Buch!
In Anja Baumheiers Roman “Kranichland” wurde so ziemlich alles hinein gepackt, was im Kontext von DDR, ihrem Niedergang, der “Wende” und auch als Sammelsurium sozialer Irrungen und Wirrungen denkbar ist.
Unbestritten und durch vielerlei Recherchen leicht nachzuprüfen sind die auf viele Einzelfälle bezogenen inhumanen und krankmachenden Auswirkungen eines unmenschlichen Systems: aber um dies zu erfahren beziehungsweise zu wissen, bedarf es wirklich nicht der in diesem Roman schon zwanghaft anmutenden Verknüpfungen all dessen, was dort in der DDR tatsächlich einmal möglich war und in zahlreichen Einzelfällen Schicksal gespielt hat.
Die Rezeptur eines derartigen Romans scheint einfach: man nehme alle Varianten von Bespitzelung und Intrigen, politische Verstrickungen sowie Machtinterdependenzen auf der einen als auch Ohnmacht auf der anderen Seite, dazu eine gehörige Portion mehr oder weniger unausgegorener Psychologie, zeige daß man sich in allen Bandbreiten sozialer Erscheinungsformen und Ausdrucksformen auszukennen scheint, schaffe dabei so viele Verwicklungen wie nur irgendwie möglich und rühre das zu einem Erzählbrei, der dann noch in einem sehr rudimentärem und dadurch besonders langweilenden Sprachstil in einer Art von Geschichte breit getreten wird.
Allzu viele Personen erscheinen eher unstimmig als auch nur halbwegs authentisch, gar zu viele Dialoge wirken schlicht nur krampfhaft aufgesetzt, vielfach schlechte, weil unpassende, Sprachbilder umrahmen häufig die jeweiligen Geschehnisse. Kurz: eine plumpe, weitgehend gekünstelte Sprachebene herrscht im Roman vor; Unnatürlichkeit in Ausdruck und in der Verhaltensdarstellung vieler der beteiligten Personen begleiten einen leider immer wieder durch den ganzen Roman.
Je nach Geschmack mag man die vorherrschende zeitlichen Überlappungen sowie der beständige Wechsel in verschiedene Zeitabschnitte (Vergangenheit und Gegenwart jeweils in vielfältige Dimensionen zergliedert) als auch die immer wieder vorgenommenen Perspektivenwechsel als gut empfinden oder ablehnen; jedenfalls wirken sie eher etwas unstrukturiert (wären da nicht wenigstens die jene jeweiligen Abläufe “ordnenden” Kapitelüberschriften) als daß sie einem flüssigen und gekonnten Erzählstil zuzurechnen wären.
Und was den Titel des Romans angeht: es ist überhaupt nicht gelungen, die tiefen Empfindungen, welche Kraniche bei vielen Menschen auslösen und dies auch bei einer der Hauptprotagonistinnen des Buches, Elisabeth, nach Meinung der Autorin offensichtlich bewirken, dem Leser nahe zu bringen. Dazu wirken die beiden Schilderungen des Erlebens von Kranichflügen (Seite 41, Seite 169) einfach zu abgedroschen und banal, eigentlich nebensächlich. Vergebens wird man im Buch die Auswirkungen wie den “anmutige(n) Anblick der Vögel”, die ihr das “Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit” geben, suchen. Das alles wirkt eher so, daß eben auch noch Kraniche im Roman zu erscheinen hatten. Als Aufmerksamkeitsobjekt (eyecatcher) für Marketing gar?
Vollends kitschig, sowohl inhaltlich als auch sprachlich, gerät der Roman dann aber in den letzten Zeilen. Seichtester Mainstream wie es schlimmer und peinlicher wohl kaum noch geht.
Der Hauptgewinn einer Lektüre des Buches dürfte aus meiner Sicht wohl sein: zu sehen, wie man besser nicht schreiben sollte, was man besser bleiben lassen sollte ... (Letztlich: schade um das Geld und vor allem für die aufgewandte Zeit.) Aber auch hier gilt wie meistens: wem’s gefällt und gut tut ...
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Dr. med. Christian Peter Dogs / Nina Poelchau
Gefühle sind keine Krankheit. Warum wir sie brauchen und wie sie uns zufrieden machen.
erschienen bei: Ullstein , Berlin 2017
auf jeden Fall: interessant ...
Aufmerksam wurde ich auf Dr. Dogs in einer TV-Talkshow, in der er als Experte (Psychologie) eingeladen war. Sein dort relativ sicher (bisweilen auch selbstherrlich) wirkendes Auftreten, sein unorthodoxes Verhalten und kritisches Umgehen mit psychologischen Fragestellungen sowie eine sehr direkt wirkende, forsche Art machten mich neugierig und veranlaßten mich zum Buchkauf. Das Buch selbst ist gut und leicht zu lesen, in einem auch unterhaltsamen Schreibstil abgefaßt (insofern sicherlich, allerdings auch vom Inhalt her, nicht als reines Sachbuch zu sehen). Koautorin Nina Poelchau ist eine Journalistin, Reporterin beim "Stern" im Ressort Wissen mit dem Schwerpunkt Psychologie, zudem ausgebildet als Gesprächs- und Paartherapeutin. Wer beim Schreiben des Buches welchen Anteil hat, läßt sich allerdings bestenfalls erahnen, eindeutige Hinweise dazu fehlen.
Dr. Dogs beschreibt sich selbst als jemanden, den u.a. eine "direkte, provozierende Art" (S. 160) kennzeichnet, was auch zahlreiche Ausführungen im Buch zu bestätigen scheinen. Er scheint tatsächlich kein Blatt vor den Mund zu nehmen. So verweist er auf eine Hausarbeit während seines Studiums der Medizin, in der schrieb, "dass wir 'kontaktgestörte Intelligenzler' als Ärzte haben" (S.162); auch eine Stellenanzeige, die er seinerzeit als Chefarzt der Psychosomatischen Klinik in Scheidegg im Ärzteblatt aufgeben wollte, zeigt, daß sein Duktus im Kollegenkreis (und wohl auch anderswo) nicht immer auf Wohlgefallen stößt bzw. gestoßen ist. Die Veröffentlichung der Anzeige wurde vom Ärzteblatt abgelehnt. Sie lautete: "Wir suchen keine Frauenversteher, Warmduscher, Weicheier, sondern humorvolle und kompetente Therapeuten, die bereit sind, sich mit Menschen und deren Art zu leben intensiv auseinanderzusetzen und dabei ihren Hintern aus dem Sessel zu bewegen." (S. 162f.) Der laut Dr. Dogs weitgehend vorherrschenden Therapiepraxis stellt er in kritischem Impetus ein anderers Konzept entgegegen: dieses beruht vor allem auf einer viel kürzeren Verweildauer der Patienten in Kliniken und einer freien Therapeutenwahl. Besonders wichtig ist ihm auch die Begleitung aller Maßnahmen durch Qualitätssicherung. Zudem sieht er die Psychoanalyse als Therapieform sehr kritisch, bemängelt, daß sie "in vielen Fällen (...) unwirksam, manchmal sogar schädigend" (S. 143) sei und er "sie als Kassenleistung streichen und das Geld lieber für Angebote ausgeben, die den Menschen stärken, also für mehr Psychotherapien mit wirklich zugeandten Fachleuten" (S. 146) würde. Wie Dr. Dogs so manche seiner Kollegen hinsichtlich Persönlichkeitsstrukturen (damit wohl bezüglich Kompetenz) einstuft, wird vielleicht auch deutlich durch seinen Blick auf die alljährlichen Lindauer Therapietage, "wenn die hochrangigen Psychotherapeuten, fortgebildet bis zum Gehtnichtmehr, mit von Problemen zerfurchten Gesichtern durch die Straßen ziehen und anderen Menschen nicht in die Augen schauen können" (S. 158). Hier konstatiert er ergänzend: "So viele Ängste und Hemmungen!" (ebd.) und zieht (nicht nur) daraus den im Buch immer wieder aufgegriffenen, wohl nicht ganz unberechtigten Schluß, so manche in seiner Zunft haben nicht den richtigen Beruf gewählt. Wie er überhaupt auch immer wieder die Mängel im System aus seiner Sicht verdeutlicht und Veränderung fordert. Er leistet sicherlich -- durchaus auf anregende Art -- ein großes Stück an Systemkritik; das mag nicht vielen gefallen, das mögen einige auch als nicht sachgerecht werten -- für eine diskursive Auseinandersetzung böte sich jedoch hier durchaus eine fruchtbringende Basis. Gewiß stellt Dr. Dogs viel Traditionelles in Frage, Sympathien bringt diese Vorgehensweise bekanntlich nicht immer ein ...
Was Dr. Dogs von den meisten Personen, die Bücher über Psychologie und entsprechend affine Bereiche schreiben, abhebt, ist eine sehr ausführliche und akzentuierte Darstellung seiner eigenen Biographie. Und dazu bedarf es vor dem Hintergrund dessen, was er durchzumachen hatte, sicherlich eines großen Mutes Diese Verfahrensweise erweckt jedoch zumindest den Eindruck: man weiß, mit wem man es zu tun hat, was seine Voraussetzungen für genommene Entwicklungslinien waren und sind. (Setzt man dies in einen weiteren, auch übergeordneteren Kontext, kann man durchaus sagen, er erleichtert es dem Leser, sein Denken und Wirken auch ideologiekritisch zu durchleuchten.) Er schildert seine Kindheit (vgl. S.59 ff.) als dermaßen schlecht und inhuman, daß man sich -- zumindest bei alltagsverständlicher Betrachtung -- wundern muß, wie Dr. Dogs überhaupt jemals im Leben richtig Fuß fassen und dabei auch noch recht erfolgreich werden konnte. Schläge, Mißachtung, Erniedrigung -- so schildert er selbst seine Kindheit und Jugend. Auch ein Blick auf seltsame Erziehungsmethoden im weiteren Umfeld (so z.B. in einem Internat) deuten allerschlimste Zustände an. Jedenfalls alles andere als günstige Voraussetzungen für eine gesunde Entwicklung, für ein späteres Leben in Mündigkeit und Eigenverantwortung.
Seine Stationen dabei umfassen fast alles, was man sich so an kontraproduktiven Einflüssen ausdenken kann: ungewolltes sowie ungeliebtes Kind, Diskriminierung (durch den Vater vor allem), kein harmonisches Eheleben seiner Eltern, Suchterkrankungen im nahen Umfeld, häufige Umzüge (damit auch immer wieder Verlust von Bindungen), Aufenthalt in einem üblen Heim ... Er selbst schreibt darüber: "Ich wurde in meiner Kindheit komplex traumatisiert; (...) In den ersten zehn Jahren meines Lebens (...) war ich dem brutalen Handeln meines Vaters und zunehmend einer ständig betrunkenen Mutter ausgesetzt. (...) Die Foltermethoden meines Vaters waren perfide und zahlreich." (S. 62f.) Seinen Eltern weist er einen "desorganisierten Bindungsstil" zu, der nach Dr. Dogs u.a. durch die ständige Unberechenbarkeit der Bezugspersonen sowie durch deren Ausagieren mit doppelten Botschaften (z.B. Diskrepanz zwischen Verbalisierungen einerseits und dem tatsächlichen Agieren auf Handlungsebenen andererseits) gekennzeichnet ist. Vom Elternhaus hat er sich dann irgendwann befreit, gleichwohl mit einer späteren Unterbrechung, die wohl dem Prinzip Hoffnung geschuldet war (der Vater bot ihm die Übernahme seiner zwei Kliniken an, enttäuschte den Sohn jedoch dann erneut, was nun zum endgültigen Bruch führte).
Wie wir dem Buch jedoch unschwer entnehmen können: Trotz aller Widrigkeiten konnte Dr. Dogs eine von ihm zumindest als sehr erfolgreich betrachteten Werdegang verfolgen. Allerdings auch einen mit einigen Umwegen: Nach zahlreichen Irrungen und Wirrungen machte Dr. Dogs dann doch das Abitur, arbeitete als Müllmann (Ferienarbeit), Ausbildung zum Masseur und Bademeister, Arbeit mehrere Jahre als Animateur und Tennislehrer, Studium der Medizin, zur Erlangung der Facharztqualifikationen (Psychiatrie, Psychotherapie) Tätigkeit in verschiedenen psychiatrischen, psychosomatischen Kliniken sowie in einer neurologischen Klinik, diverse Leitungsfunktionen in Kliniken bis hin zu seiner neuesten Aufgabe: Ärztlicher Direktor der Psychosomatik in der Max Grundig Klinik auf der Bühler Höhe in Baden-Baden.
Wer den Buchtitel als Kaufargument gewählt hat, der dürfte vielleicht ein wenig enttäuscht sein. "Gefühle" werden zwar angesprochen, manchen vielleicht aber nicht umfangreich und umfassend genug. Auch ist der Abschnitt über "sinnvolle Therapiemethoden" recht kursiv gehalten; daß so mancher Kenner der Materie ihn obendrein als unvollständig sehen wird, liegt in der Natur der Sache: es wurde eben ausgewählt, was von den Autoren für "sinnvoll" erachtet wird. Auch wird der Abschnitt, was man denn selbst zum eigenen Wohlergehen tun könne, diejenigen enttäuschen, welche sich umfangreiche Problemlösungsrezepte erwarten. Aber das muß, das kann, so ein Buch meines Erachtens auch nicht leisten; zahlreiche Ratgeber für Lebenslagen aller Art zeigen bekanntlich immer wieder, wie hochtrabend die Ansprüche gesetzt sind, wie dann aber -- oft trotz voluminöser Fülle -- man sich in inhaltsleerer Selbstgefälligkeit und redundanter Geschwätzigkeit ergeht. Insofern erscheint mir das Buch von Dogs und Poelchau dann doch ehrlicher, weil realistischer.
Entscheidend für das eigene Wohlergehen ist es eben, das für einen Richtige, Passende, Entspannende, Fordernde zu finden, um das eigene Leben dann zumindest in relativer Autonomie und in wenigstens einigermaßen halbwegs gesunden Sozialbezügen gestalten zu können. Hierzu gehört auch, an der richtigen Stelle Nein! sagen zu können, hierzu gehört auch das, was modernistisch als "Entschleunigung" genannt wird. Ich nenne das aus gutem Grund lieber: Verlangsamung. Dies dann in der Verbindung zu dem "Wie vieles ist, das ich nicht brauche!" (Sokrates), auch in erweiterter Fassung gebräuchlich (und für die jeweilige Person hoffentlich im Sinne von guter Bescheidenheit umsetzbar ...) als: "Es gibt so viel Schönes, das ich nicht brauche!", dieses Ideal (zumindest annäherend) umgesetzt -- und schon könnte das Leben (wieder) etwas angenehmer, vielleicht auch leichter fallen und gelingen. Und in diese Richtung bietet Dr. Dogs Buch immer wieder zahlreiche Hinweise, man muß sie nur finden und lesen wollen und für sich richtig einordnen (und praktikabel machen) können ...
Ein abschließender Gedanke nochmals zum Autor. Er schreibt ja, er predige seit Jahren seinen Patienten,"dass ein jeder auf seine innere Balance achten sollte." (S. 229) Über sich selbst stellt er gleichzeitig fest, daß er dieses nicht so umgesetzt hat, daß er ein Leben lang immer wieder über seine Grenzen gegangen sei, auch daß er durch seinen "immerhin gutartigen Narzissmus meine Ehe vor die Wand gefahren und die Kindheit meiner Tochter nicht erlebt" habe. Dies, obwohl er in seinem dienstlichen Tun die Wichtigkeit der "Ressource Familie" immer wieder anderen gegenüber betont habe. Deshalb habe er auch die Klinikleitung in Scheidegg 2016 abgegeben; er wollte einfach das für sich nun umsetzen, was er all die Jahre verkündet hatte, sich nun "also zurückziehen und ganz meiner Privatpraxis und einem Haus widmen, das ich zusammen mit meiner Freundin im Bregenzer Wald renoviere." (S. 229) Aber ein halbes Jahr später bereits "ließ ich mich wieder locken" und er nahm die o.g. Stelle als Ärztlicher Direktor in Baden-Baden an. Laut seinen Worten handelt es sich da um eine Art Traum, den er bereits als Fünfzehnjähriger gehabt habe: "Am Ende meiner beruflichen Laufbahn wurde mir eine Position angeboten, die ich damals für völlig unerreichbar hielt." (S. 230)
Für mich schon etwas auffällig, daß jemand, der eine Klinikleitung deshalb abgibt, um endlich die "innere Balance" zu leben so schnell wieder rückfällig wird! Kann es da etwa sein, daß er trotz -- aller Gegenbeteuerung im Buch -- sich doch immer noch nicht von der Vaterfigur gelöst hat, er immer noch glaubt, etwas "beweisen" zu müssen? Vielleicht war es ja auch gerade diese Triebfeder, die ihn -- trotz aller Schicksalshaftigkeit -- so ambitioniert werden ließ?! Eine Überlegung, die sich mir hier doch stark aufdrängt! Ein weiterer Aspekt, der sich mir aufdrängte: es dürfte auch der Grat zwischen des von ihm auf seine Person bezogenen sowie im Buch definierten gutartigen Narzissmus als Grundlage seines Denkens, Verhaltens als auch Handelns und -- als Gegensatz dann wohl -- eines bösartigen ziemlich schmal und nicht immer leicht eindeutig diagnostizierbar sein ...
Diese letzten beiden Gedanken ändern aber bestimmt nichts daran: Dr. Dogs ist sicherlich eine sehr interessante Persönlichkeit, unbestritten auch in vielen Bereichen erfolgreich; eine Auseinandersetzung mit ihm und seinen Gedanken erscheint mir als lohnend; das Buch ist zweifelsohne sehr lesenswert sowie bereichernd, in vielerlei Hinsicht aufschlußreich. Eine Empfehlung!
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Gerhard Creutz
Der Weiss-Storch
Gerhard Creutz hat eine umfassende, sehr detaillierte Arbeit über den Weißstorch geleistet. Auch wenn das Buch nun schon etwas älter ist, dürfte es immer noch in der Gesamtschau aktuelleren Veröffentlichungen überlegen sein. Gewiss, es liegen längst auch aktualisierte Daten über das Verhalten von Störchen vor, besonders hinsichtlich des Auftretens von Weißstörchen in den unterschiedlichen Gegenden und über ihr Flugverhalten sowie über Formen der Nahrungsbeschaffung. Aber die Gefährdung des Weißstorches und vor allem all die dafür verantwortlichen Einflüsse hat Creutz damals schon deutlich aufgelistet und erläutert; sie sind leider aktueller denn je! Auch ist der Storch in seiner Rolle als Kulturfolger gut nachvollziehbar dargestellt.
Natürlich hätte so mancher Leser vielleicht auch gerne Information über die gegenwärtig herrschende Diskussion hinsichtlich Umgang mit Störchen, z.B. was Unterstützung und Hilfeleistungen in Notfällen bzw. deren Unterlassung angeht, also über Möglichkeiten und Grenzen. Es gibt bekanntlich die puristische Position (die gegenwärtig wohl auch die Meinungsführerschaft hat), wonach der Storch ausschließlich als Wildtier zu sehen sei, es also primär um den Artenschutz (der Population) von Störchen gehe, nicht jedoch um das einzelne individuelle Tier. Eingriffe bei Notlagen, z.B. wenn Küken wegen Staunässe im Horst oder wegen Ausfall eines Adultstorches als Nahrungsbringer zu verenden drohen, werden von jener Position grundsätzlich abgelehnt. Jener Haltung hat Creutz jedoch schon damals widersprochen, denn er fordert all den Gefährdungen von Störchen wirksam entgegen zu wirken. Hierzu zählt er das Bemühen, die Storchenfreundlichkeit von uns Menschen "zu erhalten und zu vertiefen, dem Storch unsere Hilfe zu bieten, wo immer es nur möglich ist". Und diese Grenzen werden heutzutage teilweise gerade von administrativer sowie rein auf Forschung ausgerichteter Seite sehr eng gezogen. Wenn es also ein Werk geben sollte, das dem Buch von Gerhard Creutz an Information über den Storch, die über reines Datenmaterial hinausgeht, an Aktualität überlegen sein möchte, dann müssten dort die ideologisch unterschiedlichen Positionen in der Storchendiskussion explizit aufgezeigt werden, zudem sollte es die Schwierigkeiten und Abhängigkeiten, in die beispielsweise ehrenamtliche Storchenbetreuer nicht selten geraten können, darstellen, auch wäre der Wildtierbegriff in Beziehung zu einer durch den Menschen rasant veränderten Umwelt neu zu definieren und entsprechend zu erläutern. Solange jedoch eine derartige Veröffentlichung als tatsächliche Fortschreibung von Entwicklungen, sowohl was den quantitativen Aspekt als auch was den qualitativen Hintergrund einer Betrachtung des Storchenlebens angeht, nicht in Sicht ist, bleibt das Werk "Weissstorch" von Creutz für jeden an Störchen und am profunder Kenntnis über sie Interessierten die allererste Wahl!
Eine Anmerkung noch, die schon ein anderer Rezensent erwähnt hat: wer Fotos von Störchen gerne sehen möchte, muss sich anderweitig umsehen. Aber als Bildband ist das Buch bekanntlich nicht konzipiert
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Jean-Christophe Grangé
Der Flug der Störche
(Original: Le vol de cigognes)
Bastei Lübbe TB, 13.Aufl. März 2014
... als Thriller beworben und so auch zu werten: lesbar wem so etwas gefällt ...
Recht gut ausgedacht, durchaus spannend (bei entsprechendem Naturell!), sprachlich überwiegend Mittelmaß, auch mit einigen sachlichen Fehlern behaftet ...
Vorab: Mit Thrillern o.ä. kann ich in aller Regel sehr wenig anfangen. Da hier jedoch Störche für den Plot handlungsleitend sein sollen, habe ich mich der Lektüre des Buches dennoch unterzogen. Das Buch wurde auch verfilmt und hier zeigte sich einmal mehr, wie schwierig es ist, Bücher generell angemessen zu verfilmen. Mein Fazit: Das Buch (auch wenn es sicherlich nicht zu meinen Lieblingslektüren gehören dürfte!) ist weitaus besser als die Verfilmung. Ehrlicherweise muß man da jedoch einräumen, daß es unmöglich ist, eine derartige Vielfalt, wie in Der Flug der Störche angeboten, auch nur annäherend in einem wenn auch überlangen Film unterzubringen.
(Überhaupt meine ich, daß man höchst selten einen Film finden dürfte, der sich mit der Buchvorlage adäquat messen lassen kann. Eine mir bekannte Ausnahme ist hier die Verfilmung von Alexis Zorbas, dem Meisterwerk von Nikos Kazantzakis.)
Ob einem die Sprache, die jeweils sprachliche Umsetzung von Geschehnissen, eines Autors gefällt, ist zugegebenermaßen häufig Geschmackssache, sicherlich vielfach allerdings auch sachlich bewertbar. Leider unterläuft dem Autor auch hier bisweilen das, was er mit Bezug auf ein (fiktives) Buch, das einer seiner Protagonisten gerade liest, kritisch anmerkt: "Im Fugzeug schlug ich das Buch auf, das Christine mir mitgegeben hatte: Wege der Hoffnung hieß es; Pierre Doisneau erzählte darin seine Lebensgeschichte. Ein Sechshundert-Seiten-Schinken, den ich diagonal überflog. Das Buch triefte von erhabenen Gefühlen, und der Verfasser befleißigte sich ohne jeden Skrupel eines blütenreichen, poetischen Stils, der seinem Thema kaum angemessen war. So las ich Ergüsse wie diesen: >... Bleich waren die Gesichter der Kranken, und ein sanftes, trauriges Leuchten ging von ihnen aus, ein Schimmer in der bitteren und melancholischen Farbe des Schwefels. An jenem Morgen begriff ich, daß diese Kinder alle Blumen waren, kranke Blumen, die zu bewahren und dem Leben zurückzugeben mir oblag ...< " (S. 233f.) Grangé läßt seinen Protagonisten Louis noch einige weitere ausgewählte seltsame Sprachbilder und gewiß auch Schwulstigkeiten jenes Buches zitieren , die ihm offensichtlich nicht gefallen konnten, so daß abschließend folgendes Urteil fällt: "Ein schrecklicher, zwiespältiger Stil. Obwohl mir dieses Sprache, diese Ausdrucksweise tief zuwider waren, ging dennoch eine merkwürdige Faszination davon aus. Doisneau verwandelte das Elend von Kalkutta in Bilder von düsterer Schönheit -- ein Vorgehen, das ich als unanständig empfand." (S.234) Aber genau diese Kritik läßt sich zumindest auf nicht wenige Sätze und Passagen in Der Flug der Störche auch anwenden! Gleichwohl: Wer einen Thriller gerne liest, die für dieses Genre eher typische Sprachgestaltung gewohnt ist, dürfte daran wohl keinen oder kaum Anstoß nehmen.
Es geht um Diamentenschmuggel größeren Ausmaßes. Als Kuriere werden im Roman Störche mißbraucht, indem man ihre Zugwege für kriminelle Machenschaften funktionalisiert. Aber auch hier findet man bisweilen sachliche Fehler, über die freilich ein Thriller-Fan durchaus großzügig hinwegsehen dürfte, um seinen Lesegenuß nicht zu beeinträchtigen. In Teilen widerspricht das geschilderte Verhalten der Störche deren tatsächlichem Verhalten als Wildtier. Einer derjenigen, die besonders intensiv in den Diamentenschmuggel involviert war, hatte sich als Ornithologe betätigt oder auch nur als einer ausgegeben, um seine verbrecherischen Ziele zu verfolgen. "Max Böhm hatte also Diamanten geschmuggelt und die Störche waren seine Kuriere." (S.199), wie Louis Antioch nach einigen durchaus interessanten und Spannung erzeugenden Umwegen und Nachforschungen herausfindet. Und jener Max hatte "die Wanderung der Störche, die eine ideale Flugverbindung nach Europa darstellte, genau beobachtet und studiert." (S. 199) Max Böhm kam also laut Autor auf die Idee, den Akt der Beringung der Jungstörche, sowie die Ringe an den Beinen der Adultstörche selbst, zum Schmuggeln der Diamenten nach Europa zu nutzen: "Also ging er auf die Jagd, angeblich um die Jungstörche zu beringen, in Wahrheit betäubte er die erwachsenen Tiere und nahm die Diamanten an sich. (S..199) Es wirkt widersprüchlich, wenn dann sogar die Rede von entsprechend für den Kurierdienst "die kräftigsten und erfahrensten Vögel für die Aufgabe herangezogenen" Störchen ist. Diamantentragende Störche wurden dann auch wieder einfach in ihren Sumpfgebieten erschossen, um an die Diamanten (versteckt in den Ringen) zu gelangen.
So heißt es auch über einen (Ido, einen jungen Ornithologe), der dieses System durchschaut hatte und sich mit diesem Wissen selbst bereichern wollte (für jenen endete sein Unterfangen jedoch mit dem Tod, er wurde ermordet!), die Störche wurden erschossen, um den wahren Hintergrund (die Vögel als Transportmittel für Diamentenschmuggel) zu vertuschen, um also reine Schießwütigkeit oder ähnlichen Wildfrevel vorzutäuschen: "Die Ornithologie war eine perfekte Tarnung. (...) Er hatte das System durchschaut und von Reichtümern geträumt; er hatte sich Gewehre zugelegt, allabendlich in den Sümpfen die beringten Störche erschossen und ihre Fracht an sich genommen; er hatte sie erschießen müssen, um höhere Gewalt vorzutäuschen, irgendeine Katastrophe, der die Störche zum Opfer gefallen seien -- anderenfalls hätte er die Schmuggler allzu leicht auf seine Spur gebracht; aber es hatte ihm nichts genützt." (S.200f.)
Gut, wer ausschließlich einfache Unterhaltung schätzt, dürfte sich an kleineren oder größeren Widersprüchlichkeiten kaum stören und sich schlicht und einfach vom jeweiligen Plot berieseln lassen. Da muß jede(r) selbst wissen, wie man sich zu positionieren hat. (Besser als die vielen seichten TV-Darbietungen ist das Buch allemal!) Stimmigkeit dürfte in solchen Fällen jedoch zumeist kaum als wesentliches Kriterium gelten!
Kerngedanke, was den Mißbrauch der Störche angeht, ist die ornithologisch begründete und entsprechend durchgeführte Beringung mit der individuellen Kennzeichnung für das Wiedererkennen der jeweiligen Transportstörche zu nutzen. Daß jedoch bereits durch den zweiten angebrachten Ring, der ausschließlich Diamanten / den Diamant Klarheit über die Funktion eines Storches gegeben hätte, eine eindeutige Identifizierung ermöglicht hätte, fiel offensichtlich dem Diktat, weitere Spannung erzeugen zu müssen zum Opfer. Meine diesbezügliche Kritik etwas relativierend ist jedoch zu sagen, daß im Roman über die Kennzeichnung die Zugwege, also auch die höchstwahrscheinlichen Ankunftzeiten an den jeweiligen Orten, damit das Entnehmen des Transportgutes, angesprochen werden.
Völliger Unsinn ist es, wenn Beringungsaktionen von Jungstörchen angedeutet werden, in deren Rahmen dann die Altstörche betäubt werden, um ihre Kurierdienste für (in den Minen gestohlene) Diamanten zur Entnahme bzw. Bestückung im Ring umzusetzen. (So zumindest läßt sich andeutungsweise dieses "Also ging er auf die Jagd, angeblich um die Jungstörche zu beringen, in Wahrheit aber betäubte er die erwachsenen Tiere und nahm die Diamanten an sich." lesen. Vgl. S.199) Es ist zweifelsfrei bekannt, daß Altstörche bei Annäherungen an den Horst selbst bei Anwesenheit von Jungen das Nest verlassen und das weitere Geschehen aus sicherer Entfernung beobachten! Sie warten gewiß nicht im Nest, bis jemand sich annähert, um sich betäuben zu lassen ... Andererseits verfallen die Jungstörche bis zum Alter von ca. 6 Wochen in Akinese, d.h. sie stellen sich im Nest tot. Sind sie jedoch älter, würden sie bei Annäherungen höchstwahrscheinlich auch aus dem Nest zu fliehen versuchen, dabei dann, weil ihre Flugfähigkeit noch nicht ausgebildet ist, abstürzen und sich in aller Regel dabei tödlich verletzen. Weshalb diese Einlassung meinerseits? Weil ein echter Storchenexperte sich hier einfach anders als im Roman Max Böhm zugeschrieben verhalten würde!
In Der Flug der Störche findet der Leser also allerlei: Intrige, Tod, Mord, Gewalt, Sex, Geldgier, sicherlich auch hinreichend Spannung (obgleich der Lauf der Dinge einem aufmerksamen Leser eigentlich sehr schnell klar werden sollte ...), aber auch ziemlich detaillierte Darstellungen von mafiösen Machenschaften, Machtstrukturen sowie Einblicke in Kultur und Politik (vor allem was einen Teil Afrikas angeht, so z.B. auch die Wirkungsperiode des unsäglichen Bokassa betrifft!), dies freilich aus dem Blickwinkel des Autors, was interessierte Leser eher dazu führen sollte, sich durch anderes Quellenmaterial ein umfangreicheres (und dann vielleicht auch zutreffenderes) Bild über fremde Gesellschaftsphänome machen zu können. Daß der Tod Max Böhms dann noch zu einer weiteren sensationellen Entdeckung führt, nämlich daß er eine nirgends dokumentierte Herzimplantation erhalten hatte, läßt die Geschichte natürlich noch zwiespältiger, damit aber auch noch umfangreicher werden. Zur diesbezüglichen Spannung soll dann wohl auch die Tatsache beitragen, daß bei einem Ermordeten (natürlich hatte der auch mit Störchen zu tun ...), den man schon in einem sehr verwesten und von Tieren angefressenen Zustand gefunden hatte, das Herz fehlte. Begleitet wird dieses wohl als Parallelereignis zu beschreibende Szenario mit ausführlichen Überlegungen zu medizinischen Sachverhalten.
Wer das Buch als Unterhaltungslektüre lesen kann, wer also sich einfach auf diese Art unterhalten lassen möchte oder es kann, ohne groß mitdenken oder gar überdenken zu wollen, für den mag das Buch vielleicht interessant, sicherlich auch spannend sein. Gleichsam so als Entspannungslektüre nach einem anstrengendem Arbeitstag. (Wie weiter oben schon eingeflochten: Besser als die meisten der seichten Fernsehunterhaltungen ist das Budh sicherlich!)
Wer jedoch gehobener Literatur sich verpflichtet fühlt, wer in der Literatur auch geistige Anstrengung und Auseinandersetzung wertschätzt, für den dürfte das Buch dann doch eher langweilig oder gar Zeitverschwendung sein. Und: Die Störche sind in diesem Buch -- trotz des vielleicht irreführenden Titels -- allenfalls schmückendes, den eigentlichen Handlungsfaden allenfalls (auf dürftiger sachlicher Grundlage!) etwas stützendes Beiwerk.
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Der Weißstorch: Ciconia ciconia
(Die Neue Brehm-Bücherei Bd. 682, VerlagsKGWOLF, Magdeburg, 2017)
von Christoph Dr. Kaatz und Dieter Prof. Dr. Wallschläger
Taschenbuch
EUR 59,95
Das Buch “Der Weißstorch: Ciconia ciconia (Die Neue Brehm-Bücherei), erschienen bei der VerlagsKGWolf, Magdeburg 2017), ist ein sehr umfangreich geratenes Werk (672 Seiten) und von Verlagsseite auch sehr sorgfältig ausgestattet. (So mancher mag sich da statt einem Taschenbuch eine Hardcoverausgabe wünschen, aber die hätte den ohnehin stolzen Preis in Höhe von 59,95 Euro bestimmt weit überboten ...) Immer wieder werden die Inhalte mit ausführlichem und zielführend ausgewähltem Bildmaterial erläutert und illustriert, was zusätzlich dem besseren Verstehen dient.
Dieses wird auch durch die umfangreiche, übersichtliche Gliederung unterstützt; bei weiterem Lesen stellt man sehr schnell fest, sie ist stets zielführend, verschafft somit wirklich einen hervorragenden Überblick. Ferner schließt sich an die Gliederung nach einem Vorwort von Prof. Dr. Michael Succow (besonders bekannt als “Moor-Ökologe” und durch sein intensives Engagement für Naturschutzt) und einer daran sich anschließenden kurzen Einleitung der Herausgeber ein hilfreiches Glossar mit Fachbegriffen und Erläuterung von Abkürzungen an, was besonders interessierten Laien den Zugang zum Verständnis des Inhalts erleichtern dürfte. Das Werk weist ebenfalls ein umfangreiches Stichwortregister und ausführliches Literaturverzeichnis auf.
Die in den verschiedenen Texten recht konsequent verwendeten Quellenangaben ermöglichen es dem Leser – entsprechenden persönlichen Aufwand vorausgesetzt –, die Aussagen hinsichtlich Richtigkeit und Vollständigkeit auch selbst überprüfen zu können. So gesehen ist der Anspruch, mit dem Buch eine an wissenschaftlicher Erkenntnis orientierte Monographie vorgelegt zu haben, weitgehend durchaus auch gerechtfertigt.
Es fällt positiv auf, daß die meisten Autoren zu einigen (m.E. längst überholten, jedoch lange hartnäckig propagierten) Positionen zumindest etwas auf Distanz gegangen sind. So ist die bis vor nicht allzu langer Zeit kategorisch verkündete Absage an jeglichen Nesteingriff (so ein durchaus namhafter bayerischer “Storchenvater” – übrigens ein manchmal sicherlich allzu vorschnell vergebenes oder selbst beanspruchtes Attribut! –, der meint(e), der Storch baue sein Nest schon seit Jahrtausenden und wisse schon selbst, wie damit umzugehen ist, u.s.w., und dabei gleichzeitig anderen Ansichten mit Dogmatismus und Intoleranz begegnete), wohl nun doch (endgültig?) auf dem Müllhaufen der Ignoranz gelandet. Denn das sind Aussagen und Festlegungen, die der Veränderung von unserer Umwelt und den Lebensbedingungen (Stichworte: ins Nest eingebrachte Kunststoffprodukte, Bindegarne, Plastik, Trittverfestigung mit der Folge von Undurchlässigkeit von Nässe, etc.) nicht mehr Rechnung tragen und einem unsachgemäßen, radikalen Sozialdarwinismus zuarbeiten. Hier hat eine gründliche, auch dem Storchenwohl zugewandte Umorientierung eingesetzt: Nesteingriffe zur umfassenden Beseitigung von Nestschäden und Säuberung werden positiv und als notwendig gesehen; das Buch gibt hierzu auch umfangreiche Anleitungen (S. 240ff. Und S. 562ff.)
Auch wurde endlich einmal die Problematik der Beringung aus der Gefährdungssicht (Verletzung des Beins, vor allem durch Beringung oberhalb des Intertarsalgelenkes!) deutlicher gemacht und nicht nur einzelnen Kritikern überlassen: deshalb hat man 2014 die Suche nach besseren Ringmaterialien (Ziel: Ablösung des derzeit noch verwendeten ELSA-Rings) wieder aufgenommen. (vgl. zur Problemdarstellung S. 362f.)
Ebenfalls wird die Gefährdung der Störche durch Technik (Stromleitungen, Windräder, Straßenverkehr) sehr ausführlich behandelt; hier hätte man allerdings auch noch deutlicher auf die – von einigen Seiten immer noch verharmloste – Gefahr, die von den Isolatoren (also nicht nur von den Leiterseilen) ausgeht, hinweisen sollen: stattdessen wird im Buch auf eine Veröffentlichung (Haas 1980) hingewiesen, die “unterschiedliche Gefahren, die von Masten und Isolatoren ausgehen” behandelt habe. Die allerdings dort angesprochene Unterschiedlichkeit resultiert freilich in einer Verharmlosung und erkennt gerade nicht, daß über Isolatoren ein Ableitstrom (Kriechstrom, Verluststrom) fließt; dieser ist relativ schwach, verursacht somit auch keine Brandmale, elektrisiert Störche jedoch bis hin zur Schmerzgrenze, lösen somit einen Schock/Schreck aus, der Vogel will flüchten, vermag dies aber nicht mehr naturgemäß und schlägt auf dem Boden auf. Die Folge: innere Verletzungen, meist mit Todesfolge; ein Merkmal davon sind dann Schnabelblutungen. Brandmale wird man aber nicht finden! Spätestens seit dem Bau der ersten Kraftwerke ist es zumindest jedem Starkstromtechniker bekannt und auch einer interessieren Öffentlichkeit zugänglich: was etwa bei 220 Volt noch relativ harmlos ist, wirkt bei einer Freileitung mit beispielsweise 20.000 Volt auf, zudem verschmutzten und feuchten, Isolatoren für Großvögel letztlich todbringend. Es genügt also nicht, nur die Leiterseile zu isolieren, die Isolation zu verlängern! Der Gefahr, die zusätzlich von den Isolatoren ausgeht, ist zu begegnen! Hier greift m.E. die Darstellung im Buch viel zu kurz, nicht zuletzt wegen des Quellenverweises.
Ausführlich werden im Buch die jeweils statistischen Verfahren hinsichtlich ihrer (derzeitigen) Möglichkeiten und Grenzen bei der Auswertung von Datenlagen der Storchenforschung dargestellt. In diesem Zusammenhang wird auch die Qualität der jeweils erfassten Daten als Voraussetzungen für jeweils anwendbare statistische Verfahren diskutiert. Ein Problem für Generalisierungen ist z.B. auch die jeweilige Rückmeldungsquote von Ringfunden, ein weiteres die Ausfallrate von ohnehin (wegen der hohen Kosten) nicht allzu zahlreich eingesetzten Datenlogger oder Sender. Hier liefert Telemetrie im besten Fall zwar eine Unmenge von Daten für einen einzelnen Storch (z.B. hinsichtlich Zugweg und Aufenthaltsdauer an den unterschiedlichen Orten), läßt jedoch, wenn überhaupt, nur sehr eingeschränkt verallgemeinernde Schlüsse zu. Vielfach, vor allem bei Berücksichtigung einer Kosten-Nutzen-Analyse, sollte so manche Hybris hinsichtlich Telemetrie in der Storchenforschung doch etwas reduziert werden. Wer sich aber für telemetrische Verfahren, deren derzeitige Ergebnisse, Grenzen und Möglichkeiten in der Storchenforschung interessiert, wird im Buch jedenfalls sehr ausführlich informiert.
Es liegt mit “Der Weißstorch” wirklich ein sehr umfangreiches Werk vor; man wird gründlich über Systematik, Kennzeichen, Morphologie, Physiologie, Verhalten, Verbreitung und Bestand, Populationsökologie, Reproduktion, Lebensraum und Nahrungsökologie sowie Zug- und Überwinterungsverhalten informiert, erfährt enorm viel über Gefährdung des Weißstorches und den Kontext von “Weißstorch und Mensch” (Arten- und Lebensraumschutz, Betreuernetz, Monitoring sowie Öffentlichkeitsarbeit) und unter dem Kapitel “Manipulationen” werden menschliche Eingriffe in das Storchengeschehen weitgehend, jedoch bisweilen dann sehr einseitig, diskutiert.
Gerade in einem Buch mit wissenschaftlichen Anspruch sollte es beispielsweise unterlassen werden, mit Halbinformationen und mit nur für Insider ggf. richtig zu verstehenden Andeutungen zu arbeiten.
Ein Beispiel hierfür findet sich auf S. 487, wo von Trockenföhnen der Brut, von “warmer Eimer” (mit Maus, Fisch oder Küken) für Notzeiten (Ausfall eines Adultstorches, witterungsbedingtem Nahrungsmangel) die Rede ist, dies mit Verweis auf einen Erlanger Horstbetreuer Hier geht es tatsächlich ausschließlich darum, im Falle extremer Not nicht tatenlos dem Verenden von Tieren zuzusehen, das Sterben gar noch – wie in einem “Projekt” eines bayerischen Gymnasiums doch tatsächlich einmal geschehen dies dann auch noch als “Beweis” für die Wirkungsmacht der Natur, der man eben nach (m.E. falsch verstandenem Darwinismus) ausgeliefert sei, die Schüler dokumentieren zu lassen –, fatalistisch zu “begleiten”, sondern aus einer durch lange Erfahrung gelernten Erkenntnis Prophylaxe zu betreiben.
Hier wäre es wirklich besser gewesen, entweder den Sachverhalt ausführlich darzustellen, um wirklich, also umfassende Information zu liefern und Mutmaßungen vorzubeugen oder aber auf unzulängliche bzw. falsche Darstellung gänzlich zu verzichten! Die hier von der Autorin gewählte Verfahrensweise ist alles andere als wissenschaftlich, m.E. auch fern jeglicher Seriosität.
Ebenso hätte ich mir auch eine Diskussion im Buch über Versagen beim Umgang mit anderen Notsituationen gewünscht: bekannt dürfte hier vor allem die Görsbacher Störchin sein, die man mit rechtzeitigem Eingreifen sicherlich von ihrer Qual mit dem Bein (zusammen mit einer Schnur hatte sie sich mit einem Stock verheddert, konnte sich nicht mehr normal bewegen und fiel als Nahrungsbringer für den Nachwuchs aus, konnte sich auch selbst nicht mehr richtig ernähren) bei entsprechendem Einsatz hätte befreien und wirklich retten können. Erst als das Bein bereits verloren war, wurde sie eingefangen, erhielt dann eine Beinprothese, starb jedoch kurz darauf an einer Sepsis.
Hier wäre eine Darstellung in einer Monographie auch deshalb sinnvoll gewesen, um auf die nicht immer fruchtbringenden und oft wenig konstruktiven Interdependenzen von Behördenwegen, Genehmigungsstrukturen, Darwinisten (Devise etwa: das ist eben Natur, da wird alles schon von selbst geregelt, da bedarf es keines Eingriffs) sowie Hilfsbereiten hinzuweisen.
Letztlich hätte man so in der Monographie die Notwendigkeit einer Diskussion über den ethischen Umgang mit Störchen aufzeigen können, eine Diskussion, die jedoch von einigen Kreisen gescheut wird wie das Weihwasser vom sprichwörtlichen Teufel. Eine derartige Diskussion würde sicherlich auch die Trennung von Artenschutz versus Tierschutz (erneut) befruchten und würde helfen, ideologische Bezogenheiten aufzudecken. Wer tieferes Interesse an einer philosophisch-ethisch-moralischen Auseinandersetzung über den Umgang mit Störchen und seinen Habitaten hat, dürfte von dieser Monographie sicherlich etwas enttäuscht sein.
Wer jedoch sehen möchte, wie Teile der Storchenexperten mit den Fragestellungen der Storchenentwicklung umgehen, wie sie ihre eigenen Zielsetzungen begründen (und dabei zugleich nicht immer alles auch kritisch hinterfragen), wie gleichzeitig jedoch auch andere durchaus erfolgreiche Storchenarbeit, wenn überhaupt erwähnt, als eher geringgewichtet angedeutet wird, kann durch die Lektüre dieses Buches durchaus zahlreiche Ansätze für eine diskursive Auseinandersetzung finden.
In der von Dr. Kaatz et al. vorgelegten Monographie werden unzweifelhaft viele wissenschaftlich orientierte Vorgehensweisen im Umgang mit der Materie sehr deutlich, was natürlich zu tieferer und weitergehender Erkenntnis führen dürfte als es nicht so umfangreich konzipierten Publikationen möglich ist. Gleichwohl dürfte dieses Wissen so manchen auch dazu verleiten, das Präsentierte sozusagen als Ex-cathedra-Dogmatik ungeprüft zu übernehmen. Das sollte man nicht tun, denn bei einigen Stellen fehlt der Monographie eben der m.E. notwendige kritische Impetus, auch die Abbildung der ganzen Diskussionsbandbreite, man bewegt sich dann doch sehr erkennbar häfuig im Bereich des Storchen-Erkenntnis-Mainstreams, klammert bisweilen also kritischere Stimmen sowie den Blick auf andere sehr erfolgreiche Storchenarbeit entweder gänzlich aus oder wird dem durch eine sehr verkürzte, damit leider auch: verfälschende, Darstellung nicht gerecht; auf diese Art werden jedoch Ansätze für eine wirklich diskursive Auseinandersetzung nicht gerade gefördert oder ermutigt. Gleichwohl ist der für dieses Buch betriebene Aufwand allemal sehr anerkennenswert.
Aus einigen Gesprächen mit Storchenexperten, denen in jenem Buch leider nicht die (wegen ihrer Sachkenntnis und erfolgreichen Storchenarbeit!) eigentlich gebotene Aufmerksamkeit zuteil wurde (und auf die man durchaus auch hören sollte, wenn man den Anspruch auf ein umfassendes Werk erhebt), hörte ich u.a. heraus, mit dem Buch hätten sich einige so eine Art Denkmal setzen wollen; diesen Unterton kommentiere ich nicht weiter, denn selbst wenn es so sein sollte, ändert dies nichts daran, daß es sich bei diesem Werk alles in allem um eine erhebliche Bereicherung im Wissensbestand, was das Leben der Weißstörche angeht, handelt. Summa summarum: eine in vielerlei Hinsicht lohnenswerte Lektüre über den Weißstorch.
Nota bene: Wem nun für das Kennenlernen der Weißstorchthematik das Buch zu umfangreich und / oder zu teuer erscheint, der wird sich durchaus auch mit anderen bereits aufgelegten Büchern zufrieden geben können. Ich sehe hier beispielsweise immer noch das Buch von Gerhard Creutz “DER WEISS-STORCH” (24.95 Euro) als sinnvolle und in weiten Bereichen auch immer noch aktuelle Einstiegsliteratur an. Obendrein gibt es im Internet unzählige Abhandlungen und Darstellungen über den Weißstorch und das Leben der Störche, deren Lebensbedingungen und Probleme, welche ebenfalls inhaltlich zureichende, häufig sehr vielfältige Information liefern; hier ist dann aber ebenfalls zusätzlich sorgsam, z.B. hinsichtlich Fakten, Standort und Stimmigkeit als auch dem jeweiligen ideologischen Hintergrund bei der Setzung von Schwerpunkten, zu recherchieren und die Inhalte sind entsprechend abzuklären und nicht alles ist sogleich ungeprüft für der Weisheit letzten Schluß zu halten. (Freilich wird diese Methodik jedem abverlangt, der sich ernsthaft um Vermehrung von Erkenntnis bemüht und nicht nur Vorgekautes nachplappern möchte, also auch beim Durchstudieren der vorliegenden Monographie anzuwenden sein ...)
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